Im Inneren meiner Seele

Erfahrungsbericht über

Im Inneren meiner Seele

Gesamtbewertung (33): Gesamtbewertung Im Inneren meiner Seele

 

Alle Im Inneren meiner Seele Testberichte

 Eigenen Erfahrungsbericht schreiben


 


Torn

5  09.07.2007

Pro:
*  *  *  *  *

Kontra:
*  *  *  *  *

Empfehlenswert: Ja 

Nine19

Über sich: Stündlich frage ich mich, nicht // wie es möglich sei, dass ich lebte, // sondern einfach, wie mein ...

Mitglied seit:15.07.2005

Erfahrungsberichte:38

Vertrauende:69

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 101 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als besonders hilfreich bewertet

Heute Morgen lag ich lange wach, bevor ich meine Augen öffnete. Als ich es tat, begann es zu regnen. Manchmal glaube ich, dass wir uns gar nicht schlecht wegen des Wetters fühlen, sondern das Wetter mies ist, weil wir uns so fühlen. Jedenfalls bin ich mit diesem komischen Gefühl aufgewacht. Als wäre ich gerade eben erst aus einem Albtraum erwacht, dessen bitterer Nachgeschmack mir nun den ganzen Tag als unsichtbarer Wegbegleiter zur Seite stehen wird. Das muss an meinem Karma liegen. Ich glaube eigentlich nicht an solche Dinge, ich bin ein äußerst nüchterner Mensch. Aber es gibt Tage an denen selbst ich beginnen könnte, zu glauben. Ich wäre liegen geblieben, hätte ich es gekonnt. Aber dafür funktioniere ich zu gut, mittlerweile. Ich schleppe mich auch mit Grippe noch zur Arbeit. Wird mir hoch angerechnet, mein Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein. Dabei habe ich das gar nicht. Ich habe bloß immer die Befürchtung, verrückt zu werden, wäre ich den ganzen Tag allein. Mit mir. Das hält doch beim besten Willen niemand aus.

Manchmal glaube ich, dass der Alltag das einzige ist, das mich davon abhält verrückt zu werden. Die langen Gänge im Büro, das oberflächliche Geplänkel mit den Kollegen, die Telefonate, die immergrünen Büropflanzen. Die täglichen neun Stunden, die sich ab Mittag zäh wie Kaugummi dahinziehen. Es ist mir seltsam, dass sich all das auch weiterhin abspielen wird, millionen-, milliardenfach auf der Erde. Ob ich nun da bin oder nicht.

Früher bin ich immer mit dem Zug zu meinem Büro gefahren. Morgens, wenn der Tag langsam anbrach, standen sie alle vor den Bahngleisen, einige liefen rauchend auf und ab, andere saßen auf den kalten Holzbänken und waren in Tageszeitungen vertieft, die ich nicht einmal unter Zwang lesen würde. Ich kann mich nicht daran erinnern, morgens ein glückliches Gesicht gesehen zu haben. Seither ziehe ich es vor, mit dem Auto zu fahren. Es reicht, einen unglücklichen Menschen ertragen zu müssen.

Es ist manchmal, als wäre der Wurm drin. Gerade heute Morgen wieder: Ich versuchte, die Tür zu dem Gebäudekomplex zu öffnen, in dem mein Büro liegt. Aber der Schlüssel passte nicht. Also klingelte ich. Und während ich in Gedanken bereits ganz ruhig alle möglichen Erklärungen durchging (wobei mir jene am plausibelsten erschien, dass mir eine Kündigung zugestellt werden sollte, die ich aber nicht erhielt, weil die Praktikantin eine falsche Adresse angab, und daraufhin aus Sicherheitsgründen eine neue Schließanlage installiert wurde), öffnete mir eine neue Sekretärin die Tür, die ich noch nie gesehen habe. Genauso wenig wie all die anderen fünf dutzend neuer Kollegen im Büro. Es war mir noch nicht einmal peinlich, als die nette Empfangsdame mich darüber aufklärte, dass sich mein Büro doch direkt gegenüber befände.

Wenn ich frustriert bin, kaufe ich Schuhe. Ich habe sehr viele Schuhe. Gestern stand ich an einer roten Ampel, im Hintergrund tüdelte irgendein Schmachtfetzen von Phil Collins. Und rührte mich zu Tränen. Phil Collins. Obwohl ich meine neuen, schwarzen Pumps anhatte, parkte ich in der Innenstadt, zog einen Parkschein, den ich brav hinter meine Windschutzscheibe legte und hob ein bisschen Geld von meinem überfüllten Konto in der Bank gegenüber ab, wohlwissend dass mich das einen Aufschlag von fünf Prozent der abgehobenen Summe kosten würde.

