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Der Koran und der Islam (Tunesien, Teil VI)

5  08.03.2002

Pro:
So viel Unterschied ist da nicht, er ist faszinierend

Kontra:
man muss sich viel damit beschäftigen, um ihn zu verstehen, aber bei welcher Religion ist das nicht so?

Empfehlenswert: Ja 

supervizor1

Über sich: Wohin soll ich mich wenden, Wenn Gram und Schmerz mich drücken ? Wem künd' ich mein Entzücken, We...

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Fortsetzung (Tunesien Teil VI, Schwerpunkt: Der Glaube)
Der Koran und der Islam – oder wie lebt man damit in Tunesien:

Ich habe mich in den letzten Monaten viel mit dem Koran beschäftigt. Das alles darzustellen, wäre ein eigener weiterer Bericht (wobei der jetzige wohl schon zig Mal geteilt werden muss). Aber es gibt Dinge über den Islam und den Koran, die man einfach wissen sollte, wenn man nach Tunesien fährt.

A.Die 5 Säulen des Islam

1. Die erste und wohl wichtigste Säule ist das Glaubensbekenntnis eines jeden Moslem(schahada).
„Es gibt nur einen Gott, Allah und Mohammed ist sein Prophet“ (Origianl in Lautschrift: La-ilaha il-lal-lah Moham-med-ar rasu-lal-lah). Ich habe einmal gelesen, dass man um zum Islam überzutreten nur unter der Dusche ein „Allah vergib mir“ sprechen muss und danach die Worte in Anführungszeichen. Ob das so stimmt, weiß ich allerdings nicht definitiv, irgendwann werde ich es aber genau wissen und updaten. Auf alle Fälle ist man Moslem und man bleibt es sein Leben lang. Islam bedeutet Hingabe, Demut, Unterwürfigkeit vor dem Herrn. Was mich fasziniert ist, dass es im Islam zwischen Allah und einem selbst niemanden mehr gibt. Keinen Stellvertreter Gottes auf Erden etc. Man tritt im Gebet in direkten Kontakt, ohne Pfarrer, Beichte etc. Allah selbst hat 99 Namen, also eigentlich sind es 99 Attribute, die ihm zugeschrieben werden. Darunter auch der Barmherzige, was eine wichtige Rolle spielt, denn vergeben kann Dir im Islam nur Gott selbst aus seiner Güte heraus. Der Immam ist kein Vertreter Gottes auf Erden oder so, sondern eher so etwas wie die Schriftgelehrten im Judentum. Am Freitag (der „heilige“ Tag ähnlich wie bei uns Sonntag) erklärt er beim großen Freitagsgebet den Koran und den Hadith. Der Hadith ist eine Sammlung der Dinge, die Mohammed getan oder sonst gesagt haben soll, eine Art Ergänzung zum Koran, also keine „heilige Schrift“ wie der Koran, aber doch traditionell überliefert. Ich selbst habe noch keinen hier gefunden, aber wenn ich ganz mit dem Koran durch bin, schaue ich mir das mal an.

2. Das rituelle Gebet (salat), 5 Mal am Tag.
Der Muezzin ruft dazu vom Minarett aus (mit Megaphonen, die angeschlossen sind an eine Lautsprecheranlage). Die fünf täglichen Gebetszeiten sind:
a) Fadschr, zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang
b) Zuhr, mittags, wenn die Sonne den Höhepunkt ihrer Laufbahn überschritten hat
c) Asr, in der Mitte zwischen 2 und 4
d) Mahgrib, einige Minuten nach Sonnenuntergang und
e) Ischa, wenn die Nacht angebrochen ist (Quelle der Zeiten: Lexikon des Islam)

