Konzertbewertung des Autors:
| Pro: |
tolle Liederfolge |
| Kontra: |
Akustik in der Olympia - Halle |
| Kompletter Konzertbericht |
|
Von Joe Cocker, genauer gesagt seiner Stimme, bin ich seit über 40 Jahren fasziniert. Wie oft ich ihn schon live erlebt habe, weiß ich nicht mehr genau. Das letzte Mal dürfte aber bis vor kurzem schon 10, wenn nicht 20 Jahre zurück gelegen haben. Nun ist er wieder auf Tournee. Das, was ich von seiner neuen CD aufgeschnappt habe, klang nicht übermäßig überzeugend. Ein Konzert-Besuch kam somit vorerst nicht in Betracht, zumal ich davon ausging, dass da hauptsächlich die Songs von eben dieser „Hard knocks“-CD gespielt würden. Ein Kollege belehrte mich jedoch eines Besseren, er hatte den Jungen aus Sheffield nämlich Anfang November in Augsburg erlebt, und er war total begeistert, gerade weil Joe Cocker fast nur alte und bekannte Titel gesungen hätte. Augsburg, na dann war er wohl auch schon in München! Zum Glück nicht. München stand erst zum 2. Dezember an. Bei www.getgo.de erwischte ich die letzte Karte der besten Kategorie zum Preis von knapp 60€ plus Nebenkosten .
An einem kalten Dezemberabend geht es dann auf in die Münchner Olympia-Halle. Konzertbeginn ist 20 Uhr. Ich sitze oben seitlich auf Höhe der Bühne. Ich erinnere mich, dass ich in diesem Bereich bei anderen Veranstaltungen schon mindestens zweimal gesessen habe und dass die Akustik dort teils mangelhaft war. Es konnte nur besser werden als früher. Punkt 20Uhr betritt ein Solist aus Norwegen die Bühne. Er ist der Einheizer. Der Beginn klingt einfach nur grausam. Aber ich will nicht behaupten, dass der Mann nichts kann. Er spielt 5-6 Lieder. Die Stilrichtung ist vielleicht nicht so ganz mein Geschmack, aber er bekommt relativ viel Applaus. Ich habe schon Einheizer erlebt, die wurden regelrecht von der Bühne gepfiffen. Die Pause danach ist unerträglich lang, ca. eine halbe Stunde.
Das Publikum dürfte ein Durchschnittsalter von knapp 60 haben. Wer hätte vor 40 Jahren gedacht, dass Joe Cocker-Fans mal so aussehen würden. Ich fühle mich „forever young“.
Kurz nach 21Uhr betritt dann Joe Cocker samt Begleitband die Bühne. Er trägt ein blaues Jackett, das er jedoch sofort auszieht. Der erste Titel ist vermutlich von seiner neuen CD und bleibt wohl das einzige Lied, das ich nicht kenne. Doch die schlimmsten Befürchtungen werden war. Die Akustik in der Olympiahalle ist einfach erbärmlich. Jedenfalls an der Seite. Sowohl von der Musik wie vom Gesang höre ich nur abgehackte Bruchstücke. Es ist schlicht eine Unverschämtheit, diese Plätze der teuersten Preisklasse zuzuordnen. Falls ich jemals wieder zu einem Konzert hier her kommen sollte, werde ich die Plätze vorher genauer sondieren.
Joe Cocker redet nicht viel. Singen kann er ohnehin besser. Ich kenne keinen Weißen, der so eine kräftige Stimme hat. Das Reibeisen ist noch längst nicht aufgerieben, obwohl er schon 66 ist. Aber da fängt das Leben einer Schlagerlegende nach ja ohnehin erst an. Und vor allem liebe ich es, wie er auf unnachahmliche Weise mit den Armen rudert. Jetzt folgen Lieder aus seiner Anfangszeit wie „Feeling alright“ oder „The Letter“. Die Titel sind alle so bekannt, dass ich sie gleich an den ersten Takten erkenne. Zwischendrin gibt es irgendwann auch „Hard knocks“, den Titel-Song seines aktuellen Albums. „When the Night comes“ und „Simple Things“ sind dann eher aus den letzten 10-15 Jahren und sind etwas sanfter und geschmeidiger. D.h. sie könnten es sein, wenn nur die Akustik nicht so mies wäre. Aber irgendwie gilt es positiv zu denken und sich zu freuen, dass ich Joe Cocker mal wieder live erleben darf. Er ist halt immer noch eine Klasse für sich. In seiner Begleitband befinden sich viele Frauen, nicht nur im Chor, auch an der Bassgitarre befindet sich eine langbeinige dunkelhäutige Schönheit. Immerhin ist meine Sicht so gut, dass ich die Protagonisten gut im Profil erkennen kann. Videowandunterstützung gibt es dagegen heute nicht.
Mittlerweile habe ich mich auch irgendwie an die akustische Performance gewöhnt. Es wird eigentlich immer besser und schöner, zumal ein Klassiker dem anderen folgt. „Up where we belong“ erleben wir wie gewohnt im Duett, eigentlich würde ich jetzt lieber ganz unten hin gehören. Ich erwäge, in der Pause zu versuchen, den Platz zu wechseln. Aber es gibt keine Pause. Die vor seinem Auftritt war ja auch lang genug, so dass ich es durchaus als wohltuend empfinde, nicht noch eine Unterbrechung hinnehmen zu müssen.
Nachdem es bei „You are so beautiful“ oder „N'oubliez jamais“ nochmals etwas ruhiger zugeht, folgt darauf ein Feuerwerk mit Titeln wie „Summer in the City“, „Hitchcock Railway“ und mit so unvermeidlichen Songs wie „You can leave your hat on“ und „Unchain my Heart“. Joe Cocker hat ja immer wieder mal gerne Lieder von den Beatles gesungen. Meist klingen sie bei ihm besser als die Originale. „Come together“ ist ihm quasi auf den Leib geschrieben. Apropos Leib: der von Joe Cocker ist ja im Laufe der Jahre immer runder und runder geworden. Doch bei seinem berühmtesten Lied mit dem genialen Intro, nämlich dem Lennon/McCartney-Song „With a little Help from my Friends“, hebt er am Schluss mehrfach ab, und das ganz ohne fremde Hilfe. Aber vielleicht hat ihm ja der tosende Applaus des Publikums Flügel verliehen.
Damit ist der offizielle Teil beendet. Es folgen noch drei Zugaben: „Cry me a river“, mit „She came in through the Bathroom Window“ abermals ein Beatles-Titel und schließlich das schöne und gut als Abschluss passende „Thankful“. Ich denke, dass kaum ein Besucher sein Kommen bereut hat. Ich jedenfalls verlasse sehr gut gelaunt die Halle und zehre noch ein paar Tage von diesem Auftritt. Für die Akustik konnte der gute Joe nichts. Das Programm und sein Auftritt waren jedenfalls vom Feinsten. Auch wenn er immer wieder sagt, ich soll meinen Hut ruhig auflassen, ziehe ich den vor ihm jeder Zeit.