Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Kultobjekt als Symbol für den Wunderglauben an den menschlichen Fortschritt |
| Kontra: |
Stechmücken lassen sich nur so lange abhalten, wie sie lachen, wenn sie das Ding sehen . |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Ein Stechmückenjahr, wie man so schön sagt, scheint uns bevorzustehen. Bei uns in Wien bzw. Österreich nennen wir die Biester Gelsen. Einige von ihnen waren heuer schon im April zu Besuch in meiner Wohnung, obwohl ich mitten in der Stadt wohne. Gestern war es wieder einmal so weit. Eine Mücke schwirrte in meinem Schlafzimmer herum. Und das bereits am helllichten Tage! Mein Freund Tam wurde hysterisch.
„Es muss etwas geschehen – und das sofort…!“, hörte ich. Und: „Ein Gelsenstecker muss her!“
Er meinte einen dieser Stecker, die - für Insekten giftige - Plättchen durch Strom verdampfen lassen.
Tam hasst Stechmücken - und ich diese Giftstecker, die nicht nur unangenehm riechen, sondern meine Wohnung auch noch mit chemischen Gasen oder Dämpfen füllen, die ich nicht einatmen möchte. Außerdem – selbst wenn mich jetzt viele auslachen werden: Ich töte nicht gern. Nicht einmal die seelenlosen (?) „feindlichen“ Kämpfer in einem Egoshooter-Game. Und schon gar nicht reale Lebewesen. Ich gewähre in diesem Sinne auch der einen oder anderen Spinne bescheidenen Unterschlupf in einem kleinen, unauffälligen Winkel meiner Wohnung, wenn sie sich bei mir einfinden. Der Gedanke, alles, was aus Chitin ist, nun zu töten, widerstrebt mir daher noch mehr.
„Das ist kein Nervengift“, versucht mich Tam immer noch zu überzeugen. „Es löst nur das Chitin auf, aus dem die Insekten bestehen.“
Er erzählt mir, dass er im Internet einmal ein Video gesehen hat, in dem die Stechmücken durch die Einwirkung so eines Giftsteckers sterben: Sie beginnen, total aufgeregt wie verrückt herumzufliegen und sinken dann sterbend zu Boden.
„Na klar, es wird nicht angenehm für sie sein, wenn sich das Chitin allmählich auflöst“, stelle ich fest. „Und wie lang dauert es in diesem Video, bis sie tot sind?“
„Etwa zwei Minuten.“
Ich erinnere mich daran, dass ich zeitweise im Sommer von winzigen Pharaoameisen heimgesucht werde, obwohl ich wie gesagt mitten in der Stadt und noch dazu im fünften Stock wohne. Nachdem das umweltfreundliche und wohlriechende Lavendelöl die ungebetenen Gäste jeweils nur einige Minuten vor dem erneuten Eindringen durch die Mauerritzen abhielt, musste ich schweren Herzens zu härteren Abwehrmaßnahmen greifen. Ich sprühte also ein Insektizid auf den Boden, in der Hoffnung, es würde die Eindringlinge abhalten. Die ersten, weiterhin eindringenden Ameisen starben – langsam und offensichtlich qualvoll. Sie begannen, sich im Kreis zu drehen, zu taumeln… Es war kein schöner Anblick. Zuletzt krümmten sie sich zu einem kleinen, schwarzen Knoten zusammen und blieben reglos liegen.
Ein Bekannter von mir behauptet, Insekten würden keinen Schmerz empfinden, weil ihnen angeblich der dafür zuständige Gehirnbereich fehlt. Meine Frage, warum sie dann aber trotzdem ganz offensichtlich Hitze meiden, um nicht zu verbrennen, konnte er nicht beantworten. Wer Hitze spürt, muss jedoch meiner Meinung nach auch Schmerz fühlen.
Warum hat der liebe Gott die Stechmücken erschaffen?
Wie auch immer. Zurück zu den Stechmücken. Mir fiel ein, dass es bei „Zielpunkt“ gerade ein Angebot für einen Gelsenstecker gibt, der nicht tötet, sondern nur verhindert, dass die Mücken in die Wohnungen der Menschen (© Franz Kafka) kommen. Außerdem hatte ich kürzlich mehr oder minder zufällig einen Bericht auf Ciao gelesen, in dem die Wirkung dieses Steckers äußerst glaubhaft von einem Konsumenten bestätigt wird.
