Ein Fall für die Pfoten-Chirurgie

1  18.11.2009

Pro:
absolut garnix !

Kontra:
absolut alles !

Empfehlenswert: Nein 

BonzoSplitt

Über sich:

Mitglied seit:20.08.2009

Erfahrungsberichte:93

Vertrauende:1

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== Karpaltunnel-Syndrom
-eine (endlose) Leidensgeschichte- ==
Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Ciao-Mitglieder und Freunde,

viele von Euch werden nicht wissen, was das ist, ein Karpaltunnel-Syndrom. Deswegen will ich es Euch in kurzen Sätzen erklären; durch jede menschliche Hand verläuft der sogenannte Medianus-Nerv durch den Karpaltunnel. Wird der Tunnel durch krankheitsbedingte Einflüsse zu eng, klemmt der Nerv ein. Die Folge: Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger werden taub. Es ist ein „pelziges“ Gefühl und kann auch mal Nervenschmerzen verursachen. Außerdem erschlaffen die Muskeln und man verliert jegliches Kraftvermögen.
Leider in ich am Karpaltunnel-Syndrom erkrankt. Die nun folgende Geschichte schildert in chronologischer Abfolge, wie ich den Verlauf der Krankheit erlebt habe.

Januar 1999:

von Zeit zu Zeit schlafen die ersten 3 Finger der rechten Hand ein. Aber sie „kommen“ immer wieder. Anfang 1999 aber bleiben sie aus. Meine Hausärztin Dr. K. diagnostiziert ein Karpaltunnel-Syndrom und erklärt, das muß operiert werden. Ohne OP wird das nichts mehr.
Da irrt sie sich aber glücklicherweise, die Taubheit verschwindet nach einer knappen Woche.

Im Laufe der Jahre passiert es immer wieder, daß kurzzeitig die ersten 3 Finger der rechten Hand einschlafen.

Winter 2002

Das Karpaltunnel-Syndrom tritt in seiner bisher längsten Erscheinung auf: über eine Woche.

Beginn 2007

Die Beschwerden treten häufiger auf, halten immer
zwischen ein paar Stunden und ein paar Tagen an. Auch links passiert es hin und wieder, aber bei Weitem nicht so ausgeprägt.

Mitte September 2007

Wieder löst das Karpaltunnel-Syndrom an meiner rechten Hand aus, und diesmal bleibt es auf Dauer!

19. November 2007

Jetzt steht fest: das muß operiert werden. Da die Inventur naht und ich da meine Hände zur Büroarbeit brauche, beschließe ich, erst nach Neujahr einen Arzt damit zu konsultieren.
Ich sehe darin keinerlei Schwierigkeiten, nehme an, daß ich einen OP-Termin für einen der nächsten Tage bekomme oder im günstigsten Fall zu hören kriege, daß ich gleich hierbleiben kann und sofort operiert werde.

3. Januar 2008

Nach dem Aufstehen fahre ich zur Ambulanz des Klinikums Dachau und erkläre, daß ich seit ein paar Monaten ein Karpaltunnel-Syndrom an der rechten Hand habe und sich das jetzt mal ein Doktor anschauen soll, damit ich operiert werde. Zwei Krankenschwestern hacken sofort abwechselnd auf mich ein, daß das hier die „Ambulanz für Notfälle“ wäre und was mir einfalle, „damit“ abends um 19 Uhr zu kommen, anstatt tagsüber. Dabei hat mein Tag doch jetzt erst angefangen! Für mich ist es jetzt frühmorgens! Als ich bissig bekanntgebe: „Gut, dann sagen wir: es ist schlimmer geworden...!“ wird sofort abgelehnt: „Nein, das machen wir auch nicht...“ Ich bekomme eine Visitenkarte in die Hand gedrückt und solle mich beim Handchirurgen Dr. H. melden. So wird eben mit Kassenpatienten verfahren. Hätte ich gesagt, ich zahle alles selbst, wäre ich auch um zwei in der Früh operiert worden!

4. Januar 2008

Anruf in der Pfotenchirurgie wegen Terminabsprache. Hier erfahre ich gleich erneut, was Kassenpatienten wert sind: ich bekomme einen Termin für den 15. Januar um 9.45 Uhr...

15. Januar 2008

Um 9.45 Uhr habe ich den Termin, um 10.30 Uhr komme ich dran. Der Arzt stellt meine Selbstdiagnose in Frage („Das könnte ja auch was anderes sein“) und sogar als er selbst alle Symptome dem Karpaltunnel-Syndrom zuordnet (auf entsprechende Untersuchungen erklärt er: „Ja, das spricht alles für ein Karpaltunnel-Syndrom!“), zögert er mit einer Operation. Er will, daß ich erst vom Neurologen untersucht werde. Begründung hierfür: „Es muß die exakte Stelle ermittelt werden, wo genau wir operieren müssen!“ Die erkrankte Stelle müsse also erst „gefunden“ werden. Mir kommt das von Anfang an komisch vor. Der Arzt (wenigstens ist er sehr freundlich) empfiehlt mir den Neurologen Dr. P. in Aichach. Außerdem werden die weiteren Termine beim Handchirurgen Dr. H. festgemacht: nach dem Termin beim Neurologen Termin absprechen zur OP-Vorbereitung, die OP selbst wird festgesetzt auf den 14. Februar (!!!)... Und sollte das „zu eng“ werden, auf den 21. Februar...

Nach der Ankunft zuhause rufe ich sofort bei Dr. P. an – und erfahre: den frühesten Termin gibt es am 15. Februar! Einen Tag nach der geplanten Operation... Das lehne ich ab.

16. Januar 2008

Ich rufe bei Dr. H. an. Bei ihm ist heute nur eine Aushilfspfeife, die nichts kapiert. Sie verweist mich auf morgen, ich solle da wieder anrufen.

17. Januar 2008

Das „Stammpersonal“ ist wieder da. Mir werden zwei alternative Neurologen in Dachau empfohlen.
Bei der ersten Praxis (Dr. H.) wird mir erklärt, daß sie die für ein Karpaltunnel-Syndrom erforderliche Untersuchung nicht machen. Auf meinen Einwand, diese Praxis wäre mir aber von der Handchirurgie Dr. H. empfohlen worden, kriege ich zu hören, daß sie diesen Arzt überhaupt nicht kennen...!
Bei der zweiten Praxis Dr. O. und Dr. K. (zwei Weiber) geht keiner ran, egal wie oft und wann man anruft...

18. Januar 2008

Es ist Freitag Abend. Eine Telefon-Odyssee startet. Ich suche mir aus dem PC-Telefonbuch Neurologen von Augsburg bis München, von Fürstenfeldbruck bis zum letzten Hinterwäldlerkaff. Meist gehen Anrufbeantworter ran, nennen unmögliche Öffnungszeiten. Oder es läutet nur an. Einer geht ran und sagt mir, daß er diese Untersuchung nicht durchführe, weil er das Ge-rät für sowas überhaupt nicht hat...

