Im Inneren meiner Seele

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Unter Wasser

2  13.04.2005

Pro:
-   -

Kontra:
-   -

Empfehlenswert: Nein 

weisses_papier

Über sich: finger weg von meiner paranoia, die war mir immer lieb und teuer (Element of Crime)

Mitglied seit:06.04.2005

Erfahrungsberichte:2

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 28 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Treiben lassen. Einfach treiben lassen. Das hat sie mal in einem Film gehört, irgendwann, als sie noch gerne Filme gesehen hat. Irgendeine Komödie muss das gewesen sein. Eine Familienkomödie. Pures Chaos, daran kann sie sich noch erinnern, ganz dunkel. Darüber konnte sie sogar lachen, damals. Inzwischen ist ihr zuviel Chaos zu nahe gekommen.

Also treiben lassen. Unter Wasser geht das am besten, natürlich. Licht reflektiert und einfach treiben lassen. Nicht denken. Bloß nicht denken. Schon viel zu viel gedacht.

Und natürlich ist es schon zu spät. Der Kopf meldet sich wieder, die Gedanken rasen wieder. Wenn sie nur nicht an den Film gedacht hätte. Jetzt kommt sie wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen. Vorher, bevor sie an den Film dachte und darüber nachgrübelte, ob irgendjemand mitspielte, den sie kannte, war alles gut. Da ließ sie sich wirklich treiben, das Denken war ganz weit weg. Sie sah Farben, sie genoß das Spiel des warmem Wassers um sich herum, spürte, wie das Element ihren Körper umspielte, umschmeichelte. Gut fühlte sich das an. Beruhigend. Wie nach hause kommen. Alles andere war ganz weit weg. So weit, dass es ihr beinahe unwirklich, nicht real vorkam. War da wirklich ein Leben ausserhalb des Wassers? Und wenn da wirklich Leben war, ging es einfach weiter, während sie hier im Wasser war? Hier, in diesem Vakuum, schien nichts weiter zu existieren, nichts weiter existieren zu können. Nur sie und das Element. Beinahe eins mit dem Element. Es irgendwann wieder zu verlassen... beinahe unmöglich. Nicht vorstellbar.

Ja, ihr Kopf funktioniert noch. Ihre Gedanken rasen noch. Vorbei ist es mit dem Entspannen, dem Sich-treiben-lassen. Alles ist wieder da. All das, woran sie keinen Gedanken mehr verschwenden will. All das, was ihr das tägliche Aufstehen so schwer macht. Warum überhaupt aufstehen? Warum nicht einfach liegen bleiben? Den Tag an sich vorbei ziehen lassen, einfach nicht das Bett verlassen, einfach nicht die Zähne putzen, die Haare kämmen, den Kaffee trinken, den Schlüssel ins Zündschloss stecken. Sind doch genug andere da, die das jeden Tag tun, warum muss sie sich einreihen? Warum muss sie tun, wozu sie keine Lust, woran sie keinen Spass hat? Warum schwimmt sie mit dem Strom?
Könnte man sich doch ausserhalb des Wassers auch einfach treiben lassen. Hierhin, dorthin, ohne Planung, ohne Druck, ohne ständige Fragen, Erwartungen, Enttäuschungen. Verletzungen. Vielleicht würde alles irgendwie ineinander passen, ließe man sich einfach treiben? Vielleicht würden alle Dinge dann ganz automatisch einen Sinn ergeben?

Es zu versuchen, das traut sie sich nicht. Hat sie sich nie getraut, und wird sie sich niemals trauen. Sie weiss das. Sie ist zu schwach, zu ängstlich. Und so sehr sie das Schwimmen mit dem Strom auch hasst: Es gibt ihr doch Sicherheit. Die Menschen um sie herum, so sehr sie sie auch verabscheut, manchmal jedenfalls, sie geben ihr doch Sicherheit. Wer sich eingliedert, der wird akzeptiert. Vielleicht nicht geliebt oder gemocht, aber immerhin akzeptiert.

Dass ihr das nicht reicht, das weiss sie inzwischen. Geliebt werden, das ist es, was sie will. Doch auch das Schwimmen mit dem Strom hat ihr diesen Wunsch nicht erfüllt. Sie hat alles versucht, wurde immer wieder enttäuscht. Sie hat resigniert. Sich abgefunden, ist fertig damit. Mit der Suche nach dem, der sie liebt. Mit der Suche nach dem, der sie glücklich macht. Für sie, das ahnt sie inzwischen, ist dieser Eine, von dem immer die Rede ist, nicht vorgesehen. Es gibt ihn nicht. Und wenn doch, dann ahnt er nicht, dass sie sich nach ihm sehnt. Oder es ist ihm egal. Ja, so wird es sein: Es ist ihm einfach egal.

Wütend macht sie das. Sie hat es satt, wütend zu sein. Wütend auf sich, auf die anderen, auf alles, was nicht so funktioniert, wie es funktionieren sollte. Für sie funktioniert ausserhalb des Wassers nicht viel. Viel zu wenig. Kein Grund also, dorthin zurückzukehren. Nichts wartet dort auf sie. Nichts und niemand, und dass sich daran etwas ändern könnte, diese Hoffnung hegt sie nicht mehr.

Wieviel Zeit wohl inzwischen vergangen ist? Sekunden, Minuten? Zeit fühlt sich im Wasser so unbedeutend an. Ob sie verfliegt, ob sie schleicht... sie bemerkt es nicht, kann es nicht einordnen. Will es aber auch gar nicht wissen. Was ist hier schon Zeit? Irgendwann spielt Zeit keine Rolle mehr. Auch ihre Gedanken spielen irgendwann keine Rolle mehr. Danach hat sie sich seit langem gesehnt: Dass die Gedanken sich nicht mehr denken lassen, selbst dann nicht, wenn sie es angestrengt versucht. Das ist neu und fühlt sich so gut an. So befreiend. Bisher gelang es ihr nicht, ihre Gedanken, das Denken abzustellen. Nun geschieht es beinahe wie von selbst. Man muss nur lange genug im Wasser bleiben, dann stellt sich das Treiben ganz von selbst ein. Ein Grund mehr, das Element nicht mehr zu verlassen. Einfach hier bleiben, einfach hier mit dem Strom schwimmen - hier, wo es endlich Sinn macht.

Plötzlich aber eine Berührung, ein Ruck, ihre Gedanken stellen sich wieder ein. Sie wird gerissen, gegen ihren Willen gepackt. Eine Hand greift ihren Arm, zerrt sie nach oben...

...und sie schnappt nach Luft. Keucht und hustet und spuckt Wasser. Sieht dem ungebetenen Eindringling in die Augen und dennoch durch ihn hindurch. Und klammert sich mit beiden Händen an den Rand der Badewanne.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
SFCisco

SFCisco

14.06.2005 14:42

weiss bleibt es hier

FrauTetzlaff

FrauTetzlaff

23.04.2005 19:07

ja inne Badewanne hab ich auch immer keine Uhr dabei. deine Else

bece22

bece22

17.04.2005 23:20

ebenfalls bh. super schön geschrieben grüsse ausÄgypten

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