Tam zeigte sich skeptisch. Aber einen Versuch war es immerhin wert. Wir begaben uns also zur „Zielpunkt“-Filiale in unsere Nähe. Dort war der Stecker aber bereits ausverkauft. Doch wir gaben nicht so schnell auf und unternahmen eine Odyssee zu einigen weiteren „Zielpunkten“, wo es allerdings ebenfalls keine dieser Stecker mehr gab. Die Leute müssen diese Wunderdinge kaufen wie verrückt, dachte ich mir. Je „ausverkaufter“ das Ding war, desto erstrebenswerter erschien es mir natürlich. Dass es so reißend Absatz fand, interpretierte ich als sicheres Indiz dafür, dass es eine sehr gute, wirksame Anschaffung sein musste.
Letztlich ergatterten wir stolz doch noch 2 Stück von dieser Wunderwaffe im Kampf gegen die unliebsamen Blutsauger bei einem großen „Zielpunkt“ auf der Mariahilferstraße – eines sollte in Dienst in meiner Wien Wohnung treten und eines in unserer Zweitwohnung in Linz.
Jeder Stecker kostete 9,99 Euro.
Der Stecker nennt sich „Ultra Stichfrei“ und stammt von der Firma Isotronic. Auf der Packung wird versprochen: „chemiefrei“, „vertreibt Stechmücken“ durch „ultrahohe Töne“.
Der Stecker ist blitzblau, relativ klein (passt in eine Frauenhand) und in durchsichtigen Kunststoff eingeschweißt. Auf der Verpackung ist auch noch das Bild einer Stechmücke (Aedes albopictus, wenn ich nicht irre) zu sehen.
Einige Symbolsiegel auf der Packung weisen darauf hin, dass das Produkt umweltfreundlich und TÜV- bzw. GS-geprüft ist.
Auf der Rückseite der Packung findet sich in 8 Sprachen die Kurzbeschreibung: „Ultra Stichfrei sendet einen, für das menschliche Ohr kaum wahrnehmbaren ultra-hohen Ton aus, der weibliche und befruchtete Insekten vertreibt. Haustiere werden nicht beeinträchtigt. Ohne Chemie und Zusatzkosten, sparsam und sicher durch hochwertige Elektronik. Überall einsetzbar (Küche, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer). Erhielt Auszeichnung auf der internationalen Erfindermesse. Wirkungsbereich: ca. 30m², Betriebsspannung: 230 V / 50 Hz, Leistungsaufnahme: ca. 1 W“
Tierversuche mit Frau Mücke
Unser „Gast“, Frau Mücke, war immer noch anwesend, als wir zurückkamen. Wir waren gespannt, wie sie auf das Gerät reagieren würde. Ich schnitt also die Kunststoffhülle auf, entnahm den Stecker und steckte ihn in eine Steckdose. Ein rotes Lämpchen zeigte an, dass der Stecker nun in Betrieb war. Das Betriebsgeräusch war fast nicht zu hören.
Wir warteten geduldig und ließen Frau Mücke nicht aus den Augen. Sie schien relativ ungerührt.
An dieser Stelle wäre vielleicht anzumerken, dass der Ton, den das Gerät emittiert, den Flügelschlag männlicher Stechmücken imitieren soll. Befruchtete Weibchen meiden angeblich die männlichen Stechmücken wie der Teufel das Weihwasser… Blutsaugende Peiniger sind bekanntlich nur die befruchteten Weibchen. Denn sie benötigen das Blut von Warmblütern für das Heranreifen der Eier.
Die Idee scheint plausibel – ähnliche erfolgreiche Abwehrmaßnahmen gibt es ja bereits für Maulwürfe, Mäuse, Marder und anderes Getier, das bei uns Menschen nicht immer willkommen ist.
Wir warten, beobachten. Die Minuten vergehen. Frau Mücke zeigt sich weiterhin unbeeindruckt.
Nach einer Viertelstunde müsste sie eigentlich reagieren und die Flucht vor den akustischen Männchen ergreifen, denken wir. Aber nichts geschieht.
Tam nähert sich Frau Mücke vorsichtig mit einem Glas und fängt sie geschickt ein, ohne ihr etwas zuleide zu tun. Wir wollen den Test etwas beschleunigen. Tam montiert rasch noch eine Cam auf ein Stativ, um den Tierversuch auch per Video zu dokumentieren.