21. Januar 2008

Anruf nochmal bei Dr. P. in Aichach. Ich lasse mir den Termin für 15. Februar geben...
Dann rufe ich bei Dr. H. an. Der gibt mir jetzt die Termine für die OP-Vorbereitung am 19. Februar und am 21. Februar für die OP selbst...

15. Februar 2008

Wegen Blitzeis wird ein Start nahezu unmöglich. Aber wenn ich den Termin jetzt sausen lasse, verschiebt sich wieder alles um Monate! Also starte ich und komme heil in Aichach an. Um 8.43 Uhr ziehe ich einen Parkschein, der um 9.43 Uhr auslaufen wird.
Nach einigem Fußmarsch Ankunft bei Dr. P. Und der hat die Ruhe weg! Ich erlebe, was die Telefon-Weiber mit Anrufern machen: die meisten bekommen ihre Termine „ab dem 1. April“ („Vorher ist alles restlos voll!“) und einer bekommt seinen Termin für den 12. März („Das geht locker. Da haben wir Zeit“). Man kann es greifen, wer Kassen- und wer Privatpatient war...
Als ich um 9.10 Uhr immer noch warte, fange ich mit den beiden Telefonistinnen zu streiten an. Und um 9.15 Uhr kaufe ich mir den Arzt selbst, denn ich habe keine Lust, einen Strafzettel zu zahlen, nur weil sich hier alles verzögert. Die Patientin vor mir, die das mitkriegt hätte mich vorgelassen, aber P. lehnt ab: „Wir machen das der Reihe nach, so wie sich das gehört!“ Ich komme gegen 9.25 Uhr dran. Die Untersuchung dauert ein paar Minuten.
Dr. P. diagnostiziert das Karpaltunnel-Syndrom in der rechten Hand und stimmt der OP zu. Bei einer Gegenuntersuchung links stellt er fest, daß ich da auch ein Karpaltunnel-Syndrom habe, und das sollte „in drei Monaten“ operiert werden.
Gerade noch vor Ablauf des Parkscheins komme ich zum Wagen zurück.

19. Februar 2008

Wieder bei Dr. H. Er hat die Befunde vom Neurologen und erklärt: „Sie haben genau das, was Sie gesagt haben, ein Karpaltunnel-Syndrom. Jetzt können wir operieren!“ Er zeigt mir, wie die Haut aufgetrennt und das Sehnenband durchgeschnitten wird. Von wegen „genaue Stelle suchen und so“. Alles Stuss! Ich habe dem Typ das gleich nicht geglaubt und wenn der mir geglaubt hätte, wäre ich längst operiert! Und das nächste Hindernis läßt nicht lange auf sich warten...
Bereits übermorgen ist für 8 Uhr der OP-Termin angesetzt und jetzt fällt den Vollidioten ein, daß sie noch eine Blutuntersuchung wegen der Gerinnung von mir brauchen („Nicht älter als 10 Tage“)! Wo soll man die auf die Schnelle herkriegen? Gestern Abend war ich in München, hätte bei meiner Hausärztin das regeln können, wenn ich das gewußt hätte! Jetzt werde ich wirklich stinksauer...!
Ich streite mit den Helferinnen rum, warum mir das niemand gesagt hat und die wollen das einfach nicht begreifen, daß ich heute nicht mehr zur Hausärztin fahren kann, weil es jetzt schon 10.30 Uhr ist und ich seit gestern abend 18 Uhr auf bin. Meine Erklärung, vor drei Wochen wäre mir Blut abgenommen worden und daß sie doch dieses Ergebnis anfordern sollen, wird komplett abgelehnt: „Nicht älter als 10 Tage!“... Der Doktor wird zurückgeholt und als ich mit ihm genug gestritten habe und ihm das mit der Blutabnahme vor 3 Wochen erzähle, freut er sich: „Dann ist das doch überhaupt kein Problem! Dann nehmen wir doch das!“ fällt er seiner Helferin in den Rücken. Ich erwidere bissig, daß die ja das abgelehnt habe. Mit dem Handy will ich Dr. K. anrufen, daß sie die Befunde faxt – und komme nicht durch, weil die jetzt nach ihrem Umzug doch eine neue Nummer hat, auch wenn sie schwor, die alte würde sie behalten...
Als sich dann auch noch rausstellt, daß die Hausärztin die Verordnung für Krankenfahrten ausstellen muß („Das dürfen wir nicht, ich wußte das auch nicht. Aber ich habe mich jetzt schlau gemacht“), wird es mehr als knapp. Und ich bekomme einen neuen Termin zur OP vorgeschlagen: am 13. März (!!!) um 9 Uhr, wobei der Arzt ironisch meint: „Wenn Ihnen Ihr Schlaf so wichtig ist...?!“ Als ich ihn frage, ob es da nicht auch um 8 Uhr gehe, meint er: „Um 8 Uhr haben wir den nächsten Termin erst wieder am 20. April frei!“
Da kann ich mich dann aber nicht mehr zurückhalten und meine: „Da brauche ich mich dann nicht mehr operieren zu lassen, denn bis dahin habe ich mich dran gewöhnt!“

21. Februar 2008

Wie gewohnt abends treffe ich außerplanmäßig bei meiner Hausärztin ein. Und sie lehnt die Blutabnahme ab mit der Begründung: „Das kann man nicht abends machen. Das geht nur in der Früh, weil das Blut gleich in's Labor muß.“ Sie gibt mir einen Termin für den 6. März um 9 Uhr...

27. Februar 2008

nach monatelangem Schriftverkehr mit der AOK (und etwa einem Dutzend Briefe) bekomme ich heute die Genehmigungen,
Bilder von Karpaltunnel-Syndrom
Karpaltunnel-Syndrom 103_4127 - Karpaltunnel-Syndrom
Karpaltunnel-Syndrom
mich mit dem Taxi zur OP und zur Nachbehandlung fahren zu lassen – und wieder nach Hause zurück. Ich mußte mit denen endlos rumstreiten, weil die es einfach nicht einsehen wollten, daß ich die Gänge im Auto nicht mehr schalten kann, wenn die rechte Hand in einer Schiene eingebunden ist. Andere Leute kennen dann halt jemanden, der sie fährt. Das ist bei mir nicht der Fall, ich habe keinen Fahrer! Ich muß schon selbst fahren!
Weil man aber nicht wissen kann, ob die AOK nicht den Antrag ablehnt, entschließe ich mich zu einer Waghalsigkeit – und vor Allem zu etwas, das absolut ungesetzlich ist: im Notfall muß ich selbst fahren und mit der linken Hand alleine lenken! Und meine Mutter muß schalten...! Ich trete die Kupplung, nenne den Gang und sie liegt ihn ein... Wir beginnen mit einer ersten Trockenübung. Im Zuckerglas steckt ein Schöpflöffel, damit soll die Mutter ein „erstes Gefühl“ für eine Gangschaltung kriegen. In den nächsten Tagen üben wir es im „rollenden Objekt“. Das klappt dann schon recht gut, wenn wir im Ort zum Einkaufen fahren, gelingt es ein paar Mal, daß ich überhaupt nicht schalten muß. Aber dann kommt ja der erlösende Brief von der AOK mit der Genehmigung für die Taxifahrten...

