Der Chronist der Götter
19.02.2006
Pro:
Science - Fiction - Roman vom Allerfeinsten, Dan Simmons in Bestform
Kontra:
Einige Längen durch die drei eigens aufgebauten Handlungsstränge
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 Abatar
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:42
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 190 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Liebe Leserinnen und Leser, heute möchte ich Euch einen ganz besondern Science-Fiction-Roman (SF-Roman) vorstellen. Die Rede ist von "Dan Simmons" Werk "ILIUM" aus dem Jahre 2004. Nachdem ich schon seine preisgekrönten "Hyperion-Romane" verschlungen hatte, freute ich mich umso mehr, Dan Simmons neusten SF-Roman in den Händen halten zu dürfen. Welchen Eindruck dieser Roman bei mir hinterlassen hat, könnt Ihr nun nachlesen. I. Vorwort II. Figuren/Geschichte/Handlung III. Allgemeiner Eindruck I. Vorwort Schon nach einigen Seiten wurde mir klar, dass ich einen sehr anspruchsvollen Roman in Händen halte. "ILIUM" hat es wirklich in sich. Zum Glück hatte ich mich vorab mit dem auf den letzten Seiten befindlichen Personenverzeichnis der Romanfiguren ausführlich vertraut gemacht, sonst wäre ich wahrscheinlich schon nach wenigen Seiten hoffnungslos in der Welt von Dan Simmons verloren gegangen.Dem Leser wird mit diesem SF-Roman wirklich sehr viel abverlangt. Nicht nur, dass man Kenntnisse zu Shakespeare, Proust und der griechischen Mythologie haben sollte, (diese sind nicht zwingend erforderlich, aber von großem Vorteil). Nein, die namentlichen Eigenkreationen des Autors selbst, die der Leser ohne spezielle Erklärungen hinnehmen muß, machen einem den Einstieg in dieses Werk nicht gerade einfach. Erst nach und nach versteht man, was gemeint ist, wenn z.B. "gefaxt" oder "geqtet" wird. "ILIUM" ist also sehr anspruchsvoll, man sollte sich Zeit nehmen, diesen Roman zu lesen. Anfänglich fühlt man sich "vermeintlich oft im Regen stehen gelassen", nach 827 Seiten ist der geneigte SF-Fan allerdings schon ganz anderer Meinung. Zum Schluss des Romans ist man auf jeden Fall, "wissender" und sehnt sich, vielleicht genauso wie ich, auf den zweiten Teil "Olympos". II. Figuren/Geschichte/Handlung Erzählt werden erst mal drei "unabhängige" Geschichten in der eigentlichen Geschichte. Erst im tieferen Handelungsstrang fließen diese Einzelgeschichten in einem furiosen Finale zusammen. Kleiner Tipp am Rande: Wer ab diesen Zeilen weiter lesen wird, erfährt auf jeden Fall mehr über den Roman, als man dies über die Legende im Einband erfahren könnte!1. Handlungsstrang - Die Götter und Thomas Hockenberry Beginnen möchte ich natürlich mit der eigentlichen Hauptfigur Thomas Hockenberry, Doktor der Philosophie und Homer Experte des 21. Jahrhunderts. Der nach seinem eigentlichen Tod eintausend Jahre in der Zukunft als "Quantenwesen" aus DNA-Resten rekonstruiert wurde, um nun als Chronist vom Trojanischen Krieg berichten zu "dürfen", von Achilles, Odysseus und all den anderen Göttern der griechischen Mythologie die sich auf dem Olympos
Bilder von Ilium - Roman / Dan Simmons
Mons austoben. Olympos Mons…??? Ja. ja, die Schlachten über die Thomas Hockenberry berichten soll, werden nicht auf der Erde, sondern auf dem terraformten Mars ausgefochten, dort kämpfen Griechen und Trojaner bis in den Tod miteinander und die Götter manipulieren diese Kämpfe auf ihre Art. Doch sind es wirklich die ihm bekannten Götter oder sind sie diesen nur ähnlich!? Scheint dies alles etwa nur so zu sein…und die Wirklichkeit ist eine ganz Andere!?!? Hockenberry in seinem widergewonnenen Leben nun als "Scholiker" bezeichnet, auch ein Ausdruck des Autors, der nie wirklich erklärt wird, fungiert nun schon seit Jahren als Beobachter/Chronist der Götter und ihrer Taten. An sein eigenes, früheres Leben kann er sich kaum noch erinnern, doch sein Fachwissen hat er behalten und nur dass zählt in dieser befremdlichen, neuen Welt. So erfährt Hockenberry in seiner "Wiedergeburt" eine ganz neue Sichtweise der Ereignisse um Troja und die der Götter dieser Epoche. Schnell jedoch