*** Vorwort ***
„Ist der Kapitalismus noch zu retten?“, dieser Frage ist der große Nationalökonom Josef Alois Schumpeter schon in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg nachgegangen. Die Schumpeter Gesellschaft in Wien hielt 1992 ein Symposium zum Thema „Zukunft des Kapitalismus“ ab, wo Wissenschafter, Politiker und Unternehmer aus verschiedenen Ländern zu diesem (noch immer) aktuellen Thema referierten. Das Ergebnis dieser Veranstaltung, mit einigen Ergänzungen, wurde in der hier beschriebenen Publikation zusammengefasst.Ich selbst habe mir das Buch in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts gekauft (klingt so, als wäre das schon ewig her) und auch gelesen. Kaufmotivation waren neben dem Thema, primär die Beiträge von Schumpeter (ein Wiederabdruck) und von Matis.
*** Der Inhalt ***Wie beschrieben beinhaltet das Buch Beiträge vom Symposium und einen Beitrag von Josef A. Schumpeter aus dem Jahr 1936, „Kann der Kapitalismus überleben“, der in Lectures in Current Economic Problems, U.S. Dep. Of Agriculture, Washington, November 1936, erstveröffentlicht wurde.
Die Autoren:Ferdinand Lacina: (damals) Finanzminister der Republik Österreich
Joseph A. Schumpeter: Nationalökonom
Robert Heilbrunner: Ökonom, New School for Social Research, New York
Richard Swedberg: Soziologe, Universität Stockholm
Michael Landesmann: Ökonom, Universität Cambridge, England
Herbert Matis: Wirtschaftshistoriker, Wirtschaftsuniversität Wien
Dieter Stiefel: Wirtschaftshistoriker, Wirtschaftsuniversität Wien
Francis Fukuyama: Politologe, Washington
Manfred Prisching: Soziologe, Universität Graz
Ivan Szelenyi/Balazs Szelenyi: Soziologen, Akademie der Wissenschaften Budapest
Helmut H. Haschek: Generaldirektor der Österreichischen Kontrollbank
Denes Hunkar: Ungarischer Botschafter, Wien.
Inhaltsverzeichnis:Vorwort 7
Ferdinand Lacina „Zukunftsaufgaben der Sozialdemokratie“ 11
Joseph A. Schumpeter „Kann der Kapitalismus überleben?“ 19
Robert Heilbronner „Hatte Schumpeter doch recht?“ 39
Richard Swedberg „Kann der Kapitalismus weiterleben?“ 53
Michael Landesmann „Kapitalismus, Korporatismus und Demokratie“ 89
Herbert Matis „Der Unternehmer als Wirtschaftsführer. Das Unternehmerbild Joseph A. Schumpeters im Spiegelbild zeitgenössischer Elitetheorien“ 99
Dieter Stiefel „Die Ästhetik des Untergangs: Schumpeter und das Ende des Kapitalismus“ 125
Francis Fukuyama „Das Ende der Geschichte?“ 149
Manfred Prisching „Die Rationalität der modernen Demokratie – Schumpeters zeitgemäße Betrachtungen“ 183
Ivan Szelenyi / Balazs Szelenyi „Warum scheiterte der planwirtschaftliche Sozialismus?“ 249
Helmut H. Haschek „Die Zukunft der Ordnungssysteme in Zentraleuropa“ 273
Denes Hunkar „Die praktischen Probleme einer Übergangsgesellschaft“ 285
Obwohl sicherlich alle Themen ihre Berechtigung haben, so fand ich einfach einige Themen für mich interessanter und andere weniger. Deshalb möchte ich auf einige mehr oder weniger genau eingehen und andere mit der Benennung des Autors und des Titels belassen. Speziell Interessierte können die Beiträge sicherlich bereits mit diesen beiden Angaben für sich einordnen.
