Dieser Erfahrungsbericht wurde von 52 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
1.
Ich bin eine Hochstaplerin.
Manchmal liege ich nachts wach und denke: ich bin eine Hochstaplerin. Ein bißchen grinse ich dabei in mich hinein, weil mich der Gedanke glücklich macht, auf eine so ängstliche Weise glücklich, so wie ich zuweilen im Traum große, weiter Sprünge mache, die Treppe hinunter vielleicht, eine lange, lange Treppe hinunter, die Sprünge werden immer weiter und höher, ich schwebe lange über den Stufen. Irgendwann fange ich an zu denken, daß ich gleich abstürzen muß, aber der nächste Sprung wird noch weiter und schwebender, als spränge ich auf dem Mond und würde immer langsamer, je höher ich komme bei meinem Sprung; aber ich wache nicht auf, und am nächsten Morgen habe ich keinen Sprung vergessen, aber ich weiß nicht mehr, wie es ist, aufzuprallen. Oder auch nur aufzuhören mit dem Springen. Noch nie bin ich mit einem verstauchten Knöchel aufgewacht oder mit Prellungen oder Abschürfungen, noch kann ich mich erinnern, dergleichen in einem dieser Träume erlitten zu haben. Ich erinnere mich immer nur an den kühnen, frechen Wahnwitz weiter Sprünge und eines magenhebenden Schwebens. Eben bin ich aufgewacht. Etwas in mir springt weiter, während ich daliege und hinüberschaue zum Himmel. Ich glaube, wir haben heute Neumond, und vielleicht bin ich eine Hochstaplerin. Das ist nicht schlimm. Du hast mich dazu gemacht. Du bist schuld.
2.
Natürlich hatte ich recht, als ich mich über Dich geärgert habe. Was Du getan hast, tut man der Frau seines Herzens nicht an. Daß Du einfach nicht mit mir argumentieren wolltest, nehme ich Dir auch noch übel. Als lohne es sich nicht. Als wären meine Gefühle nicht der Rede wert. Ich sehe Dich die Augenbraue heben, nicht spöttisch, aber milde belustigt und ein wenig selbstironisch. Wenn Dein Gesicht diesen sanften Schmelz von melancholischer Selbstironie bekommt, dann könnte ich dich gerade anfallen. Meine Gefühle, denkst Du, und: ich dachte, Du willst argumentieren? Du denkst es, ich sehe es Dir an, und ich soll es Dir ansehen, wie Du dastehst, die Hände in den Taschen Deiner formlosen ausgebeulten Nadelstreifenhose, aber Du sagst es nicht, weil Du weißt, daß ich argumentieren will, weil ich anders meine Gefühle nicht loswerden kann, meine Traurigkeit, meinen Zorn, das Verletztsein. Ich will nicht weinen, sondern Dir klarmachen, was für ein Blödmann Du bist. Objektiv bist Du das, versteht sich. Meine Gefühle sind kein bißchen irrational, sondern sehr gut begründet, und das will ich Dir klarmachen, aber Du stehst nur da, die Hände in den Hosentaschen, sie noch mehr ausbeulend, und schaust mich an. Wir werden darüber reden, wenn Du willst, nicht wenn ich will, das weiß ich, und neben dem neuerlich aufsteigenden Zorn über Deine unerbittliche Sturheit und Arroganz spüre ich eine gelassene Wärme sich ausbreiten, weil ich weiß, daß Du dann, wenn es soweit ist, wirklich zuhören wirst und ich mich ganz aussprechen kann, unsortiert, wie ich bin, wie ich m a n c h m a l bin, und heftig; Du hörst zu und fragst nach und stimmst mir zu, wenn ich Du mich verstehst, nicht auf diese ärgerliche Art, die sich immer anhört wie: „Wenn es Dir wichtig ist, Liebes, und jetzt laß uns Abendbrot essen“, sondern weil Dir fast alles wichtig ist, was mir etwas bedeutet. Meine Gefühle bedeuten mir sehr viel.
