Joe Strummer - The future is unwritten

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Joe Strummer - The future is unwritten

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Die Zukunft kann noch geschrieben werden!

5  11.08.2007

Pro:
der beste Musikfilm seit Ewigkeiten

Kontra:
zu kurz !

Empfehlenswert: Ja 

Die_Buchhaendlerin

Über sich: "Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn" Zitat von Erasmus von Rotterdam...

Mitglied seit:04.08.2000

Erfahrungsberichte:512

Vertrauende:302

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 139 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Mal wieder muss ich mich bei meiner Musik begeisterten Tochter bedanken. Gar nicht mal, weil sie mich auf die Idee mit dem Film gebracht hätte, nein, das war ich selbst - aber ich hatte die Idee ja nur, weil ich dachte, es könne sie interessieren: Stimmte ja auch, es interessierte sie; nicht weiter verwunderlich.

Sehr viel verwunderlicher aber ist meine eigene Begeisterung.
Eine Begeisterung, die ich - so lange der Film noch läuft - unbedingt teilen muss. Teilen mit möglichst vielen!
Denn dies ist definitiv der beste, der allerbeste, der allerallerallerbeste Musikfilm seit Jahren!!!

Joe Strummer? Wer ist das? Noch vor ein paar Tagen hätte ich das gesagt, noch nicht mal eine vage Ahnung ob das ein Musiker, Filmemacher, Politiker oder Schriftsteller ist hätte ich gehabt.
Bei "The Clash" sieht das natürlich ein wenig anders aus: "berühmte Punkband" wäre mir wohl eingefallen, bei längerem Nachdenken vielleicht auch noch: waren das nicht die mit "London Calling"?
Den einzigen Song, den ich wirklich von der Band kannte "Rock the kasbah", hatte ich durch eine Coverversion von Rachid Tahar entdeckt, also auch nicht wirklich "gekannt".

Und jetzt: ich bin entsetzt über meine Ignoranz, mein Mit-geschlossenen-Augen-durch-die-Welt- Gehen, zumindest was Musik anbelangt. Als The Clash auf dem Höhepunkt ihres Erfolges waren, damals hörte ich selbst praktisch nur Black Music, R&B, Soul und ab und zu drang auch mal andere Rockmusik zu mir durch. Aber Punk? Punk war nur laut, war nur Krach von Primitivlingen.
Nun, dieser Film hat mir die Augen geöffnet, er hat mir die Musik meiner Jugend (die, die es zumindest hätte sein sollen) zurück gebracht! Und mehr: er hat mich in etwas bestätigt, was seit einiger Zeit sich in mir aufbaut und entwickelt, nämlich das Erkennen der Tatsache, dass es neben Bücher Lesen auch noch was Anderes gibt! Etwas, das die Emotionen sehr viel direkter anspricht, etwas, das noch viel intensiver, schneller und heftiger Stimmungen erzeugen, sie vertiefen oder verändern kann: Musik!

Sicher keine ganz neue Erkenntnis, verzeiht mir bitte die Banalität dieser Aussage, aber ich empfinde das gerade wirklich so…

Nun aber zum Film selbst:

Joe Strummer war das Kind englischer Diplomaten, er kam 1952 in der Türkei zur Welt unter dem Namen John Mellor. Da seine Eltern immer wieder in andere Länder versetzt wurden, waren er und sein Bruder schon sehr früh mit vielen Kulturen konfrontiert. Eine glückliche Kindheit wurde brutal beendet durch die Entscheidung, die beiden Jungs in England in ein Internat zu geben. Joe wurde zum harten Typen (also der, der andere malträtiert), sein Bruder verfiel in Schweigen (also der, der malträtiert wird). Beide litten unter der Trennung von den Eltern und dem strengen Leben.
Joes Bruder beging Selbstmord als Teenager, Joe war der erste, der seine Leiche fand. Eine traumatische Erfahrung, über die er aber nie sprechen wird.
Joes Kindheit wird in dem Film teils kommentiert, teils durch alte Fotografien dokumentiert und durch Interviewausschnitte mit Freunden rekonstruiert. Wer denkt, das hat doch nichts mit dem späteren

