Der Liebeshändel...

5  07.09.2002 (08.09.2002)

Pro:
.  .  . wunderschön .  .  .

Kontra:
.  .  . jedes Buch ist mal zu ende .  .  .

Empfehlenswert: Ja 

BeatenAngel

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:52

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„Ich habe mich an die Jüdin von Toledo gemacht...“, schrieb Lion Feuchtwanger am 20. Juli 1953 an Arnold Zweig, und am 15: März 1954: „Der innere Sinn ist die Darstellung der ungeheuern Anziehungskraft des Krieges, der sich nicht einmal die Gegner ganz verschließen können. Darstellen will ich also, welch ungeheure Widerstände der Kampf um den Frieden überkommen muß.“

Die Kriegslust ist eines der Hauptthemen Feuchtwangers, erlebte er doch beide Weltkriege – wenn auch im Ausland – mit.
Er hielt es für ein aktuelles Thema, denn noch immer wird das ritterliche, heldenhafte glorifiziert, ohne jegliche Beachtung des Don Quichotte, welcher doch in jedem Ritter steckt. Die Menschen sehen nur den Glanz, nicht das Narrenhafte des Ritters, das eigentlich sinnlose des Krieges.


Lion Feuchtwanger (1884-1958) beschrieb die Grundfabel des „Buches Esther“ aus der Bibel neu, deren Grundsatz der Heldin er aufgenommen hatte: die Errettung ihres Volkes an der Seite des feindlichen Königs.
Feuchtwanger allerdings machte aus der Marionette ihres Vormunds eine eigenständige junge Frau, indem er sie mit anderen Jüdinnen, welche erfolgreich in die Geschichte ihres Volkes eingegriffen hatten, „vermischte“ bzw. weiterentwickelte.
Eine dieser Jüdinnen ist Raquel „La Fermosa“.
Auf sie aufmerksam wurde er durch Grillparzers Drama „Die Jüdin von Toledo“ und Lope de Vegas „La Judia de Toledo“, der den Stoff seines Dramas aus einer alten Chronik genommen hatte, die der Urenkel des Königs Alfonso VIII von Kastilien – Alfonso X – verfaßt hatte.

Im Gegensatz zu Grillparzer und de Vega allerdings, setzte Feuchtwanger seine Version der „Jüdin von Toledo“ in einen historischen Kontext, denn er war der Meinung, nur wer diesen historischen Hintergrund kennt, kann die Tragweite der Geschichte verstehen.
Und sicher hat er recht:

Das Buch beginnt mit einer kurzen Beschreibung der Sachlage: Die Moslems haben die iberische Halbinsel erobert und die dort lebenden Menschen bis hin zu den Pyrenäen unterworfen.
Sie brachten eine hohe, vergeistigte Kultur mit und das Land blühte, während die Westgoten plus Nachfahren in den Bergen auf Rache sannen.
Die Christen griffen an, der Kalif Jussuf wurde von den Moslems um Hilfe angerufen, er stoppte die Christen und warf seine vergeistigten Moslems aus Andalús raus.
Dann zwang er die Juden, den Propheten Mohammed anzuerkennen, da ihr Messias binnen der gesetzten Frist eines halben Jahrhunderts nicht erschien.

Einer dieser Juden ist Jehuda Ibn Esra. Er konvertiert zum moslimischen Glauben und wird erfolgreicher Kaufmann. Er zählt zu seinen Freunden auch den Emir, obwohl dieser weiß, daß Jehuda heimlich noch den Glauben des Judentums praktiziert (wie es fast alle Juden damals taten) und Jehudas Verdienst ist es auch, daß Sevilla mit Kastilien einen achtjährigen Waffenstillstand halten muß, damit das Land gedeihen kann.

Nun wird Jehuda aber nach Kastilien berufen, da dem König Alfonso VIII sein alter Jude weggestorben ist und er einen neuen Geldgeber für sein Land bracht.
Jehuda wird – trotz der königlichen Abneigung, denn Alfonso ist ein Krieger und haßt diese Untätigkeit in Friedenszeiten (und Frieden ist nunmal, da mit Sevilla ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde) – zum königlichen Escrivano und zieht in das rauhe, christliche Toledo, wo er sich wieder offen zu seinem Judentum bekennt.

Mit ihm ziehen sein Sohn Alazar und seine Tochter Raquel, welche bald die Herzen vieler Kastilier im Sturm erobert.

Von nun an muß Jehuda sich mit den Staatsgeschäften und den königlichen Launen herumärgern, denn die politische Lage ist verzwickt: Moslems kämpfen gegen Christen, Christen gegen Moslems und irgendwo mitten drin stehen die Juden, welche von beiden Seiten bedrängt werden.
So hat Jehuda also die undankbare Aufgabe die Staatskasse zu füllen, das Land blühend zu machen und nebenbei den Juden – seinem Volke, dem gegenüber er sich schuldig fühlt, da er lange Jahre Moslem war – noch in ihrer Existenznot helfen.
Viele Leute fürchten sich vor Jehuda und seiner schier unglaublichen Schlauheit und Tücke, sie mögen ihn nicht wegen seiner gar zu stolzen Art und seinem festen Glauben, Adonai habe ihn und sein Geschlecht auserwählt, die Geschicke der Juden zu lenken.