28. Februar 2008

Ich konsultiere ein Taxiunternehmen aus Aichach und mache die Termine fest.
Wenn ich die Operation einmal überstanden habe, werde ich an dem Karpaltunnel-Syndrom ein sattes halbes Jahr gelitten haben! Hätte ich einen Funken Ahnung gehabt, wie lange sich das hinauszögert – ich hätte viel früher zum Arzt gehen können! Meine Inventur an Silvester hätte das bestimmt nicht gefährdet! Bei der Gelegenheit möchte ich mal erwähnen, wie unkompliziert früher ambulante OPs vonstatten gegangen sind;
Zwei Beispiele aus meinem eigenen Leben: 1992 hatte ich einen eingewachsenen Zehennagel. Ich bin – wohlgemerkt ohne Termin! – zum Unfallchirurgen in die Praxis gegangen. Der hat sich den Fuß angeschaut und ich konnte gleich hierbleiben...! An Ort und Stelle wurde ich operiert. Ohne Wenn und Aber. 1993 war dann exakt das Gleiche nochmal. Nagel eingewachsen, ohne Anmeldung hinfahren, dortbleiben, operiert werden, heimfahren! Das war eben noch eine effektive Krankenbehandlung. Aber jetzt muß jeder Furz angemeldet und genehmigt werden, bevor er rauszwitschern darf. Das nervt doch nur noch!

6. März 2008

Die Unendliche Geschichte geht weiter! Heute war ich bei meiner Hausärztin Dr. K. zur OP-Vorbereitung. Mit dabei waren noch die Sprechstundenhilfe Sonja R. und eine Assistenzärztin (hieß auch Sonja, Nachname unbekannt). Um 9 Uhr ging es los. Mit einem EKG. Die „beiden Sonjas“ bereiteten das vor. Und das sah im Konkreten so aus:
Ich wurde auf eine flache Bahre gepackt (Frage: wie soll ich von der wieder hochkommen bei meinen 170 kg Lebendgewicht?). „Ärzte-Sonja“ befestigte die Schröpfköpfe des EKG an meinem Körper, wobei ihr die Dinger so oft wieder runterfielen, wie sie sie festsaugte. Ein paar hundert (!) Versuche werden es insgesamt gewesen sein... „Helfer-Sonja“ mußte die farbigen Kabel zusammenstecken. Das Problem dabei: beide wußten nicht, welches Kabel wo hingehört! Dr. K. mußte her. Sie ordnete dann die Verlegung der Kabel an, beide Sonjas hielten die Schröpfköpfe fest, die ja andauernd runterfielen. Beim Start des EKG-Gerätes die nächste Panne: das Papier war alle! Eine neue Papierrolle wurde geholt, die Schröpfköpfe fielen runter... Kleines Problem am Rande: keine der drei Weiber wußte, wie die Rolle in die Maschine eingelegt wird!
Nach etwa 15 Minuten Rumexperimentierens hatten sie es dann doch noch geschafft. Alles wieder von vorne: die zwei Sonjas hielten die Schröpfköpfe fest, Dr. K. machte das EKG – und die Uraltmaschine lieferte die Ergebnisse nur vom Brustbereich, nicht aber von den Beinen. Dr. K. hat am Schluß etwa 5 Meter (!) EGK-Papier, das sie in Abschnitte zerreißt. Die einen sind unbrauchbar und damit für den Müll. Die anderen sind bedingt brauchbar und damit für die Akte. Für die Ärztin, die meine OP eh ablehnt („Ich würde Sie nicht operieren, das Risiko ist mir zu groß! Es besteht allerhöchstes Operationsrisiko und das schreibe ich auch rein! Ich muß mich absichern! Für mich sind Sie nicht op-fähig!“) Grund genug um festzustellen: „Ich schicke Sie zum Kardiologen! Da brauche ich eine zweite Meinung! Und der soll auch gleich die Schilddrüse untersuchen!“

Soll das also heißen: wieder eine Verzögerung? Noch eine Verschiebung der Operation?

Wie soll ich jetzt von der Bahre hochkommen? Sonja zieht an mir mit aller Kraft – und bewegt mich keinen Millimeter nach oben. Sie holt Dr. K. zu Hilfe. Zu zweit schaffen sie es unter höchstem Körpereinsatz, mich hochzuwuchten. Auf meine Sargträger freue ich mich heute zu Lebzeiten schon mal...

Jetzt will mir die Assistenzärztin den Blutdruck messen. Dabei gibt es die nächste Panne: an diesem Uraltgerät platzt der Gummischlauch... Während die Dr. Sonja ratlos ist, weiß Dr. K. eine Lösung: eingerissenes Schlauchstück abziehen, Platzstelle am Schlauch ab-schneiden und dann wieder draufstecken. Das geht. Und jetzt ist auch klar, warum der Schlauch schon so kurz ist...
Die Messung der Assistenzärztin ergibt einen Blutdruck von 140 : 80. So einen guten Wert will K. nicht glauben und misst selbst. Jetzt habe ich 130 : 70. Als ich den noch besseren Wert lobe, meint Dr. K.: „Und Ihre anderen Werte? Die jucken Sie ja alle nicht!“
Sie füllt jetzt Papierkram aus. Schreibt meine Größe und mein Gewicht rein (1,92 Meter, 170 Kilo). Erwähnt den umgekehrten Tag-Nacht-Rhythmus beim Eintragen der Medikation.

Dann wird mein Kardiologe in Dachau angerufen. Die Gemeinschaftspraxis Dr. S., Dr. L. und Dr. St., wo ich schon 2003 wegen meiner Herzinsuffizienz und meinem Lungenödem in Behandlung war. Ich befürchte schon, wegen der schleppenden Terminvergabe wird sich meine OP wieder um fünf bis sechs Wochen verzögern, denn so lange wartet man in der Praxis locker auf einen Termin. Aber offenbar geht es schneller, wenn Ärzte untereinander Termine für ihre Patienten absprechen. Ich kriege meinen nämlich schon zum kommenden Dienstag um 8.45 Uhr – zwei Tage vor der OP...!

