Jugendweihe

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...Was heißt denn eigentlich "Jugendweihe"? Ja ja, beruhigt euch wieder, ich will hier keine alten Wunden aufreißen, sondern das war mehr spaßig gemeint. Allerdings verhält es sich mit diesen Fragen tatsächlich so wie ich es sage. Um noch einen drauf zu setzen, erzähle ich euch schnell noch, ... Bericht lesen





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Jugendweihe - nur ein DDR-Relikt ?
Erfahrungsbericht von macfischkopp über Jugendweihe
30.03.2004


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Man fühlt sich ein bisschen "erwachsen", Geschenke
Kontra: ist nicht überall anerkannt

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Wisst ihr eigentlich, an welchen zwei Fragen der "Ossi" auch heute noch einen "Wessi" erkennt? An diesen:

1.Dreiviertel drei – wann ist denn das genau?
2.Was heißt denn eigentlich "Jugendweihe"?

Ja ja, beruhigt euch wieder, ich will hier keine alten Wunden aufreißen, sondern das war mehr spaßig gemeint. Allerdings verhält es sich mit diesen Fragen tatsächlich so wie ich es sage. Um noch einen drauf zu setzen, erzähle ich euch schnell noch, was mich etwa 2 Jahre nach der Wende ein Kölner fragte: "Habt ihr in der DDR eigentlich auch Weihnachten gefeiert?" Ui ui ui ui…..

Warum schreibe ich all das? In meinem vorletzten Bericht erwähnte ich beiläufig, dass meine Tochter in wenigen Wochen ihre Jugendweihe erhält. Und prompt kamen daraufhin einige Fragen, was denn die Jugendweihe sei, gehört hätte man schon mal davon… Nun gut, dadurch entstand bei mir die Idee für diesen Bericht, der hoffentlich viele Fragen klären kann.


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Lang ist es her
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Die meisten glauben sicher, die Jugendweihe wäre tatsächlich nur eine DDR-Erfindung, aber das ist weit gefehlt. Die Wurzeln der Jugendweihe gehen nämlich viel weiter zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland die ersten freireligiösen Gemeinden, die sich von der Bevormundung durch die Kirche befreiten und die stattdessen Selbstbestimmung predigten, eigene Feste feierten und dadurch natürlich der Kirche alles andere als willkommen waren. Ein gewisser Eduard Baltzer, der 1847 die Freie Protestantische Gemeinde Nordhausen gründete, entwickelte dann nach seinem Bruch mit der Kirche eine Art Gegenfeier zur Konfirmation, nämlich eine außerkirchliche Feier für junge Menschen, die er "Jugendweihe" nannte. 1852 fand in Deutschland die erste Jugendweihe statt, natürlich organisiert von Eduard Baltzer.

Im restlichen Deutschland dauerte es etwas, bis die Jugendweihe überall bekannt wurde. Erst etwa 1890 setzte sich der Begriff überall im Land durch, woran u.a. die Sozialdemokratische Partei, Arbeitervereine und verschiedene Freidenkergruppen großen Anteil hatten. Die Jugendweihe selbst erhielt man mit 14 Jahren als eine Art Geschenk zum Schulabschluss (damals ging man nur 8 Jahre zur Schule). Es lief meistens so ab, dass der Lehrer einen Vortrag über freigeistige Weltanschauung hielt, es danach ein Gelöbnis gab und dann an die "geweihten" Kinder ein Gedenkbuch und Erinnerungsurkunden überreicht wurden.

Wen es interessiert: Die erste Jugendweihe in Berlin fand am 14.April 1889 im Konzerthaus an der Leipziger Straße statt. Wie populär dieses Ereignis inzwischen war, zeigt die Tatsache, dass 1500 Gäste der Zeremonie beiwohnten.

Um 1920 herum erlebte die Jugendweihe einen enormen Aufschwung, ehe sie durch den Machtantritt Hitlers schlagartig in der Versenkung verschwand. Hitler ließ nämlich 1933 die Jugendweihe offiziell verbieten, denn die Nazis hatten ihre eigenen Feiern, und die hatten nun mit den freidenkerischen Ideen und Traditionen der Jugendweihe überhaupt nichts gemeinsam.


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Jugendweihe in der DDR
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Na mal ehrlich: wer hat all das gewusst? Ich bis zur Recherche zu diesem Bericht jedenfalls nicht. Aber es gibt noch mehr überraschendes. Wer nämlich nun denkt, spätestens mit Gründung der DDR wurde die Jugendweihe zur Pflichtveranstaltung erhoben, der irrt gewaltig. Während in den westlichen Besatzungszonen, der späteren BRD, die Jugendweihe sich relativ großen Zuspruchs erfreute (zumindest bis Mitte der 50er Jahre), wurde sie in der neu gegründeten DDR sogar verboten. Warum? Nun ja, wie schon im oberen Absatz erwähnt, beruhte ja die Grundidee der Jugendweihe auf gewissen freidenkerischen Tendenzen. Und das durfte natürlich nicht sein in der kommunistischen deutschen Republik.

