Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Ein expressionistisches Kunstwerk, . . . |
| Kontra: |
. . . dem zum Meisterwerk nur eine breitere Vielfalt von Stilmitteln fehlt . |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Jennerwein ist ein bayrischer Wilderer und Nationalheld, der dort wie ein Robin Hood verehrt wird. Wenn man aber erwartet, hier so etwas Schlechtes wie die frühen Ganghofer-Verfilmungen zu finden, dann wird man von einem ausdrucksstarken Kunstwerk, vielleicht sogar Meisterwerk, überrascht. Man bekommt hier einen expressionistischen Film über Freundschaft und Hass, Liebe und Verrat, Obrigkeit und Auflehnung, Armut und Volksheldentum.
INHALT
Als Kind muss Jennerwein erleben, wie sein Vater, ein Wilderer, vom Amts- und Machtinhaber ohne Gerichtsprozess hingerichtet wird. Dieser Machtmissbrauch, der gleichzeitig ein Verbrechen ist, wird aber einfach hingenommen. Wo kein Kläger, da kein Richter. Und wer von den Armen wagt schon zu klagen, wenn ihm dasselbe mörderische Schicksal droht?
Im Krieg von 1870 dann rettet ihm sein Freund Pföderl das Leben.
Aus den Krieg zurückgekehrt, nehmen die beiden Freunde das Wildererleben auf. Jennerwein wildert nicht nur aus egoistischen Gründen, sondern auch aus Auflehnung gegen den Mörder seines Vaters; den Armen gibt er von seinen erwilderten Beutestücken reichlich ab, so dass er von ihnen geschätzt wird.
Jennerwein, der nicht nur ein Wirtshaus-, sondern auch ein Frauenheld ist, wird nicht nur von der fülligen Wirtin geliebt, sondern auch von Agerl, der Angebeteten seines Freundes. Dieser Konflikt wird vom Amtsinhaber geschürt, bis dieser den Pföderl schließlich als Jäger (Polizist) gewinnen kann, und zwar mit der einzigen Aufgabe, Jennerwein zur Strecke zu bringen …
QUALITÄT
Es ist schon erstaunlich, wie schlecht solche Themen in den früheren Heimatfilmen verarbeitet wurden. Noch erstaunlicher ist, was hier aus dem – eigentlich doch sehr simplen – Stoff für ein Kunstwerk gemacht wurde.
Hans-Günther Bücking, von dem ich nichts weiß, führt hier Regie; aber er führt nicht nur Regie, sondern er führt auch die Kamera. Sein Stil ist nah und düster: Ganz nah erleben wir die ausdrucksstarken Gesichter der Darsteller, oft kaum von einer Kerze oder dem wenigen Licht, das durch kleine Fenster fällt, so beleuchtet, dass Licht und Schatten nicht ihr Aussehen, sondern ihren Ausdruck verdeutlichen.
Kamerafahrten, Totalaufnahmen, Tricks: All das gibt es hier nicht: Die Kamera ist ruhig, sie betrachtet das ausdrucksstark beleuchtete Geschehen. Wer „Schlafes Bruder“ gesehen hat oder sich an die Bergmann-Filme erinnert, der kann vielleicht erahnen, was ich hier mit der expressionistischen Kameraführung meine.
Durchgehend sind die Aufnahmen unterbelichtet – nicht geistig, sondern im fototechnischen Sinne; dadurch ergibt sich eine Betonung der Schatten, der Lichtlosigkeit, der Armseligkeit, der Armut, die an den Spruch von Brecht denken lässt: „Denn die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht. Doch die im Dunkeln sieht man nicht.“
Bei den Außenaufnahmen mit viel Schnee ergibt sich ja automatisch durch die Helligkeit des Schnees der Effekt hell – dunkel, durch den die agierenden Personen wie Scherenschnitte wirken, so dass also bei den Innenaufnahmen alle Falten, bei den Außenaufnahmen nur die Umrisse zu sehen sind.
Der Film bleibt durchgängig in dieser Kameraführung und Belichtung; ein wenig mehr Bandbreite hätte ich mir schon gewünscht, um von einem Meisterwerk und nicht nur von einem Kunstwerk zu sprechen.
Die Musik von Hans-Jürgen Buchner ist ein Genuss: Nie stört sie, nie ist sie unpassend, immer ausdrucksstark und ruhig zugleich.
Von den ausdrucksstarken Schauspielern haben mir Fritz Karl (Jennerwein), Christoph Waltz (Pföderl), Sabrina White (Agerl) besonders gut gefallen. Fritz Karl, fast ein Schönling, aber ein wüster, stellt weder Attraktivität noch Auflehnung, weder Liebe noch Hass übertrieben oder unglaubwürdig dar. Christoph Waltz spielt den Pföderl so, dass man ihm seine zwiespältige Freundschaft zu Jennerwein, die sich in Hass, Verrat und Mord verwandelt, in jeder Minute abnimmt.
Am stärksten hat mich als Mann allerdings Sabrina White beeindruckt. Sie ist eine ganz herbe Schönheit, die so wenig von der Barbie-Puppen-Hübschheit unserer Models hat, dass man auf den ersten Blick nicht merkt, welche Schönheit eigentlich dahinter steckt. Die Entwicklung von der Kinderfreundschaft zu Pföderl bis hin zur verzweifelten Liebe zu Jennerwein, den sie sogar verrät, weil man ihr weismacht, dass 2 Jahre im Gefängnis besser seien als der ewige Tod – in Wirklichkeit denkt niemand daran, ihn am Leben zu lassen – zeigt ein großartiges schauspielerisches Talent. Ich wünschte mir, sie noch in vielen Filmen zu sehen.
Ein kleines Kontra gibt es auch: Ein Ausländer, der Deutsch kann und diesen Film sehen will, wird nicht viel verstehen, weil der Film komplett bayrisch und österreichisch gesprochen ist. Wegen der Authentizität ist das natürlich unerlässlich.
FAZIT
Wer einmal einen expressionistischen, künstlerischen Heimatfilm sehen will, der so ganz anders ist als die schlechten Heimatfilme der 50er Jahre, der bekommt hier ein Kunstwerk, das fast ein Meisterwerk ist. Fast, weil die Bandbreite der eingesetzten Stilmittel ein klein wenig zu eng ist.