A yuppie vanishes
27. Sep 2003
Pro:
Witzige Effekte
Kontra:
Unentschiedener Film, stellenweise wenig spannend
Empfehlenswert:
Nein
Details:
Humor:
Spannung:
Anspruch:
Action:
Romantik:
mehr
 Thomas_Groh
Über sich:
Ich bin freier Filmjournalist aus Berlin und schreibe für diverse Zeitschriften und Websites
Mitglied seit:11.07.2000
Erfahrungsberichte:213
Vertrauende:130
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 70 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Chevy Chase und John Carpenter - wer, wie der Autor dieser Zeilen, in den Achtzigerjahren filmsozialisiert wurde, muss bei diesen beiden Namen einfach strahlende Augen bekommen. Beide sind, trotz recht unterschiedlichen Schaffens, mit dieser Dekade so untrennbar verschweißt wie C64, Helmut Kohl und Raider. Folgerichtig wurde es in den Jahren darauf etwas ruhiger um die beiden: Chase moderierte nicht mehr die Oskarverleihung, auch seine Filme erreichten nicht mehr so recht nennenswerten Bekanntheitsgrad. Carpenters Filmografie, die den Geruch des B-Cinemas eigentlich eh nie so recht abstreifen konnte, stagnierte gefährlich und wurde eigentlich nur noch durch schlechte Karrikaturen seiner Filme aus den Achtzigern bereichert. Es mag, retrospektiv betrachtet, symptomatisch sein, dass man in den frühen Neunzigern zusammen einen Film realisierte, der, gewissermaßen, die folgende Durststrecke einläuten sollte. Vielleicht ist JAGD AUF EINEN UNSICHTBAREN auch einfach nur ein Abgesang, wer weiß. Erzählt wird die Geschichte von Nick Halloway (Chase), der, erfolgreich in Beruf und beim anderen Geschlecht, auf der Sonnenseite des Lebens steht. Als er sich unsterblich in Alice Monroe (Daryl Hannah) - diese Namenskonstruktion kommt gewiss nicht von ungefähr - verliebt, scheint der Lebemann die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Ein Glück, das nicht lang währt: Infolge eines Unfalls in einem Wissenschaftszentrum, in dem sich Halloway dummerweise gerade befindet, wird er einer Strahlung ausgesetzt, die seine Molekularstruktur modifiziert und ihn somit unsichtbar macht. Das ist nicht nur deswegen unangenehm, weil er so ein Date mit Alice sausen lassen muss, nein, der skrupellose CIA-Agent Jenkins (Sam Neill) wittert das ultimative Werkzeug für die us-amerikanische Spionage und versucht den Unsichtbaren, koste es, was es wolle, sicherzustellen. Eine Jagd quer durchs Land beginnt und Halloway muss erkennen, dass der Traum jedes Kindes - einmal im
Leben unsichtbar sein können! - nicht nur Vorteile mit sich bringt ...
Nicht nur der Originaltitel - Memoirs of an invisible Man - deutet an, dass man sich in dieser weiteren Adaption eines ganz klassischen Stoffs des phantastischen Films auch an die Traditionen des Film Noir angelehnt wissen will. So beginnt der Film, was typisch für diese Filmgattung ist, bereits zum Zeitpunkt kurz vor dem Ende der Erzählung in einer Ruhesituation, in der Halloway seine ganz Geschichte darbieten kann. Es folgt die Rückblende, stets unterlegt mit dem Kommentar aus dem Off - ebenfalls ein typisches Charakteristikum des Film Noir. Dieser Beginn mit einem Zeitsprung dient auch einem ganz anderen Zweck: Film gerät, als in erster Linie visuelles Medium, immer dann an seine Grenzen, wenn es das Unsichtbare abbilden soll. Das kann Film nicht, deswegen muss er ein Beziehungsgeflecht zwischen dem Physischen und dem Unsichtbaren entwickeln, um sich glaubhaft zu legitimieren: Halloway ist dank dieses Bruchs der zeitlichen Erzählkontinuität bereits zu Beginn unsichtbar und spricht in eine entliehene TV-Kamera, um der ganzen Nation - warum, das erfahren wir später - seine Tragödie zu schildern. Zum Beweis, dass die Zuschauer auch wirklich einem Unsichtbaren zuhören und nicht nur einen auditiv unterlegten Stuhl betrachten, beginnt er einen Kaugummi zu kauen: Wir sehen ihn im Mund und wie Halloway eine Blase macht - ein verwirrendes Bild. Die Zuschauer zuhause können sich nun beruhigt zurücklehnen und dem Unsichtbaren zuhören, wir selbst wissen jetzt - quasi als bei Laune haltendes Leckerli verabreicht -, mit was wir rechnen können: Zahlreiche, verwirrende Situationen, in denen der "durchsichtige Mensch" - ein in den Neunzigerjahren noch zusätzlich aufgeladenes Schlagwort der öffentlichen Diskussion - sein notwendig gestörtes Verhältnis zur undurchsichtigen Welt bestimmen muss. Ein in seiner Beschaulichkeit äußerst trickreicher Beginn. Was folgt, ist leider weniger trickreich als es die ersten Minuten noch in Aussicht stellen. Im wesentlichen ist JAGD AUF EINEN UNSICHTBAREN eine Nummernrevue, die zwischen Slapstick-Sequenzen, wenn das außer Kontrolle geratene Verhältnis des Helden mit