Die FAZ hat in den letzten Wochen die Erzählung "Josefine und ich" von Hans Magnus Enzensberger als Vorabdruck in ihren Ausgaben gehabt. Da Enzensberger immer recht lesenswert ist, habe ich keinen Teil der Fortsetzungen verpasst und möchte nun über mein Leseerlebnis berichten, da die Erzählung ... Bericht lesen
Josefine und ich, Audio-CD
Wer ist Josefine? Joachim begegnet der Sängerin und Grande Dame zum ersten Mal, als sie ... mehr
fast Opfer eines Taschendiebs wird. Aus der zufälligen Begegnung erwachsen regelmäßige Treffen zum Tee, anregende Gespräche über das Leben, die Liebe und die Literatur, und langsam entsteht eine vorsichtige Freundschaft. Doch immer bleibt ein Rest Ungewissheit: Was steckt hinter ihren schillernden Erzählungen? Lügt sie? Kann sie überhaupt singen?
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Erfahrungsbericht von SVoigt2000 über Josefine und ich / Enzensberger, Hans Magnus 15. Juni 2006
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
durchschnittlich
Unterhaltungswert:
hoch
Spannung:
ohne Spannung
Humor:
wenig humorvoll
Aufmachung:
ok
Pro:
Leicht lesbarer und lockerer Schreibstil, unterhaltsame Geschichte mit wichtiger Botschaft
Kontra:
Eigentliche Botschaft kann überlesen werden
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Die FAZ hat in den letzten Wochen die Erzählung "Josefine und ich" von Hans Magnus Enzensberger als Vorabdruck in ihren Ausgaben gehabt. Da Enzensberger immer recht lesenswert ist, habe ich keinen Teil der Fortsetzungen verpasst und möchte nun über mein Leseerlebnis berichten, da die Erzählung noch im Juni 2006 in Buchform erscheinen soll.
-----STORY:----- München, Anfang der 1990er: Joachim ist ungefähr 30 Jahre alt und bekommt mit, wie ein Dieb einer alten Frau auf offener Straße die Handtasche entreißt. Joachim stellt den Dieb, gibt der Dame die Handtasche zurück, woraufhin diese ihn mehr auffordert als bittet, sie nach Hause, auf einen Tee, zu begleiten. Joachim kommt der Aufforderung / Bitte nach und die Beiden unterhalten sich in der Villa der Alten gut. Josefine heisst sie und war früher Opernsängerin. Bei ihr lebt in der heruntergekommenen Villa nur noch das jüdische Dienstmädchen Fryda.
Joachim findet Gefallen an Josefine und möchte mehr über sie, ihre Vergangenheit und das bereits in die Jahre gekommene Dienstmädchen erfahren. Fortan kommt er jeden Dienstag zum Tee. Er unterhält sich über Wochen mit Josefine über Sport, Politik, ihre Vergangenheit, ihre Karriere... Aber Josefine ist sehr verschlossen, wenn es um sie geht, Joachim weiss nie, ob sie die Wahrheit sagt oder sich all die Geschichten nur ausdenkt. Aber sein detektivischer Spürsinn lässt ihn immer wieder zu Josefine zum Tee gehen...
-----HANS MAGNUS ENZENSBERGER:----- Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren und ist Dichter, Redakteur, Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte u.a. an der Sorbonne Literaturwissenschaft und Philosophie, nahm an einigen Treffen der legendären "Gruppe 47" teil und veröffentlichte Gedichte, Essays, Romane und literaturwissenschaftliche Schriften - teilweise auch unter Pseudonym.
-----ZAHLEN, DATEN, FAKTEN:----- Titel: Josefine und ich Autor: Hans Magnus Enzensberger Verlag: Suhrkamp Erschienen: Juni 2006 Seiten: 148
-----KOMMENTAR:----- Hans Magnus Enzensberger ist hier eine nette Geschichte gelungen, die auf den ersten Blick nicht viel mehr als "nett" ist. Joachim besucht Josefine Woche für Woche und die Beiden unterhalten sich. Bemerkenswert wäre die Geschichte nicht, wenn Josefine nicht - aufgrund ihres Alters? - einige merkwürdige Eigenarten hätte, die Joachim bald auffallen und die ihn sehr stören. Josefine watet teilweise mit Halbwissen auf, scheint nur Stammtischgeplapper über Politik und Staat zu kennen und wenn Joachim stichhaltige Belege für ihre teilweise provokanten oder sehr gewagten Thesen und Anspielungen verlangt, dann lässt sie das Thema einfach fallen und greift ein anderes auf. Trotzdem entwickelt sich diese eigenartige Freundschaft weiter.
Möchte Enzensberger aber wirklich einfach nur diese Freundschaft darstellen? Wenn ja, müsste man von ihm enttäuscht sein, aber auf den letzten Absätzen wendet sich alles. Dann nämlich macht die Geschichte einen Zeitsprung von 15 Jahren: Joachim findet die Tagebucheinträge wieder, die er während seiner Besuche bei Josefine gemacht hat und aus denen "Josefine und ich" besteht, denkt an die Zeit mit der Opernsängerin zurück und sagt, er würde jedem 30-Jährigen eine Josefine wünschen. Hier wird urplötzlich aus der "netten Geschichte" eine Statement für mehr Zusammenhalt und Achtung der Generationen. Wir Jungen können von den Senioren lernen (Auch Joachim schreibt in seinen Tagebüchern immer wieder, dass Josefines provokante Aussagen einen wahrer Kern haben), müssen uns um sie kümmern und müssen Achtung vor ihnen haben. All das steckt in "Josefine und ich", in der merkwürdigen Freundschaft zwischen Joachim und Josefine. Und all das ist in unserer Zeit wichtig, in der es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt, in der immer wenige Arbeitnehmer für die Renten von immer mehr Senioren aufkommen müssen und Konflikte zwischen den Generationen von vielen Experten vorhergesagt werden.
Da diese Botschaft weder mit dem erhobenen Zeigefinger, noch mit dem Vorschlaghammer vermittelt wird, besteht zum Einen natürlich die Gefahr, dass diese Botschaft überlesen wird, zum Anderen ist es natürlich auch sehr positiv und wünschenswert, wenn man eine solch wichtige und aktuelle Botschaft in einer leicht zu lesenden und unterhaltsamen Geschichte verpackt wird. Hier hat Enzensberger Günter Grass' "Die Rättin" viel voraus, einem Roman, der vor lauter apokalyptischer Vorhersagen unerträglich zu lesen ist und nicht nur mit einem sondern einer ganzen Armee von Vorschlaghämmern daher kommt. Enzensbergers "Josefine und ich" hingegen liest man gern, mit Freude und Lust, sodass man das Buch kaum zur Seite legen möchte. Da ist es gut, dass es mit knapp 150 Seiten auch innerhalb eines Tages sehr gut zu lesen ist...
Die Topbewertung vergebe ich allerdings nicht, weil mir die Erzählung dafür bis zum letzten Tagebucheintrag Joachims nicht nachdenkenswert genug ist und zu wenig emotional ist. Die Gespräche zwischen Joachim und Josefine sind gut zu lesen, aber bieten leider recht wenig, worüber man nachdenken könnte - dafür ist Josefine zu oberflächlich und bricht Themen zu schnell ab.
-----FAZIT:----- Ein lesenswertes, unterhaltsames und auch nachdenkenswertes Büchlein, mit dem der erfahrene Hans Magnus Enzensberger Neuland betritt - er veröffentlicht hier seine erste Erzählung.
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