bemerkt Thomas Hockenberry dass der jetzige "reale Ablauf der Dinge", mit den Versen Homers nicht wirklich viel gemein hat, sich gar beträchtliche Diskrepanzen entwickeln… Hat sich hier jemand in seinen Erzählungen größere Freiheiten erlaubt, oder steckt eventuell sehr viel mehr dahinter? Ausgestattet durch die Götter mit High-Tech-Hilfsmitteln die er eigentlich nutzen sollte, um sich z.B. ungefährdet unter die Kämpfer mischen zu können, kommt Hockenberry dem eigentlichen Geheimnis Schritt für Schritt näher. Damit ich den Lesern unter Euch, die jetzt vielleicht schon Lust auf diesen SF-Roman bekommen haben, nicht zu viel durch meine Erläuterungen erzähle, möchte ich an dieser Stelle einen Schnitt machen und Euch nun den zweiten Handlungsstrang vorstellen. 2. Handlungsstrang - Erde und "Altmenschen"Würde es nach Dan Simmons gehen, dann könnten wir als Menschen gleich einpacken. Die im Roman beschriebene Menschheit hat auf den ersten Eindruck "ihren Zug verpasst". Werte wie Gesellschaft, Bildung und die eigene Geschichte sind ihnen fremd, gänzlich verloren gegangen. Kaum jemand kann lesen oder schreiben. Trotzdem, oder gerade deswegen, wird Ihnen das Leben auf Erden leicht gemacht! Servitor-Roboter verwöhnen die Menschen in ihrem täglichen Trott. Fast niemand macht sich Gedanken über das warum, ist es doch viel einfacher alles so hinzunehmen, wenn man mindestens hundert Jahre alt werden kann und sich keine Gedanken über das Geschehen um einen herum machen muß. Beschützt von so genannten Voynixen, (auch hier stellt sich eigentlich keiner die Frage, woher diese "Wachhunde" eigentlich kommen) die alles Unheil von Ihnen abhalten sollen, leben die Menschen ein dummes, eigentlich langweiliges Leben. Ist die Menschheit in ihrer Gesamtanzahl schon auf ein geringfügiges Maß, im Vergleich auf unsere heutige Überbevölkerung, zusammengeschrumpft, so macht sich letztendlich nur eine kleine Gruppe um den 99jährigen Harmann Gedanken, was mit der Erde und den Menschen die auf ihr Leben wirklich nach ihrem letztem Lebenszyklus geschieht und geschah. Hier hält nun der Autor Dan Simmons alle Fäden in seinen Händen und lässt wortwörtlich die Puppen tanzen. Klingt alles bisher Gelesene noch so absurd, beginnt mit diesem Handlungsstrang der Roman die Spannung abrupt anzuschrauben, selbst vor genetisch rekonstruierten, prähistorischen Dinosauriern, die den Menschen das Leben schwer machen, macht Simmons nun nicht mehr halt. Doch der Autor hat viel mehr mit den "Altmenschen" vor, denn eine höhere Macht scheint diese für ihre eigenen Interessen zu missbrauchen, keiner stirbt wirklich an schwersten Verletzungen, der Tod wird somit bis zum 100 Lebensjahr aufgehoben. Welche Rolle spielen die orbitalen Ringstädte der "Nachmenschen" von denen jeder "Altmensch" glaubt, dass er nach seinem Tode in dieser Gemeinschaft der "Nachmenschen" aufgenommen werden wird!? Was wurde aus dem Rest der Menschheit, welches Schicksal hat die "Nachmenschen" wirklich ereilt? Nur die angesprochene, kleine Gruppe von Menschen um Harmann (trotz seiner 99 Jahren immer noch jugendlich wirkend!), die sich wirklich Gedanken über das Schicksal der Menschheit macht, kommt im Verlauf der weiteren Geschichte einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur. Um keinem meiner Leser die Spannung vorweg zu nehmen, wird auch an dieser Stelle nicht mehr verraten… 3. Handlungsstrang - Biomechanische, Künstliche IntelligenzenWenn man über "ILIUM" schreibt, so meine Meinung, kommt man an diesen beiden schrägen Gestalten nun wirklich nicht vorbei. Musste ich doch immer wieder über Mahnmut und Orphu schmunzeln, die sich über etliche Seiten des Romans wieder und wieder in Diskussionen über Shakespeares "Sonette" verstricken. Und dies auf eine köstliche Weise auskosteten, wenn man bedenkt, welchen Ursprung (1) sie als Cyborgs eigentlich haben. Die Crew um Mahnmut und Orphu entsandt um dem unruhigen Treiben auf dem Mars nachzugehen und eventuelle Gefahren für die auf den Jupitermonden lebenden "Moravecs", ihres Zeichens hoch entwickelte, (in früherer Zeit von der