3.
Ich bewundere Dich dafür [schreibst Du, eine SMS aus heiterem Himmel], wie humorvoll und souverän Du immer wieder mit mir umgehst und alles ausbalancierst, was ich aus dem Gleichgewicht gebracht habe. Das rührt mich sehr und macht mich sehr stolz. (Auf Dich, nicht auf mich.)
Daß Du es ernst meinst, merke ich daran, daß Du die volle Länge für die zweite SMS gar nicht ausgenutzt hast. Ich laufe durch die Wohnung und denke, daß ich eine Hochstaplerin bin. Ich bin gar nicht so. Nicht immer humorvoll und souverän. Ich bin hoffnungslos subjektiv und ungerecht, und wenn ich etwas ausbalanciere, dann nur, weil Du schwindelfrei bist und nicht seekrank wirst (als wir damals nach Schweden fuhren…). Die Frau, die Du beschreibst, gibt es nicht. Nicht hier in diesem Zimmer. Einen Augenblick später finde ich, daß Du eigentlich recht hast. Mit Dir bin ich wirklich geduldiger als mit anderen Menschen. Vom ersten Augenblick an. Ich weiß, wie ungerecht und stur und eigensinnig und humorlos und leicht beleidigt Du oft sein kannst, aber ich habe Dir das nie wirklich übel genommen; und andere Menschen treiben mich mit vergleichsweise harmlosen Idiosynkrasien die Wände hoch und auf Palmen von allen Sorten. Sonderbar, denke ich, als ich die Maultaschen aus dem Eisfach hole. Sonderbar. Irgendwo ist doch der Dornfelder.
4.
Vielleicht ist es die wunderbare Beiläufigkeit Deines Parlando. Du redest gerne am Telefon über Sex, so sehr gerne, daß ich es manchmal nicht mehr aushalten kann, so sehr packt es mich. Stell Dir vor, sagst Du dann (Deine Stimme, die ohnehin sehr sanft ist, aber nicht defensiv und schon gar nicht weichgespült, wird dann noch weicher und leiser und ein klein wenig tiefer noch), daß ich Dein freches Kinn umfaßt halte und sage: Gib mir Deine Zunge, Mädchen, und die dann mit den Zähnen festhalte. (Ich antworte lieber nichts.) Das fände ich gut, sagst Du, mit einer so unirdischen Heiterkeit in der Stimme, daß ich in diesem Augenblick am liebsten meine Zunge so weit wie nur irgend möglich herausstrecken würde, und Du dürfest alles damit machen, wonach immer es Dich gelüstet; Das ist nämlich, fügst Du hinzu, mit einem leichten, flüchtigen Unterton von Entschuldigung, weil ich noch nie eine Frau so begehrt habe wie Dich, und dann redest Du unbekümmert weiter über das was noch folgt, was Du nämlich sonst noch mit mir machst, während Deine Zähne meine Zunge umklammert halten und ich lieber, sagst Du, nicht darüber nachdenken soll, die zwischen Deinen Zähnen wieder herauszuziehen, bevor Du sie nicht freigibst. Irgendwo in mir hallt dieser eine Satz nach wie der Boesendorfer von Tori Amos. Seine Beiläufigkeit macht ihn glaubwürdig. Sicherlich weißt Du genau, wovon Du redest, aber ich bin mir nicht sicher, was das mit mir zu tun hat. Ich sehe nicht so aus wie die Frauen, denen Du nachschaust, wie die Filmschauspielerinnen, über die wir reden, wie – Halt den Mund, sagst Du, obwohl ich doch (glaube ich) gar nichts gesagt habe; Du weißt doch, daß ich nicht argumentiere. Ich grinse aber anscheinend die ganze Zeit selig vor mich hin. Das muß daran liegen, daß Du die Wahrheit sagst. Ich spüre es am eigenen Leibe, jedes Mal, wenn wir uns sehen. Seit Jahren und Jahren.