Dr. K. füllt auch gleich eine Anästhesieverbereitung aus. Könnte ja sein, daß ich stationär und unter Vollnarkose operiert werden muß... Dr. K. bereitet mich schon mal auf einen baldigen Tod vor: „Wenn Sie auf dem OP-Tisch liegenbleiben, haben wir alle ein Problem – Sie mit eingeschlossen!“
Das kann ja heiter werden...
Zum Schluß wird mir noch Blut abgenommen. Daß es da zu einer weiteren Panne kommt, ist fast schon zum Lachen: beim ersten Stich kommt zuerst gar kein Blut, dann schießt alles heraus und läuft auf den Boden. Beim 2. Einstich klappt es dann...

Es ist 10.10 Uhr, als ich aus der Praxis rauskomme. Auf dem Heimweg mache ich Zwischenhalt bei Mc Donald's und hole mir da eine Ration. Die habe ich mir jetzt doch verdient...!

Da ich gerade vom Essen schreibe: heuer muß der Inhalt in meiner fertiggepackten Krankenhaustasche ausgewechselt werden, weil die Lebensmittel ihr Verfalldatum erreicht haben. Und diese Selbstversorgung muß ja leider sein, denn in deutschen Kliniken kriegt man a) viel zu wenig zu essen und b) das was es gibt, ist ungenießbarer Biomüll und Klinikabfälle!
Ein Beispiel (von hunderten!): an Heiligabend 2003 war ich im Krankenhaus. Da hatte ich meine Versorgungstasche noch nicht. Und die Kantine hatte an diesem hochheiligen Tag natürlich zu. Und was habe ich an diesem höchsten und emotionalsten Feiertag eines ganzen Jahres zum Mittagessen bekommen? Salzlosen Eierstich mit eingebackenem Brokkoli!!! Ich bin wirklich hart im Nehmen, aber als ich diesen Dreck aufgetischt bekam, habe ich geweint!
Oder noch ein Beispiel (dieses aber mit positivem Ausgang): für Samstag standen neben Fisch (den ich nicht vertrage), zur Auswahl: Gemüsepfanne und Gemüseauflauf. Da kommt einem ja das Kotzen vor dem Grausen. Aber: nun zum positiven Ausgang...: ich bin am Donnerstag zuvor entlassen worden! Und an dem Samstag speiste ich bei Mc Donald's. Da dachte ich dann mit Erschaudern und Freude gleichermaßen an den Klinikfraß...
Tja, und so wie es jetzt aussieht, kann es unter Umständen sogar sein, daß ich zwecks stationärer Operation die Lebensmittel eh noch rechtzeitig ihrer eigentlichen Bestimmung gemäß aufbrauchen kann...!
Scharf bin ich auf einen Krankenhausaufenthalt schon aus dem Grund überhaupt nicht, weil der mir nur wieder meinen Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinanderbringt!
Aber was soll man machen...?

11. März 2008

8.45 Uhr Termin beim Kardiologen. Um 8.30 Uhr bin ich vor Ort. Wie noch aus 2003 kennend melde ich mich im 1. Stock in der Gemeinschaftspraxis Dr. S., Dr. L. und Dr. St.. Ich gebe meine AOK-Karte ab und erkläre, um 8.45 Uhr einen Termin zu haben. Das Problem: hier weiß niemand was davon! Es wird dann aber doch recht schnell erkannt, wo das Problem liegt: ich muß zum Kardiologen Dr. St. und der ist jetzt nicht mehr hier im 1. Stock in der Gemeinschaftspraxis, sondern unten im Parterre, wo er seinen eigenen Laden hat.
Ich gehe also runter und melde mich da. Die Frau am Empfang steckt meine AOK-Karte in's Lesegerät, gibt sie mir wieder und bittet mich, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Da sitze ich keine fünf Minuten, dann komme ich schon dran. Das ist sehr gut! Dr. St. kann sich noch an mich erinnern, als er mich fragt, wie es mir jetzt geht, erkläre ich dazu: „Mir geht es so gut, daß ich seit 2004 Frührentner bin!“ Wir sprechen die Anamnese durch, und dann merkt der Arzt, daß ich nicht in seinem Computer erfasst bin. Er fragt mich, ob ich denn meine Karte nicht beim Empfang habe einlesen lassen. Aber das habe ich doch! Steinhard geht mit mir vor und die Empfangsfrau erklärt: „Ich habe die Karte nicht eingelesen, sondern nur aktualisiert er-fasst, denn der Patient war ja gestern schon da!“
Da war ich echt wie vom Donner gerührt! Ich war gestern schon da und weiß nichtmal was davon!
Nach kurzem Überlegen wurde dann die Ursache des Irrtums gefunden: der, der gestern hierwar, hieß zwar auch XXX, aber mit Vornamen Bernd. Und weil der für heute den nächsten Termin hatte, dachte das Weib am Empfang, der Bernd XXX sei’ hier, als ich mich mit meinem Familiennamen anmeldete. Ich wurde jetzt im Computer erfasst, mußte nochmals im Wartezimmer warten und wurde erneut aufgerufen.
Weiter ging es mit der Anamnese, dann läutete das Telefon („Ach, Du bist es!“) St. machte einen privaten Termin aus („Um 19 Uhr in der Taverne. Du kannst auch eine Viertelstunde später kommen. Ich freue mich! Tschüß!“) dann machte St. eine HerzUltraschalluntersuchung. Viel hat es nicht gebracht, denn der Ultraschall konnte meinen massigen Oberkörper nicht allzugut durchdringen...
Dann hieß es anziehen und wieder draußen warten. Minuten später der Aufruf zum Ruhe-EKG. Den machte eine attraktive Dame. Und bei der ging das so flott: so wie sie die Schröpfköpfe ansetzte, so hafteten sie sich unlösbar fest wie die Saugnäpfe eines Krakententakels. Das EKG war in Sekunden vorbei, dann ein Knopfdruck und die Schröpfköpfe fielen von selbst herunter. Dann wieder anziehen und wieder warten.
Wieder ein paar Minuten später nahm mich die attraktive Dame zum Lungenröntgen mit hoch in den 1. Stock. Das war nun doch wieder in der Praxis vom S. und vom L....
Vor der Röntgenabteilung mußte ich etwa eine Viertelstunde warten. Nach dem Aufruf hieß es: Oberkörper freimachen. War auch wieder eine attraktive Frau, die Röntgenmaus. Sie machte zwei Bilder und stellte dann fest: „Die sind wohl nichts geworden, der Röntgenstrahl hat Sie nicht durchdrungen!“ Bei „Körperfülle soll das schon mal vorkommen“...
Die Labormaus entwickelte die Bilder („Schauen wir mal, wie sie wurden“) und war dann offenbar doch mit dem Ergebnis zufrieden: „Sind halbwegs brauchbar. Mal sehen, ob der Arzt was damit anfangen kann.“
Wieder anziehen und dann wieder runter in's Parterre. Dort wieder im Wartezimmer Platz nehmen. Da inzwischen auch Bernd XXX. aufgetaucht ist, geriet die Frau am Empfang in Angstzustände vor weiteren Verwirrungen und Irrtümern: „Wir müssen aufpassen, denn wir ha-ben heute zwei XXX hier!“
Nach wieder etwa 10 Minuten Wartezeit wurde ich erneut von St. aufgerufen. Er stellt fest, nachdem er die Röntgenbilder betrachtet hat: „Es ist kein Wasser in der Lunge“ (weswegen ich 2003 u. a. hierwar). Und der Kardiologe gab grünes Licht für die OP übermorgen: „Aus meiner Sicht gibt es keine so großen Hindernisse, daß das nicht klappen dürfte.“ Ich bin darüber heilfroh, denn mir drohte eine stationäre OP, und die scheint nun doch abgewendet zu sein! Um 9.40 Uhr war ich mit allem fertig, konnte gehen.

