Judgement Night

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Anfang der Neunziger wirbelte ein Soundtrack zu einem billigen Action-Streifen die Musikszene gehörig durcheinander. Die Größen der Metal-Szene setzten sich mit deren Kollegen aus dem Rap-Business auseinander – und krönten ihre Zusammenarbeit mit elf Songs, die weitläufig als Begründer des ... Bericht lesen





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...In the Ghetto: Urbanes Freiwild...
Erfahrungsbericht von ZordanBodiak über Judgement Night
05.05.2004


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Hammermäßiger Soundtrack .  .  .  Cuba Gooding Jr .  spielt überwiegend akzeptabel .  .  .  Streckenweise unterhaltsam .  .  .
Kontra: Die restliche Cast ist schwach und spielt teilweise viel zu überdreht .  .  .  Klischeehafte Inszenierung .  .  .  Vorhersehbar bis zum Gehtnichtmehr .  .  .  Spannung und Action, wo seid ihr???

Empfehlenswert? nein 

Kompletter Erfahrungsbericht

Anfang der Neunziger wirbelte ein Soundtrack zu einem billigen Action-Streifen die Musikszene gehörig durcheinander. Die Größen der Metal-Szene setzten sich mit deren Kollegen aus dem Rap-Business auseinander – und krönten ihre Zusammenarbeit mit elf Songs, die weitläufig als Begründer des Crossovers bezeichnet worden sind. Slayer schrammelten mit dem damaligen Rap-Gott Ice-T, Pearl Jam kollaborierten mit Cypress Hill und Faith no more gaben sich die Ehre mit dem Boo-Yaa T.R.I.B.E. (u.a.). Der Soundtrack hat die Jahre überdauert, findet immer noch seine Anhänger – ganz im Gegensatz zum Film. Trotz seines reißerischen Titels „Judgment night – Zum Töten verurteilt“ [entgegen der Produktkategorie wird „judgement“ im Filmtitel ohne „e“ geschrieben] vergammelt dieser Streifen mittlerweile im Programm der „zwielichtigen“ Privatkanäle und wird immer mal wieder herausgeholt, wenn man einen Reißer für die Mitternachtsstunden benötigt.


Verübeln kann man dies den Programmdirektoren bei weitem nicht, denn die Story von den vier Freunden, die in einem Chicagoer Ghetto einen Gang-Mord beobachten und daraufhin von den Killern gejagt werden, ist wahrlich nicht innovativ. Erscheint vom Grundgerüst her gar wie ein billiger Klon des Action-Klassikers „Deliverance / Beim Sterben ist jeder der erste“. Doch wenn die Action-Szenen stimmen sollten, dürfte auch die billig-kopierte Story ausgeglichen werden können.

Leider verbleibt es letztendlich jedoch nur beim „Dürfte“. Denn große Action-Momente gibt es in „Judgment night“ leider viel zu selten zu sehen. Da explodiert mal zu Beginn des Streifens ein Wohnmobil – und im Finale gibt es einen leidlich spannenden Shootout in einem Kaufhaus. Doch dazwischen? Luftleerer Raum, der durch die platt charakterisierten Figuren zeitweise nur schwerverdaulich ist. Nahezu jede nur denkbaren Klischees werden bis zum Gehtnichtmehr ausgenutzt.


Da gibt Jeremy Piven [u.a. „Old School“ und „Black Hawk down“] den notorischen Großkotz unter den Freunden, der mit seinem leichten Übergewicht schon nach den ersten Sekunden als späteres Opfer entschlüsselt werden kann. Emilio Estevez [u.a. „Young guns“ und „The Mighty Ducks“] macht einen auf logischdenkender Führer, der langsam aber sicher zur „intelligenten Killermaschine“ heranreift. Stephen Dorff [u.a. „Blade“ und „FeardotCom“] ist der Frischling, der - noch grün hinter den Ohren - erst lernen muss sich zu beherrschen. Und Cuba Gooding Jr. [Oscar für „Jerry Maguire“; „Boyz N the hood“] versucht sich als cooler Draufgänger, der sich und seine Freunde letztlich mit Waffengewalt aus dem Schlamassel herauszukämpfen versucht.