Was ich so hart daran finde, ist dass der Muezzin jetzt im Februar so um 5.45 Uhr zum Gebet rief, aber es war auch Winter. Ich habe mich gefragt, wie man es im Sommer aushalten kann, insbesondere zwischen Ischa und Fadschr dürften da ja nur ein paar Stunden liegen. Mundschi hat mir erklärt, dass der Islam ein Glaube für die Menschen ist, der vieles erleichtert und eben nicht so dogmatisch sieht. So könne man, wenn man keine Zeit habe oder wenn man arbeite zum Beispiel alle 5 Gebete zusammenfassen. Man habe also in keinem Fall eine Ausrede, um nicht zu beten.
Was vor dem Gebet wichtig ist, ist wouthou, die Reinigung, bevor man vor seinen Allah tritt, um mit ihm zu sprechen. Hierfür gibt es in den Moscheen spezielle Vorrichtungen, aber leider habe ich nur die Wasserbecher am Eingang sehen können, da Nicht-Gläubige eine Moschee nicht betreten dürfen.
In jedem Fall wird im Koran genau vorgschrieben, wie eine dieser Reinigungen zu erfolgen hat: „..bevor ihr Euch zum Gebet anschickt, wascht euer Gesicht, eure Hände bis zum Ellbogen, reibt eure Köpfe feucht ab, und reinigt eure Füße bis zu den Knöcheln hinauf; habt ihr euch durch Beischlaf verunreinigt, so wascht euch ganz....“(Auszug aus dem Koran, Sure 5, Vers 7).

Die Gebete haben ein festgelegtes Ritual mit verschiedenen Gebetshaltungen. Wenn das jemand detailliert interessiert, dann kann ich das nachliefern. Auf jeden Fall bildet eine Abfolge der bestimmten Körperhaltungen jeweils ein Rakat. Je nachdem, welches Gebet es ist, sind eine bestimmte Anzahl von Rakats vorgeschrieben (als Minimum).

Der Gebetsort muss sauber sein. Statt Teppich tut es auch eine Decke. Die Moschee in Kairouan hat viele Teppiche, die von reicheren Moslems gespendet wurden, für die Moscheegänger, die sich keinen Teppich leisten können. Dennoch bringen auch viele ihre Teppiche in die Moschee mit. Aber der Ort muss nicht die Moschee sein. Wichtiger ist die kibla (die Gebetsrichtung). Mein neigt sich nicht Richtung Osten (wie viele Touristen in Tunesien immer fragen), man neigt sich in Richtung der Kaaba in Mekka. Na gut von uns aus gesehen mag das ja grob der Osten sein. Von Tunesien aus auch. Aber die richtige Antwort ist eben: Richtung Mekka.

Der Gebetsruf der jedes Mal ertönt, wenn der Muezzin ruft:
Allahu akbar (Allah ist am größten, 3 Mal wiederholt, also 4 Mal), aschhadu allailaha illallah (Ich bekenne, dass es keinen Gott gibt außer Allah, 2 Mal), aschhadu anna mohammadar rasulullah (Ich bekenne, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist, 2 Mal), haja alassalah (Erhebe Dich zum Gottesdienst, 2 Mal), haja alalfalah (Erhebe dich zum Wohlergehen, 2 Mal), allahu akbar (Allah ist am größten, 2 Mal), la ilaha ilallah (Es gibt keinen Gott außer Allah).

Bei Beginn des Gebets wird in der stehenden Haltung gerne die erste Sure des Korans gebetet. Auch nicht-arabische Moslems müssen soviel Koransuren auf arabisch lernen, wie zur Verrichtung des Gebets notwendig sind. Ich werde die erste Sure nur anreißen, denn ich habe mir angewohnt, den ersten Satz immer dann zu beten, wenn ich beim Beten um etwas bitte. (Kann ja nicht schaden, wenn man seinen Gott in mehreren Sprachen um etwas bitten kann, oder?)
Nein im Ernst, ich bin keine Muslima, aber ich habe zum Beispiel im Urlaub fast nur English oder Arabisch gebetet, weil ich mich zu 99% in diesen Sprachen unterhalten habe. Da denkt man automatisch irgendwann in diesen Sprachen. Aber ich finde den ersten Satz der 1. Sure, die Al-Fathia heißt, so schön:

„Bismillahhir rahmanir rachim“ (Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen).

