Erfahrungsbericht über "Jaguar XJ6"

veröffentlicht 02.11.2000 | ggraf
Mitglied seit : 02.09.2000
Erfahrungsberichte : 39
Vertrauende : 9
Über sich :
Ausgezeichnet
Pro Die totale Eleganz!
Kontra hoher Kraftstoffverbrauch, kleines Kofferraumvolumen
sehr hilfreich
Zuverlässigkeit
Fahreigenschaften:
Empfundene Qualität:
Bedienung
Platzangebot:

"VORSICHT - Ansteckungsgefahr durch Jaguar"

Vor Jahren wollte ich mir etwas gutes antun und mit ein schönes Auto kaufen. Aus dem Jaguar Mark II wurde nichts - er wurde dann ein XJ6 mit 4,2-Liter-Motor, Baujahr 72.
Seitdem ich diesen besaß bin ich vom Jaguar-Virus befallen, sind diese Autos doch, und vor allem die älteren, von einer Schönheit und Eleganz, die ihresgleichen sucht.

Die oft beschimpfte nicht vorhandene Zuverlässigkeit konnte ich an dem Wagen nicht als schlechter empfinden, als an anderen Gebrauchtwagen. Zugegebenermaßen ist manches technische Detail etwas weniger wartungsfreundlich gelöst als bei anderen, speziell deutschen Fabrikaten. (Dazu fällt mir spontan die Lage der Scheibenbremsen ein, die nicht am Rad, sondern am anderen, inneren Ende der Antriebswellen liegen.

Doch die Liebe zum Detail wog solche Nebensächlichkeiten mehr als auf. Als da wären: Ledersitze mit herrlichem stapazierfähigem (und antik aussehendem) Rindsleder, Echtholz am Armaturenbrett, ein "Klavier" von Schaltern und eine erkleckliche Anzahl an Uhren, sprich Anzeigeinstrumenten. Reichlich Chrom und silbernes Aluminium ist vorhanden - am meisten haben es mir die hübschen Fensterheberschalter in der Mittelkonsole angetan, die zudem äußerst griffgünstig plaziert sind, wenn der rechte Unterarm bei gemütlicher Fahrt auf der Mittelarmlehne ruht.

Doch wenden wir uns dem Gefühl zu, das nach dem Einsteigen um sich greift.
Behaglich können wir auf jedem der fünf Sitze platznehmen. Selbst in der Mitte der Fondsitzbank sitzt es sich sehr bequem, die abfallende Dachlinie stört bei einer Größe von 1,80 m keinesfalls. Durch die fast sportlich niedrige Sitzposition in Verbindung mit der hohen Gürtellinie kommt ein Gefühl von Geborgenheit auf. Alles wirkt klassisch gediegen.

Der Blick nach vorne über das große, fast dürr wirkende, Lenkrad und danach über die lange Motorhaube, auf dessen vorderem Ende der silberne Jaguar zum Sprung ansetzt, läßt fast unwillkürlich in Erwartung darauf, diese Katze aufzuwecken, die Hand nach dem Zündschlüssel tasten. Ein kurzer Dreh und die sechs Kolben und der Doppelvergaser erwachen mit dezentem, aber dennoch sportlich klingendem Fauchen zum Leben.
Das leichte Vibrieren, das verhalten durch das Auto geht, läßt schon eine besondere Art der Potenz erahnen.
Dann, wenn der Öldruckmesserzeiger anzeigt, daß der Druck aufgebaut ist, legen wir die Fahrstufe ein - ein leichter Ruck, Fuß von der Bremse, und los geht's. Zunächst bitte etwas verhaltener, da das große Ölvolumen des Motors zunächst auf Betriebstemperatur gebracht werden sollte.

Nach mindestens (!) zehn Kilometern Fahrstrecke ist es dann soweit: nun darf er endlich zeigen, was in ihm steckt. Und das ist auch heute noch beachtlich. Die 188 Pferde stürmen beim beherzten Tritt aufs rechte Pedal vorwärts, daß es eine wahre Pracht ist. Übrigens: das zu 90 Prozent verbaute Automatikgetriebe tut dem keinerlei Abbruch - eher unterstützt es den Eindruck vom geschmeidigen Gang der Raubkatze...

