Jakobowsky und der Oberst

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... Und so grummelte er denn auch, als ich für den nächsten Video-Abend „Jakobowsky und der Oberst“ vorschlug. (Grummeln ist eine Tätigkeit, die mein lieber Freund S. K. in allen Finessen bis hin zur Perfektion beherrscht. Dafür verzeiht man ihm vieles, sogar seine unverständliche Vorliebe für ... Bericht lesen





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Tante Jinkys Filmklassiker
Erfahrungsbericht von jinky über Jakobowsky und der Oberst
11.07.2001


Produktbewertung des Autors:   


Pro: ein kunstwerk
Kontra: frei von action  -  was auch ein pro ist

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Wenn man meinem lieben Freund S. K. glauben darf, sollte man, wenn man sich Jinkys persönliche Film-Hitparade ansieht, nicht auf die Idee kommen, daß der Farbfilm bereits erfunden ist. Und so grummelte er denn auch, als ich für den nächsten Video-Abend „Jakobowsky und der Oberst“ vorschlug. (Grummeln ist eine Tätigkeit, die mein lieber Freund S. K. in allen Finessen bis hin zur Perfektion beherrscht. Dafür verzeiht man ihm vieles, sogar seine unverständliche Vorliebe für den FC Bayern München und seinen Kaffee, der mit dem Wort „grauenhaft“ nur unzureichend charakterisiert ist.)

„Jakobowsky und der Oberst“ ist nämlich schwarzweiß. (Das betrifft aber nur die Farbe, nicht den Inhalt.) Und er ist in Jinkys persönlicher Film-Hitparade ganz weit oben zu finden. Gedreht wurde er 1958 in den USA nach einer Komödie von Franz Werfel, der ja auch nicht ganz ohne Renommee ist (und noch weniger seine werte Gattin Alma), und von einem mir ansonsten unbekannten und daher sofort vergessenen Regisseur, und damit fühle ich mich weitergehender Produktinformationspflicht enthoben. Wer sich für den Namen des Catering-Services und die Katzenfutterlieblingsmarke der Hauskatze des Friseurs am Set interessiert, möge ein Filmlexikon konsultieren. Die Ergebnisse der Recherche braucht er mir allerdings nicht mitzuteilen.

Worum geht es?

Wir schreiben das Jahr, in dem Hitler-Deutschland Frankreich aufrollte; wir befinden uns in einem kleinen Hotel in Paris. Die Stimmung ist bedrückt. In diesem Hotel befinden sich, wie sich das gehört, Gäste. Der eine ist Samuel Leib Jakobowsky, polnischstämmiger Jude. Gespielt wird er von Danny Kaye. Ein feiner Herr, ein von allen geschätzter Gast, dessen Hauptbeschäftigung im Emigrieren besteht; von Horodenka nach Warschau, von Warschau nach Prag, von Prag nach Wien, von Wien nach Paris, und nun packt er wieder einmal seinen Koffer (es handelt sich mittlerweile nur noch um einen), um wie gewöhnlich vor einem mittelmäßig begabten Postkartenpinsler, der es ausgerechnet auf Samuel Leib Jakobowsky abgesehen zu haben scheint, Reißaus zu nehmen: nach Spanien.

Wie es der Zufall will, wohnt in diesem Hotel ein anderer Gast, im Aufbruch auch er: Oberst Boleslav Prokoszny (legt mich um Himmels willen nicht auf die Schreibweise fest! Rechtschreibungsfimmel hin oder her!), polnischer Adel, Großgrundbesitzer aus Horodenka, Oberst, GHT (nein, nicht Generalhaupttrompeter, sondern Ganz Hohes Tier) der polnischen Exilarmee und von den Nazis dringend gesucht. Gespielt wird er von Curd Jürgens. Auch er täte gut daran, auf eine Verlängerung seines Paris-Aufenthalts zu verzichten – zumal er Geheimpapiere in seinem Besitz hat, die dringend nach England expediert werden müssen. Diese Papiere sind so wichtig, daß die Engländer ihn sogar mit einem U-Boot an der südfranzösischen Küste abzuholen gedenken.

Nun sind die beiden aber nicht die einzigen, die auf die glorreiche Idee verfallen sind, Paris umgehend zu verlassen. Autos sind nicht zu bekommen, Benzin noch viel weniger. Da liegt es doch nahe, sich zusammenzutun – denkt Jakobowsky. Der Oberst kann sich dieser Ansicht nicht anschließen. Er nimmt sie gar nicht zur Kenntnis. Er redet nämlich nicht mit Leuten wie Jakobowsky – Kleinvolk aus dem Dorf, das ihm GEHÖRT? Und auch noch Juden? Wo kämen wir da hin. Und hier kommt sie, die erste meiner vielen, vielen Lieblingsszenen: wie sie über die Kellnerin miteinander reden. „Sagen Sie dem Herrn, daß...“ – „Geben Sie bitte dem Herrn zu bedenken...“ Die Kellnerin sitzt da wie die Zuschauer in einem Tennisturnier und braucht kein Wort zu sagen. Das Schlußwort des Oberst „Sie und ich, wir sprechen nicht dieselbe Sprache!“ Jakobowsky: „Zum Glück haben wir einen bezaubernden Dolmetscher...“