3. Der „zakat“ (Almosen)

Darüber habe ich mit Mundschi viel unterhalten. Weil mir nicht klar war, wie das in Tunesien abläuft. Es wird von ca. 1/40tel des Vermögens gesprochen, das man nach einem Jahr noch hat. Also 2, 5 % des eigenen Ersparten. In Tunesien wird der Zakat nicht vom Staat erhoben oder abgeführt, also keine „Kirchensteuer“. Nun dachte ich, den Zakat müsse man irgendwie an die Ärmsten vergeben, also die Bettler auf der Straße. Mir wurde erklärt, dass man da inzwischen schon genau hinschauen müsse, denn es gibt inzwischen Leute, die damit gut ihren Lebensunterhalt verdienen. Man müsse sich genau erkundigen, wo die wirklich Bedürftigen sind. Und dies könne man auch in der eigenen Familie finden, wenn man nicht mit ihr zusammen lebt. Man könne zum Beispiel die Eltern unterstützen oder den Mann der Schwester, der selber nicht genug hat, die eigene Familie vernünftig zu ernähren. Wenn ich mir die Familienstrukturen so anschaue, dann glaube ich, dass der meiste Zakat der Leute in die eigenen Familien fließt, weil wirklich kaum etwas vorhanden ist. Auch Freunde kann man unterstützen. Mundschi meinte auch, es würde nix bringen, die Leute per Gesetz zur Abgabe zu verpflichten, da Gott sowieso ein Zwangalmosen nicht annehmen würde. Wenn das die katholische Kirche nur auch mal so sehen würde. Ich wüsste mit Sicherheit ein paar sinnvollere Dinge mit dem Geld anzufangen, das mir die Kirche jährlich aus der Tasche zieht.

4. Fasten (saum) im Ramadan

Das ist etwas, das mir Sami auf meine Rückfrage im November kurz vor Beginn des Ramadan ganz lapidar erklärt hat: „Wir müssen beweisen, dass wir stark sein können“. Ramadan erweckt in mir eine Hochachtung vor jedem, der das wirklich durchzieht. Denn der strenge Ramadan bedeutet, dass man 30 Tage lang „fastet“. Fasten heißt hier nicht so wie das Heilfasten gar nichts essen, sondern bedeutet konkret: Man darf zweimal täglich etwas essen bis man satt ist (also nicht die Völlerei, die dem Ramadan nachgesagt wird und die vielleicht auch manche daraus machen), vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang (wenn man einen weißen nicht mehr von einem schwarzen Faden unterscheiden kann). Das gilt auch für das Trinken, wobei im Ramadan komplett auf Alkohohl verzichtet wird (daran halten sich auch alle Leute, die sonst recht lax mit dem Koran umgehen und nicht in die Moschee gehen etc).
Tagsüber darf weder gegessen, noch getrunken werden (auch kein Wasser etc.). Und auch geschlechtlich Handlungen jeder Art sind 30 Tage lang während des Tageslichts tabu. Auch Tabak oder Schischa sind verboten. Sami meinte, ich müsse den Ramadan in Tunesien einmal miterleben, er sei etwas ganz besonderes, weil das Leben nachts statt fände. Nicht exzessiv, aber man würde nach dem Essen ins Kaffee gehen und dort durchquatschen, die Kaffees hätten alle geöffnet, es sei eben etwas ganz besonderes. Tagsüber versuchten die meisten Leute, das Leben etwas ruhiger angehen zu lassen, um nicht soviel Energie zu verbrauchen.
Also den ganzen Tag nix Essen, das hab ich auch schon mal gemacht. Aber dazu auch nichts trinken zu dürfen, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich würde am ersten Tag vermutlich einfach umkippen. Kinder und Kranke bzw. Schwangere sind vom Ramadan befreit.

Jetzt ist es aber so, dass Ramadan immer der neunte Monat eines islamischen Jahres ist. Letztes Jahr ging er von Mitte November bis Mitte Dezember. Da ein islamischer Monat aber nach dem Mond berechnet wird und mit Neumond beginnt, so verschiebt sich der Ramadan jedes Jahr, wie auch das anschließende große 3-tägige Fest Aid el Filtr (Fest des Fastenbrechens).

Das heißt, Ramadan gibt es auch im Sommer, in dem die Tage lang und heiß sind. Wenn ich mir dann vorstelle, dass ich als Moslem in einem Hotel z.B. an der Poolbar arbeiten müsste, ich glaube ich würde verrückt werden. Deswegen Hut ab vor allen, die den Ramadan bestehen. Ich zolle dem meinen größten Respekt.

5. Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka

Jeder gesunde erwachsene Muslim muss wenigstens einmal in seinem Leben nach Mekka pilgern, wenn er es sich leisten kann. Meine Freundin und ich waren nun genau zu einer Zeit in Tunesien, als der Dhul Hidscha, der Pilgermonat begann. Wir konnten im Fernsehen mitverfolgen, wie tausend (eher hunderttausende) von Pilgern in ihren weißen Gewändern in Mekka vor der Kaaba standen. Ich dachte mir immer, dass man die Pilgerfahrt machen könne, wie man wolle (also Zeitraum etc.), aber das geht wirklich nur in dem Monat und verläuft nach einem bestimmten Ritus (den ich bei Interesse auch nachliefern kann). Mundschi erklärte mir, dass jedes muslimische Land einen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung an Pilgern stellen darf. Organisiert wird das ganze über die Regierung und in Tunesien kostet der Spass bei einer Wartezeit von mehreren Jahren ca. 6000 Dinar. Ich war schockiert über den Preis, da ein Flug nach Saudi-Arabien ja wohl keine 6000 Dinar kosten würde, die Pilger aber kaum etwas essen dürfen und auch in keinem Hotel übernachten etc.
Wofür die 6000 Dinar erfragte ich also. Das meiste stecken die tunesische und die saudi-arabische Regierung ein. Nun, daraufhin entstand dann die oben erwähnte Diskussion über die Finanzierung von Studenten. Aber was solls, es ist ja überall das Gleiche. Wenn ich mir anschau, was so ein Ausflug nach Rom zu einer Heiligsprechung kostet. Da verdienen auch alle saftig mit. Das Geschäft mit Gläubigen auf der ganzen Welt ist ein blühendes, das nie aussterben wird.

Für Tunesientouristen ist bezüglich der Hadsch eines interessant: In diversen Reiseführern steht beschrieben, dass viele Tunesier glauben, Kairouan sei eine Art Mekka für Arme und sieben Mal Kairouan würde eine Hadsch ersetzen. Sagen Sie das bloß nie zu einem gläubigen, tunesischen Reiseleiter. Unserer in Kairouan war ja sehr nett und geduldig, aber bei 2 Sachen ist er ausgeflippt. Als ich ihn fragte, ob das stimme, was im Reiseführer über 7 Mal Kairouan stehe, und als ein englisches Pärchen behauptete, dass alle Säulen der Moschee in Europa geklaut wurden. Mann war der wütend. Also lieber bleiben lassen.

B. Der Koran – Worte aus dem Munde Allahs?

Als ich begann den Koran zu lesen hat er mich fasziniert und gleichzeitig abgestossen. Es sind viel Dinge darin beschrieben, die ich schon von frühester Kindheit an kenne (die Bibel war mein Lieblingsmärchenbuch). Nun bin ich persönlich der Meinung, dass sich mein Glaube nicht so sehr vom Islam unterscheidet. Aber ich war auch schon immer ein leidenschaftlicher Verfechter und Fan der Ringparabel aus „Nathan der Weise von Lessing“.
Für alle, die sie nicht kennen, eine Kurzkurzzusammenfassung: Es geht darum, dass ein Mann einen Ring besaß, der die Gabe hatte seinen Besitzer vor Gott und den Menschen gut zu machen. Diesen Ring gab nun der Mann an seinem Sterbebett an seinen Sohn weiter und der solle ihn immer an seinen Sohn bzw. an seinen liebsten Sohn weitergeben, damit die Gabe in der Familie bliebe. Haus und Hof gingen dabei auch an den Ringbesitzer über. So ging das eine Zeit lang bis der Ring an einen Mann kam, der 3 Söhne hatte, die er alle gleich liebte. Und als er merkte, dass es ans Sterben ging, so konnte er sich nicht dafür entscheiden, welchen er am meisten liebte und ließ 2 originalgetreue Kopien des Ringes anfertigen. Auf dem Sterbebett rief er nun jeden seiner Söhne einzeln hinein, sich zu verabschieden und er gab jedem den Ring mit der Versicherung, dass er ihn am liebsten hätte.
Als er tot war, kam jeder der drei Söhne mit dem Ring und forderte sein Recht als "liebster Sohn" ein. Und das ging sogar vor den Richter.
Es war ein weiser Richter, denn er erkundigte sich genau nach den Fähigkeiten des Ringes. Als er mitbekam, dass der Ring die Gabe hätte vor Gott und den Menschen gut zu machen, sprach er: "Wenn der Ring diese Gabe besitzt, so sagt mir, wen von Euch haben die beiden anderen am liebsten? Was Ihr wisst keine Antwort, dann habt Ihr alle drei den falschen Ring und der richtige ist vielleicht verloren gegangen". Die 3 Brüder protestierten und so sprach der Richter weiter: "Nun denn, so betrachte jeder seinen Ring als den wahren und gebt diesen Ring an Eure Kinder und Kindeskinder weiter und wetteifert im Guten. Und in vielen hundert Jahren wird ein anderer Richter hier auf meinem Stuhle sitzen, der darüber befinden kann, welcher Ring denn nun der richtige ist" (freie Zusammenfassung der Ringparabel, Lessing möge mir verzeihen). Nathan, der Weise hatte diese Geschichte dem Sultan Saladin auf die Frage hin erzählt, welche Religion denn nun die richtige sei, Islam, Judentum oder das Christentum.