Gewöhnungsbedürftig ist lediglich die sehr indirekte Servolenkung. Anfangs neigt man dazu, die Kurven eckig und die Geraden im Zickzackkurs zu befahren. Hat man sich jedoch an die Lenkcharakteristik gewöhnt, schätzt man die geringen Kräfte, die zum Lenken nötig sind speziell beim Einparken oder Rangieren in engen Parkhäusern, wo es schon mal nötig ist. Der Wendekreis ist nämlich fast der eines Lastwagens!

Wenden wir unseren Blick noch auf das Tanken und den Verbrauch: für die meisten von uns ist letzterer sicherlich abschreckend. Minimal liefen bei meinem Exemplar 15, maximal 25 (in Worten: fünfundzwanzig) Liter durch die Vergaser. (Und das bei meist verhaltener Fahrweise und deaktivierter Startautomatik - ist diese nicht stillgelegt, dürften sich die Werte noch um eins erhöhen.)
Doch auch hier gibt es nette Details: erreicht der Zeiger der Benzinuhr die Reservemarkierung bei "E" wie empty, wird durch die Betätigung eines Schalters im oben genannten Klavier einfach die Kraftstoffentnahme aus dem anderen Tank aktiviert. Es wird also die bisher bestromte Benzinpumpe abgeschaltet und stattdessen die andere mit Spannung versorgt. Gleichzeitig wandert der Zeiger der Uhr langsam in Richtung full ("F")! Anschließend kann der Tank ruhig leergefahren werden - es ist ja noch die Reserve im ersten vorhanden... Das darauffolgende Tanken wird zu einem kleinen Ritual: man betanke zunächst den einen Tank über den Tankstutzen mit dem schönen verchromten Tankdeckel am vorderen Ende des hinteren Kotflügels. Wurde er leergefahren, passen 55 l hinein. Dann nehme man die Zapfpistole und trage sie um das Fahrzeugheck herum zum zweiten Tank auf der gegenüberliegenden Seite und tanke nochmals bis zu 55 l... (Die Rechnung fiel immer entsprechend hoch aus ;-) Aber ansonsten sind das einfach nette Kleinigkeiten, die man an allen Ecken des Autos finden kann.

Fazit:
Alles in allem ist der XJ - speziell die erste Serie - ein stilistisch wunderschönes und liebenswertes Auto mit kleinen Macken. Leider durch den hohen Verbrauch nicht mehr ganz zeitgemäß und sicher nicht jedermanns Geschmack. Durch den weniger tollen serienmäßigen Korrosionsschutz sollte man im Winter auf das Fahren verzichten.
Die Ersatzteilversorgung ist o.k. und die Preise nicht höher als bei Mercedes oder BMW. Gebrauchtteile sind hauptsächlich in England günstig erhältlich. Doch auch hierzulande gibt es Händler, die solches führen.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • simplefuture veröffentlicht 05.03.2004
    Achja, so ein schöner Bericht ist gar nicht gut für einen bereits Infizierten. Ich fahre bislang immer große Citroen, irgendwie liegt Jaguar aber bei Citroenisten immer in der Nähe. Mein Werkstattmeister fährt selbst einen bildschönen E-Type. Du aber fährst mein Traumauto und schreibst den entsprechenden traumvollen Bericht. Ich glaube, ich wechsel gleich wieder auf mobile.de... Viele Grüße Michael
  • maribo veröffentlicht 04.02.2003
    HALLO ggRAF. Sehr schöner Bericht!Kenne Deine Gefühle,da ich einen xj40 fahre.Habe die Rubrik xj neu einfügen lassen und werde meine Erfahrungen mal niederschreiben. Weiterhin viel Freude mit Deiner katze wünscht Maribo.
  • strich8 veröffentlicht 12.04.2001
    netter Bericht - vielleicht könntest du Ciao ncoh ein Foto von deinem besten Stück zukommen lassen....
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Produktdaten : Jaguar XJ6

Produktbeschreibung des Herstellers

XJ

Haupteigenschaften

Aufbau: Limousine

Klasse: Oberklasse

Hersteller: Jaguar

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