Frau Mücke gefällt es natürlich gar nicht, eingesperrt zu sein. Daher schwirrt sie aufgeregt herum und sucht nach einem Ausgang. Aber das Glas ist mit dünnem Papier abgedeckt – sie kann nicht heraus, muss aber den hohen Summton auf jeden Fall hören.
Wir ziehen nun den Stecker heraus. Frau Mücke scheint sich interessanterweise daraufhin tatsächlich zu beruhigen. Sie setzt sich. Vielleicht ist sie aber auch nur müde geworden vom vielen Herumschwirren.
So. Nach einigen Minuten armieren wir den Stecker wieder. Jetzt müsste eigentlich erneut Bewegung in Frau Mücke kommen. Aber sie bleibt seelenruhig sitzen. Wir schauen einander verblüfft und enttäuscht an.
„Hab ich’s dir nicht gesagt – das Ding ist so nützlich wie ein Kropf!“, triumphiert Tam, der meistens immer alles besser weiß.
Da der – einige Male wiederholte - Test keine weiteren Ergebnisse zeigt, aus denen man so etwas wie ein Pattern, also ein regelmäßig wiederkehrendes Verhaltensmuster von Frau Mücke ableiten kann, denkt Tam langsam daran, die Versuchsreihe abzubrechen und Frau Mücke ins „bessere Jenseits“ zu befördern. Ich lege aber ein gutes Wort für sie ein – schließlich hat sie uns als Versuchstier für unsere empirische Studie gedient. Schon dafür sollte man ihr das Leben schenken.
Ich möchte Frau Mücke daher beim Fenster hinausfliegen lassen, aber der Versuch misslingt. Sie entkommt und nimmt wieder ihren alten Platz an der Zimmerdecke im Schlafzimmer ein.
Tam aktiviert nun Stecker Nummer zwei. Frau Mücke wird also jetzt von zwei Seiten her „beschallt“. Und nimmt tatsächlich Reißaus. Zufall? Sie entfleucht in Richtung Badezimmer. Wahrscheinlich sucht sie ein offenes Fenster, das sie dort auch finden wird. Allseitiges happy end?
Es scheint fast so. Tam beschließt, nach all diesen Aufregungen ein Stündchen zu dösen, wie er das immer nennt. Ich gehe inzwischen weiter den diversen Verpflichtungen des Lebens nach.
Nach einer Stunde gesellt sich Tam wieder zu mir und dem Leben. Aber wie sieht er denn aus? Stirn und Wangen zieren unschöne rote Quaddeln, an deren Herkunft wohl kein Zweifel bestehen kann. Soll das der Dank von Frau Mücke gewesen sein, dass wir sie am Leben ließen? Nun ja, vielleicht war es ja auch ihre Schwester, Cousine oder Freundin, die sich todesmutig in mein Schlafzimmer gestürzt hat, in dem ganze Schwärme von Stechmückenmännchen auf sie warteten. Akustisch zumindest…
Vielleicht haben sich die Stechmücken ja inzwischen auch emanzipiert und schrecken sich nicht mehr so vor den Männchen.
Der Beweis, dass die Stecker absolut wirkungslos sind, ist jedenfalls erbracht. Zu spät beginnt Tam dem Gerät im Internet nachzuforschen und erfährt, dass sämtliche Konsumentenschützer die absolute Wirkungslosigkeit des Geräts bestätigen.
Wir haben also sozusagen 20 Euro zum Fenster hinausgeworfen. Ärgerlich. Dabei wäre die Idee doch so faszinierend gewesen!
Wie ciao-user „baerwurz“ zu seinem positiven Testergebnis über diese Stechmückenstecker gelangt ist, bleibt wohl ein Rätsel für sich.
Vor dem Schlafengehen stecke ich die Dinger endgültig aus. Denn sie riechen nicht nur irgendwie unangenehm, in der Stille der Nacht ist der Sound auch recht lästig. Und nachdem das Zeug ja eh nix nutzt…
Auf der Suche nach Prof. Weiland
Der Vollständigkeit halber sei noch anzumerken, dass eine 2-jährige Garantie auf dieses Gerät gewährt wird, wie in der beigepackten Gebrauchsanleitung zu lesen ist. Auf Nicht-Wirken wird sie aber höchstwahrscheinlich nicht gegeben werden. Leider.