seiner Umwelt in lustvoll langen, narrativ wenig vorantreibenden Sequenzen ausgereizt wird, und Verfolgungsjagden, in denen Halloway seine Situation mal mehr, mal weniger zu seinem Vorteil ausspielen kann, abwechselt. Dazwischen tritt der Film oft auf der Stelle. Das ist an sich nichts Schlechtes, so funktionieren Filme schon seit Anbeginn der Filmgeschichte. Das Problem jedoch, mit dem der Film schwer zu kämpfen hat, ist, dass er sich nicht so recht zwischen seinen beiden Machern entscheiden kann: Ist das nun ein typischer Slapstick-Film mit/von Chevy Chase oder aber ein typischer Paranoia-Film von John Carpenter, in dem einzelne Regierungsapparate ungeahnte Dynamiken entwickeln? Zwischen diesen beiden Polen flattert der Film etwas ungelenk hin und her und kann sich selbst nicht so recht entscheiden - ein unausgegorenes, im Gesamten oft wenig befriedigendes Ergebnis. Da sich obendrein ein Star wie Chevy Chase nur ungern komplett vom Trick ersetzen lässt, wird auch das Motiv des Unsichtbaren nur wenig entwickelt: Über weite Strecken ist Chase, was gewiss nun auch ökonomischen Fragen der Filmproduktion geschuldet ist, für uns sichtbar im Raum zu sehen, wohingegen sein Umfeld alle Hände voll zu tun hat, ihn in seiner eigentlichen Präsenz zu ignorieren. Ein gelungener Spagat wird vollzogen, wenn Alice Monroe, der sich Halloway offenbart und die fortan auf seiner Seite kämpft, auf die Idee kommt, dem Unsichtbaren mit übertriebenem Make-Up quasi wieder ein Gesicht zu verleihen: Chase' im Computer eingescannte Physiognomie erscheint unter Zuhilfenahme großzügig aufgetragenen Rouge als animierte Maske seiner Selbst.
Überhaupt die Computereffekte: Im Jahr 1992 waren diese, vor allem für einen Film diesen Budgets, nur pointiert einsetzbar. Nahezu einen gesamten Film im Computer entstehen zu lassen und nur noch spärlich mit gefilmten Material zu versehen, wie dies heute im Blockbuster-Bereich des Filmspektrums schon beinahe Usus zu werden droht, war seinerzeit noch reine Utopie. Dennoch überzeugen die Effekte weitgehend und sorgen für viele witzige und auf visueller Ebene auch lustvoll verwirrende Momente: Etwa wenn Halloway Nahrung zu sich nimmt und somit seine verdauenden Tätigkeiten entblößt oder aber wenn er einen tiefen Lungenzug aus der Zigarette nimmt. Zwar sieht man's den Effekten durchaus an, dass sie bereits ein paar Generationen der Entwicklung auf dem Buckel haben, doch macht diese "Archäologie des Effekts", vor allem aus heutiger Perspektive, Spaß. Unterm Strich ist JAGD AUF EINEN UNSICHTBAREN nette Unterhaltung, wie sie für den Film der Achtzigerjahre eigentlich recht typisch war. In den Neunzigern mag dieser nicht mehr so recht funktionieren, was ihn heutzutage gleich doppelt altmodisch erscheinen lässt. Wie eingangs erwähnt, ist es eigentlich Ironie des Schicksals, dass in diesem Film, der ohne weiteres eine gewisse Januskopffunktion in den Filmografien der beiden Beteiligten darstellt, gleich zwei Urgesteine des Achtziger-Kinos aufeinander trafen. Es mag zum Vorteil gereichen oder auch zum Nachteil. Ich tendiere eher zu letzterem, unter diesem Spannungsverhältnis Chase-Carpenter hat der fertige Film eher gelitten. Eine andere Alternative scheint indes auch nicht denkbar. Belassen wir's dabei: Die Neunziger waren für beide einfach nicht das beste Jahrzehnt.
Thomas Groh, 2003 Jagd auf einen Unsichtbaren (Memoirs of an Invisible Man, USA 1992) Regie: John Carpenter Drehbuch: Robert Collector, Dana Olsen, William Goldmann nach der literarischen Vorlage von H.F. Saint Kamera: William A. Fraker Schnitt: Marion Rothman Musik: Shirley Walker Darsteller: Chevy Chase, Daryl Hannah, Sam Neill, Michael McKean, u.a.
Internet Moviedatabase http://imdb.com/title/tt0104850/combined Kritiken zum Film bei mrqe.com http://www.mrqe.com/lookup?isindex=memoirs+of+an+invisible+man
John Carpenter@Prisma-Online (inkl. aktueller TV-Termine) http://www.prisma-online.de/tv/person.html?pid=john_carpenter Chevy Chase@Prisma-Online (inkl. aktueller TV-Termine) http://www.prisma-online.de/tv/person.html?pid=chevy_chase
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Verwandte Tags für Jagd auf einen Unsichtbaren
|
|
04.10.2003 17:13
Da fand ich doch die 1. Verfilmung von Wells' Roman *Der Unsichtbare* wesentlich eindrucksvoller, auch visuell: der Wissenschaftler als Terrorist! +++ Bei Chasdes Streifen durften wenigstens Queen die Filmusik schreiben. Ansonsten kann man ihn vergessen. VG, mima
03.10.2003 18:46
Genau meine Meinung. Der Film ist gute Unterhaltung. Und es gibt wahrlich Schlimmeres im Kino und Fernsehen zu sehen.
28.09.2003 15:45
Dein Bericht hat mir gut gefallen. Mach weiter so.