Dieser Erfahrungsbericht wurde von 59 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Liebe ciao’er(Innen) ;-)
nach der skurrilen Geschichte nun mal wieder etwas Nettes! Entstanden vor einigen Jahren –bisher unveröffentlicht - Euch hier zur Kenntnis…Viel Freude beim Lesen!
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Es war wieder einmal Samstag. Samstag Morgen. Für meine Verhältnisse eigentlich viel zu früh, um aufzustehen. Aber ich konnte nicht mehr schlafen. Nicht mehr schlafen können hasste ich. Insbesondere an einem Wochenende. Instinktiv ahnte ich, dass sich mein Körpergewicht wieder einmal intensiviert hatte. Die Vermutung bestätigte sich beim Kontrollblick auf die unbestechliche Anzeige meiner Waage. Nachdenklich schaute ich auf meinen Bauch, jenen Körperteil, der seinen hohen Preis in keinster Weise mehr verleugnen konnte. Diese Tatsache trug nicht unbedingt dazu bei, dass sich meine ohnehin schon nicht besonders gute Laune verbesserte. Ja, Essen und Trinken waren zweifellos meine schönsten Hobbies. Hobbies, die ich mit Begeisterung und wahrer Inbrunst betrieb. Ich schaute aus dem Fenster. Wie so oft regnete es. Es war ungemütlich, es war düster - ja finster. Finster wie in meinem eigenen Leben. Jedenfalls war ich in diesem Moment fest davon überzeugt, die Last der ganzen Welt auf meinen Schultern zu tragen. Ich hatte mich satt, ich hatte vor allen Dingen das Alleinsein satt. Vera und ich trennten uns vor ungefähr sechs Monaten. Zwar sagte ich jedem, der es hören wollte - oder auch nicht -, dass ich mittlerweile ein absolut überzeugter Single sei. Aber tief in meinem Innersten sah es heute Morgen ganz anders aus - ich sehnte mich nach Zweisamkeit. Als Vera auszog, war nur Wilhelm geblieben - ein großer, rotfarbener, exotischer Zierfisch, mit dem ich bisher keinerlei Auseinandersetzungen hatte - im Gegensatz zu Vera. Wilhelm und ich verstanden uns sehr gut. Nur die Gespräche mit ihm, meinem Hausgenossen, waren auf Dauer doch ein wenig einseitig und - dies musste ich mir eingestehen - nicht allzu ergiebig. Ja, Vera! Sie entwickelte im Laufe unserer Beziehung eine ungewöhnliche und außerordentliche Vorliebe für Amphibien aller Art. Ich hingegen eine Aversion - fast eine Art Phobie - gegen diese Kreaturen. Genauso schaffte es meine Ex-Lebensgefährtin durch penetrante Hinweise auf meine Leibesfülle und die angeblichen Vorzüge von sogenannter Vollwertkost, eine ebensolche Aversion hiergegen zu entwickeln. Ein Relikt aus diesen Zeiten war die handbetriebene Getreidemühle in der Anrichte. Ich schwöre, dass ich dieses Gerät seitdem nicht wieder angefasst hatte. Diese "Vera'schen gesunden Lebensmittel" waren seit der Trennung restlos von meinem Speisezettel gestrichen - und das war auch gut so. Ich zog meine wetterfeste Jacke an und ging zum "Tante-Emma-Laden", der sich ganz in der Nähe meiner Wohnung befand, um mir meine geliebten Lebensmittel, eigentlich mehr Schleckereien, zu besorgen. Die Einkaufsliste war lang. Der Feinkosthändler war sicher zufrieden mit mir als Kunden. Eigentlich war es samstägliches Ritual, dass es eine leidenschaftliche Diskussion über Fußball und Tagespolitik, oder ein philosophisches Gespräch über die Mühen des Lebens insgesamt zwischen dem Ladenbetreiber und mir gab. Heute bemerkte dieser wohl meine Stimmung und ließ mich in Ruhe. Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten kaufte ich mir eine dieser besonders dicken Tageszeitungen - was sollte ich schon machen bei diesem Wetter. Zu Hause setzte ich mich in meinen großen, gemütlichen Ohrensessel und blätterte in der Wochenendausgabe der Zeitung. Ich fing an zu träumen. Ich lief mit sportlicher Figur den Strand entlang, die Sonne schien, die Mädels drehten sich nach mir um. Ich war berühmt und begehrt, so wie ein bekannter Schauspieler. Schauspieler?! Irgendetwas hatte ich, während ich so schwelgte, unbewusst gelesen. Meine Aufmerksamkeit war geweckt. Ich hatte zufällig - war es wirklich Zufall? - die Seite mit den Bekanntschaftsanzeigen aufgeschlagen. Ich suchte. Da war sie. Die Anzeige, die mich aus meinen Tagträumen weckte. "Hallo Kevin Costner-Typ - willst Du mit mir zum Mond fliegen - dann melde Dich!" Ich überlegte kurz. Kevin Costner steckte ich allemal in die Tasche und das Wetter auf dem Mond konnte auch nicht schlechter sein als hier. Meine Laune und mein Selbstwertgefühl stiegen. Also entschloss ich mich, aus der Einsamkeit eine Zweisamkeit werden zu lassen, dem "Single-Dasein" ein jähes Ende zu bereiten. Ich suchte meinen guten Füllfederhalter, den ich erstaunlich schnell auf meinem wahrlich übervollen Schreibtisch fand. Aus dem Regal nahm ich mir das gute Papier, jenes für besondere Anlässe. Und dies war zweifellos ein besonderer Anlass. Jedes Wort wurde wohlüberlegt, einige Sätze wieder verworfen und neu formuliert. Ich schrieb in meiner allerschönsten Sonntagsschrift - an sie, meine unbekannte Traumfrau, mit der ich schon bald zum Mond fliegen wollte... Einige Tage später, als ich aus meinem Briefkasten die Post entnahm und innerlich die vielen Rechnungen verfluchte, erhielt ich einen Umschlag, der nicht an eine Rechnung erinnerte. Die Handschrift war mir unbekannt - hatte sie geantwortet? Mein Herz schlug schneller. Ich nahm zwei Stufen auf einmal - dies war ungewöhnlich für mich - um schnell in meine Wohnung zu gelangen, riss ungeduldig das Kuvert auf und verschlang, neben einer halben Tafel Nougat-Schokolade, gierig den Inhalt des Briefes. Ich war betört! Sie wollte sich tatsächlich mit mir treffen! Und dies bereits am kommenden Wochenende. Die Woche über versuchte ich krampfhaft mein Gewicht zu reduzieren, um Kevin -ihrem Idol - zumindest von der Körperstruktur ein wenig ähnlicher zu werden. Das Ergebnis: Ein Kilo weniger - immerhin! Der Tag der Entscheidung war da. Es kam, wie es wohl kommen musste. Ich schlief unruhig, stand viel zu früh auf. Und das an einem Sonntag. Meine Laune war dennoch sonnig, das Wetter erstaunlicherweise auch. Bis zum Treffen war noch so unendlich viel Zeit. Trotzdem: Frühstücken. Anziehen. Losfahren. [ ruemue / ciao 29.01.05] Apropos anziehen. Eigentlich hatte ich nie Probleme, etwas Geeignetes zu finden, weil dies unproblematisch war. Jeans und Pullover. Fertig war die Angelegenheit. Aber heute stand ich vor meinem Kleiderschrank und kämpfte mit mir, die richtige Garderobenentscheidung zu treffen. Aus dem hellgrauen Anzug war ich zurzeit herausgewachsen, das gute Seidenhemd musste ich wohl aufgrund des Schnittes und der Farbe angesichts der Forderung "Kevin Costner-Typ" verwerfen. Aber nach einer gewissen Zeit hatte ich doch eine, wie ich meinte, recht passable Lösung gefunden. Das Äußere war schließlich nicht alles, beruhigte ich mich. Die Hose saß ein wenig eng, aber nicht zu eng. Ich fühlte mich herausgeputzt, ähnlich wie mein Auto. Wegen des bevorstehenden Treffens waren wir, mein altes Gefährt und ich extra in die Waschanlage gefahren. Es lohnte sich wahrlich, mein fahrbarer Untersatz wusste überhaupt nicht, wie ihm geschah. Ich musste in einer langen Schlange von Blechkarossen über eine Stunde warten - und das bei meiner Geduld. Was tat man nicht alles für die Liebe. Es ging los. Ich nahm den - wie ich meinte - für die Jahreszeit viel zu teuren Blumenstrauß. Ja, ich hatte an alles gedacht. Mein Fahrzeug sprang ohne Probleme an - vielleicht aus Dankbarkeit fürs Waschen -, keine Reifenpanne, keine Polizeikontrolle, kein Stau. Sollte dies mein Glückstag sein? Über eine halbe Stunde vor dem Treffen war ich bereits am verabredeten Ort. Das Haus fand ich ohne Probleme. Mein Herz schlug höher. Ich war aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Die Zeit bis zum 'Countdown' wollte nicht vergehen. Aber irgendwann war es doch soweit. Ich nahm die Blumen, sie hatten ein wenig gelitten, atmete tief durch und begab