Und jetzt warte ich auf übermorgen, wenn es dann soweit ist...

12. März 2008

Erst ein Tag ist vergangen – und ich melde mich schon wieder. Aber nicht ohne Grund...
Es war kurz vor halb Zehn vormittags, als das Telefon läutete. Meine Mutter ging ran, verlangt wurde aber nach mir. Die Klinik Dachau war dran...
Ich, um diese Zeit natürlich schon im Bett, bequemte mich aus demselbigen. Als ich dann das Telefonat entgegennehme, fängt eine Frau mit mir zu verhandeln an, „ob es möglich wäre, ein bißchen später“ zur OP zu kommen. Konkret: um 3 Stunden später! Statt um 9 Uhr erst um 12 Uhr. Ich glaube, mir haut’s den Vogel raus! Ich protestiere dagegen auf das Entschiedenste, halte denen vor, daß ich doch auch mal bei Zeiten wieder heimkommen will und was das für mich für eine Belastung wäre. Die in der Klinik wissen inzwischen von meinem umgedrehten Tag-Nacht-Rhythmus, was denen aber letztenendlich egal zu sein scheint, denn mir wird erklärt: „Es geht leider nicht anders“ und ich erfahre als Begründung, daß vorher eine Frau eine komplizierte OP hat, welche 3 Stunden dauert und der Anästhesist muß die vorbereiten und der eine Doktor dies und der andere Doktor das und der ganze Pipapo. Warum die blöde Gans mich gefragt hat, „ob es möglich wäre“, ist mir echt ein Rätsel. Für die stand doch schon die Terminänderung fest! Und hätte ich abgelehnt, wäre meine OP halt wieder um ein paar Wochen verschoben worden! Dann wäre die Blutuntersuchung wieder zu alt gewesen („Nicht älter als 10 Tage darf sie sein“) und der Terz wäre wieder von vorne losgegangen!
Ich verfluche die Klinik und schimpfe: „Mit einem AOK-Patienten kann man alles machen! Wäre ich nur ein Selbstzahler, dann würde alles anders sein!“ Die blöde Gans sucht zwar Ausflüchte („Das stimmt nicht! Da irren Sie sich!“), aber die könnte mir das vorbeten, dann würde ich es ihr nicht glauben!
Uns auch als ich erkläre, das Taxi sei’ schon für 8.15 Uhr bestellt und eine Änderung viel zu kurzfristig, ist das für die Klinik kein Hindernis. Die rufen den Taxiunternehmer an und ändern den Termin selbst („Den kenne ich persönlich, der karrt ja öfter die Leute zu uns her, das ist kein Problem!“).
Es gelingt mir dennoch, die Klinik um eine Stunde runterzuhandeln – von 12 Uhr auf 11 Uhr. Das Taxi soll um 10 Uhr bei mir sein. Denn bis ich mich dann angemeldet habe („Das dauert 10 bis 15 Minuten“), bis ich auf dem OP-Tisch liege („Bis Sie dann mit den ganzen Tüchern abgedeckt sind usw.“) und die ganzen OP-Vorbereitungen getroffen sind, wird es dann 11.15 Uhr sein und dann wird der Doktor schon kommen...
Ich weiß schon heute, wie das morgen sein wird! Da werde ich um 12 Uhr immer noch auf dem Tisch liegen und der Doktor ist noch nicht da...
Aber das steht fest: denen allen werde ich morgen noch ein paar Takte dazu erzählen, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen! Denn diese Aneinanderreihung von Ignorierungen meiner Bedürfnisse geht entschieden zu weit!

Wenn das alles endlich vorbei ist, werde ich echt das Kreuzzeichen machen!!
Ich melde mich jetzt an dieser Stelle einfach mal ab. Wann ich wieder schreiben kann, weiß ich nicht. Aber sowie das wieder möglich ist, melde ich mich hier wieder zurück!
Bis dann...

13. März 2008

Da bin ich wieder! Was ist geschehen? Ich wurde operiert! Aber da ich eben hart im Nehmen bin, schreibe ich eben mit eingebundener Hand! Jetzt aber alles der Reihe nach...
Um 10 Uhr kam das Taxi. Ein Großraumwagen. Am Steuer eine Frau. Sie war super nett.

Um 10.30 Uhr kamen wir in der Klinik Dachau an. Ich meldete mich zur ambulanten OP an und wurde in einen überhitzten Warteraum, der von zwei Videokameras überwacht wird, abgestellt. Im Laufe der Zeit döste ich da drin dann ein.
Ich habe gestern geschrieben, schon genau zu wissen, daß ich um 12 Uhr noch immer ohne Ergebnis bin. Zwar lag ich heute nicht um diese Zeit auf dem OP-Tisch, Aber es war 12 Uhr, als ich aus dem Wartesaal geholt wurde...
In einer Umkleide muß ich Jacke und Hemd ausziehen. Dafür bekomme ich ein OP-Hemd angezogen. Diese hinten offenen Dinger, die an Zwangsjacken erinnern. Problem: es ist viel zu klein...
Dann kriege ich ein Haarnetz verpasst und anstelle der ausgezogenen Schuhe zwei Überziehsocken aus Schwamm. So ausstaffiert geht es in den OP. Dort werde ich auf den Tisch gelegt und festgeschnallt – wie ein Delinquent bei der Hinrichtung durch die Giftspritze. Mein Arm wird desinfiziert und dann betäubt. Dazu sticht mir der Arzt mehrmals mit einer Nadel in Handballen und Gelenk. Da dachte ich schon ein paarmal, zu jodeln anfangen zu müssen!
Die OP selbst dauert dann eine ganze Stunde! So lange haben die an mir rumgemetzgert! Und der Nerv ist, so stellt sich raus, so geschädigt, daß es nicht sicher ist, ob die OP was bringen wird...!