Auf dem Weg ins Schuhgeschäft dachte ich, dass ich vielleicht glücklich bin und es nur nicht merke. Ich habe einen Job, durch den ich so viel Geld verdiene, das ich gar nicht ausgeben könnte, auch nicht, wenn ich jeden Tag 24 Stunden lang shoppen würde, habe einen Typen, mit dem ich Spaß haben kann, sofern es Spaß macht, sich hin und wieder zu treffen, um zu vögeln. Und ich habe eine schöne Dachgeschosswohnung mit alten Holzdielen, hohen Wänden und einer Terrasse, die einem dem Himmel unendlich nah kommen lässt. Ich bin mir nicht sicher, aber als ich auf dem Weg mit dem linken Pfennigabsatz meiner neuen Pumps zwischen zwei Pflastersteinen steckenblieb und das erst bemerkte, als ich den kalten, feuchten Asphalt unter meinem linken Fuß spürte, während mein Schuh zwei Meter weg von mir stand, vermutete ich ganz stark, dass Glück sich anders anfühlen muss.

I thought I saw a man brought to life //
He was warm //
He came around //
And he was dignified //
He showed me what it was to cry //


Um uns herum ist Stille. Es ist wie bei einem Wirbelsturm, außerhalb dessen alles tobt und fliegt, während innerhalb alles ruht. Es gibt nur Dich, mich und dieses Lied. Ich bin vollkommen überwältigt von dieser Stimme. Ich glaube, ich höre sie heute zum ersten Mal. Vielleicht höre ich sie auch nur das erste Mal richtig. Genauso wie ich Dich das erste Mal richtig fühle. Wie Deine Hände mich halten, Deine feingliedrigen Finger über meinen Rücken gleiten, mir durch die Haare fahren. Diese unglaubliche Gänsehaut. Deine unglaublich weiche Haut, diese vertraute Wärme, die doch so fremd und aufregend ist. Und ich habe das Gefühl, bisher etwas verpasst zu haben. Manchmal ist es einem nicht bewusst, dass etwas fehlt. Nein, eigentlich spüren wir, dass etwas fehlt. Nur selten was. Und dann gibt es diese Momente, diese Begegnungen, die einen fühlen und ahnen lassen. Nur einen kleinen Augenblick lang, vielleicht. Aber ausreichend, um etwas in uns zu ändern. Und manchmal auch uns.

Ja, so könnte sich Glück anfühlen. Und hätte ich einen Wunsch frei, gerade jetzt, ich würde mir die Unendlichkeit wünschen. Wohlfeil für diesen Augenblick.

Und dennoch bin ich froh, dass Du nicht mehr da bist, als sie zum allerletzten Mal heute die letzten Zeilen singt. Und Du meine Tränen nicht siehst.

Illusion never changed //
Into something real //
I'm wide awake and I can see the perfect sky is torn //
You're a little late //

I'm already torn.

Momentan fällt mir das Aufstehen immer schwerer. Vielleicht fehlen mir auch die Gründe, es überhaupt zu tun. Jeden Morgen erscheint es mir verführerischer, einfach liegen zu bleiben, mein Handy auszumachen und den Telefonstecker zu ziehen. Oder einfach gar nicht mehr aufzuwachen. Am Ende des Tages weiß ich gar nicht mehr, wie ich mich hochbekommen habe. Und noch weniger, wozu. Da sitze ich nun auf meiner Terrasse, in eine Decke gehüllt, eine dampfende Tasse mit Mananatee gefüllt in beiden Händen und starre Löcher in die Luft. Vorzugsweise in den Himmel, die Sterne sehe ich immerhin noch. Und von hier oben hat sowieso immer alles wenig Sinn. Es ändert sich ja doch nichts.

Am nächsten Morgen finde ich einen Zettel, er ist hinter die Scheibenwischer meines Autos geklemmt. Eine Telefonnummer. Vielleicht sollte ich mal anrufen.

Oder noch ein paar Schuhe kaufen.


*********************************************

Für meine Schwester: Er war es nicht wert.

Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Nahariel

Nahariel

27.03.2009 14:14

sehr melancholisch und gefühlvoll!

Porcupine

Porcupine

19.02.2009 00:40

Ich bin gerade erstarrt.

regard

regard

10.02.2009 00:58

Du bist unglaublich.

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Mehr über dieses Produkt lesen
Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 361 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (44%):
  1. Porcupine
  2. regard
  3. princesse
und weiteren 41 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (55%):
  1. yesup
  2. lenchen_196
  3. Nahariel
und weiteren 53 Mitgliedern

"hilfreich" von (1%):
  1. necher

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.