Ferdinand Lacina: „Zukunftsaufgaben der Sozialdemokratie“
Lacina findet in seinem Beitrag lobende Worte für seinen Amtsvorgänger Schumpeter (der in der 1. Republik, nach dem 1. Weltkrieg für einige Monate Finanzminister war). Er lobt ihn aber weniger wegen seiner Leistungen in diesem politischen Amt, sondern vielmehr für seine wissenschaftlichen Leistungen. „Eine besondere Beziehung zu Schumpeter schöpfte ich aber nicht nur aus diesen historischen Reminiszenzen, sondern auch aus der Beziehung, die mein Lehrer und Chef in der Wiener Arbeiterkammer, Eduard März, zu Schumpeter hatte. [...] Der junge Marxist März war von Schumpeter als Lehrer der Nationalökonomie außerordentlich beeindruckt, und diesen Eindruck teilte er einer ganzen Generation sozialdemokratischer Ökonomen mit.“ (Seite 11)[Man beachte, das Schumpeter jedoch keineswegs „Marxist“ war, obwohl er sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt hatte; Anm. d. Verf.]
Joseph A. Schumpeter: „Kann der Kapitalismus überleben?“Ein historischer Beitrag von Schumpeter aus dem Jahre 1936, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Schumpeters provokante Antwort lautete „Nein“ und er begründet diese Antwort auf den folgenden Seiten. Interessant und prägnant ist folgendes Zitat: „Aber es sind nicht seine wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten, die das kapitalistische System bedrohen, sondern im Gegenteil seine wirtschaftlichen Erfolge und ihre Auswirkungen auf die menschliche Psyche sowie auf die sozialen und politischen Strukturen der Gesellschaft, die den Kapitalismus am Ende wahrscheinlich umbringen werden.“ (Seite 37) Schumpeter liefert in diesem Beitrag eine düstere und zugleich sehr realistische Prognose, die noch heute lesenswert ist.
Herbert Matis: „Der Unternehmer als ‚Wirtschaftsführer’. Das Unternehmerbild Joseph A. Schumpeters im Spiegelbild zeitgenössischer Elitetheorien.“Diesen Beitrag habe ich persönlich sehr interessant gefunden, weil er mich u.a. auch in meinen persönlichen Untersuchungen zum Thema „Unternehmer“ geleitet hat bzw. mir viele Phänomene leichter verständlich gemacht hat. Im Zentrum der Arbeit steht Schumpeters Konzeption des „schöpferischen Wirtschaftsführers“, ein Konstrukt, das er erstmals in seinem frühen [und in meinen Augen wichtigsten Werk] „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (1911) entwickelte bzw. publizierte. Es ist der Prozess der schöpferischen Zerstörung von Innen, durch die Unternehmer, die neue Kombinationen durchsetzen, der wirtschaftliche Entwicklung bewirkt.
[Dieser Punkt ist in meinen Augen ein ganz zentraler, wenn man Wirtschaft verstehen möchte und deshalb erachte ich die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung auch als Schumpeters wichtigstes Werk. Schumpeter war so gesehen der Erste der das Thema „Innovation“ ansprach und erklären konnte, wie sie entsteht.]Was ist das Besondere am Wirtschaftsführer? „Erstens, er betritt als Innovator wirtschaftliches Neuland, bewegt sich außerhalb der gewohnten Bahnen: das Neue zu tun und nach dem Gewohnten zu handeln, sind zwei verschiedene Dinge, wie einen Weg bauen und einen Weg gehen. Zweitens die Durchsetzung neuer Kombinationen beruht darauf, dass der innovatorische Unternehmer in seinem Denken und Handeln tradierte und internalisierte Gewohnheiten hinter sich lässt. Es bedarf einer besonderen Charakterstärke und Willensanstrengung, die neue innovative Idee als eine ‚reale Möglichkeit und nicht bloß als Traum und Spielerei’ zu sehen. Drittens, der schöpferische Neuerer sieht sich immer mit Widerständen seiner Umgebung konfrontiert, jedoch geht es darum, ‚die Opposition der durch die Neuerung bedrohte Gruppe zu brechen, die Kooperation mit jenen herzustellen, die zur Durchsetzung der neuen Kombinationen gebraucht werden, und schließlich die Konsumenten dazu zu bringen, das Neue anzunehmen.’ In gewisser Weise unterläuft der Schumpetersche Unternehmer das ökonomische Kalkül, reine Zweckrationalität würde ihm bloß hinderlich im Wege stehen; es geht ihm nicht so sehr um das Gewinnmotiv als um das Schaffen des Neuen selbst. Ein gewisses künstlerisches Element – das ‚Aufsuchen und Durchsetzen neuer Möglichkeiten’ – ist ihm somit eigen und unterscheidet das unternehmerische Tun vom platten Utilitarismus anderer Wirtschaftssubjekte.“ (Seite 113 f.)