Was mir schon damals anhand dieser Parabel klar wurde, war dass es hier nicht darum geht, wer die bessere oder richtige Religion hat. Denn alle drei glauben an einen Gott (wenn sie denn glauben; ich möchte hier keinem Atheisten auf die Füße steigen), ob er nun Allah, Jahwe oder Gott heißt. Es gibt Unterschiede in den Religionen und Traditionen, aber das Prinzip ist das selbe.

Der Koran enthält viele Passagen aus der Bibel, erkennt sämtliche großen Figuren aus dem alten Testament an, wie Abraham, Moses, Lot, Jonas, aber auch Jesus, nur eben nicht als Sohn Gottes, sondern als den letzten großen Propheten vor Mohammed. Das hat mich am Anfang ein wenig irritiert, aber ich kann es inzwischen sogar ein wenig nachvollziehen, da im Koran immer wieder die Rede davon ist, dass Gott seinen Sohn gezeugt habe und dass Jesus selbst so bescheiden war, dass er sich nie als Sohn Gottes bezeichnet hätte.
Was ich so herausgelesen habe ist, dass die unbefleckte Empfängnis Marias durch den heiligen Geist nicht angezweifelt wird, was sich aber mit dem Zeugungsakt, der ja an sich ein sehr weltlicher ist (auch wenn das über den Heiligen Geist hätte erfolgen sollen), nach islamischem Verständnis einfach nicht verträgt. In den Darstellungen wird darauf eingegangen, dass wenn Allah nicht will, er dein Herz verhärtet und Du nichts dagegen machen kannst. Und dennoch soll man sich immer bemühen, "Gottesdienst" zu leisten, denn Gott ist auch gnädig und barmherzig.

Aber ich will nicht zu sehr auf Glaubenssätzen rumreiten, sondern noch ein wenig betrachten, was der Koran so für das tägliche Leben vorschreibt.

Essen und Getränke:
Das mit dem Alkohol hatten wir schon. Was an Lebensmitteln absolut verboten ist, ist "Krepiertes, Blut, Schweinefleisch und das, worüber ein anderer Name als der Allahs (beim Schlachten) ausgerufen ward; das Erwürgte, das Erschlagene, das durch Sturz oder Hörnerstoß Umgekommene, das von reißenden Tieren Gefressene, außer dem, was ihr reinigt, und das auf (Götzen-) Steinen Geschlachtete" (Sure 5, Vers 3).
Liest man dies, so versteht man auch die Notwendigkeit des "Schächtens". Die Diskussion ist aufgrund des jüngsten Gerichtsurteils, der muslimischen Metzgern in Deutschland das Schächten wieder erlaubt, wieder ganz aktuell. Schächten bedeutet, ein Tier durch einen bestimmten Schnitt durch den Hals zu töten und ausbluten zu lassen. Dabei wird "der Name Allahs darüber ausgerufen".

