Ist Deutschland ein kinderfeindliches Land?

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Ist Deutschland ein kinderfeindliches Land?

Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate in Europa, was sind die Gründe?

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Erfahrungsbericht über "Ist Deutschland ein kinderfeindliches Land?"

veröffentlicht 26.08.2011 | ClaraFall
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Vertrauende : 58
Über sich :
...versuche fleißig zu schreiben...
Sehr gut
Pro eigentlich ziemlich viele sehr gute Erfahrungen
Kontra die Möglichkeiten der Kinderbetreuung, die Erwartungshaltung einiger, so manche Eltern!
sehr hilfreich

"Alles eine Sache der Erwartungshaltung..."

+++ Intro +++

Ein Thema mal so ganz nach Claras Geschmack - und mit 2 Kindern darf ich ja auch richtig mitreden. ;-)
Zunächst einmal stellt sich mir hier allerdings die Frage: Wer oder was ist Deutschland?
Reden wir hier vom Staat? Von den Nachbarn Hinz und Kunz? Oder macht das am Ende eh keinen Unterschied?

Und dann gilt es aber natürlich endlich zu klären, ob dieses Deutschland denn wirklich ein Problem mit Kindern hat - oder Kinder Probleme mit Deutschland, oder ob sich da so mancher in seiner Anspruchshaltung nicht ein wenig verrannt hat. ;-)

+++ MEINE Alltagserfahrungen +++

Der Tag beginnt relaxt... Ich habe nämlich Urlaub. 8 Wochen Mutterschaftsurlaub, und Frau von der Leyen gibt mir den Rest des Kalenderjahres frei. Okay, was heißt schon „frei“:
Ich darf mich um meine Kinder kümmern und bekomme dafür sogar noch Geld - Elterngeld. Eine gute Idee, finde ich und schlürfe meinen O-Saft am Frühstückstisch...
Danach geht´s raus mit den Kids. Der Kinderwagen steht im Keller, der Nachbar bietet Hilfe an - dankeschön! :-)

Weitere Nachbarn treffe ich draußen: Glückwunsch zum Nachwuchs, wie´s denn so ginge... Von Kinderfeindlichkeit keine Spur, viele freuen sich mit uns.

Kurzer Gutelaunedämpfer dann an der U-Bahn: Die Wechselrolltreppe will nicht so recht in die gleiche Richtung wie ich - blöd mit Kinderwagen, doch auch hier:
Schnell bieten sich Fremde zum Tragenhelfen an - und wieder: Dankeschön!

In der U-Bahn wird meiner Kleinen ein Sitzplatz angeboten - ich nehme dankend an, so mancher Fahrer hier in München hat ein leicht nervöses Anfahr-/Bremsverhalten. ;-)

Der Metzger um´s Eck hat grundsätzlich eine Scheibe „Gelbwurscht“ für die Kleine parat, an guten Tagen sahnt sie sogar ein Wienerle ab. ;-)

Der Apotheker lockt mit Traubenzuckerbonbons, die Ärztin mit Luftballons, nie gab es mehr Geschäfte und Restaurants mit Kinderstühlen, Kindermenüs und Wickeltischen / Wickelräumen als heute...

Wie schlimm steht es also wirklich um das Land mit der niedrigsten Geburtenrate Europas?
Wer ist Schuld? Überlegen wir mal... ;-)

+++ Die Geburtenrate in Deutschland +++

Zugegeben, ich habe die genauen Zahlen gerade nicht im Kopf, aber schön schaut´s wohl nicht aus. Selten bis nie gab es so wenig Nachwuchs wie heute...
Aber woran liegt´s? Selten gab es schließlich auch so viel Unterstützung für den deutschen Nachwuchs.
Neben Elterngeld und Elternzeit (auch für Väter :-) ) lockt der Staat schließlich auch noch mit Kindergeld und diversen Unterstützungen und Starthilfen für Wenig- oder Nichtverdiener...

Dagegen stellt sich jedoch leider auch die Sorge um die Zukunft, die Zunahme befristeter Arbeitsverträge oder solchen im sogenannten Niedriglohnsektor, der eine Ernährung einer Familie zu einer echten Zitterpartie macht...