Die Hersteller – eine Firma ISOTRONIC in 72160 Horb, Deutschland (wo immer das sein mag) – werben übrigens auf der Packung mit einer angeblichen „gutachterlichen Stellungnahme von Prof. Dr. W. Frank Weiland, Leiter des Fachgebiets Parasitologie der Uni Hohenheim“.
Die „Gebrauchseinweisung“ (sic) – ein der Packung beigefügtes 8-seitiges Hefterl in mehreren Sprachen – ist übrigens ein Witz. Und nicht einmal ein guter. Sie enthält in erster Linie nur Hinweise zu Umweltschutz bzw. Entsorgung, Sicherheit und Garantie, die sich übrigens ausschließlich auf Materialschäden oder Fabrikationsfehler (bei sachgerechter Verwendung) beschränkt.
Über die genaue Wirkungsweise erfahren wir leider so gut wie nichts. Es findet sich nur ein knapper Absatz unter „Produktbeschreibung“, in dem ich lese:
„Dieses zukunftsweisende Gerät stoppt Insektenstiche aus der Steckdose ohne Chemie.“
Da ich glücklicherweise noch nie einen Insektenstich aus einer Steckdose erleiden musste, kann das natürlich guten Gewissens versprochen werden…
Weiters heißt es dort: „Einfach in die Steckdose stecken und Ultra-Stichfrei ist betriebsbereit.“
Das stimmt – Einstellungen, Tonlautstärkeregelungen oder Ein- und Ausschalten können nicht vorgenommen werden. Das Ding kann nur in die Steckdose hineingesteckt und – zum „Abschalten“ wieder rausgezogen werden. That’s it.
Ach ja, eine „Erklärung“ findet sich noch in diesem erhellenden Absatz: „Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß (sic) nur weibliche, befruchtete Insekten den Menschen stechen, denn sie brauchen Blut zum Heranreifen ihrer Eier. Dieses Verhalten wurde erfolgreich von Prof. Dr. W. Frank Weiland, Leiter des Fachgebiets Parasitologie der Uni Hohenheim, nachgewiesen.“
Hm, nichts gegen die Kompetenz des ehrenwerten Parasitologen. Aber um zu der brisanten Erkenntnis zu kommen, dass „nur weibliche, befruchtete Insekten den Menschen stechen“, brauche ich keinen Universitätsprofessor – das weiß ohnehin so gut wie jeder. Abgesehen davon, dass der gute Mann als anerkannter Parasitologe diesen Satz, so, wie er hier steht, sicher nicht unterschrieben hätte. Denn es gibt selbstredend sehr wohl Insekten, die „den Menschen stechen“, die nicht nur weiblich und befruchtet sind. Wikipedia nennt eine ganze Reihe von ihnen – von einigen Schmetterlingsarten bis hin zu Läusen, Flöhen, Bremsen und Zecken (letztere werden im Allgemeinen auch zu Insekten gezählt, obwohl sie streng genommen eine eigene Tierart darstellen)…! Unter „blutsaugende Insekten“ nachzulesen. Manchen Insekten dient das Blut von Warmblütern durchaus auch als Nahrung und nicht nur für die Fortpflanzung.
Natürlich hab ich mir den Spaß gemacht und den Herrn Professor Weiland gegoogelt. Als Philologin fällt mir zu dem schönen alten Wort „weiland“ natürlich sofort seine synonymische Bedeutung „einst“ oder „damals“ ein - und lässt mich an den von Bob Dylan so eindrucksvoll gespielten „Alias“ in „Pat Garret und Billy the Kid“ denken, ohne das nun näher kommentieren zu wollen.
Über eine Kapazität wie den Leiter einer eigenen Fachrichtung an einer deutschen Uni müsste doch etwas zu finden sein, hab ich mir gedacht. Meist zeichnen sich arrivierte Universitätsprofessoren ja durch zahlreiche Publikationen, Vorträge, Symposien und andere Auftritte in der Öffentlichkeit unübersehbar aus.