Es kommt, wie es kommen muß. Zum Schluß sitzen beide doch gemeinsam im Auto auf dem weg gen Süden. (Mit dabei: auch noch der Bursche des Oberst.) Nach Süden? Nein. Der Oberst fährt nämlich, zum großen Entsetzen Jakobowskys, den Deutschen entgegen! Als Ritter von altem Schrot und Korn muß er nämlich zuerst noch die Dame seines Herzens in Reims abholen – ein Himmelfahrtskommando. Zeit und Gelegenheit genug, sich zu streiten. Die Charaktere sind unvereinbar.
„Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und mir! Ich fürchte mich nicht zu sterben! Was gibt es besseres als einen ehrenvollen Tod?“ „Wie wäre es mit einem ehrenvollen Leben?“
Oder: „Für einen Ehrenmann gibt es immer nur eine Möglichkeit!“ „Meine Mutter, Rebekka Jakobowsky, die eine sehr kluge Frau war, sagte immer, es gebe immer zwei Möglichkeiten...“
Oder: „Was Sie tun, ist sehr gefährlich...ich würde gerne noch ein bißchen leben...“ „In Ihrem Fall ist dieser Ehrgeiz albern!“

Aber es sind nicht nur die Dialoge. Und da kommt sie, die zweite, meiner vielen, vielen Lieblingsszenen. Die drei sitzen im Auto, und Samuel, wie wir ihn jetzt wohl nennen dürfen, summt eine jüdische Weise vor sich hin; der Bursche erkennt sie und pfeift fröhlich mit. Das kann dem Oberst nur mißfallen, und er beginnt, polnische Marschmusik dagegenzuschmettern. Den Trick kennen wir zwar aus „Casablanca“; das macht aber nichts.

Nun, es gelingt dem Trio, die Dame des Herzens abzuholen, und zu viert geht nun die Reise weiter nach St. Jean-de-Luz. An Schwierigkeiten mangelt es nicht, und immer ist es ausgerechnet Samuel, dessen Findigkeit einen Ausweg weiß; denn es gibt immer zwei Möglichkeiten, und wenn man das einmal verinnerlicht hat, dann sucht man sie auch und findet sie womöglich. Das imponiert auch der Dame des oberstlichen Herzens, die allmählich beginnt, eine verdächtige Schwäche für den kleinen grauhaarigen Herrn zu entwickeln, was das Verhältnis zwischen Jakobowsky und Oberst auch nicht eben vereinfacht.

Doch kurz vor Schluß ist der Punkt erreicht, an dem auch Samuel nur noch eine einzige Möglichkeit sieht; nämlich den Inhalt eines kleines Glasfläschchens in seinen letzten Cognac zu schütten und seiner Mutter mitzuteilen, daß sie zwar eine sehr kluge Frau, aber auch nicht unfehlbar war...doch jetzt, endlich, kommen die Tugenden des Oberst zum Zug: Mut bis hin zur Tollkühnheit, ohne Rücksicht auf das eigene Leben. Und so geht alles doch noch gut aus. In jeder Hinsicht. Wie, möchte ich nicht preisgeben; es ist auch letzten Endes nicht von herausragender Wichtigkeit.

Ein wunderbarer Film; eine Komödie im besten Sinne des Wortes, gespickt mit zauberhaften Dialogen. Man muß sich wundern, daß es Emigranten immer wieder gelungen ist, zumindest literarisch so heiter zu bleiben; daß es möglich ist, aus einer von Tragik geradezu übersättigten Grundkonstellation einen komischen Film zu machen. Was nichts mit oberflächlicher Betriebsblindheit zu tun hat; im Gegenteil.
Das wäre nun ein schönes Schlußwort, aber ich kann diesen Bericht nicht beenden, ohne noch ein Wort des Lobes über die Schauspieler zu verlieren. Die Besetzung mit diesen beiden ist natürlich phantastisch – Curd Jürgens als der bärbeißige Militär, als wandelnder Anachronismus, der immer noch glaubt, im zweiten Weltkrieg könne die Kavallerie noch etwas retten: das ist unmittelbar einleuchtend. Weniger einleuchtend dagegen Danny Kaye, den man ja sonst eher als Knallcharge in Technicolor kennt. Aber da hat man ihn unterschätzt. Er macht sich gut als geistreicher Melancholiker, als Überlebenskünstler wider Willen, sehr gut sogar. Er spielt Curd Jürgens glatt an die Wand. Schon aus diesem Grund muß man diesen Film gesehen haben. Und aus vielen anderen auch

Das sagt übrigens auch mein lieber Freund S. K. Grummelnd zwar, aber immerhin.   

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