Selbsttäuschungen

5  13.10.2003 (13.10.2004)

Pro:
Grün [ist] des Lebens goldner Baum

Kontra:
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie [und]

Empfehlenswert: Ja 

berti.r

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>> Glück ist der Stuhl, // der plötzlich dasteht, // wenn man sich // zwischen zwei // andere setzen wollte <<

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Man fühlt sich bei der gestellten Aufgabe irgendwie an einen Staffelläufer erinnert, der die verhüllte Quintessenz seines Lebens in Form eines Stabes, den man in einer feierlichen Pose aus dem Hut zaubert, an die nächste Generation weiter geben soll: nur, wer weiß schon, ob die Nachfolgenden mit dieser Geste oder dem Inhalt etwas anfangen können?

Ein überaus komplizierter Sachverhalt soll also, gemäß der Vorgabe, auf fünfzehn Worte reduziert werden, vergleichbar etwa mit dem Anfertigen eines autobiografischen Kurzfilms: welche Begebenheiten, die von anderen sowieso schwer nachvollziehbar sind, wird man auswählen und lässt sich die Hauptrolle mit einem besseren Schauspieler, als man es selbst ist, besetzen?

Nicht ganz unwichtig scheint mir in diesem Zusammenhang festzustellen, von welcher Position aus ich eigentlich argumentiere: aus dem Elfenbeinturm oder aus dem Verlies? Angriffslustig oder temperamentlos? Vor Tatendrang sprühend oder gelangweilt? Inszeniere ich ein Spiel mit gegensätzlichen Standpunkten? Lebe ich ein Leben aus zweiter Hand oder sitze ich in der ersten Reihe? Dazu ein ,vorläufiger' Zwischenruf:

► Mittendrin. Statt nur dabei.

♫♫

Adornos "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" könnte ein Sinnbild für das Labyrinth unerfüllbarer Wünsche, in das man sich verstrickt hat, sein. Was aber spricht dagegen, das echte Leben in seinen verkehrten Spiegelungen zu suchen? Gerade in einer Welt, in der viel falsch läuft, ist die Suche nach dem richtigen Weg umso intensiver. "Man sollte die Moral nicht in der Tugend suchen, (...) sondern vielmehr in ihrem Gegenteil, in der Sünde, in der Hingabe an die Gefahr, an all das, was Schaden und Verderben bringt, an all das, was uns vernichten, verschlingen will." (Thomas Mann, Der Zauberberg)

Bei der Anwendung der Lebenskünste ist es nicht jedermanns Sache, die Spannweite der Wahrnehmungen bis an die Grenze des Erträglichen voranzutreiben, abgrundtiefen Hass mit überschäumender Begeisterung wechseln zu lassen. Leiden, Schmerzen, Missgriffe, Niederlagen, Pflichtverletzungen, Leichtsinn und Laster drängen die Glücksempfindungen in den Hintergrund, man erleidet viel öfter Schiffbruch als dass etwas zu voller Zufriedenheit gelingt. Alles in allem aber kein Grund, die folgenden Sinnsprüche voreilig über Bord zu werfen: "Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie" oder "Keiner bekommt, was er wirklich will. Deshalb machen wir weiter" oder auch "Leben ist das, was vorbeigeht, während wir Pläne machen".

Wie der literarischen Figur in einem Drama, gelingt es dem Superhelden in einem Comic auch nicht, Unglück abzuwenden, es kann lediglich in eine andere Bedeutung überführt werden. Missgeschicke können oft nicht verhindert, nur umgemünzt, in positive Bilder umgedeutet werden. Dinge, auf die man felsenfest vertraut hat, sind zerschellt, die Trümmer fliegen einem nur so um die Ohren. Trotzdem hat man keine Wahl, man muss sich jeden Tag aufs Neue bewähren. Und erklären, dass die kleine Trophäe, die man gewinnt, mehr bedeutet, als der Preis, den man dafür hergeben muss. Weck' den Faust in Dir:

► Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, // der täglich sie erobern muss.

♫♫♫

Vor einem halben, dreiviertel Jahrhundert verschleiern die Chefdenker die Doppeldeutigkeit des Seins hinter bizarren Wortschöpfungen. Geistsprühende Gefechte über existenzerhellende Sinnfragen und unterschiedliche Wesensverfassungen des Menschen werfen die Wissbegierigen letztendlich erschöpft auf ihre Ausgangsposition zurück.

Der Mensch der Gegenwart, der zehnmal, wenn nicht hundertmal mehr bunt wuchernde Sinnenseindrücke verarbeiten muss als sein Pendant vor fünfzig Jahren, kann sich des Anscheins nicht erwehren, als führe er mehrere Leben gleichzeitig, unübersichtlich verschachtelt, mit zahlreichen Kreuz- und Querverbindungen. Die vor Informationsmassen überbordende Welt ist zerdacht, unanzweifelbare Wahrheiten sind verloren gegangen.

Darüber hinaus ist es zunehmend verzwickter nachzuvollziehen, auf welchen Plattformen und in welchen Zeitdimensionen Lebensplanung und Gedanken darüber stattfinden. Die Beschäftigung mit Partnern, Eltern, Kindern, Freunden, Kollegen, Öffentlichkeit begründet ein Bündel an Realität und Sinnzusammenhängen. Eine Wertung, wann, was etwas wichtiger ist und wofür keine Zeit geopfert werden kann, bleibt unausweichlich, daraus resultierende Verwicklungen in Widersprüche und Halbwahrheiten unvermeidbar.