Eine weitere Komponente, die ich zumindest einmal angestoßen haben möchte ist die Sache mit der Anspruchshaltung der heutigen „jungen Erwachsenen“:
Kinder sind „Luxus“. Kinder kosten Geld, dass viele heutzutage einfach nicht missen möchten für 2 Jahresurlaube (Sommer und Winter, Fernziele selbstverständlich ;-) ), 2 Autos, möglichst 2 Smartphones mit Birnensymbol (oder wie war das? ;-) ) und ähnlichem Luxus. Einige in meinem Alter (okay, die haben auch noch Zeit, Clärchen ist ja erst 28 Lenze jung ;-) ) kriegen in Gesprächen das kalte Grausen bei dem Gedanken an Verzicht - man / frau ist verwöhnt wie keine Generation zuvor...

+++ Eine Frage der Anspruchshaltung +++

Wenn man zu einer Antwort auf o.g. Frage kommen will, muss man sich als Elternteil doch erst einmal fragen:
WAS ERWARTE ICH VON MEINEN MITMENSCHEN, VON DER GESELLSCHAFT, VOM STAAT.
Und hier kribbelt´s mir dann so richtig in den Fingern, weil mich hier viele Sachen ärgern...

1. Es gab mal eine Zeit, in der ist der Vater arbeiten gegangen (in späteren Generationen dann auch beide) um sich und seine Familie ernähren zu können.
Jede Familie war für sich selbst verantwortlich, kaum jemand wäre auf die Idee gekommen mehr Kinder auf die Welt zu bringen als er selbst anständig durchbringen, ernähren, erziehen kann...
DANN kamen nach und nach Unterstützungen... Es stellte sich heraus, dass nicht immer genug für die Familie, gerade für die Kinder da war. Unterstützungen wurden geschaffen für solche, die Hilfe brauchen, gerade finanziell...
Das Kindergeld kam und einkommensschwachen oder einkommenslosen Familien wurden zusätzliche Hilfen geboten... Erstausstattungsgeld, mehr Wohnraum, Kindergeld, mehr Sozialhilfe etc. pp.

Und für alle Familien kam Anfang 2007 nun auch zusätzlich das Elterngeld.
Man sollte also meinen, den deutschen Familien sollte die Sonne aus dem Popo scheinen, aber weit gefehlt...
Ich habe selten soviel Geschrei und Geschimpf auf den Staat gehört wie in den letzten Jahren.
Traurig, aber leider nicht gelogen: Die, die am lautesten brüllten sind die, die sich ohne jedes eigene Einkommen dann doch immer mal wieder zu noch einem weiteren Kind entschieden haben. Komisch aber wahr.
Die Ansprüche und Wünsche an den Staat kannten dabei eigentlich kaum Grenzen, die eigene Bereitschaft dagegen schon... Denn was brächte es denn schon, wenn der 400€-Job dann ja doch wieder voll angerechnet wird... Bleibt ja eh nix... Hm, ja so geht´s natürlich auch. ;-) Also lieber noch eins, das „bringt“ dann immerhin 184€, ab dem 3. sogar noch mehr.
Meine Lieblingsgeschichte ist immernoch die der „Bekannten“, die sich vom Erstausstattungsgeld ihrer zu erwartenden Tochter Haarextensions hat machen lassen - das lasse ich mal kommentarlos stehen. :-(

2. Die (Kinder-) Freundlichkeit / Menschlichkeit, die ich von meinen Mitmenschen einfordere:
Wenn ich mir manche Eltern / Kinder so anschaue, fällt selbst mir, die ja auch 2 Kinder hat, das sehr, sehr schwer. ;-)
Bin ICH am Ende vielleicht sogar kinderfeindlich?
Und wieder Alltagserlebnisse:
--> In der Apotheke räumt ein Kleinkind in aller Ruhe den sorgfältig von der Apothekerin eingeräumten Aktionsständer aus, immer schön auf den Boden, Mami steht an der Kasse, grinst - ach ja, die lieben Kleinen... So sind Kinder halt...
--> Im Discounter meines Vertrauens ;-) : Gebrüll und Geschrei an der Kasse weil Mami ihren Dreikäsehoch nicht krisenfrei durch die Quängelzone mit Ü-Ei und sonstigem Kleinkram geschleust kriegt... Mein Lieblingsszenario ist hier übrigens die entnervt und peinlich berührt einknickende Mama, die schnell ein, zwei Ü-Eier auf das Laufband schmeißt damit das Rot wieder aus ihrem Gesicht verschwindet (und aus dem des Sohnes ;-) ).
--> Was unter sonstiges läuft: Kinder im Kindergartenalter, die immernoch nicht gelernt haben dass man sich nach dem Toilettengang die Hände wäscht, in üblem Rotzton anderen Kindern und Erwachsenen gegenübertreten, mit 4 Jahren in der einen Hand den Schnuller, in der anderen die Cola halten, mit 4 Jahren ihren Nintendo DS zum Spieletag in den Kindergarten mitschleifen und vieles mehr...