Es ist 13.25 Uhr, als ich fertig bin! Ein paar Minuten noch warten auf das Taxi, dann geht es ab nach Hause.

Seit der OP sind jetzt etwa 15 Stunden vergangen. Und die Finger sind noch genauso taub wie vorher...

14. März 2008

Tag 1 nach der OP. Heute sollte die Drainage entfernt werden. Pünktlich um 9.15 Uhr kommt das Taxi. Aber kein Großraumwagen wie gestern, sondern ein PKW. Dann steigt ein heruntergerissener Typ aus: Schlapphut und Stoppelbartmatratze. Ich denke, Drafi Deutscher ist wiederauferstanden! Nur hat der Zuhältertyp hier einen 40-cm-Pferdeschwanz, den hatte der Sänger nicht... Keine Frau, die mich heute fährt!

Und der Typ ist sowas von maulfaul, das habe ich noch nie erlebt! Man fängt doch ein Gespräch an. Als ich beim Vorbeikommen an der ersten Tankstelle feststelle, wie die Spritpreise wieder gestiegen sind, murrt der Taxler: „Ja mei! Osterferien, die Leut’ tanken ja doch...“ Dann: Funkstille.
Ich versuche erneut, in eine Unterhaltung einzusteigen, zeige dem Taxler meinen verbundenen Arm, sage: „Jetzt stellen Sie sich mal vor: und da meinte die Krankenkasse, soll ich noch selbst fahren! Wie soll ich denn da schalten?“ Drauf er: „Ja mei! Die Krankenkassen haben da so ihre eigenen Ansichten...!“ Und aus. Ich beende die „Konversation“, die gar keine war. Es wird keine Silbe mehr geredet. Keine einzige! Erst als er zur Klinik einbiegt und ich ihn frage: „Wissen Sie, wo die Handchirurgie ist?“ bringt er sein Maul wieder auf: „Na! Woaß i ned!“ Ich erkläre ihm den Weg, er läßt mich an der Tür aussteigen und sagt: „Ich stehe dann da hinten, denn da darf ich nicht stehenbleiben.“ Da ist es 9.40 Uhr.

In der Handchirurgie muß ich etwa zwei Minuten warten, dann werde ich aufgerufen. Im Behandlungszimmer schneidet mir eine Krankenschwester den Verband runter und desinfiziert alles. Dann heißt es: warten auf den Doktor. Die Zeit vergeht. Erst die Minuten, dann die Viertelstunden. Durch das Fenster sehe ich unten mein Taxi stehen. Der Fahrer qualmt eine Zigarette nach der anderen.
Als er ungefähr die zehnte angezündet hat, kommt der Doktor. Er erklärt mir, wie weit meine Karpaltunnel-Erkrankung fortgeschritten war: „Das war höchste Zeit, daß wir das operiert haben! Der Nerv war so eng eingequetscht, das sah schon aus wie die Engstelle bei einer Sanduhr!“ Aber vor ein paar Wochen noch wollte er mich nicht operieren, weil er mir meine Beschwerden schlicht nicht glaubte, solange er nicht von einem Neurologen die Bestätigung hat! Auf meine Erläuterung, daß die Finger immer noch taub seien, meinte er, daß ihn das nicht wundert, das kann noch Wochen dauern, bis das wieder gut ist („Und in ganz seltenen Fällen bleiben die Finger auch taub!“).
Und nun die nächste Komplikation: „Sie haben da noch einen Blutkuchen drin, die Drainage kann heute noch nicht raus! Erst morgen!“ Ich soll also morgen wiederkommen und mich um 10 Uhr auf der Station 2a melden, denn morgen ist, da Samstag, die Handchirurgie ja nicht geöffnet! Nach kurzer Erörterung der Sachlage ist das besprochen. Der Doktor macht einen neuen Saugbalg an den Drainagenschlauch, die Schwester legt mir einen neuen Verband an.
Als ich zurück zum Taxi komme, hat das eine volle Stunde auf mich gewartet!
Ich sage ihm, daß ich nix dafür kann, wir fahren los. Keine Silbe wird geredet. Erst vor der Haustür bringt er sein Maul wieder auf: „So, wir sind schon da!“ Auf der Taxiuhr stehen 82,90 €, die ich ihm per Unterschrift bestätige. Im Aussteigen wünscht er mir sogar noch einen schönen Tag und sagt „Auf Wiedersehen“!

Jetzt muß ich also morgen wieder hin. Weitere Taxifahrten sind aber nicht genehmigt. Was bleibt? Ich muß selbst fahren! Das kann ja was werden! Einziger Trost: aus dem dicken Schienenverband schauen ja die Fingerspitzen raus und die Schmerzen sind soweit zurückgegangen, daß ich wieder was greifen kann, ohne gleich laut aufschreien zu müssen! Meine Mutter muß dann morgen mitfahren, denn sie muß mir den Motor starten, den Gurt anlegen, die Handbremse lösen/anziehen und den Rückwärtsgang einlegen, denn um den reinzukriegen, muß man einen Entsperr-Ring hochziehen. Unmöglich, wenn die Hand geschient ist. Und die Vorwärtsgänge werde ich dann schon mit den freien Fingerkuppen reinbringen...

15. März 2008

Das Positive vorweg: mit dem Autofahren hat alles genau so hingehauen wie gestern beschrieben. Nun zum Ablauf. Um 10 Uhr hatte ich ja den Termin. Wir kamen um 9.40 Uhr an der Klinik an. Und da habe ich erstmal eine spektakuläre Begegnung: vor der Nothilfe wäscht G. R. seinen Krankenwagen mit dem Schlauch. Ihm gehört die Firma XXX. Spektakulär war das deswegen, denn vor 7 ½ Jahren gehörte R. noch das Wachunternehmen XXX und er war mein Chef...!
Während meine Mutter im Wartebereich Platz nimmt, laufe ich durch die Klinik zum Haupttrakt und hole mir da einen Aufzug. Und R. samt einem Gehilfen und Rollbahre die ganze Zeit hinter mir! Im Aufzug stehen wir uns zentimeternah gegenüber. Auch wenn er sich ebensowenig anmerken hat lassen mich zu kennen, wie ich im selben Sinn, hätte man die Luft mit einem Messer schneiden können...
R. und sein Lakai steigen im 1. OG aus, ich fahre einen Stock höher.
In der Station 2A melde ich mich und werde in den Wartebereich verwiesen. Es dauert nur wenige Minuten, da kommt eine Frau, deren vier rechte Finger eingebunden sind. Verbrannt...

