Erfahrungsbericht über

Jäger des Spotts - Geschichten aus dieser Zeit / Siegfried Lenz

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meisterhafte Erzählungen von Siegfried Lenz

5  03.09.2001 (04.09.2001)

Pro:
gleichnishafte spannende Geschichten

Kontra:
-

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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Wilma2000

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Mitglied seit:14.09.2000

Erfahrungsberichte:58

Vertrauende:10

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 44 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

„Jäger des Spotts“, dreizehn Erzählungen von Siegfried Lenz.

Ich habe diese Erzählungen nach langer Zeit wieder gelesen, und ich musste feststellen, dass ich vieles vergessen hatte, vieles heute anders aufnehme, also mit anderen Augen sehe, aber eines hat sich in der Zwischenzeit bei mir nicht geändert, nämlich meine Bewunderung, ja meine Liebe zu Siegfried Lenz’ Schreibstil, seiner herrlichen Sprache, seiner gleichnishaften Erzählweise über „Geschichten aus dieser Zeit“ wie er selber „Jäger des Spotts“ untertitelt.

Bevor ich näher von diesen Erzählungen berichte, nenne ich zum besseren Zeitverständnis Daten aus dem Leben von Lenz:

Siegfried Lenz wurde 1926 in Lyck/Ostpreußen geboren.
Im 2. Weltkrieg wurde er zur Marine eingezogen und geriet später in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach Kriegsende studierte er in Hamburg Philosophie, Anglistik und deutsche Literaturgeschichte und war dann u.a. als Redakteur bei DIE WELT tätig, bis er sich 1951 entschloss, freier Schriftsteller zu werden.
Durch seine Erlebnisse mit dem Nationalsozialismus in Deutschland handeln viele seiner Romane und Kurzgeschichten von Schuld und Verfolgung, Versagen, Unfreiheit, Einsamkeit. Die gesellschaftskritischen Probleme unserer Zeit verarbeitet er heute in vielen seiner Romane, Erzählungen, Essays und Hörspielen.
Er kann aber auch ein humoristischer Erzähler sein, was beispielsweise „So zärtlich war Suleyken“, „Lehmanns Erzählungen“ oder „Der Geist der Mirabelle“ belegen.
Im Laufe seines Schaffens wurde Lenz mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet, u.a. mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis, dem Thomas-Mann-Preis, dem Bayerischen Staatspreis für Literatur und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nachdem er es in den letzten Jahren etwas still um sich hat werden lassen, wurde diese Stille 1999 mit der Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt am Main unterbrochen. - Heute lebt Lenz in Hamburg.

Einige seiner Romane:

1951: Es waren Habichte in der Luft
1957: Der Mann im Strom
1959: Brot und Spiele
1968: Deutschstunde
1978: Heimatmuseum
1981: Der Verlust
1985: Exerzierplatz
1990: Die Klangprobe
1994: Die Auflehnung
1999: Arnes Nachlass


Viele seiner Romane habe ich inzwischen gelesen, und je mehr ich lese, umso tiefer wird meine „Liebe“ zu Siegfried Lenz.

Mit seinem Erstlingsroman „Es waren Habichte in der Luft“, erschienen 1950, und „So zärtlich war Suleyken“, 1955 erschienen, begann seine schriftstellerische Arbeit, die ihm Mut gab, sie zum „Beruf“ zu machen.

„Jäger des Spotts“ sind frühe Erzählungen aus seinem literarischen Schaffen. Veröffentlicht hat er sie schon 1958. Dieser Titel ergibt sich aus der neunten Erzählung dieses Bandes.

Seine Erzählungen, von denen ich hier schreibe, stehen alle in Beziehung zu unserer Zeit (also nicht nur zu „dieser“, sondern zu „unserer“ Zeit), Erzählungen, in denen wir uns alle in gleichnishafter Weise wiederfinden, wenn wir bereit sind, uns dazu herausfordern zu lassen.

Wie gesagt, dieser Erzählband hat dreizehn Geschichten zum Inhalt. Ich möchte hier nicht alle dreizehn Geschichten beschreiben, sondern vielmehr die interessierten Leser animieren, das selbst zu tun.
Ich schreibe hier nun über die zweite Erzählung, über DAS WRACK. Den Beginn zitiere ich wörtlich, weil er zeigt, dass Lenz uns mit knappen Sätzen sogleich ins Geschehen förmlich eintauchen lässt:
„ Auf der Heimfahrt entdeckte Baraby das Wrack. Es lag nicht allzu tief, ein langer, dunkler Schatten, der die Farbe der Wasseroberfläche veränderte. Es musste ein älteres Wrack sein, denn er hatte in letzter Zeit von keinem Schiffsuntergang gehört...“