Die große Wende kam dann –nein, nicht erst 1989, sondern bereits um 1953 rum. Jedenfalls in Sachen Jugendweihe. Unser großer Waffen- und Glaubensbruder, die damalige UdSSR, erkannte nämlich, dass der Osten irgendeine Alternative zur immer mehr um sich greifenden Konfirmation anbieten musste. Denn natürlich sollte um keinen Preis die Kirche in der DDR Oberwasser erhalten, also war die Jugendweihe das kleinere Übel. In Folge dieser Überlegungen fasste das Politbüro der KPdSU ("Kommunistische Partei der Sowjetunion") im Mai 1953 den folgenschweren Beschluss "über Maßnahmen zur Gesund der politischen Lage in der DDR": Na, klingt das nicht geil? Im Klartext hieß das, die Jugendweihe wurde zu einem Staatsakt erklärt, was wiederum bedeutete, dass jeder Widerstand dagegen ohne Gnade verfolgt und entsprechend geahndet wurde.

Natürlich gab es unendlich viele, die sich und ihre Kinder nicht diesem Diktat unterwerfen wollten, und die bekamen den ganzen Zorn des Staates zu spüren. Das fing ganz klein an mit einfachen Benachteiligungen der Kinder durch die Lehrer an und führte noch Jahre später zu Beeinträchtigungen bei der Berufswahl oder sogar zu abgelehnten Studienanträgen. Ich selbst habe einen Kumpel, dem das Abitur verwehrt wurde, weil er sowohl die Jugendweihe als auch die sonstige Teilnahme am FDJ-Leben verweigerte. Es gab also tatsächlich Repressalien gegen den einen oder anderen, aber das soll jetzt nicht Gegenstand meines Berichtes sein.

Was nun alles zur Jugendweihe dazu gehörte, erlaube ich mir im nächsten Abschnitt auszuplaudern.


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Meine eigene Jugendweihe
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Zu Beginn meines 8. Schuljahres wurde manches anders. Einiges war selbst verschuldet, z.B. dass ich umgeschult wurde, weil meine lieben Eltern ja unbedingt umziehen mussten. Im Nachhinein erwies sich das aber als äußerst nützlich, denn ansonsten hätte ich wohl niemals die Leute kennen gelernt, die in meinem Leben teilweise heute noch eine große Rolle spielen. Die größte Änderung allerdings spielte sich im "gesellschaftspolitisch - kulturellen" Teil des schulischen Alltags ab. Wir hatten plötzlich einmal monatlich sogenannte Jugendstunden, die uns auf den "Eintritt ins Erwachsenenleben" vorbereiten sollten. In der Praxis sah das so aus, dass wir entweder irgendwelche Vorzeigebetriebe besuchen und uns von dortigen Vorzeigearbeitern Vorträge über ihre tollen Ergebnisse beim Wettstreit um den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" (oder so ähnlich) anhören mussten. Oder wir trafen uns mit gleichaltrigen russischen –pardon: sowjetischen Jugendlichen um uns ihre Erfahrungen beim täglichen Kampf um Frieden, Freiheit und Völkerverständigung erzählen zu lassen. War also alles nicht so prickelnd, aber all das diente dazu, dass man als Jugendweihling politisch gefestigt war.

Okay, irgendwie überstanden wir diese Phase relativ unbeschadet, und der große Tag rückte immer näher. Damals war es noch üblich, als 14jähriger Teenie zur Jugendweihe in einen piekfeinen Anzug samt Krawatte gezwängt zu werden. Da ich seinerzeit noch ein ziemlich dürrer Hering und viel zu klein war, bekam ich natürlich keine Klamotten von der Stange, sondern meine Eltern mussten für mich extra einen Schneider bemühen. Peinlich... Als ich dann das gute Stück- ein blaues Jackett mit beiger Hose, dazu ein weißes Hemd mit blauen Punkten und uniblauer Krawatte- zum ersten Mal anzog, wollte ich nur noch "Hilfe!" schreien und wegrennen. Ich sah vielleicht blöde aus! Doch es half alles nichts.