Man kann als Tierschützer eine Meinung darüber haben, für mich zählte bei dem Gerichtsurteil nur eins, der Gleichheitsgrundsatz für die Religionsausübung. Denn den Juden ist das Schächten in Deutschland erlaubt gewesen, also dann bitteschön auch den Muslimen. Man mag darüber streiten, ob es tierfreundlicher oder -feindlicher ist als die Massenschlachtungen, die bei uns mit dem Bolzenschuss durchgeführt werden, auf dem Fließband. Ich habe mir dazu keine abschließende Meinung gebildet, wobei ich einmal gelesen habe, dass Verbluten für einen Menschen einen sanften Tod bedeutet, weil man einfach einschläft, je mehr Blut der Körper verliert. Vielleicht ist das bei Tieren auch so? Ich weiß es nicht.
Was das Schweinefleisch angeht, so habe ich in Tunesien niemanden getroffen, der es schon einmal probiert hat. Ich habe mich mit Sami darüber unterhalten, weil ich ihm erzählt habe, dass er es in Bayern mit dem Essen wahrscheinlich nicht leicht haben würde, weil es hier sehr viel Schwein zu essen gibt. Ich habe es noch nie probiert, meinte er daraufhin. Auch sonst habe ich niemanden gefunden (hätt mich halt interessiert, weil die anderen Sachen nicht so eingehalten werden).
Wildschwein ist übrigens die Ausnahme, das ist erlaubt. Aber Sami und Walid mochten es beide nicht.
Was im Koran als positives Nahrungsmittel, ja als Medizin angesehen wird, ist der Honig. "Aus ihren Leibern kommt ein Trank verschieden an Farbe, in dem eine Arznei ist für Menschen. Siehe, hierin ist wahrlich ein Zeichen für nachdenkende Menschen" (Sure 16, Vers 69).

Das Betreten einer Wohnung:
Eine fremde Wohnung oder ein fremdes Haus darf man nicht betreten, wenn man nicht eingelassen wurde oder von drinnen zum Eintreten aufgefordert wird. Man klopft einmal ("ich bin da"), zweimal ("ich warte noch"), dreimal ("ich bin schon wieder weg"). So hat Mundschi es mir erklärt.
Auf meine Frage hin, warum denn hier niemand die Schuhe ausziehen würde, ich hätte gedacht, das sei religiöse Vorschrift, erzählte mir Mundschi, dass dies nichts mit Religion, sondern etwas mit Hygiene zu tun hätte. Auch für die Moschee gelte das, da man den Platz an dem man betet nicht verunreinigen möchte. Daher müsse man die Schuhe nur vor der Moschee ausziehen, nicht aber vor der Wohnungstür.
„Und wenn ihr in ein Haus tretet, so begrüßet einander mit einem Gruß von Allah, einem gesegneten, guten...“(Sure 24, Vers 61). Ein „Salamaleikum“ ist also bei Betreten einer Wohnung oder eines Hauses angebracht. Man hört auch „Salam“ oder „Asslema“. Mir war nie so recht klar, wann man was gebraucht. Ich hab halt einfach nachgebappelt. Wobei Asslema mehr so unter gleichaltrigen verwendet wird, als salopper Gruß, ähnlich wie Servus.

Von Hunden und Katzen:
Katzen werden in Tunesien gemocht, insbesondere in Hammamet. Der Führer, der uns im Oktober durch die Medina geführt hat, hat uns eine nette Geschichte erzählt: „Hammamet (die Altstadt) hat 4000 Einwohner, 1000 Menschen und 3000 Katzen“. Und es stimmt wirklich, es gibt unglaublich viele Katzen in Hammamet. Und da ich eine echte Katzenmami bin (meinen die Katzen; aus Verantwortungsgefühl hab ich aber selbst keine, weil wir kaum zu Hause sind) hatte ich ganz oft zwei bis drei Miezen im Schlepptau, die ausgehungert waren nach Streicheleinheiten. Ansonsten sahen die Katzen weniger verhungert aus. Wir hatten im Hotel auch genügend. Eine war so putzig und so frech, die stellte sich auf zwei Beine, hielt sich mit einer Vorderpfote in mein Bein festgekrallt und versuchte mit der anderen meinen Teller runterzuziehen. Als ich ihr was zu Fressen gab erntete ich natürlich den bösen Blick des Kellners. Was solls? Ich habe vom Buffet auch süße Leckereien für die Freunde rausgeschmuggelt ohne erwischt zu werden.
Mit Hunden ist das etwas anderes im Islam. Im Hadith gibt es eine Geschichte, in der Mohammed auf den Besuch des Erzengels Gabriel gewartet haben soll (hat mir Mundschi erzählt). Nun war im Haus unter dem Sofa ein Hund versteckt, den niemand gesehen hatte. Und der Engel kam nicht. Als Mohammed den Hund entdeckt hatte, hinausgeworfen hatte und mit seiner Frau geschimpft hatte, weil er dachte, dass sie den Hund hereingelassen hatte, kam der Engel und sprach: „Ein Engel wird niemals ein Haus betreten, in dem ein Hund sich aufhält“. Hunde sind nur zu zwei Dingen erlaubt: Zur Jagd und zur Bewachung des Hauses. Aber draussen müssen sie bleiben. Ich habe auch nicht viele Hunde gesehen, obwohl mir Sami erzählte, dass es schon viele gäbe. Nun ja, auf meine Frage, warum Katzen, aber keine Hunde, meinte Mundschi: “Katzen sind rein und Hunde unrein“. Nunja, ich mag ja Katzen auch lieber, aber ehrlich gesagt, was die Reinheit angeht, sind mir Hunde in der Öffentlichkeit lieber. Hundekot sieht man wenigstens. Ich möchte keinen Kindersandkasten in München auf den Gehalt an Katzenkot überprüfen lassen, den man nicht sieht, weil ihn die Tierchen verbuddeln. Aber ist halt so in Hammamet.

