Trennungen

2  01.06.2007 (23.03.2008)

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Kontra:
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Empfehlenswert: Nein 

BringItOn

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Während ich auf das Meer zulaufe, fällt mir auf, dass ich mit jedem Schritt Spuren im Sand hinterlasse. Sie sind sichtbar, zwar nicht ewig, aber in genau diesem Moment sind sie sichtbar. Und wer auf sie aufmerksam wird, könnte mir folgen.
So haben wir uns damals kennengelernt. Durch deine Fußabdrücke im Sand. Damals sind diese mir aufgefallen, und einem inneren Impuls folgend nahm ich deine Fährte auf. Und schon nach kurzer Zeit fand ich dich, wie du direkt am Wasser saßest, deine Füße umspült und deinen Kopf gen Himmel gerichtet.
Wir alle hinterlassen tagtäglich Spuren, mehr oder weniger deutlich, mit sehr unterschiedlichem Einfluss auf die Menschen aus unserem Umfeld, wie auch auf Fremde. Dieses Phänomen genau zu beobachten könnte man sich theoretisch zur Lebensaufgabe machen.
Damals ließ ich mich nur wenige Meter entfernt von dir nieder, und es bestand direkt eine angenehme, vertraute Spannung zwischen uns. Mit jeder Minute rückten wir unmerklich ein paar Zentimeter näher aufeinander zu, und irgendwie, lagen wir uns letztendlich in den Armen. Von vornherein war uns beiden klar, dass dies kein One-Night-Stand werden würde, unsere Umarmung war dafür zu wenig leidenschaftlich und außerdem viel zu emotional.
Der Mensch ist schon ein unglaubliches Wunder. Jeden Tag fällt mir das wieder und wieder auf. Jeder sieht sich selbst als den Mittelpunkt alles Lebens, die anderen sind die kleinen Planeten, die uns umkreisen. Und plötzlich kollidierst du. Da ist plötzlich ein Mensch, der dir so nahe ist, wie es nur geht, aber er ist eben doch nicht eins mit dir. Die Kollision führt zu keiner Verschmelzung, so gern man sich das auch einreden will.
Während ich hier spazieren gehe, laufen hier auf der Erde genau in diesem Moment noch knapp sieben Milliarden andere Menschen herum. Okay, vielleicht laufen sie nicht unbedingt alle, aber sie leben, so wie ich. Alle paar Sekunden hört der Eine auf zu existieren, und an einer ganz anderen Ecke wird jemand geboren. Aber davon bekomme ich nichts mit.
Über Themen wie diese haben wir uns in dieser Nacht lange unterhalten und es war faszinierend, wie oft sich unsere Meinungen glichen, über wieviele Details wir uns beide schon exakt die gleichen Gedanken gemacht hatten.
Doch an einen bestimmten Aspekt kann ich mich noch genau erinnern - die Gewohnheit. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier" - diese Floskel bekommt man immer mal wieder zu hören, ohne sich aber genauer damit auseinanderzusetzen. Wir beide vertraten die Ansicht, dass der Begriff "Gewohnheit" ein sehr weites Feld birgt. Und er ist böse. Das mag trivial klingen, im ersten Moment vielleicht unlogisch, aber die Gewohnheit, sich an etwas zu gewöhnen, ist eigentlich selten positiv. Darin waren wir uns mehr als einig. Wer sich an etwas gewöhnt, findet sich damit ab, obwohl er vielleicht gerne eine Änderung herbeiführen würde. Gewohnheit ist langweilig, sie lässt uns zur Maschine werden, zwar auf einer hochkomplexen Ebene, schließlich kann man die alltäglichen Vorgänge eines Menschen nur schwer mit einem Fließband vergleichen, aber eine Maschine bleibt eine Maschine. Gerade in einer Beziehung beurteilten, oder besser verurteilten wir die Gewohnheit als das schleichendste und gefährlichste Gift. Dafür braucht man keinen Psychologen, kein pseudohilfreiches Ratgeberbuch und man muss auch nicht versuchen, sich einzureden, der gemeinsame Alltag sei doch das Schönste. Denn der gemeinsame Alltag hat mit der Gewohnheit nicht viel zu tun. Alltag kann man nicht gleichsetzen mit Langeweile, Stagnation oder gar unmerklichem Auseinanderdriften. Und sie sind die Folgen der Gewohnheit.
Das waren die Aussagen, unter Anderen, die wir in der damaligen Nacht trafen, wir lachten darüber, ohne allerdings den Ernst der Sache zu vergessen.
Doch es ist wie so oft - der Schein trügt, der Mensch überschätzt sich. Wir sind die Beziehung eingegangen, haben uns fallenlassen, und schon nach einem knappen Jahr war unsere Beziehung so geworden, wie wir es unbedingt vermeiden wollten - gewöhnlich. Vermutlich verwischen die Vorsätze und Erkenntnisse der Menschen meistens so schnell, wie die Spuren, die ich gerade im Sand hinterlasse.
Besonders interessant war aber, wie lange wir brauchten, um zu begreifen und zu akzeptieren, dass unsere Flamme erloschen war. So als ob jemand heimlich immer wieder die Sauerstoffzufuhr unterdrückt hätte, ohne dass wir etwas dagegen tun konnten, bis es zu spät war. Unsere anfänglichen Ausflüge fanden irgendwann nicht mehr statt, aber warum? Bis jetzt kann ich keine Erklärung dafür finden. Wir aßen nicht mehr zusammen, gingen nicht mehr aus, selbst unsere gemeinsamen Interessen übten wir immer öfter getrennt aus. Der Grund war definitiv nicht, dass wir uns nervten, denn wäre es so gewesen, hätten wir unsere Trennung wahrscheinlich viel früher vollzogen.