Bilder von Joe Strummer - The future is unwritten
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Joe Strummer
Frontman der Clash zu tun, irrt sich, denn einige der Verhaltensweisen, die später für ihn charakteristisch sein werden, sind hier bereits angelegt.
Sehr früh, noch während der Schulzeit beschließt er auf einem Rockkonzert, dass er selbst Musiker werden wird; nicht nur Musiker, sondern "Rockstar".
In London gab es während der 70er Jahre (nun, wie bei uns im alten Westdeutschland ja auch) eine lebendige und große Hausbesetzerszene, Joe wohnt mit vielen anderen in einem besetzten Haus mit der Nr. 101. So sollte sich dann auch die Musikband nennen, die er mit anderen "Hippies" dort gründete. Schon damals lebte er auf bei Texte und Songs komponieren, war sehr kreativ und auch - in bescheidenem Maße - erfolgreich. Die Musik der "101ers" wie sie sich nannten, war laut und gut!

Doch 1976 lernte er seinen späteren Manager Bernie Rhodes kennen, dieser brachte ihn mit anderen Musikern zusammen, mit denen es sofort "klappte". "The Clash" gründeten sich, coole junge Männer Mick Jones und Paul Simonon, die sich eklatant von seinem bisherigen Umgang unterschieden. Joe zog Knall auf Fall aus und sagte sich von seinen früheren Freunden los.
Nun begann das, was Joe schon immer wollte: er schrieb Musik und er machte Musik, die Gruppe, die anfangs noch als Vorband zu den Sex Pistols auftrat, wurde immer erfolgreicher.

Doch Joe ging es immer auch um das, was Musik auch sein kann: er wollte eine politische Aussage nicht nur rüberbringen, sondern diese neue andere Art der Politik auch leben.

Sie wollten die Revolution, Inhalte gingen über Kommerz und so versuchten sie auch als Protest gegen die hohen Plattenpreise ihr 3. Album ganz billig herauszubringen, damit es sich jeder leisten könne, diese Rechnung hatten sie allerdings ohne CBS, die große Plattenfirma gemacht, die damit gar nicht einverstanden waren. CBS verhalf ihnen einerseits zum Erfolg, andererseits fühlten sie sich geknebelt durch die Plattenverträge.

Ich werde nun nicht auf das ganz Hin und Her eingehen, das die Band so durchmachte: einer scheidet aus wegen Drogensucht, dann wieder muss der Manager gehen, später wird er zurück geholt, dann trennt Joe sich von einem anderen Bandmitglied, es gibt Streit, Versöhnung und den ganzen Hickhack, wie man das von vielen Bands so kennt.

Das kam mir alles nicht so bemerkenswert vor, aber es zeigt sehr genau, dass der Regisseur keine hehre Lichtgestalt zeigen wollte, sondern Joe Strummer mit all seinen Facetten, da gehörten eben auch Vertrauensbruch, Streit und Launisch Sein dazu. Aber auch und das ganz stark: der Wunsch, die Underdogs, die Jugendlichen aus der Arbeiterklasse, die Loser der Welt aufzuklären, ihnen etwas zu geben, eine Hoffnung und das Bewusstsein, dass sie nicht allein auf der Welt sind, dass es vielen in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten ebenso beschissen geht und dass man dagegen kämpfen kann und soll: gegen die Ausbeuter, diejenigen, die Gewinn über alles stellen, gegen Rassisten und Kriegstreiber.

Die Texte der Band waren sozialkritisch, scharf, manchmal zynisch und immer intelligent. Die Musik öffnete sich anderen Einflüssen wie Reggae, Dub, orientalischen Elementen und Jazz. Hier machte sich die Offenheit anderen Kulturen gegenüber bemerkbar, auch kritisierte Joe, dass die Punkbewegung die Schwarzen praktisch außen vor ließe.
The Clash riefen zum Kampf auf! Es sollte sich etwas ändern und sie waren ein Teil der Bewegung!