Fast eine ganze Stunde müssen wir warten! Dem Klinikpersonal ist das selber schon total unangenehm, funken andauernd den Arzt Dr. F. an, aber der kommt eben nicht...
Als er dann da ist, schneidet er mir meinen Verband runter. Beim Wegnehmen zieht er dabei schon die halbe Drainage raus. Der Rest ist nur noch ein kleiner Ruck und weg ist das Ding. War wirklich nicht schlimm, habe ich mir furchtbarer vorgestellt. Bevor er den neuen Verband anlegt, sage ich ihm, daß er mir aber die Finger wieder freilassen muß, weil ich sonst nicht fahren kann. Er weist mich drauf hin, daß das verboten ist und ich kontere, was ich denn machen sollte? Die Kasse hat nur zwei Taxifahrten genehmigt, und die sind verbraucht!
Vermerk am Rande: offenbar war da halt in der OP-Wunde doch kein „Blutkuchen“ mehr drin, denn zumindest hat der Saugbalg nichts mehr herausgezogen! Der war genauso leer wie gestern nach dem Anstöpseln. Und was sagt mir das? Der Arsch von Handchirurg hätte die Drainage genausogut gestern rausziehen können! Das hätte mir heute alles erspart! Aber andererseits... dann wäre ich meinem Ex-Chef nicht begegnet...

Aber das muß ich sagen: dieser Doktor F. war total gut drauf und sowas von nett und lustig, von dem könnte sich manch anderer Zeitgenosse zehn Scheiben abschneiden! Zum Beispiel dieser Drafi-Deutscher-/Udo-Lindenberg/und Karl-Lagerfeld-Verschnitt von Taxifahrer, der sein Maul nicht aufbrachte!
Und wie geht es jetzt weiter? Wir fuhren heim. Am kommenden Donnerstag darf der Verband runter. Wieder eine Woche drauf kommen die Fäden raus. Und dann, so hoffe ich, ist diese endlose Leidensgeschichte endlich doch mal zu Ende...!

Am Donnerstag, den 20. März soll der Verband weg. Sonntag, Tag 3 nach der OP: der Verband ist unangenehm, ich nehme ihn schon mal probeweise ab und stecke ihn wieder dran...
Montag, Tag 4 nach der OP: die ganze Nacht laufe ich schon ohne Verband rum, in der Früh zum Schlafen kommt er wieder hin.
Dienstag, Tag 5 nach der OP: nach dem Aufstehen kommt zuerst der Verband weg. Und der bleibt jetzt weg! Ich brauche den Scheißdreck nicht mehr, komme ohne viel besser zurecht...!

27. März 2008

2 Wochen nach der Operation. Ich fahre zu meiner Hausärztin und lasse die Fäden rausziehen. Sie klebt mir „zur Sicherheit“ nochmal ein Pflaster drauf. Aber weil ich den frustrierenden Mist viel zu lange dranhatte, rupfe ich ihn gleich wieder runter, sowie ich im Auto sitze!

Nun zum aktuellen Stand der Dinge: nach wie vor sind die drei Finger taub, ein Erfolg zeigt sich bis jetzt nicht. Und nicht nur das: seit einigen Tagen sind auch die beiden unteren Finger, der untere Handballen und der Unterarm bis zum Ellenbogen taub! Erst sporadisch, dann permanent. So wie es aussieht, stirbt mir noch der ganze rechte Arm ab. Das Leiden wird also weitergehen, anstatt daß ich hier jetzt von einem Ende berichten kann. Es heißt also lediglich hier jetzt:
ENDE DER 1. STAFFEL...!

== 23. Juli 2008
Beginn der 2. Staffel... ==

Über vier Monate ist die Operation nun her und sie hat nichts gebracht. Es ist keine Besserung eingetreten. Die ersten drei Finger der rechten Hand sind dauerhaft taub, außerdem ist das Muskelgewebe vom Handballen an bis zum Ellenbogen hinter völlig erschlafft – ich habe keine Kraft mehr im rechten Arm und in der Hand!

Heute Abend habe ich meine Mutter in die Klinik nach Dachau gefahren, weil sie Schmerzen im Fuß hatte. Nebenbei bemerkt: sie wurde stationär drinbehalten. Nun aber wieder zu mir: während wir in der Ambulanz waren, wurde in einem Nebenzimmer ein anderer Patient an der Hand operiert. Abends um 22.30 Uhr! Ein „echter Notfall“? Oder aber ein gutzahlender Privatpatient? Ein Urteil darüber bleibt der persönlichen Phantasie überlassen... Aber wer operierte denn nun den „Notfall“? Genau der Doktor, der auch mir die Hand auseinandergeschnitten hatte! Der mit dem unmerkbaren komischen Namen, den ich mir jetzt endlich mal merken konnte: Dr. T.
Als er fertig war und rauskam, sah er mich – und erkannte mich auch gleich wieder! Ich berichtete ihm von meinem Leid, daß die OP nichts gebracht hat und er erklärte mir, wie ich jetzt weiter vorgehen solle:
ich soll mir nochmal beim Neurologen einen Termin zum „Durchmessen“ geben lassen („Das mit den Stromschlägen“), denn: „Der hat ja bestätigt, daß das Karpaltunnel-Syndrom tatsächlich vorlag“, denn wenn die OP nicht anschlug, könnte es auch von einem Nerv oberhalb des Schulterblattes ausgehen. Dabei zeigte er an die Stelle neben dem Kopf. Dazu meinte er, das wäre dann eine orthopädische Sache, aber auch: „Dann sehen wir uns wieder!“
Und was bedeutet das? Offenbar droht mir eine weitere Operation...!
Da wird sich die Krankenkasse aber freuen, wenn sie mir wieder Taxifahrten genehmigen darf...
Aber der AOK zum Trost: mich kotzt diese Aussicht auf das Bevorstehende noch viel mehr an!

Ich warte halt jetzt mal ab, bis meine Mutter wieder aus der Klinik raus und daheim ist, und dann lasse ich mir beim Neurologen Dr. P. in Aichach nochmal einen Termin geben...

12. September 2008

Ich habe mir von Weltbild ein Buch schicken lassen, das sich mit dem Karpaltunnel-Syndrom befasst. Ich weiß nicht, aber vielleicht finde ich ja da drin Antworten auf meine Fragen. Und wenn das auch nicht hinhaut, dann werde ich mir den Termin beim P. geben lassen.

P.S.: In diesen Tagen kann ich ein (betrübliches) Jubiläum feiern: ein volles Jahr leide ich jetzt ununterbrochen an dieser nervigen Krankheit...! Im Klartext bedeutet das: seit einem Jahr nun schon sind die ersten drei Finger meiner rechten Hand pelzig und taub, gefühllos (deswegen aber leider noch lange nicht schmerzlos!) und absolut ohne Kraft...