Menschheit ausgeschickt worden, um neue Rohstoffquellen zu erschließen) friedliebende Cyborgs, eine nun eigenständige Roboterzivilisation (1) , frühzeitig zu erkennen und eventuelle Maßnahmen einzuleiten. Doch von ihrem Kommandanten erhält die Crew nur wenige Informationen über ihre eigentliche Mission auf dem Mars, Dort kaum angekommen werden sie von einem "Streitwagen der Götter" angegriffen und vernichtet. Nur Mahnmut und Orphu überleben diesen Angriff und werden fortan geschickt in das bisher Geschehene verwoben. Nun müssen sich die beiden auf dem Mars durchkämpfen, im Grunde nichts ahnend, was sie dort wirklich erwartet. Im Verlauf der Geschichte laufen ihnen sogar KGM's (Kleine Grüne Männchen) über den Weg *schmunzel*, die damit beschäftigt sind, Steinköpfe an einer Küste eines marsianischen Meeres aufzustellen! Glaube, jetzt habe ich selbst bestimmt meine eigene Leserschaft total verwirrt. *smile* Doch wenn alle Handlungsstränge zusammenlaufen macht im Nachhinein alles tatsächlich einen Sinn, was bisher in den einzelnen Geschichten erzählt wurde und fortan sehr spannend zusammengeführt wird. III. Allgemeiner EindruckDa dieser Roman von Dan Simmons einen sehr hohen Anspruch an seine Leserschaft stellt, hat man in Deutschland wohl mit Peter Robert einen wirklich guten Übersetzer beauftragt. Dieser hat ganze Arbeit geleistet und sollte daher auch nicht ungenannt bleiben, da er die direkte Verbindung zum Original darstellt und "Ilium" dem literarisch anspruchsvollen Leser eindrucksvoll näher bringt. Noch einige Worte zum Roman selbst. Das Taschenbuch mit seinen 827 Seiten ist sehr gut verarbeitet. Die Schriftgröße der Seiten ist gut gewählt und machte auch bei längerem Lesen nicht müde, was ich bei andern Romanen und Büchern schon öfters bemängelt habe. Das Cover des Romans selbst zeigt den Helm eines Kriegers aus der Zeit der griechischen Mythologie. Der Name des Autors in großer weißer Schrift gehalten, springt einem förmlich ins Auge. Der Romantitel "ILIUM" selbst fällt mit seinen Goldlettern ehr unscheinbar und klein aus. Das Cover ist in schwarzen und roten Tönen gehalten, die den dargestellten Helm gut in Szene setzen. Eine Umschlagsgestaltung die keinen vom Hocker reißt, aber auf sich aufmerksam machen kann. Erschienen ist dieser Roman im Juli.2004 im Heyne Verlag Aus der Reihe: "Heyne-Bücher Science-Fiction & Fantasy" Kartoniert, Seitenzahl: 827 ISBN: 3-453-87898-1Ein Buch für Science-Fiction-Fans und Leser die ein Faible für moderne, spannende SF-Literatur haben. In meinen Augen jedenfalls ist dieser SF-Roman vom Allerfeinsten. Meiner Meinung nach kommt keiner der gerne Science-Fiction liest, an diesem Taschenbuch vorbei. Daher gibt's auch alle 5 Sterne und meine absolute Kaufempfehlung. Wie die unterschiedlichen Schicksale letztendlich wirklich zusammen finden, müsst Ihr daher natürlich selbst herausfinden. Einen Wermutstropfen hat der Roman dann doch noch, nach einem spannenden Finale bleiben leider einige wichtige Fragen offen, die hoffentlich im zweiten Teil eine logische Klärung finden. Trotz der 15 € ist dies ein Roman, der seinen Preis auf jeden Fall gerecht wird.Der zweite Teil erscheint etwa im März 2006 bei uns, mal sehen, wann ich wieder Zeit habe, diesen zweiten Teil zu "verschlingen". Für den interessierten Leser noch ein Link zu Dan Simmons eigener Homepage:http://www.dansimmons.com/ "Singe mir, o Muse, des Peleussohnes und Männertöters Achilles Unheil bringenden Zorn, der tausend Leid den Achäern schuf und viele stattliche Seelen zum Hades hinabstieß." In diesem Sinne, vielen Dank für Eure Lesungen, Bewertungen und Kommentare.
© Abatar, 18/19.02.2006
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17.04.2006 00:09
Naja mein Fall ist das ja jetzt net gerade aber dennoch schöner Bericht. Wünsch dir noch einen schönen Ostermontag. Grüßle Jacky
11.04.2006 23:31
Kommt auf meine Bücherliste, einfach top beschrieben. ;-)
08.04.2006 23:45
ein toller buchbericht, wenn ich noch mehr solche berichte lese, werde ich vielleicht auch noch so eine leseratte, wie meine schwester ;-))