Aber bin ich deshalb kinderfeindlich? ;-)
Keine Panik: NEIN. Die Halskrause, die Clara regelmäßig (inzwischen fast täglich) wächst gebührt selbstverständlich den ELTERN, die nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen oder ihnen auch nur annähernd die einfachsten Grundregeln menschlichen Miteinanders und Anstands nahezubringen.
DEN Eltern, die ihre Kinder ohne Bücher, ohne Geduld, ohne Freude, dafür mit jeder Menge Fertigfutter, Konsolen und DVDs großziehen...

Sind am Ende die Eltern also kinderfeindlich? Zumindest sind sie ihren eigenen Kindern bei der Erziehung manchmal am Ende keine große Hilfe mehr...

+++ Wenn wir über Probleme Deutschlands und seiner Kinderfreundlichkeit (?) reden wollen +++

Das große Problem der fehlenden Betreuungsangebote ist leider traurige Wahrheit und nicht über Nacht gewachsen...
Die Politik hat es lange verschlafen, sich um eine adäquate Betreuung unserer Kinder während der Arbeitszeit zu kümmern...
Natürlich, lange war es üblich, dass Mütter daheim blieben...
Vergessen sollte man dabei aber nicht, dass es auch die Zeiten waren, zu denen der Vater als Ernährer der Familie ein anständiges Gehalt verdiente, jenseits jedes Niedriglohnes, mit dem er auch in der Lage war, als Alleinverdiener die Familie zu versorgen...
Heute bleibt es den wenigsten Frauen erspart, ihren Teil zum Familieneinkommen beizusteuern. Dabei will ich nicht falsch verstanden werden: Ich finde es gut, dass beide arbeiten / verdienen etc.
Mein Problem ist damit ist, dass die Frau, die gezwungen ist, früh bzw. sehr früh ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen gar nicht die MÖGLICHKEIT hat, dies zu tun, da ihr kein Betreuungsplatz für das Kind / die Kinder zur Verfügung steht...
Fällt dann ein Gehalt für eine Zeit lang weg, schaut´s plötzlich ziemlich eng aus...

Bei uns sah die Sache damals so aus:
Bereits während der Schwangerschaft habe ich meine Tochter in mehr als 10 Krippen angemeldet in der Hoffnung, einen Betreuungsplatz zu ergattern.
Der ziemlich saftige und wahrscheinlich bundesweit konkurrenzlos teure Platz (480€/Monat für eine städtische Krippe) war trotzdem nahezu aussichtslos und es hagelte Absagen um Absagen...
Eine Zusage in letzter Minute ließ mich dann doch rechtzeitig wieder arbeiten, das Glück haben hier in München allerdings die wenigsten...
Dass es hierfür einen dicken Punkt Abzug hagelt in der Gesamtwertung versteht sich hoffentlich von selbst. ;-)

+++ Mein Fazit +++

Mit meinen Kindern habe ich, von besagtem Betreuungsproblem einmal abgesehen, eigentlich nahezu nur gute bis sehr gute Erfahrungen gemacht...
Ein bisschen Erziehung vorausgesetzt reagieren die meisten Menschen sehr positiv, freundlich und hilfsbereit auf die Kleinen.
Aber wie es eben so in den Wald hereinruft...
Manche Kids benehmen sich wie die Axt im Wald, und auch wenn der Dank dafür natürlich den Eltern gilt halte ich Geduld und Verständnis dafür über ein gewisses Maß hinaus für zuviel verlangt.

Mit dem Elterngeld, dem Kindergeld und einigen weiteren Unterstützungen für sozial Schwächere hat der Staat eine hilfreiche Basis geschaffen, die er durch fehlendes Engagement in Sachen Kinderbetreuung nicht wieder zerstören sollte - hier sollte schnellstmöglich angepackt werden.

Alles in allem kann ich mit 2 Kindern guten Gewissens behaupten, in einem kinderfreundlichen Land zu leben, auch wenn ich Vater Staat für die fehlenden Krippen einen dicken Stern abziehe. ;o)


Eure Clara

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • flubber veröffentlicht 06.09.2014
    LG :o)
  • spar_ass veröffentlicht 09.07.2012
    bh von der warteliste!
  • spar_ass veröffentlicht 07.05.2012
    ein bh für diesen bericht, den der ist es wirklich wert
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