9. Oktober 2008

In dem Buch über das Karpaltunnel-Syndrom habe ich bisher nur eine einzige brauchbare Erkenntnis gefunden: Diabetiker sind 3 – 5x so häufig von dem Leiden betroffen. Jetzt weiß ich zwar mehr, aber nützen tut es mich auch nichts...
Heute habe ich mich mit meiner Hausärztin wieder darüber unterhalten und sie erklärte mir (wie übrigens auch schon der Pfotenchirurg bei der „Wiederbegegnung“), daß das Leid bei mir durch einen Nervenstrang am Halswirbel ausgelöst werden könnte, oder – ganz neu – es von der Wirbelsäule kommen könnte! Was man dagegen tun kann? Operieren!... Eine OP an der Wirbelsäule... wenn das schiefgeht, bin ich querschnittsgelähmt. Jetzt kann ich also eine Entscheidung treffen...!

24. Oktober 2008


DAS WUNDER!! (?)

Ich laufe in München die Elsenheimerstraße entlang – und da geschieht ein Wunder, mit dem ich schon garnicht mehr gerechnet habe: das Karpaltunnel-Syndrom weicht aus meiner rechten Hand! Das Taubheitsgefühl geht weg, Leben und auch Muskelkraft kehren zurück! Ich bin fassungslos vor Freude und hoffe, daß das nie wieder passiert. Denn insgeheim habe ich so meine Bedenken, ob die Krankheit nicht zurückkehrt. Jetzt will ich erstmal zuhause anrufen und Bescheid sagen, daß ich die Krankheit überstanden habe! Aber dann geschieht es: alles um mich wird unwirklich – und ich wache auf! Es war leider nur ein Traum, in Wirklichkeit liege ich im Bett – und meine Finger sind nach wie vor taub...

== 19. Januar 2009 ==

In einer Zeitschrift lese ich von alternativen Behandlungsmethoden des Karpaltunnel-Syndroms. Unter Anderem soll ein Laser Besserung versprechen. Ich weiß nicht, ob ich mich damit an einen Arzt wenden soll. Denn ob ein Laser dann noch hilft, wenn sogar die Operation nichts gebracht hat...?
Vermerk: in zwei Monaten wird es ein Jahr, daß ich operiert wurde. Der Erfolg davon: Nullkommanull...

23. Januar 2009

Und gleich der nächste Schock: heute las ich in der Zeitung, daß das Einschlafen der Finger nicht unbedingt ein Karpaltunnel-Syndrom sein muß, es kann auch der Vorbote auf einen drohenden Schlaganfall sein... Na sauber!

13. März 2009

Es darf wieder ein Jubiläum gefeiert werden, auch wenn es keines ist: heute vor einem Jahr bin ich operiert worden...
Und, na klar... Besserung ist heute nicht eingetreten...

27. April 2009

In der Zeitung standen diverse Behandlungsmethoden, unter Anderem auch OP (die bei mir ja nichts gebracht hat) und eine Behandlung mit Cortison. Das ist es, worüber ich mich als Nächstes informieren werde...

30. Juni 2009

Wieder las ich in Zeitschriften was von Behandlungsmethoden mit Schienen aus Plastik und sonstigen Fixierverbänden. Da drin stand aber halt auch, daß, wenn das alles nichts mehr hilft, nur noch eine Operation in Frage kommt. Und? Die habe ich ja schon hinter mir! Ich habe ja sozusagen schon beim Ende angefangen! Und dann stand da noch: 95% aller Patienten sind nach der OP sofort wieder beschwerdefrei. Ist das nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß ich ausgerechnet zu den letzten 5% gehören muß??

Wenigstens gab es eine positive Antwort vom Versorgungsamt: die Behinderung meiner Hand wurde anerkannt und ich habe jetzt zu den anderen Behinderungen die vollen 100% Schwerbehinderung, außerdem gilt mein Ausweis jetzt unbefristet. Aber ich könnte drauf verzichten, wenn meine Hand wieder gesund wäre!

1. September 2009

In der Zeitung stand beim Gesundheits-Ratgeber ein Artikel zum Karpaltunnel-Syndrom. Weil der Arzt gesagt hat, nach einer OP käme es zu „sofortiger Beschwerdefreiheit“, schicke ich ihm eine E-Mail und schildere ihm mein Leiden. Ich biete darin auch eine 2. OP an. Vielleicht ist gerade dieser Doktor ja noch meine letzte Hoffnung? Jetzt warte ich auf die Antwort...

16. November 2009


Der aktuelle Stand.

Auf die E-Mail kam keine Antwort. Ich schickte eine Erinnerung hin. Daraufhin erhielt ich die Mitteilung, der Arzt Dr. L. hätte „mich nicht vergessen“. Wochen später stand der gleiche Artikel wieder im Gesundheitsratgeber der Zeitung!
Also schickte ich wieder eine Mail, daß er ja nicht mal fähig ist, mir zu antworten. Daraufhin kam von ihm eine Stellungnahme, wo er mir eine Menge erklärt, wie es weitergehen könnte: der Neurologe muß nochmal „durchmessen“ und dann ist eventuell eine „Reoperation“ vonnöten...

Ich habe es inzwischen aufgegeben. Mit dieser Krankheit muß ich eben leben. Ich kann es auch nicht ändern...

Ich bedanke mich für das Lesen, Bewerten und Kommentieren dieses (Leidens)Berichtes.
Euer Bonzo Splitt, exclusiv für Ciao im November 2009.



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
PascalBB

PascalBB

26.09.2010 09:48

danke. Ein Freund von mir hat das auch. Nun ist einfach einiges deutlicher. Ich denke, so wie du darueber geschrieben hast, kann es nicht jeder. Alles Gute!

bellanotte

bellanotte

16.04.2010 02:03

Ich an deiner Stelle würde mich nicht nochmal operieren lassen. Wenn der Nerv dauerhaft geschädigt ist, bringt eine Nach-OP oft nichts mehr. ...Nicht, dass ich dir die Hoffnung nehmen möchte..

Micaela030

Micaela030

20.12.2009 00:43

Ich habe diesen blöden Tunnel in den Schwangerschaften nur zu genau kennengelernt. Leide nämlich jedes Mal unter diesem Problem, weil durch die Schwangerschaft Wasser im Gewebe eingelagert wird, was dann auf den Tunnel drückt. Und oft kann ich dann wochenlang nicht richtig zugreifen. Bin dieses Mal schon froh, dass ich es nur in einer Hand habe. Aber wenigstens bin ich bisher ohne OP ausgekommen, denn nach der Schwangerschaft sind die Beschwerden immer binnen weniger Tage weg. Von daher sag ich mir, dass ich auch dieses Mal die letzten paar Tage auch noch überstehe.

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