Nur, sie wurden auch immer erfolgreicher - nach einer Tournee in den USA vor absolut ausverkauften Häusern, eine Tournee, die ihnen einen Status bescherte, der praktisch nicht mehr zu toppen war, häuften sich die Probleme innerhalb der Gruppe. 1985 war es dann aus und vorbei.

Joe Strummer, der mittlerweile Vater zweier Töchter geworden war, begann nun Filmmusik zu schreiben, er spielte mit in Filmen von Jim Jarmusch, er zog sich nach Spanien zurück, er versuchte, einen neuen Weg zu finden. Erst 1999, viele jahre später, fand er sich dann wieder: er gründete "The Mescaleros" mit denen er noch drei beachtete Platten herausbrachte. Endlich wieder Musik schreiben, endlich wieder auf der Bühne! Er lebte auf und - bei einem Solidaritätskonzert mit streikenden Arbeitern in England fand er sich plötzlich gemeinsam mit seinem alten Weggefährten Mick wieder auf der Bühne! Die alten Ziele: Solidarität und gute Musik hatte sie wieder zusammengebracht.
Doch: die Zeiten der Clash waren vorbei und auch nicht mehr wiederholbar.
2002 starb Joe Strummer mit gerade mal 50 Jahren an einem Herzinfarkt, plötzlich und schnell.

Doch der Film zeigte ja nicht nur das Leben dieser einen Person, sondern viel mehr: die Begeisterung und den Stellenwert, den diese Musik hatte für viele Menschen damals und den sie immer noch hat. Es gibt unzählige Bands, die sich auf The Clash berufen (es sind nicht die schlechtesten!). Der Film vermittelt sehr authentisch auch den "Zeitgeist" der 70er und 80er, zumindest den Geist derjenigen, die sich als "anti" sahen, anti-establishment und anti- kommerziell.

Einen sehr großen Teil des Films machen die Rückblicke von Freunden, ehemaligen Weggefährten, Freundinnen, Geliebten und der Ehefrau aus, von Kollegen und enttäuschten Freunden aus. Alle versammelt der Regisseur Julien Temple 4 Jahre nach Strummers Tod vor der Kamera, ich nenne nur einige:

Jim Jarmusch, John Cusack, Bono, Johnny Depp, Matt Dillon, Topper Headon, Mick Jones, Terry Chimes(Bandmitglieder), Bernie Rhodes (Manager), Ian und Alasdair Gillespie, Steve Buscemi und Damien Hirst, sowie seine Frau Luce und seine frühere Frau Gaby (Mutter seiner Kinder) und noch einige mehr, wie sein Mitbewohner aus der besetzten Wohnung.

Alle gemeinsam zeichnen sie das Bild eines widersprüchlichen, ungemein begabten Menschen, der wirklich von ganzem Herzen etwas Positives bewirken wollte (und das meiner Meinung auch getan hat), eines Menschen, der seine Kreativität mit anderen teilen wollte, der an die Gemeinschaft von und mit anderen glaubte und dennoch immer wieder diejenigen, die ihm am nächsten waren, vor den Kopf stieß.

Was bleibt, neben der Musik, ist das Bewusstsein, dass Musik vielleicht nicht die Welt verändern kann, aber es kann die Menschen verändern, die dann vielleicht die Welt verändern können.

Joe Strummer glaubte und sagte: "people can really change the world, they can really do it. The future is still unwritten"

Ich kann gar nicht sagen, wie stark mich die Authentizität beeindruckt hat, wie überzeugt er das - schon als älterer Mensch - in einem Tonfall sagt, der einen/mich plötzlich glauben lässt:

Ja, warum nicht, wir versuchen ja gar nichts mehr zu verändern, aber es geht doch vielleicht. Vielleicht sollten wir es doch noch mal probieren?
Die Werte, die Joe Strummer (als einer von sehr vielen) vertrat: Interesse an anderen Menschen, Offenheit für andere Kulturen, Eintreten gegen Krieg, die Abscheu vor Strukturen und Leuten, die Gewinn über alles stellen und vor "Spießern", Leben in Gemeinschaft mit anderen, leidenschaftlicher Einsatz für Unterprivilegierte, diese Werte sind immer noch - meiner Meinung nach - die richtigen Werte!