Große Anforderungen werden demnach nicht an die Akteure gestellt. In gewisser Weise ist es somit ein Armutszeugnis, dass einzig Cuba Gooding Jr. wirklich seine mimischen Fähigkeiten ausspielt und nur "zeitweise" zum Over-Acting neigt. Erschreckend, dass seine Kollegen nicht mehr aus ihren Rollen herausholen, schließlich bieten diese gewöhnliche Klischees einer jeden Schießbudenfigur in einem Action-B-Movie. Somit endet das direkte Draufhalten der Kamera auf die Gesichter der Darsteller nahezu immer in einem kleinen Fiasko. Besonders schlimm wirkt sich das Ganze mal wieder bei Emilio Estevez aus: Zumeist krampfhaft verschreckt guckt dieser aus der Wäsche, einzig im Finale scheint er auch noch einen weiteren Gesichtsausdruck zu finden. Wahrscheinlich ist wirklich der Großteil der Schauspielergene auf seinen Bruder Charlie Sheen übergegangen. Bevor jedoch gänzlich in genetische Regionen abgedriftet wird, lieber zurück zum eigentlichen Thema der Schauspieler, deren Leistung man gesamtbetrachtet auf ein minimales Qualitätsniveau zusammenfassen kann.

Selbst die wichtige Figur des obersten Widersachers wird durch Denis Leary [u.a. „Two if by sea / Gestohlene Herzen“ oder „Small Soldiers“] überwiegend unbefriedigend dargeboten – viel zu selten lässt dieser mal wirklich den sadistisch fiesen Bösewicht heraushängen. Und auch die erhoffte Coolness lässt der ehemalige Stand-Up-Komiker viel zu selten aufblitzen. Hier und da ein lakonischer Spruch, der seine Gangster-Kumpane – unter denen sich auch Erik Schrody [besser bekannt als Everlast, der Kopf von House of Pain und damals einer der wenigen angesehenen weißen Rapper - neben den Beasty Boys] befindet – und den Betrachter zu einem seichten Grinsen verleitet. Das war’s! Mehr bietet Leary in seinem ersten großen Auftritt vor der Kamera nicht. Er ist ein Abziehbild. Ein kleiner Ghetto-Gangster, der schon beim ersten Kontakt mit den wahren Bösewichten weinend nach seiner Mama schreit.


Wieso „Judgment night“ letztlich aber fast gänzlich zum Rohrkrepierer mutiert, ist offensichtlich der schlampig zusammengestutzten Story zu verdanken. Nicht nur, dass die Figuren – wie schon geschrieben – den gängigen Action-Klischees entsprechen, auch die erzählte Geschichte wirkt wie eine einfallslose Kopie, der gewohnten Handlungsstränge. Zunächst noch überheblich auf dem Weg zu einem langherbeigesehnten Boxkampf, müssen die vier Kumpane im Chicagoer Ghetto feststellen, dass sie doch nur „kleine Fische“ sind, die vor den wahren Haien lieber fliehen. Dass die Flucht natürlich teilweise an Dämlichkeit nicht zu überbieten ist, könnte man fast schon als Genre-Klischee bezeichnen. Fast – denn selbst ein Mensch unter Schock würde auf einer Flucht nicht an derartig ungünstigen Stellen einen Rastplatz erwählen oder derartig viel Lärm machen. Wieso dann nicht gleich eine Zielscheibe auf die Stirn malen und sich auf die Straße stellen?

So zerplatzt die zeitweise aufkommende Spannung bereits nach wenigen Sekunden. Man ärgert sich als Betrachter über die üblen Verhaltensweisen – schlägt sich mit der flachen Hand vor den Kopf und lässt jegliche Sympathien für die Charakter gegen den Nullpunkt sinken. Wieso sollte man mit solchen Knallchargen mitfühlen? Sollen sie doch erschossen werden!

Aber auch das zeitweise Ausbremsen des Handlungsflusses durch die schlechte Gewichtung der Spannungsmomente durch Drehbuchschreiber Lewis Colick verschafft dem Film keine bessere Atmosphäre: Viel zu sehr werden da einzelne „spannende“ Szenen ausgedehnt – so dass es schon einmal vorkommen kann, dass man die vier Flüchtigen fast zehn Minuten lang in einem ihrer Verstecke beobachten muss. Die gähnende Langeweile ist so gut wie vorprogrammiert! Gerade in diesen Momenten wünscht man sich, dass der Film gehörig heruntergekürzt worden wäre. Einhundertzehn Minuten dauert die ganze Rennerei. Und ein Großteil der Minuten wird einfach nur für das Filmen der Flüchtigen verschwendet. Schön und gut, wäre die Umgebung wenigstens nicht so trostlos, könnte man eine nette Sight-Seeing-Tour genießen.

