Glück?
08.04.2003 (03.01.2004)
Pro:
Wunderschöne Storm - Novelle
Kontra:
nicht ganz zeitgemäß
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 w.gruentjens
Über sich:
Ich dachte ja mal, in der Pensionszeit könnte ich hier wieder aktiver werden, aber ich werde von jun...
Mitglied seit:13.11.2001
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Immensee Wie weit kann der Mensch sein Schicksal selbst steuern? Kann er eine Liebe in Erfüllung gehen lassen, die ihm das Glück des Lebens bringen könnte? Kann er selbst Entscheidungen treffen, selbst das Schicksal steuern? Oder sind wir alle abhängig von unserem Charakter, unseren Genen, Umwelteinflüssen, Erziehung, Freundschaft, gesellschaftlichem Druck?Sind wir vielleicht davon so abhängig, dass wir es dann doch nicht schaffen, unser Leben so in die Hand zu nehmen, dass wir glücklich werden? Dieses Thema entwickelt Theodor Storm 1850 in seiner Novelle einer unerfüllten Lieben, in der Novelle "Immensee". INHALT Der alt gewordene Reinhard Werner erinnert sich, als sein Blick auf ein Mädchenbildnis fällt, an seine unerfüllt gebliebene Jugendliebe Elisabeth. Als Kinder sind beide unzertrennlich, auch wenn sie manchmal ängstlicher und er heftiger ist. Als er ins Studium geht, verbringen sie einen schönen Tag mit Freunden und Nachbarn beim Picknick im Walde, finden aber keine Erdbeeren, wie sie eigentlich sollen. Im Studium schließlich vernachlässigt Reinhard die Pflege der Freundschaft; erst ein Brief von Elisabeth ruft ihn zurück. Beim Besuch zu Hause entsteht aber ein erstes Befremden. Sie lässt ihre Hand nicht in seiner, der Hänfling, den er ihr geschenkt hatte, ist gestorben und durch einen Kanarienvogel vom neuen Freund Erich ersetzt, und schließlich teilt sie ihm mit, seine Mutter habe sich über ihn beklagt.Beim Abschied hat er eine Idee: aber statt das erlösende Wort zu sprechen, sagt er ihr nur, in zwei Jahren werde er ihr ein Geheimnis verraten. Aber dazu kommt es nicht mehr, denn kurz vor Ablauf der zwei Jahre teilt ihm seine Mutter mit, dass Elisabeth Erich, der einen großen Hof geerbt habe, heiraten werde. Jahre später besucht er Elisabeth und Erich auf ihrem Hof am Immensee. Aber statt nun aus der verlorenen Liebe eine lebenslange Freundschaft zu machen, müssen beide mit Entsetzen feststellen, dass sie sich immer noch lieben und den gegenseitigen Verlust nicht verschmerzt haben: Elisabeth läuft beim Vorlesen eines Gedichts, in dem eine Tochter sich beklagt, dass ihre Mutter sie zur falschen Ehe gedrängt habe, hinaus; Reinhard bemerkt immer wieder, dass sie ihm aus dem Wege geht, dass sie zittert oder Tränen und verhärmte Züge einer Unglücklichen hat. Die Versagungssymbole gipfeln schließlich in einer Szene, in der er eine Seelilie erreichen will, aber nicht kann, und in der er beinahe von den Wasserpflanzen, die ihn umfangen, in die Tiefe gezogen wird. So verlässt er schließlich im Morgengrauen das Haus, und als sie ihm noch einmal kurz begegnet, sagen beide, dass sie sich nie wieder sehen werden. BETRACHTUNG Storm arbeitet in dieser Novelle stark mit Symbolen, die dem Leser schon früh andeuten, dass es hier möglicherweise nicht zu einem glücklichen Ende führen wird: Schon die Kinder haben einen kleinen Streit, die Jugendlichen finden keine Erdbeeren, der Hänfling stirbt und wird durch Erichs Kanarienvogel ersetzt, und schließlich zeigt die Unerreichbarkeit der Seelilie – Elisabeths -, dass es keine glückliche Lösung geben wird.Sind wir nun also Gefangene unserer Charaktere und Umwelt? Hätten Reinhard und Elisabeth die Erfüllung ihrer Liebe erreichen können? Hätten sie sich gegen den Einfluss der Mutter und die eigene Bequemlichkeit wehren können? Hätte es etwas genützt, wenn Reinhard mehr Briefe geschrieben hätte, wenn er wenigstens das erlösende Wort gesprochen hätte, dass er sie in zwei Jahren heiraten will? Vielleicht – aber: Er hat es nicht getan; und sie hat der Mutter nachgegeben. Aber die mit Bestimmtheit handelnde Mutter hat ihr Ziel, ein gut versorgtes Alter in einer geordneten Familie zu haben, erreicht – doch um welchen Preis?Storm hat die Novelle vor über 150 Jahren geschrieben, in einer Zeit also, in der Ehen mehr durch Vermögen als durch Liebe geschlossen wurden. Hat er davor warnen wollen, sein Glück für Geld wegzuwerfen? Hat er die damalige und spätere Jugend darauf hinweisen wollen, dass man in Herzensdingen sein Herz entscheiden lassen soll, nicht den Geldbeutel? Oder hat er einfach nur ein schönes Werk der Dichtkunst schreiben wollen, dem man heute schon sein Alter anmerkt?Ich denke, es dürfte von beidem ein wenig sein: Eine Aussage – vielleicht Mahnung - und ein schönes Werk. Ob dieses Werk heute noch Gültigkeit hat? Oder sind heute alle Menschen so reif und emanzipiert, dass sie ihr Glück festhalten und nicht aus Bequemlichkeit und Nachgiebigkeit fahren lassen? Ich glaube, Storms Mahnung gilt immer noch, denn viele von uns haben doch bestimmt in einer Jugendliebe Fehler gemacht, die nicht nötig gewesen wären, die vielleicht einen Weg zum Glück verbaut haben. FAZIT Mit seiner Novelle "Immensee" schildert Storm das Entstehen und die Nichterfüllung einer jungen Liebe in einer längst vergangenen Zeit. Auch wenn die Geschichte nicht zeitgemäß ist, so ist doch die Aussage, dass ein keimendes Glück leicht zerstört werden kann, doch immer noch gültig. Den Originaltext findet man unter: http://gutenberg.spiegel.de/storm/immensee/immensee.htm
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Taschenbuch, 96 S., Novelle, Erschienen: 1999
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08.01.2004 00:54
Damals war es eine katastrophe wenn Frau und Mann auseinandergingen, die Lebenslange Ächtung war die Folge. Heutzutage hätte sie sich von Erich wohl getrennt.
23.12.2003 20:36
Wenn die Menschen heute emanzipiert wären und nach ihren Gefühlen handelten statt nach Räson, gäbe es weniger gescheiterte Ehen. Oder sind wir nur nicht in der Lage, unser Glück festzuhalten? Nein, Storm ist nicht veraltet! Gruß, Uwe
03.12.2003 12:25
Nach wie vor grübele ich an Deiner Bemerkung, Immensee sei nicht zeitgemäß. Ist es nicht so, dass die Zeit zwar weiter rennt, aber die Menschen sich partout nicht verändern wollen? Oder haben sie? Und wenn, zum Guten? Gruß Andi