Psychiatrie-Roman aus verschiedenen Blickwinkeln
09.07.2000
Pro:
Vergeßt die Einträge von "Stil" bis "Spannung",
Kontra:
denn das Wesentliche steht in der Meinung .
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 nightonearth
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:107
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 13 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Rainald Goetz, der bereits mit 25 Jahren Medizin- und Geschichtsstudium beendet hatte, läßt in diesen Roman seine Erfahrungen mit der Psychiatrie einfließen. Diese Erfahrungen rühren aus Perspektiven, durch die die Institution Psychiatrie unterschiedlichste Wertungen erfährt, und die selten ein und derselbe Autor verbinden kann. Eine Zeit lang arbeitete er selbst als Psychiater in Berlin. Außerdem ist Goetz ein Nachtschwärmer, für den es wohl nicht möglich wäre, in Berlin zu leben ohne Streifzüge durch Clubs und Tanzschuppen (dafür gibt es hier, in "Abfall für alle", "Dekonspiratione", "Rave" und seinen Interviews ständig Anhaltspunkte). So wertschätzt er also auch soziale Umgebungen, die ohne Verrücktheiten und ohne irrationales Handeln und sich treiben lassen vom Augenblick gar nicht existieren würden. Das ist der absolute Gegensatz zu den Kategorien, in denen er als Psychiater denken mußte und das ist das Thema dieses Romans. Der Roman besteht aus drei Teilen mit sehr unterschiedlichem Erzählstil. Nur der zweite hat eine durchgehende, auf den ersten Blick nachzuvollziehende Geschichte. Die übrigen beiden Teile bestehen aus Fragmenten, Dialogen, kurzen Geschichten, Bildern. Hauptfigur ist der Jungarzt Raspe. Frisch von der Uni, noch mit langen Haaren, den Kopf voll von den üblichen Vorsätzen eines Berufsanfängers, der sich für links-aufgeklärt hält, aber wenig Phantasie zur praktischen Umsetzung seiner "anderen" Ideen hat. Der sich recht unbedarft in die Psychiatrie, das Feindbild seiner Gesinnungsgenossen schlechthin, begibt. Sich wiederfindet in Situationen, in denen er handeln muß, in denen er mitmacht, weil nicht einfach da stehen kann und sich auch keine Verweigerung traut. Nach und nach wird er zum Mittäter an Methoden (z.B. Elektrokrampftherapie / Elektroschockbehandlung), die er eigentlich ablehnt. "Halt mal eben das Kabel, ja da hinten und bevor ich ihn das zweit Mal schocke, gib ihm doch noch was von dem Muskelrelaxans." Ich finde diese Situationen sehr treffend beschrieben. Raspe müßte zögern, sich verwehren, nachfragen, aber er läßt sich durch das Routinierte von psychiatrisch Tätigen einlullen. Er erfährt schmerzlich, daß ein ungutes Grundgefühl über psychiatrische Methoden in seiner Situation nicht ausreicht, um selber irgendwas anders oder besser zu machen. In diese Rahmenhandlung flicht Goetz Geschichten, Dialoge, innere Monologe von/über Psychiatriepatienten, Psychiatern, Partyfeiernden, Betrunkenen und Bekifften. Glänzend in Erinnerung ist mir z.B. der innere Monolog eines Mannes mit Zählzwang. Goetz fühlt sich bei der Beschreibung so distanzlos in seine Denkvorgänge ein, daß der Leser davon abgehalten wird, den Mann in eine diagnostische Schublade zu packen. Stattdessen läßt man sich ein auf das in sich stimmige Denksystem eines Menschen, der ohne Behandlung oder Betreuung vor lauter Zählen wahrscheinlich verdursten und verhungern würde."Ey Klausää, bist Du noch im Raff" "Klaro, volles Raff" "Alle Kraft voraus würde ich sagen, leg doch mal so eine Knistertüte nach" "Aber das Ruder nicht zu weit rumreißen, auch wenn das Bier warm wird" – Dialog von zwei Bekifften (sinngemäß, nicht wörtlich zitiert), der sich im Original von Goetz beschrieben noch viel verrückter liest. Für mich ist dieses Buch eine sehr wertvolle Auseinandersetzung mit der Psychiatrie. Wer beim Lesen das Gefühl braucht, alles zu verstehen, dem wird es zu anstrengend sein. In den fragmentarischen Teilen weiß man oft überhaupt nicht, worum es geht, aus welcher Perspektive gerade gesprochen wird. Das erhöht aber ungemein den Reiz, da es Goetz ja gerade um die Unmöglichkeit klarer Grenzziehungen zwischen "normal" und "verrückt" geht. Hier bekommt man meiner Meinung nach wesentlich bessere Einblicke in die Berufspraxis von Psychiatern und anderen Medizinern als durch Samuel Shems Bestseller "House of God" oder "Mount Misery", die ausschließlich aus der Perspektive von jungen Ärzten geschrieben werden.Suhrkamp Taschenbuch, DM 18,90
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Irre - Goetz, Rainald
Buch, gebundene Ausgabe, 372 S., Roman, Beilagen: Lesebndchen, Erschienen: 2008
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2008, 372 Seiten, mit Schwarz-Weiß-Abbildungen, Maße: 12,2 x 18,4 cm, Gebunden, ...
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10.03.2005 14:27
Als ehemaliger Patient einer Ballerburg schliesse ich mich roepkes Kommentar an, was die Verhältnisse "drinnen" angeht. Das Buch von Goetz ist trotzdem glänzend, geanu wie deine Rezension.
01.09.2000 18:46
Also ich habe das Buch zwei oder dreimal gelesen und hätte es nicht besser zusammenfassen können! Nur eine Anmerkung: Goetz beschreibt hier die Psychiatrie der Spätsiebziger Jahre, ganz so schlimm wie damals ist sie heute nicht mehr(allerdings immer noch schlimm genug). Warum sich Goetz am Ende des Buches, wenn er schon in seinen inzwischen typischen Jargon verfällt, mit alten Säcken wie Enzensberger messen will, habe ich allerdings nie verstanden.
13.08.2000 05:54
Danke für den hilfreichen Kommentar! Schließlich ist es hier mein Anspruch, aus meiner Perspektive heraus für alle Interessierten zu schreiben.