Was ich über all dem Inhaltlichen fast vergessen hätte, aber au keinen Fall vergessen möchte:

Der Film ist einfach auch als Film total und absolut gelungen: perfekter Wechsel von Bandauftritten, Interviews, alten Fotos, Musik, Reflexionen. Die Schnitte sind so, dass man als Zuschauer gerne alles mitmacht und immer noch mehr davon möchte (und nicht nur - wie mein Mann vermutet, weil mein allerliebster Liebling Johnny Depp auch ein paar Minuten zu sehen ist.)

Der Film ist keine Sekunde lang langweilig, er weckt Interesse, wo vorher wenig da war, für sowieso schon Interessierte ist er ein absolutes Muss!

Ach ja, und ganz nebenbei: die Musik ist gut, richtig gut!!!

Wie ich früher mal denken konnte, das sei unmelodiöser Krach ist mir vollkommen unverständlich und nicht mehr nachvollziehbar.

Fazit:

Der Film ist toll, traurig, aufwühlend, informativ, gut gedreht, voller interessanter Menschen und erklärt eine ganze Welt, eine Epoche, eine ganze Zeit. Und sonderbarerweise: er weckt Hoffnung in mir, Hoffnung, dass etwas weiter geht, was weiter gehen sollte.

The future is still unwritten - we can write it!


P.S. vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass der Film auf Englisch ist mit deutschen Untertiteln

P.P.S.

hier noch die lyrics zu

"London Calling"

London calling to the faraway towns
Now war is declared, and battle come down
London calling to the underworld
Come out of the cupboard, you boys and girls
London calling, now don't look to us
Phoney Beatlemania has bitten the dust
London calling, see we ain't got no swing
'Cept for the ring of that truncheon thing

[Chorus 1:]
The ice age is coming, the sun's zooming in
Meltdown expected, the wheat is growing thin
Engines stop running, but I have no fear
'Cause London is drowning, and I live by the river

London calling to the imitation zone
Forget it, brother, you can go it alone
London calling to the zombies of death
Quit holding out, and draw another breath
London calling, and I don't wanna shout
But while we were talking, I saw you nodding out
London calling, see we ain't got no high
Except for that one with the yellowy eyes

[Chorus 2: x2]
The ice age is coming, the sun's zooming in
Engines stop running, the wheat is growing thin
A nuclear error, but I have no fear
'Cause London is drowning, and I live by the river

Now get this

London calling, yes, I was there, too
An' you know what they said? Well, some of it was true!
London calling at the top of the dial
After all this, won't you give me a smile?
London calling

I never felt so much alike alike alike alike

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Sydneysider47

Sydneysider47

08.04.2011 23:32

"The Clash" sagen mir was. Das war doch die Punkrock-Zeit. Ob dieser Film schon im Fernsehen gelaufen ist? Viele Grüße!

Pik7

Pik7

16.11.2007 21:52

Du begräbst Deine Begeisterung unter einer Lawine von Fakten. Ganz am Ende erst lugt sie ein wenig hervor. Traust Du dich nicht?

Fantomiss

Fantomiss

07.09.2007 21:40

Mist! Den wollte ich doch noch unbedingt sehen! Aber ob ich ihn noch in einem Kino erwische? Und komisch, von "The Clash" kannte ich bisher auch eher die bekannteren Sachen, mehr nicht, obwohl sie immer im Bewußtsein waren. Vor ein paar Wochen hab ich mir dann einiges von ihnen zusammengetragen. Und jetzt Dein Bericht, aus dem so viel Begeisterung klingt. Danke. (P.S. Es gibt auch einen Film zu den "Sex Pistols" bzw. vorrangig Sid Viscious. "Sid & Nancy" heißt das Werk - ist allerdings sehr deprimierend...dennoch sehenswert)

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