Und als er mitten im heiligen Krieg (Moslems und Christen kämpfen um die heilige Stadt Jerusalem, während die Juden der festen Überzeugung sind, die Stadt gehört sowieso ihnen) sechstausend französischen Juden ein Obdach in Kastilien versprochen hat, kommt ihm die offensichtliche Leidenschaft des König Alfonso VIII für seine hübsche Tochter Raquel sehr gelegen...


Dies ist nur ein kurzer Umriß der Geschehnisse des ersten Teiles (das Buch hat 3 Teile), doch vielmehr möchte ich auch nicht verraten, denn es scheint mir so lose hingeworfen etwas verwirrend (Feuchtwanger kann die Geschehnisse besser beschreiben als ich ;-).
Die Geschichte der Jüdin ist extrem komplex, da letztendlich jeder gegen jeden spielt und vor allem Jehuda eine Menge zu tun hat, alle Interessen unter einen Hut zu bringen und für sich den größten Vorteil herauszuschlagen, ohne dies den anderen offenbar zu machen...

Doch hinter dieser komplexen Historie steht vor allem eines: eine packende Liebesgeschichte.
Der christliche Ritter Don Alfonso VIII, König von Kastilien und die Tochter seines Escrivanos, die Jüdin Raquel lieben sich auf eine ganz besondere Art und Weise:
„Und er schloß sich mit der Jüdin fast volle sieben Jahre ein und gedachte nicht seiner selbst, noch seines Reiches, noch kümmerte er sich um sonst etwas.“ (Alfonso el Sabio (=Alfonso X), Cronica General, um 1270)

Raquel wird von dem Volk inzwischen als wahre Königin Kastiliens angesehen, doch die echte Königin – Dona Leonor – spinnt eine Intrige, in der Hoffnung, Alfonso möge seine alte Kriegslust wiederfinden, in den Heiligen Krieg ziehen (dem er ja wegen dem Waffenstillstand mit Sevilla nicht beiwohnen darf) und seine Jüdin vergessen.

Im Land bricht bald darauf ein Krieg aus, für deren verheerende Folgen die Juden verantwortlich gemacht werden.


Dies war der Inhalt in Kurzform, denn lesen müßt ihr schon selbst – und ich kann jedem nur empfehlen, dies Buch zu lesen, denn Lion Feuchtwanger entfaltet eine phantastische Sprache, welche das Wort sofort in Bild verwandelt und das Bild in Gefühl.


Nach dem etwas schwierigen Einstieg über die ganze Historie wird das Buch zu einen wunderschönen – und traurigen – Märchen, deren historische Fakten stimmen und damit das Buch zu einem Erlebnis, vielleicht einer Geschichtsstunde in anderer Form, werden lassen.
Mit jeder Zeile habe ich mich mehr in diese Geschichte verliebt und mit Kapitel wurde mir mehr die Tragweite der Geschehnisse bewußt.
Am Ende des Buches stahl sich eine Träne leis‘ hinfort...

Liebe Grüße,

a beaten angel.


PS: Der Roman erschien 1955 in zwei Erstausgaben, von denen die eine „Spanische Ballade“ (Rowohlt-Verlag, Hamburg), die andere „Die Jüdin von Toledo“ (Aufbau-Verlag, Berlin) hieß.

„So wie sie einander sahen, tauchten ihnen die Tage der Trennung hinunter. Sie hatten geatmet diese endlose Woche hindurch, nicht gelebt. Jetzt lebten sie. Es gab für sie kein Leben außerhalb der Galiana (...)
Trotzdem hatte sich ihnen vieles geändert. Sie waren wissender einer um den andern. Alfonso gewahrte manchmal in Raquels Mienen und Worten jenes verfängliche Etwas, welches sie mit ihrem von Gott verdammten Volke verband, und voll frommer, leiser hämischer Freude dachte er an seinen Entschluß, diese Züge ihres Wesens auszumerzen...“




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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
helmut.agnesson

helmut.agnesson

17.10.2002 21:49

danke für den bericht. du hast mich mal wieder auf ein buch aufmerksam gemacht, was schon länger auf meiner "unbedingt mal lesen lite" steht (die nur so ellenlang ist, dass ich sie kaum noch anschauen mag)

Zitronia

Zitronia

11.09.2002 19:19

Halo, ich bin beeindruckt und werde das Buch lesen! Grüße von Dagmar

Itchy205

Itchy205

07.09.2002 19:29

Die komplexe Story und die Leseprobe haben mich sehr neugierig gemacht. Schön, daß du wieder da bist, Liebe Grüße, Itchy

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