5.
Der Boesendorfer spielt Arabesken in die stille Luft und um ihre gelassene Stimme herum, und dann plötzlich, als sie singt: pretty good year some things are melting now setzt schon wieder dieses Cello ein. Das geschieht mir auch zuweilen, aber immer erst eine Weile, nachdem Du geredet hast. Ein ziemlich gutes Jahr: ein paar Dinge schmelzen jetzt. Ich weiß schon, erklärst Du mit routinierter Beiläufigkeit, warum ich mich mit Dir auf keine Diskussion einlasse, Löwenmädchen; Du steckst mich in die Tasche und holst mich wieder heraus, bevor ich noch gemerkt habe, daß es dunkel geworden ist. Ich habe nie etwas Lächerlicheres gehört. Ausgerechnet. Ein paar Minuten später, durch den Regen wandernd, merke ich, daß Du recht hast. Wir haben uns noch nie gestritten. Nicht einmal eine Meinungsverschiedenheit. Du hast mir immer gezeigt, daß ich recht hatte und auf welche Weise; ich habe nie einen Mann getroffen, der auf eine so subversive Weise loyal ist. Irgendwie macht es nur selten Spaß, recht zu haben gegen Dich. Nicht daß Du mir den Spaß daran verderben wolltest. Viel mehr frage ich mich, was ich denn jetzt wirklich bewiesen habe, und dann sehe ich Deine leicht geöffneten, entspannt lächelnden Lippen, die ich so gerne auf mir spüre, und komme mir ein klein wenig kindlich vor. Weißt Du eigentlich, wie schön es ist, sich kindlich vorzukommen, wenn Du dabei bist? Wieder bist Du der vollkommene, der ruhige und weit ausschwingende Klang dieses Cellos unter den Arabesken.
6.
Was immer ich tue oder unterlasse, wenn ich mich unter Deinen Händen und Deinen unverschämten Blicken winde und mich schäme, daß ich mich winde und stöhne und am liebsten weinen würde, diese Augenblicke enthalten alles dies und noch mehr. In allen Spielen mit Dir gewinne immer ich. Das ist mir erst heute aufgefallen. Es ist keine Spur von Planung dabei. Ich bin wirklich so gut. Du bist wirklich so gut, sagst Du und freust Dich. Und dabei bin ich eine Hochstaplerin. Ich lebe seit Jahren über meine Verhältnisse, die sich darüber auch noch beträchtlich gebessert haben. Ich halte jetzt mehr aus als damals. Ich gehe, nur mit einem Mantel angetan, mit Dir einkaufen. Ich krieche vor Deinen Schuhen auf dem Boden. Du fährst eine Stunde, um mir eine CD vorbeizubringen, und fünf, um mir nahe zu sein. Du läßt Dir von mir die Welt erklären. Du merkst vom Mars aus, wenn ich auf der Venus traurig bin oder wütend über mich selbst. Du verlangst das Unmögliche vor mir, weil… Weil Du die einzige Frau bist, von der ich es bekomme, sagst Du, als würdest Du vom Maultaschenkochen reden. Ist das nicht sonderbar? Den Dornfelder habe ich gefunden. Und eines Tages werde ich mir abgewöhnen, über die Schulter zu blicken, wenn Du von mir redest; und auch dann noch werde ich bereit sein, alles zu sein (und nicht etwa nur zu darzustellen), was Du haben willst. Es ist nämlich so: das kann keiner außer mir. Alles sein.
"Pretty good year" von Tori Amos aus "Under the Pink" (1994) dem "hellen" Album gegen das "dunkle", "Boys for Pele".
07.01.2008 00:57
Ich finde das sehr zauberhaft. Also alles, abgesehen von dem Kriechen.
13.12.2007 14:09
Der Dornfelder stand gewiss nicht im Eisfach.
08.10.2007 10:36