Also gebe ich den Namen ein und dazu auch noch „Universität Hohenheim“. Und was finde ich? Unter „Prof. Dr. W. Frank Weiland“ gibt’s nur mickrige drei Einträge – und allesamt beziehen sie sich ausschließlich auf sein Gutachten in Bezug auf den Ultra-Stichfrei-Mückenstecker. Ein Eintrag findet sich bei „pro.idee“, wo der Stecker mit einem zusätzlichen Stromzugang versehen ist (um keine Steckdose zu blockieren) und 16,95 Euro kostet. Dabei befinden sich 3 Bewertungen von Kunden, die allesamt den Stecker zurückgeschickt haben, weil ihnen das – für Menschen angeblich kaum wahrnehmbare - Geräusch unerträglich erschien. Warum „pro.idee“ diese geschäftsschädigenden Bewertungen veröffentlicht hat, ist mir ebenfalls ein Rätsel…
Unter
http://www2.produktinfo.conrad.de/datenblaetter/600000-624999/618403-an-01-de-Ultra-Stichfrei.pdf
finde ich dann endlich das oft zitierte, berühmte Gutachten von Prof. Weiland. Es gibt es also wirklich.
Und was schreibt nun Prof. Weiland so? Dass das Gerät zwar irgendwie schon wirkt, aber für die Reaktion der Stechmückenweibchen eben keine Garantie übernommen werden kann, weil diese halt ganz unterschiedlich reagieren… und – etwa regional verschieden - auf diverse Tonhöhen ansprechen. Und dass letztlich die Wirksamkeit nicht ganz erforscht werden kann, weil es einfach zu viele Arten von Stechmücken gibt…
Was das wohl im Klartext heißt…?
Der Herr Professor regt in diesem Sinn an, Stecker in verschiedenen Tonhöhen zu erzeugen. Der imitierte Flügelschlag männlicher Wiener Stechmücken klingt also anders als jener von männlichen Stechmücken, die, sagen wir, Gelsenkirchen ihre Heimat nennen würden, falls sie dies kommunizieren könnten. Demnach müsste es also unterschiedliche Stecker für Wien und Gelsenkirchen geben. Aber auch dies wäre keine Garantie für stechfreie Sommernächte. Denn eine Stechmückenpopulation in den Wiener Praterauen kann durchaus andere Flügelschlaglaute hervorbringen als eine, die an der Donau residiert oder an einem Ziegelteich am Stadtrand. Zur Sicherheit wären also mehrere Stecker zu armieren, von denen jeder einen anderen Ton erzeugt.
Doch auch das wäre keine Garantie für die Wirksamkeit, da die Zahl der Stechmückenarten eben Legion ist und daher so gut wie nicht erforscht werden kann, welche sich von welchem Ton abschrecken lässt.
Studien amerikanischer Konsumentenschützer belegen - laut Internet - übrigens, dass selbst Stecker mit verschiedenen Tonarten keine Wirkung zeigen.
Interessanterweise warnt der Professor - im Gegensatz zu den Versprechungen der Hersteller – ausdrücklich vor der Verwendung des Steckers in Räumen, in denen sich Hunde aufhalten! Hunde können nämlich höhere Frequenzen hören als Menschen und sich durch die Töne des Steckers beeinträchtigt fühlen.
Voodoo gegen Stechmücken
Obwohl nach all diesen Fakten eine einigermaßen seriöse Wirkung dieses „chemiefreien“ Stechmückensteckers nicht entfernt angenommen werden kann, geistert das Produkt schon seit etwa 10 Jahren immer noch als „innovative“ Lösung gegen die Stechmückenplage durch Verkaufsregale und Internetshops – und begeistert gleichermaßen Gesundheitsbewusste, Buddhismus-Sympathisanten und Allergiker.
Als Germanistin ist mir natürlich die seltsame Sprache der „Gebrauchseinweisung“ sofort aufgefallen. Allein schon der Ausdruck „Gebrauchseinweisung“ spricht für sich… Einweisung mag zuweilen schon vonnöten sein – vor allem aber wohl für Leute, die sich ihren Wunderglauben an die Wirkung des Ultra-Stichfrei-Steckers trotz besserem Wissen bewahrt haben…
Auch sonst finden sich derart ungebräuchliche Redewendungen und Begriffe (Wir erinnern uns hier sicher gern an die „Insektenstiche aus der Steckdose“ oder „ein Ton, der weibliche und befruchtete Insekten vertreibt“ – als könne es befruchtete Insekten geben, die nicht weiblich sind…), dass ich mir sicher bin, es mit einer – sehr schlechten – Übersetzung zu tun zu haben, die außerdem auch noch in der alten Rechtschreibung („daß“) verfasst ist!