Es war ein Auseinanderdriften, für das wir uns nicht bewusst entschieden, welches vielleicht noch nicht einmal aus unserem Inneren heraus begründet war. Vielleicht waren es die Spuren von den vielen anderen Menschen, die unsere Umlaufbahn veränderten, uns voneinander entfernten. Natürlich ist diese Erklärung ziemlich unscharf, außerdem sehr einfach. Aber dafür auch plausibel. Ihr Nachteil ist, dass ich dadurch den Glauben an das Schicksal, an die unerschütterliche Liebe verloren habe.
Immer mehr Vergleiche drängen sich auf, mit jedem Tag, den ich länger lebe. Die Beziehung ist am Ende wie eine alte CD. Die alte CD fängt an zu springen, bekommt mehr und mehr Kratzer, die Songs werden mit jedem Hören langweiliger. Aber man kann sich erinnern, wie gern man ihr in vergangenen Zeiten lauschte und in bestimmten Momenten, wenn eine gewisse Atmosphäre herrscht, kramt man diese CD wieder hervor und die Sprünge und Kratzer sind einem egal, und das wohlige Gefühl keimt wieder heran. Bei uns war das nicht so. Natürlich weiß ich noch, dass es schön war, ich habe nichts vergessen, aber ich betrachte es aus einer kühlen Distanz, die jedes positive Gefühl unmöglich macht.
Wir haben den Sommer und den Herbst, die längsten Phasen einer Beziehung, einfach übersprungen. Vom euphorischen Frühling gerieten wir unerwartet auf Glatteis und schlitterten ohne Halt direkt in einen tiefen Winter, der uns an den Punkt führte, an dem wir jetzt sind.
Unvergessen bleibt mir der Abend, als wir all unsere Freunde einluden und versuchten, krampfhaft das glückliche Pärchen darzustellen, welches wir am Anfang noch gewesen waren. Damals betrachtete ich die Szenerie wie in einem Zeitraffer. Um uns herum wurde gelacht, geredet, und obwohl wir direkt nebeneinander saßen befand sich zwischen uns eine unsichtbare Mauer, welche das größte Heer nicht vermocht hätte, einzureißen.
Einige Meter entfernt sehe ich eine Familie. Sie macht einen glücklichen Eindruck. Aber was macht dieser erste Eindruck schon aus? So schnell wir uns Urteile anmaßen, so oft sind sie falsch.
Ich habe große Angst vor der Zukunft. Vor einiger Zeit habe ich einen Film im Kino gesehen und der Hauptdarsteller erwähnte mehrfach, dass jeder Mensch eine Insel für sich sei. Oder so ähnlich. Genauso fühle ich mich. Wie eine Insel, die einsam auf einem riesigen Ozean vor sich hin treibt und dieses Gefühl beunruhigt mich. Ich habe mich von meinen Freunden entfernt, von meiner Familie, unbewusst. Denn mich verbindet irgendwie nichts mehr mit all diesen Menschen. Mein Bildnis von ihnen wurde mit dem Scheitern unserer Beziehung zerstört. Ich kann ihre Gedanken nicht lesen, kenne nur ihre Oberfläche und meine Verbindung zu ihnen begründet sich auf Gewohnheit.
Ich habe mich ans Wasser gesetzt, in einer ähnlichen Position wie damals, aber alleine. Wer jetzt an mir vorbeigeht, fragt sich mit großer Wahrscheinlichkeit, warum ich hier sitze, woran ich denke und wird schon nach wenigen Sekunden sein Urteil fällen. "Der schwelgt in alten Erinnerungen, verbindet nostalgische Erlebnisse mit dem Meer." So oder so ähnlich wird es lauten, ja, und damit würde er oder sie an der Oberfläche kratzen. Und damit schließt sich der Kreis. Wobei, noch nicht. Endgültig schließen würde er sich, wenn sich eine Frau zu mir setzen würde, mich in ihre Arme schließen würde. Wir würden tiefgründige Gespräche führen, die Gemeinsamkeiten würden endlose Mengen an Endorphinen freisetzen und ein paar Monate später würde sie hier sitzen, an meiner Stelle.
Vielleicht aber auch nicht. Die Hoffnung stirbt zuletzt und manche Kreise sollten ungeschlossen bleiben. Denn sie sind wie ein Gefängnis und nehmen der Hoffnung und der Liebe den Sauerstoff. Und der ist für diese so wichtig wie für das Feuer.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
MissVega

MissVega

19.02.2008 00:36

Manchmal wär ich gern in Deiner Welt, in der Du solche Geschichten schreiben kannst. Es muss schön sein dort. Impressive...

willicat

willicat

16.08.2007 21:02

Ich muss unbedingt noch einmal mit einem BH wiederkommen ... Fesselnd zu lesen, zum Nachdenken anregend, nicht überzogen und am Ende eine Runde Sache ... Traumhafte Momente aus der Vergangenheit aus "einer kühlen Distanz, die jedes positive Gefühl unmöglich macht" zu betrachten, daran bin ich irgendwie hängen geblieben, aber es ist genau so, wie du's schreibst! Gemeinsame Vorsätze von früher verpuffen und lassen daran zweifeln, was oder woran man (zukünftig) noch glauben sollte. Das macht kalt und gefühlsarm, denn Kälte schützt vor Enttäuschungen.

ellehner

ellehner

05.07.2007 13:53

du sprichst mir aus der Seele...................... LG

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