Unsere Feierstunde fand am zweiten Aprilsonntag 1978 im Stadt-Theater Stralsund statt. Ich weiß noch genau, es regnete wie aus Gießkannen, was den Vorteil hatte, dass ich nicht in diesem blöden Anzug durch die Straßen laufen musste, sondern irgendeinen Umhang übergestülpt bekam und ins Auto der Nachbarn geschubst wurde, um ja nicht nass zu werden. Vor dem Theater warteten natürlich schon all meine Klassenkameraden. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung wurden wir von unseren Eltern, Omas und Erbtanten getrennt und zum Probestellen in den Saal geführt. Nun hatten wir endlich Zeit, uns gegenseitig auszulachen wegen unserer unglaublichen Verkleidungen. Mein Trost war, dass einige ja noch bescheuerter aussahen als ich :-)

Der Rest ist schnell erzählt: Der Oberbürgermeister persönlich hielt eine nicht enden wollende Rede über die Vorzüge des Sozialismus und die Verantwortung, die wir Jungens und Mädchens als heranwachsende Staatsbürger der DDR nun hätten. Gähn! Als er fertig hatte, gab es noch ein paar Minütchen festliche Musik aus dem Orchestergraben, und dann war es soweit: Wir wurden in Zehnergruppen auf die Bühne gebeten, mussten ein Gelöbnis ablegen, bekamen ein Buch "Der Sozialismus – Deine Welt" überreicht, und schon waren wir fertig und galten fortan als "junge Erwachsene". Das Schönste war, dass wir fortan in der Schule von den meisten Lehrern mit "Sie" angesprochen wurden.


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Her mit der Kohle!
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Dieses ganze Drumherum interessierte mich ehrlich gesagt recht wenig. Na gut, die Atmosphäre im Theater war schon irgendwie erhebend, aber letztendlich wartete ich –wie wohl jeder andere an meiner Stelle auch- auf den Nachmittag und die Gäste, die hoffentlich alle ein paar Geschenke in der Hand halten würden. Geschenk hieß in dem Falle nichts anderes als Geld, das war so üblich. Ich glaube, heute ist das noch genauso. Für mich kam ein wirklich ansehnlicher Batzen Kohle zusammen, von dem ich mir dann eine anständige Radio-/Plattenspielerkombination kaufte.


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Jugendweihe heute
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Nachdem im Anschluss an die Öffnung der Grenzen eine Weile Ruhe herrschte in Sachen Jugendweihe –man wollte schließlich durch nichts mehr an die DDR-Traditionen erinnert werden- kam es Anfang der 90er Jahre wieder schwer in Mode. Allerdings wird die ganze Sache jetzt von Vereinen organisiert, die sich die ganze Vorbereitung und Durchführung natürlich bezahlen lassen. Und diese unsinnigen Jugendstunden sind natürlich auch abgeschafft worden. Der Ablauf selbst hat sich nicht geändert; es gibt eine Feierstunde, und der Nachmittag wird im Kreise der Familie begangen. In manchen Fällen treffen sich auch am Abend die Kinder untereinander, um ein bisschen ohne Eltern zu feiern, aber meiner Tochter ist das nicht der Fall, weil alle zu weit verstreut wohnen.

Inzwischen nehmen in den neuen Bundesländern ca. 70% der Jugendlichen an der Jugendweihe teil, was ich persönlich für eine gute Sache halte. Allerdings kommt die Jugendweihe nicht in den Genuss der öffentlichen Anerkennung oder gar der staatlichen Förderung, da diese Feierlichkeit keine Veranstaltung einer anerkannten Weltanschauung darstellt, wie es beispielsweise bei der Konfirmation der Fall ist. Es gibt sogar einzelne Bundesländer, die ihren Schulen die Durchführung von Jugendweiheveranstaltungen verbieten. Für mich ist das unverständlich und engstirnig, denn es käme ja auch niemand auf die Idee, irgendwo Konfirmationen verbieten zu lassen.


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Fazit
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Ich hoffe, dass jetzt auch diejenigen den Begriff der Jugendweihe einordnen können, denen es bislang mehr oder weniger unbekannt war. Ich habe jedenfalls mein bestes getan. Anmerken möchte ich noch, dass ich mich während der Beschreibung meiner eigenen Jugendweihe keineswegs lustig machen wollte über die damalige Zeit, aber das eine oder andere erscheint mir heute eben in einem anderen Licht.

Vielen Dank für eure Geduld beim lesen! Ich weiß, es ist wieder ein Mammutwerk geworden, aber wie soll ich so ein komplexes Thema in wenigen Sätzen abhandeln? Das geht nicht.
Ich freue mich jedenfalls über eure hoffentlich zahlreichen Bewertungen und Kommentare und verabschiede mich in einen kurzen, aber wohlverdienten Urlaub.

© 30.03.2004 macfischkopp
   
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