Jetzt wird es aber spannend. Wer schreibt eine „Gebrauchseinweisung“ für ein deutsches Gerät, das auch in Deutschland vertrieben wird, in einer Fremdsprache und warum?
Irgendwie bekommt dieses Ding für mich fast schon so etwas wie Kultstatus. Ist es nicht ein Symbol dafür, dass alles machbar ist – sogar das Vertreiben blutgieriger Stechmücken? Dieser unerschütterliche, kindliche Wunderglaube an die Wissenschaft hat fast etwas Rührendes. Was kann man uns unter dem Deckmantel der Wissenschaft wohl noch so alles einreden und verkaufen? Vielleicht ein Fensterputzmittel, das Vögel davon abhält, ihren Klacks auf das Glas zu werfen? Wandanstriche, die den Sauerstoffgehalt in der Raumluft erhöhen? (Davon hab ich tatsächlich schon gehört…) und Katzenfutter, das Katzen melodisch singen lässt…?
Wofür das Gerät bei der Erfindermesse eine Auszeichnung bekam, wurde übrigens nicht näher erläutert – vielleicht als nutzloseste Erfindung des Jahrzehnts?
Natürlich kann man damit auch Stechmücken bewerfen, erschlagen oder verjagen. Das geht aber mit herkömmlichen Fliegenklatschen sicher besser, würde ich einmal annehmen (mir fehlen dazu die Erfahrungswerte).
Es kann aber auch sein, dass der feste Glaube an die Wirkung dieses Placebos „Energieströme“ erzeugt, die Stechmücken abhalten. Wer weiß? Nachdem man seine Wünsche ja auch ans Universum schreiben kann, könnte man ja theoretisch auch ungebetene Gäste durch esoterische Willenskraft vom Eindringen abhalten. Da hab ich nun tatsächlich Erfahrungswerte. Ich hab einmal einen „Brief ans Universum“ geschrieben und um etwas – vergleichsweise Harmloses – gebeten. Doch das Universum hat meine Bitte nicht erhört. Meine Ameisen haben sich von einem entsprechenden Stopp-Schild auch nicht abhalten lassen. Vielleicht bin ich esoterisch eben leider zu wenig begabt.
Irgendwie drängt sich mir schon seit ich mit diesem Bericht befasst bin, das unschöne Wort Deppensteuer auf, die – nicht nur - ich entrichtet habe.
Mein gut gemeinter Rat daher an alle, die dieses absolut nutzlose Kultobjekt nach meinem Bericht nun unbedingt besitzen wollen: Freunde und –innen, bestellt bei pro.idee oder conrad. Nein, ich habe keinen Anteil an diesen Firmen und krieg auch keine Provision. Aber dort kann man das Ding wenigstens zurückschicken, wenn man es bei näherer Betrachtung doch nicht kultig genug findet, um es behalten zu wollen.
Bei „Zielpunkt“ sehe ich keine Chance, meine 20 Euro zurückzuerhalten. Und, Freunde und –innen, ich muss gestehen, dass ich doch sehr enttäuscht bin von „Zielpunkt“. Mein Vertrauen zur Seriosität dieses Diskonters ist nachhaltig erschüttert. Von einem seriösen Supermarkt hätte ich mir nämlich nicht erwartet, dass sie mir so ein nutzloses Gerät verkaufen. Was werden sie als Nächstes dort in Aktion anbieten – Heilmittelchen zur garantierten Verlängerungen gewisser männlicher Körperteile? Oder das ultimative Schlankheitsmittel, mit dem man in einem Monat mindestens 25 kg abnimmt? Vielleicht auch den wundertätigen Glücksstein, der das Leben seines Käufers sofort in eine permanente Erfolgsstory verwandelt?
Hofer hatte den berühmten Ultra Stichfrei übrigens auch im Angebot…
„Freuen Sie sich auf ruhige Sommernächte ohne Mückenstiche!“, verspricht pro.idee in seiner Beschreibung des Ultra Stichfrei.
Nach meiner äußerst unbefriedigenden Erfahrung damit und mangels eigener esoterischer Fähigkeiten, werde ich demnächst lieber die Voodoo-Priesterin meines Vertrauens um ein wirksames Zaubermittel gegen Mückenstiche bitten, das ich dann in meinem Schlafzimmer anbringen werde. Stay tuned. Ich werde berichten.
© DMK 5/09
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