Francis Fukuyama: „Das Ende der Geschichte?“Sehr populär und weltweit beachtet war zu dieser Zeit Francis Fukuyama, der provokant vom „Ende der Geschichte“ sprach und zugleich ein wenig Untergangsstimmung in das ausgehende 20. Jahrhundert brachte. „Vielleicht sind wir nicht Zeugen der Beendigung des Kalten Krieges oder des Abschlusses einer bestimmten Phase der Nachkriegsgeschichte, sondern des Endes der Geschichte schlechthin: das heißt, des Endes der ideologischen Entwicklung der Menschheit, sowie der allgemeinen Einführung der westlichen liberalen Demokratie als finaler Regierungsform.“ (Seite 150) Letztlich sieht er nach einer umfassenden Analyse doch die Hoffnung, dass die Geschichte wieder in Gang gesetzt wird.
Sehr interessant finde ich noch einige andere Beiträge in diesem Buch, die sich sicherlich eine Erwähnung verdient hätten, aber das würde den Rahmen sprengen. Interessierte wissen mittlerweile worum es in diesem Buch geht und die anderen sollte nicht zu lange genötigt werden, Details zu lesen.
*** Mein Fazit ***
Das Buch ist absolut lesenwert, wenn man sich für die hier beschriebene Themen interessieren sollte. Es sind zentrale Fragen des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens, die hier von vielen kompetenten Leute auf teilweise allerhöchstem Niveau abgehandelt werden.Mir persönlich hat das Lesen dieses geholfen, viele Phänomene besser zu verstehen und meine Meinung zu Themen abzurunden bzw. zu ergänzen. Schumpeter finde ich weiterhin eine der interessantesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und einer der wenigen wirklich großen Ökonomen unserer Zeit bzw. der jüngeren Vergangenheit. Sein „Unternehmer-Modell“ ist einer der wesentlichsten theoretischen Beiträge in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Auf viele seiner Ideen greife ich jeden Tag in meiner Arbeit als Unternehmer und Unternehmensberater zurück, seine Werke empfehle ich jungen Menschen zur Lektüre. Im gleichen Maße kann ich dieser Buch empfehlen, das sehr viel über Schumpeter und seine Ideen beinhaltet.
*** 1. Update ***ISBN 3-901260-27-7
*** Update ***Die Frage ist derzeit ja wieder hochaktuell!
*** 3. Update, 08.03.2012 ***Das Thema ist ja weiterhin hoch aktuell!
*** 4. Update, 06.09.2012 ***Gerade in der letzten Woche habe ich wieder mit Studenten über das Thema diskutieren dürfen.
*** 5. Update, 27.03.2013 ***In den letzten Wochen hatte ich Gelegenheit mit Phil Tinline von der BBC zu diskutieren, der sich intensiv mit Joseph Schumpeter auseinandersetzt. Hier einige weiterführende Hinweise:
Eine kurze Dokumentation der Diskussion über Joseph Schumpeter
http://www.christianpirker.com/schumpeter-schopferische-zerstorung-und-die-bbc/BBC Radio 4 Analysis: „Creative Destruction“ by Phil Tinline
http://www.bbc.co.uk/programmes/b01qhqpj
Ich wünsche allen Interessierten viel Spaß und viele neue Einsichten beim Lesen und mitdiskutieren!
14.05.2013 10:05
Auf jeden Fall bh! Liebe Grüße...Bernd
27.09.2012 11:45
bh :)
30.04.2012 20:31
prima