Engel:
An Engel glaubt man im Islam, was ich persönlich sehr schön finde. Hierzu gibt es auch einen Koranvers: „Ein jeder hat vor sich und hinter sich (Engel), die einander ablösen und ihn behüten auf Allahs Geheiß“ (Sure 13, Vers 11). Engel kommen oft vor im Koran und irgendwie stellte keiner, den ich fragte, ihre Existenz in Frage. Mundschi ging sogar soweit, mir zu erzählen, dass die Hühner jedes Mal laut wurden, wenn ein Engel vorbei flöge. Eine nette Idee. Da ich selber nur zu oft in Situationen war, in denen ich einen Schutzengel hatte (manchmal wohl eher eine Legion), habe ich zu diesem Punkt nicht weiter nachgebohrt.

Geduld:
Geduld ist für mich ein heißes Eisen. Erstens bin ich selber nicht die Geduldigste. Und zweitens ist es für mich zwischen Geduld und Phlegma nur eine haarscharfe Gradwanderung. „Und du trage in Geduld. Und deine Geduld kommt nur von Allah. Und betrübe dich nicht über sie, und kümmere dich nicht über ihre Anschläge“ (Sure 16, Vers 127), um nur einen Vers über die Geduld zu nennen. Was habe ich mit Sami über dieses Thema diskutiert. Schon in den Chats und E-Mails vor dem Urlaub. Wie oft habe ich mich schon gefragt, ob ich diesem Menschen vielleicht nur aus diesem einen Grund begegnet bin: Um Geduld zu lernen. Aber diskutieren Sie einmal Geduld mit einem Arbeitslosen, der der Ansicht ist, man müsse nur Geduld haben, dann würde sich schon etwas finden. Das hat fast schon etwas fatalistisches. Insbesondere wenn es auf der anderen Seite an eben genau dieser Geduld fehlt, um Fehlschläge hinzunehmen und trotzdem nicht aufzugeben. „Ilahal lhayet“, so ist das Leben, kommt dann immer. Oder, „ich bin es gewohnt, zu leiden. Geduld heißt stark sein“. Was hab ich schon die Krise gekriegt, bei solchen Aussprüchen, wenn mal wieder eine Mail kam, die von einem Fehlschlag bezüglich des Studiums in Europa berichtete. Geduld heißt für mich nicht abwarten, sonder durchhalten, nicht aufgeben, allen Hindernissen zum Trotz es immer wieder versuchen, ob in Situationen oder mit Menschen.
Und Phlegma heißt, alles hinzunehmen, weil man schon aufgegeben hat oder keine Ziele mehr hat. Nun ja, was ich gelernt habe ist wirklich große Geduld, allein schon aufgrund der Tatsache, dass man in Hammamet, sobald man mit Einheimischen zusammen oder verabredet war, nichts schnell mal so machen konnte, sondern immer erst zumindest auf einen warten oder aber irgendetwas anderes vorher machen musste. Und wenn dann die Bank zu hatte? Illahal lhayet, morgen ist auch noch ein Tag. Nur Geduld.