► Das Pendeln zwischen mehreren Welten beschreibt das Dasein im Wesentlichen.

♫♫♫♫

Die ewig gültige Formel in Goethes Faust, "Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust", bietet erprobte Orientierung, die Zwiespältigkeit der Ereignisse des Lebens zu entschlüsseln, nämlich dass jedem Erlebnis eine schöne wie eine hässliche Komponente zu Grunde liegt, dass jeder geglückten Tat ihr gegenteiliger Charakter innewohnt. Des einen Freud, des andern Leid. Der Widerspruch in sich.

Gegensätzliche Empfindungen lassen sich nicht mehr eindeutig trennen, zu oft walten in manch bittersüßen Augenblicken zeitgleich Trauer und Glück, zu eng sind Verzückung und Trübsal im Gehirn miteinander verwoben und durchmischt. Erst die Annäherung an das Leben von seinen krassen Gegensätzen her entfaltet die volle Kostbarkeit. Auch wenn man bei einer unglücklichen Häufung von Bekümmernissen den Eindruck gewinnen könnte, dass uns das Leben zeitweilig übel mitspielt, dass Glücksmomente nur spärlich unsre Wege säumen, so sind wir scheinbar trotzdem verdammt, uns mit voller Leidenschaft in die ausweglosesten Situationen zu stürzen.

Bei all den unheimlich anmutenden Verkettungen von Umständen, erscheint es wichtig, mit einem auf den ersten Blick unbedeutenden Schritt zu beginnen, um am Ende eine große Wirkung zu erzielen. Ob der Erfolg dann auch eintritt, liegt jenseits der Welt des Begreifbaren. Die Bereitschaft aufzubrechen ist das Wesentliche.

► Trotz episodischer Irreführungen beschenkt uns das Leben üppiger, als wir es auf den ersten Blick je vermutet hätten. (achtzehn)

♫♫♫♫♫

Die Dinge schöner färben auf der einen, den zynischen Blick schärfen auf der andern: das ist das Rüstzeug der persönlichen Aufheiterung. Um nicht allzu häufig in der Nähe des negativen Pols zu havarieren, geht es vor allem darum, die Realität auszublenden, das wirkliche Leben auszutricksen. Wobei an dieser Stelle an das eingangs erwähnte Motiv ,Hauptdarsteller im eigenen Film' zu erinnern wäre. Mit dem ergänzenden Hinweis, dass man ebenfalls Regie führt und das Drehbuch schreibt, die Kamera bedient und das Bühnenbild ausstattet, wie auch auf Knopfdruck den Bösewicht spielt, wenn es die Situation erfordert, oder wenn man seine Interessen rücksichtslos durchsetzen möchte.

Der [jeweils] andere in uns, das heldenhafte, perfekte Ebenbild wie der tollpatschige Taugenichts als Gegenentwurf zum Bestehenden dienen der Selbstvergewisserung, ob das Leben zum seichten Themenpark verwittert oder sich in sinnvoller Erfüllung verdichtet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit besteht das Leben nur daraus, die Wahl zu haben, sich in die flache Unbedeutendheit (Goethe) zu werfen, oder auf geistigen Höhen (auch Goethe) umherzuwandeln. Der Mensch habe es selbst in der Hand, "sich zu ergreifen oder zu verfehlen", sich zu gewinnen oder zu verlieren.

Nicht wissen, wie die Suche ausgeht, wie das Leben sich selbst erzählt, aber auf dem Weg sein. Bereit sein, eine Menge an Herzblut zu vergießen, um letzten Endes doch auf höchstem Niveau zu scheitern. Nie hinterfragen, weshalb man vom quälenden Ehrgeiz beseelt ist, ein besserer Mensch zu werden. Sich einlassen auf die rauschhafte Selbsttäuschung, das Unmögliche sei zum Greifen nah, als spräche das eigene Leben in Geheimzeichen zu sich selbst. [Eingesponnen in ein Gedichtbruchstück von Dagmar Nick:]

► (...) Alle Wege sind wundgerissen // vom Winter // und die Brücken gesprengt. // Suche mich (...)
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
strubbelmiez_1975

strubbelmiez_1975

09.03.2008 17:37

Also, so ,könnt ich mich i m Leben nicht ausdrücken :-)) dafür haben wir jetzt Dich entdeckt und das mit den zwei Stühlen, auujaaaaaaaaaaa :-D das war genial :-D

Jerex

Jerex

27.11.2006 17:25

Brillant - formuliert, gedacht und geschrieben (usw. übrigens auch). Ernsthaft! Ich fand es ganz große Klasse. Das Wesentliche des Lebens zusammengefasst :)

Basti1285

Basti1285

18.07.2006 12:04

Links oder Rechts? Dann vielleicht doch die Mitte? Oben oder Unten? Weiter gerade aus? Wiederholung oder Zeitlupe? Springen oder Fliegen? k.A. ... Warten wir's ab! LGB

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