Mit dieser knappen Einführung befinden wir uns sofort in einem Boot, beugen uns förmlich mit Baraby über die Bordwand und sehen auf dem Meeresboden etwas Dunkles liegen – ein Wrack.
Lenz erzählt nun meisterhaft in klaren Sätzen, was Baraby tut, die Tiefe des Wracks und seine Lage auszuloten. Baraby ist ein Flussfischer, das Wrack liegt also hier in der Flussmündung. Viele Wracks aus dem Krieg sind längst gehoben oder unter Wasser gesprengt worden. Nur dieses hier kennt Baraby nun allein, ... „und er war erfüllt von dem Gedanken an das Wrack.“
Der Leser spürt die Spannung und die Neugier, was nun geschehen wird.
Baraby tuckert mit seinem Boot nach Hause, trifft dort auf seinen Sohn. Er sagt nichts, er leert die Aalkiste, trinkt Kaffee, legt sich hin – und denkt an das Wrack, das außer ihn niemand kennt. Es könnte ein Passagierdampfer sein, der noch Ladung an Bord hat.
Zur Ruhe kommt Baraby nicht. Er findet seinen Jungen draußen im Boot, spricht davon, dass er ihn nun braucht, lässt den Jungen schwören, zu keinem ein Wort zu sagen, spricht jetzt von dem Wrack, zu dem er hinunter will. „Ist gut,“ sagt der Junge. Mehr nicht.
Sie fahren beide hinaus, finden das Wrack, glauben beide, es sei ein Passagierdampfer, aus dem noch vieles herauszuholen sei. „Wir haben es nie nötiger gehabt als jetzt.“
Der Vater versucht nun, zum Wrack hinunterzutauchen, wenigstens ein Stück, um mehr sehen zu können. Die Strömung treibt ihn ab. Er muss es ein zweites Mal versuchen, diesmal an der Ankerleine entlang.
Lenz lässt uns nun den schwierigen Tauchvorgang richtig miterleben, wie er an der Leine hinunterkommt, erkennen muss, dass es kein Passagierdampfer ist, sondern dass an dem erhöhten Deck Fahrzeuge sind.
Die Luft langt nicht für einen langen Tauchgang. Er muss wieder nach oben. Verschiebt den nächsten Tauchgang auf den anderen Tag. Er taucht immer wieder hinab, kann sich sogar an einem der Lastwagen zu schaffen machen und findet eine Konservenbüchse – mit Kohl!
Das Gefühl in dem Mann wird immer stärker, dass das Wrack endgültig ihm gehören wird. Nach vielen Tauchgängen erkennt er, dass die Luft zum Tauchen nicht langt.
Er verkauft den Außenbordmotor seines Schiffes und besorgt sich dafür ein Sauerstoffgerät.
Er rudert wieder hinaus, schafft es mit dem Sauerstoffgerät ... „ließ sich über den Bootsrand hinab; langsam senkte sich sein Oberkörper, der Hals verschwand, das Kinn, und schließlich das Gesicht, das mit den Klarscheiben wie ein riesiges Insektengesicht aussah“ ....

Seht Ihr das Insektengesicht an der Bordwand klammern? Ich habe beim Lesen eine Gänsehaut bekommen.

Er schafft es hinunterzukommen, stellt fest, dass alle LKW an Bord verrottet sind, er findet hinab in den Niedergang des Schiffes, dringt vor zum Laderaum, findet dort aber keine Kisten mit dem erhofften wertvollen Inhalt, sondern aus dem Schlamm herausragende Knochen, Rippenknochen – von Pferden. Er findet in einem anderen Laderaum das riesige Loch , das die Mine in den Leib des Schiffes gerissen hat, sonst findet er nichts.
Sein Junge holt ihn wieder herauf in das kleine Boot, sieht seinen blassen, müden Vater, und die Strömung treibt das Boot lautlos gegen die kleine Halbinsel.

Eine Erzählung von Lenz, so detailliert und meisterlich beschrieben, dass der Leser miterlebt, wie aussichtslos Vater und Sohn zurückrudern müssen, ohne Motor für ihr kleines Boot, ohne Hoffnung für ein besseres Leben.

Die zwölf anderen Geschichten lohnen sich auch!
Ich würde mich freuen, den einen oder anderen Leser meines Berichtes neugierig gemacht zu haben, mehr aus „Jäger des Spotts“ zu erfahren.


© Wilma2000, September 2001


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
New_Retrospect

New_Retrospect

02.03.2005 22:57

ebenfalls "gerne -lenz - leserin" bemerkt, dass der autor es ganz gerne mit booten oder schiffen hatte. mittlerweile kenne ich 4 seiner teilweise amüsanten, oftmals aber auch dramatischen werke und allesamt hatten etwas mit booten zu tun.

DottiGross

DottiGross

21.04.2002 23:27

Klingt ungemein interessant. Gruß Dotti

giovanna

giovanna

14.09.2001 00:15

Bin zwar nicht die allergrößte Lenz-Anhängerin (warum dies so ist, kann ich eigentlich gar nicht so genau sagen, es ist halt so!), Dein Bericht hat mir aber trotzdem sehr gut gefallen, weil Du ihn mit großer Kompetenz und viel Liebe zum Autor und seinen Werken geschrieben hast, liebe Wilma. Liebe Grüße von giovanna

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