Inchallah und Machallah:
Der Koran spricht von diesen beiden Dingen und sie begleiten eigentlich den Sprachgebrauch aller Muslime, nicht nur in Tunesien.
Wenn man etwas plant und darüber erzählt, was man tun wird, so kommt das obligatorische inchallah, so Gott will. Im Zusammenhang mit den Geduldsdiskussionen hatte mich das zunächst eher verrückt gemacht, aber ich ertappe mich dabei, dass es inzwischen in meinen Sprachgebrauch übergegangen ist.
Ich habe mich daran gewöhnt, und es ist wie ein kleines Gebet um den Schutz Allahs für eine bestimmte Unternehmung, die man plant.
Machallah bezeichnet etwas Schönes, so schön, wie Gott es schuf. Daneben soll es laut Koranerläuterung angeblich auch eine Formel gegen den bösen Blick sein, aber davon habe ich in der Praxis in Tunesien nichts mitbekommen. Vielleicht, weil ich keinen bösen Blick habe? Wer weiß. Immerhin habe ich ein keltisches Amulett in Form einer Hexe auf dem Mond um den Hals und eine Bankangestellte starrte einmal drauf und schüttelte dann den Kopf, um mir danach nie wieder in die Augen zu sehen (Aber machallah hat sie nicht gesagt).

Das Verhältnis zu Juden und Christen:
Das ist ein Phänomen im Koran, aus dem ich noch nicht ganz schlau geworden bin. Juden und Christen sind im Koran beschrieben als „die, denen die Schrift vor Euch gegeben ward“. Aber da gibt es wohl Unterschiede. Der Koran spricht an vielen Stellen davon, dass ein Gläubiger keine Freundschaft mit ihnen eingehen soll. Dann geht es doch wieder, dann wieder nicht. Dann darf ein gläubiger Muslim züchtige Jüdinnen und Christinnen (äh heißt das so?) heiraten. Das hat mich ein wenig verwirrt. Ich konnte das aber auch noch nicht abschließend diskutieren, weil ich die vielen Koranstellen dazu nicht parat hatte. Ich habe nur gehört, dass es bei den ganz strengen zwar erlaubt ist, dass ein Muslim eine Christin heiratet aber keinesfalls ein Christ eine Muslima, weil der Mann für den Glauben in der Familie verantwortlich ist.
Und es gibt eine Stelle im Koran (danke bb), die das Verhältnis sehr positiv beschreibt: „Wir gingen mit ihnen einen Bund ein, und wir gingen mit ihnen einen gewaltigen Bund ein“. Ich werde die Stelle raussuchen und wenn ich meine Recherchen zu dem Thema abgeschlossen habe, werde ich den Bericht updaten. In jedem Fall habe ich auf meine Aussage, dass Sami mit mir eigentlich gar nicht mit mir befreundet sein dürfe, folgende Antwort erhalten: „Quatsch, wo steht das?“. Also nehme ich an, dass ich wieder einmal etwas missverstanden habe.

Fortsetzung unter alles mit I (sorry auch hier hat Ciao die Hälfte weggeschnitten)
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silbertanne3

silbertanne3

26.10.2007 00:29

Guter Einblick in den Koran .... persönlich sehe ich keine Riesen-Unterschiede zwischen den drei Religionen Islam, Juden- und Christentum. Das einzige was mich stört, ist daß der Islam manchmal zu sehr andere Dingen kritisiert, anderes von vorneherein nicht akzeptiert. z.B. . er bewertet das Christentum durch die Brille ... von Mohammed im Koran. Logo, daß da was anderes herauskommen muss, die Bewertung anderer Religionen sehe ich nicht als Aufgabe des Islam an. . Aber immerhin wird Christus als Phrophet anerkannt und Mohammedaner kennen sich auch recht gut in christlichen Phrophezeihungen (Apokalypse usw.) aus, der Westen dagegen hat kaum Grundkenntnisse des Islam und Koran, obwohl viele Arbeitskollegen unterschiedlichen Glaubens jahrelang zusammenarbeiten ... LG

Sternchen555

Sternchen555

12.04.2005 19:49

es freut mich , dass du dich mit unserer religion beschäftigts und bravo für den guten Bericht.

EWARamon

EWARamon

18.04.2003 03:14

Puh, das war lang aber informativ. Guter Bericht. Mich persönlich stört, das Christen und andere Religionen als Ungläubige Bezeichnet werden, das finde ich sehr intolerant. Jetzt verstehe ich allerdings die Abneigung gegen Tiere im Haus, insbesondere Hunde. Mein Mann ist auch Moslem ich gehöre keiner Religion an, da wir beide aber diesbezüglich tolerant sind war das nie ein Thema, das mit den Haustieren aber teilweise schon. Ich mag keine Religionen, mir gefällt die Rollenverteilung nicht, insbesondere die Stellung des Mannes die über der der Frau ist. Das empfinde ich als diskriminierend.

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