mich zur Tür meiner Reisepartnerin zum Mond. Nein, ich stand nicht im Parkverbot, der Motor war ausgeschaltet, mein Gefährt verschlossen - es gab kein zurück mehr. Ich zog meinen Bauch so gut es ging ein und klingelte. Sie schaute mich von oben bis unten an. Keiner sagte etwas. Ein ungemütliches Schweigen lag in der Luft. Dann schaute sie mir fest in die Augen. Hatte diese Frau vielleicht ein Selbstbewusstsein. Unsicher beäugte ich sie von unten nach oben. Sie trug gesund aussehende Sandalen, eine khaki-farbene, legere Hose, eine lila Bluse und eine lederne Weste. Ihre Figur war drahtig, fast muskulös, nicht feminin sondern männlich. Sie hatte rötliche, fast wurzelfarbene Haare. Blaugrüne, wässrige Augen schauten mich an. Das markante, kantige Kinn passte nicht zur zierlichen Nase und den schmalen Lippen. Emanze - war mein erster Gedanke. "Na, das kriegen wir auch schon hin," sie deutete mit einem Kopfnicken auf meinen Bauch und die nicht ganz leger sitzende Hose", weniger Fleisch, weniger Süßigkeiten, mehr Vollwertkost. Na, kommen Sie erst mal rein." Das waren ihre ersten Worte... Sie riss mir quasi, bevor ich etwas sagen konnte, die Blumen aus der Hand, murmelte etwas wie "nett von Ihnen" und ging - nein - marschierte in die Wohnung. Ich folgte unsicher, stolperte über eine dösende Katze, die mich daraufhin mit funkelnden Augen anfauchte und meine Entschuldigung nicht im Geringsten zu akzeptieren schien. Und da war er: Kevin, auf einem Plakat direkt gegenüber der Wohnzimmertür: Der mit dem Wolf tanzt, stand dort in großen Lettern. Das Konterfei ihres Idols wurde angestrahlt von einem anscheinend extra zu diesem Zweck installierten Leuchter. Er schien mich ebenfalls kritisch zu mustern. Auf meinem weiteren Weg kam ich an der Küche vorbei. Ich erkannte ohne Zweifel eine überdimensionale, hölzerne Getreidemühle. Mich schauderte. "Hoffentlich mögen Sie Tiere - ach ja Sie haben ja selbst eins." Ich dachte sehnsüchtig an meinen lieben, ruhigen Hausgenossen Wilhelm. "Ich liebe diese Kreaturen, „ setzte sie ihren Monolog fort," um so ausgefallener, desto besser - finden Sie Schlangen nett?" Spätestens in diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie war schlimmer als Vera! Diesen Kevin Costner mochte ich noch nie, sollte er mich doch in seine Tasche stecken. Auch der Mond konnte mich mal, immer wenn er "voll" war schlief ich unruhig und wachte morgens wie gerädert auf. Lieber blieb ich auf der guten, alten Erde, selbst wenn es ab und zu auch mal zuviel regnete ... Und das Single-Dasein - das war wirklich ganz hervorragend - Jeans und Pullover, keine Autowaschanlagen, Essen und Trinken mit Freude und ohne Reue. Was wollte ich eigentlich mehr. "Nett, Sie kennen gelernt zu haben," sagte ich, stand auf, guckte in ihr ungläubiges, fast dämliches Gesicht mit diesem markanten Kinn , verließ flugs das Haus und fuhr mit einem fortwährend freudigen Grinsen schnurstracks zu meinem Lieblings-Italiener "Ristorante Massimo". Der Wirt freute sich sehr über meinen Besuch, klopfte mir anerkennend auf die Schulter und tätschelte liebevoll meinen Bauch. Selten habe ich so geschlemmt und mich so hervorragend gefühlt, auch hinterher. Ja, das gute Single-Dasein.
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... wirklich klasse erzählt - und sehr amüsant! ... Gut, dass du die schlechte Kopie von Vera nicht direkt auf den Mond geschossen hast; sie hätte dir beim Hochflug mit Sicherheit das kantige Kinn vor die Nase, und die Getreidemühle vors Schienbein gehauen...
07.04.2005 09:52
wie machst du das nur mit deinen Geschichten *staun*
14.02.2005 21:41
Interessante Geschichte. LG
05.02.2005 22:28
... wirklich klasse erzählt - und sehr amüsant! ... Gut, dass du die schlechte Kopie von Vera nicht direkt auf den Mond geschossen hast; sie hätte dir beim Hochflug mit Sicherheit das kantige Kinn vor die Nase, und die Getreidemühle vors Schienbein gehauen...