Vielleicht sollte man aber nicht auf der Kulisse derartig herumhacken. Denn zeitweise weiß diese wirklich zu gefallen. Wenn das nahezu verlassene Ghetto mit seinen vereinsamten Straßen zusätzlich durch herumwirbelnden Müll zu einer urbanen Geisterstadt hochstilisiert wird, weckt das durchaus ein beklemmendes Gefühl beim Betrachter. Leider wird man in diesem Zusammenhang nicht das Gefühl los, dass bei dieser Stilisierung in gewissem Maße simpelste Schwarz-Weiß-Malerei betrieben wird. Das gängige Klischee vom verwüsteten Stadtteil wird bedient. Bewohner gibt es scheinbar keine. Zumindest auf der Straße scheinen sich nur vier Gangster (und deren Opfer) herumzutreiben - was natürlich äußerst seltsam erscheint, wenn man bedenkt, dass sich die Freunde gerade auf dem Weg zu einem Boxkampf befinden und sich nicht in den tiefsten Nachtstunden ins Ghetto verirren. Scheinbar haben die gewöhnlichen Bewohner derartig Angst vor den Bösewichten, dass sie sich schon nach Anbruch der Dunkelheit in ihren Wohnungen verbarrikadieren.

Die Häuser selbst gleichen zeitweise Ruinen – im Finale taucht dann aber plötzlich ein gut sortiertes Kaufhaus auf, das wie ein Fremdkörper in der Gesamtumgebung wirkt. Eindeutig eine verdrehte Welt – in der aber wenigstens nicht ein weiteres Mal farbige Ghettobewohner als die bösen Buben engagiert worden sind. Aber das spricht ja auch für die Verdrehung der eigentlichen Hollywood-Welt.


Letztlich verbleibt nur noch der grandiose Soundtrack als interessanter Punkt. Doch mit großen Erschrecken muss man beim Betrachten des Filmes feststellen, dass besagte Klassiker des „Crossover-Genres“ nur äußerst selten zum Einsatz kommen. Stattdessen greift Stephen Hopkins bei seiner vierten Regiearbeit überwiegend auf die kompositorische Arbeit Alan Silvestris [u.a. „Forrest Gump“ oder „Back to the future“] zurück. Zwar dient diese instrumentale Score über weite Strecken des Filmes gut dem Aufbau einer akzeptablen Atmosphäre – aber gerade in den wenigen Action-Momenten wäre wohl die aggressive Crossover-Musik wesentlich besser geeignet um eine nervenzerreißende Stimmung heraufzubeschwören!

Was hierbei aber besonders nervig erscheint, ist die starke Vermutung, dass Alan Silvestri zeitweise seine Score zu „Predator 2“ nur aufgewärmt hat. Aber das Recycling von guten Ideen kennt man ja nur zu genüge aus Hollywood...

*Fazit - There comes a time when you've got to take a stand!*

Unter dem Strich ist „Judgment night“ in den Nachtprogrammen der Privaten äußerst gut aufgehoben. Die „Story“ plätschert spannungslos vor sich hin, der überwiegende Teil der Schauspieler agiert – trotz großer Namen – schwach und auch in Sachen Action bietet der Streifen verhältnisgemäß wenig. Sicher, der auf den Markt geschmissene Soundtrack ist bombastisch – doch zur Enttäuschung der Fans werden die jeweiligen Songs nur äußerst selten im Film angespielt.

Was verbleibt also als kümmerlicher Rest? Ein Action-Reißer, der zwar nicht langweilt und während einer der zahlreichen Ausstrahlungen im Nachtprogramm durchaus als anspruchslose Berieselung vor dem Schlafengehen konsumiert werden kann. Schließlich wird man kurz vor dem Übertreten in Morpheus Reich auch nicht die schrecklich dämlich handelnden Figuren als derartig penetrant empfinden...

Wertung: 4 überlebenswillige Punkte auf meiner 10er-Skala [unter Berücksichtigung der B-Movie-Qualität]
Internet: www.imdb.com/title/tt0107286/   

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