Revenge is never a straight line
24.04.2004
Pro:
Quentin Tarantino muss man einfach lieben
Kontra:
etwas zu gedehntes Ende
Empfehlenswert:
Ja
 CiscoGianino
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:134
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 65 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
„In the year 2003 Uma Thurman will kill Bill“ lautete die erste Tagline des damals neuen Tarantino-Epos. Später beschlossen die Miramax-Bosse den Film zu teilen und so durfte Bill-Darsteller David Carradine seinen Kopf noch ein halbes Jahr länger auf seinen Schultern tragen. Nun gibt es endlich „Volume 2“ zu bewundern und dieser knüpft nahtlos an seinen Vorgänger an: Nachdem „Die Braut“ (Uma Thurman), ehemaliges Mitglied des „Deadly Viper Assassination Squad“, von ihren Ex-Kollegen für vier Jahre ins Koma geschickt wurde, tötete sie in „Volume 1“ bereits Vernita Green (Vivica A. Fox) und O-Ren Ishii (Lucy Liu). Nun stehen noch Budd (Michael Madsen) und Elle Driver (Daryl Hannah) auf ihrer Liste. Und natürlich Bill... „Kill Bill Vol. 2” ist ein wirklich großer Film, offenbart allerdings gleichzeitig, dass es ein Fehler war Tarantinos Gesamtkunstwerk zu trennen. Besonders wenn man ihn im double feature mit „Vol. 1“ sieht, wird sichtbar, wie sehr die beiden Hälften auseinander driften. War „Vol. 1“ noch laut und bunt wie ein Anime, vollgestopft mit bizarren Ideen und eine irre Vermengung aus Samurai-Epos, Yakuza-Thriller, Martial-Arts-Film, Giallo und Italo-Western, die dem Genre-Fan die Freudentränen in die Augen trieben, ist „Vol. 2“ doch sehr viel ruhiger, im Hinblick auf „Vol. 1“ fast schon konventionell (aber auch nur im Hinblick auf „Vol. 1“!) und sehr dialoglastig. Hier kommt natürlich Tarantinos alte Stärke wieder zum Vorschein: Seine brillanten Dialoge voller Esprit und Wortwitz, die in der deutschen Fassung mehr schlecht als recht zur Geltung kommen, können sich locker mit denen aus seinen vorangegangenen Filmen messen.
Wie in „Vol. 1“ wird auch wieder wild drauflos zitiert, dass es eine wahre Freude ist und wie es wohl nur Tarantino kann: Huldigte er in „Vol. 1“ noch Dario Argentos „Opera“, ist jetzt die nächste Größe des Italo-Horrors dran: Die Szene in der Uma Thurman lebendig begraben wird und danach quasi wiederaufersteht, erinnert recht stark an Lucio Fulcis „Ein Zombie hing am Glockenseil“. Das Grab, in dem sie begraben wird, gehört laut Grabstein einer gewissen Paula Schultz. Deren Name lässt natürlich sofort Erinnerungen an die Elke-Sommer-Komödie „The Wicked Dreams of Paula Schultz“ aufkommen, in dem es auch einen gewissen Bill gibt, der damals von Bob Crane gespielt wurde. Und wo wir schon bei Bill sind: David Carradine spielt dieselbe Holzflöte wie damals als Kwai Chang Caine in der TV-Serie „Kung Fu“, mit der er berühmt wurde. Auch viele andere Charaktere weisen Bezüge zu den unterschiedlichsten Filmen auf: Uma Thurmans Lehrmeister Pai Mei z.B. taucht in einer ganzen Reihe von Kung-Fu-Filmen der 70er und 80er Jahre auf, darunter auch „Clan of the White Lotus“, in dem ebenfalls Gordon Liu mitspielt, der nun den Pai Mei geben darf und in „Vol. 1“ schon als Johnny Mo, der Anführer der Crazy 88, zu sehen war. Damals wurde Pai Mei noch von Lo Lieh gespielt und Liu, der mit Filmen wie „Die 36 Kammern der Shaolin“ zur Martial-Arts-Legende avancierte, spielte den Schüler. Musikalisch gibt es diesmal, passend zur Italowestern-Thematik des Films, viele Stücke von Ennio Morricone; u.a. aus „Für eine Handvoll Dollar“. Auch Luis Bacalov ist wie bei „Vol. 1“ wieder auf dem Soundtrack vertreten; damals noch mit einem Stück aus „Il Grande Duelo“, diesmal gibt es Musik aus „Un verano para matar“. Ähnlich verhält es sich mit Meiko Kaji: Bei „Vol. 1“ gab es „The Flower of Carnage“ aus dem Film „Lady Snowblood“, in dem sie auch die Hauptrolle spielte, bei „Vol. 2“ gibt es „Burami Ushi“ aus „Female Convict Scorpion – Jailhouse 41“.
Quentin Tarantino schafft es mit „Kill Bill Vol. 2“ seinen Charakteren mehr Leben einzuhauchen und sie mit einer Hintergrundstory auszustatten. Wie bei jedem seiner Werke sind die Darsteller hochmotiviert und geben ihr bestes: Michael Madsen hat seit „Reservoir Dogs“ nur Schrott gedreht und zeigt hier als Bills Bruder Budd wieder, was er wirklich kann: Den desillusionierten Aussteiger, der vom Leben nicht mehr erwartet als ein Bier im Kühlschrank, gibt er mit einem einfach wunderbar sarkastischen Unterton, der allerdings auch mal in knallharten Sadismus umschlagen kann. Madsen ist einfach ein Typ für sich; einer, den man nicht kopieren kann und er versteht den Zuschauer voll in seinen Bann zu ziehen, so dass der Anfang von „Vol. 2“ fast zu einer One-Man-Show für ihn wird. Auch Daryl Hannah als Elle Driver ist einfach nur großartig und legt ein sauberes Comeback hin. Ihre Figur ist stark von dem Christina-Lindberg-Charakter aus dem schwedischen Revenge-Movie „They Call Her One-Eye“ von Bo Arne Vibenius beeinflusst, in dem eine taub-stumme, heroinsüchtige Nutte einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen ihre Peiniger startet, nachdem ihr Zuhälter ihr ein Auge ausgestochen hat. Im Gegensatz zu den anderen Frauenfiguren des Films, die durch unterschiedlichste Umstände allesamt zu tragischen Figuren verkommen, ist Elle Driver durch und durch böse. Die Szene, die den Verlust ihres Auges zeigt, erinnert übrigens stark an die „Streetfighter“-Filme mit Sonny Chiba, der bereits in „Vol. 1“ auftauchte. Das größte aller Comebacks dieses Films liefert jedoch David Carradine. Dieser spielt Bill so überzeugend und charismatisch, dass man ihm einfach nicht wirklich böse sein kann. Definitiv Carradines beste Performance seiner Karriere, denn es ist einfach ein Hochgenuss zu sehne, wie er mit Uma Thurman interagiert: Die beiden ergänzen sich perfekt bis zum, im wahrsten Sinne des Wortes, herzzerreißenden Finale. In einem Cameo-Auftritt kann man Samuel L. Jackson als Orgel-Spieler entdecken und Sid Haig, erst kürzlich durch seine geniale Performance als Captain Spaulding in Rob Zombies „House of 1000 Corpses“ aufgefallen, spielt den Barkeeper des Stripclubs, in dem Michael Madsen als Rausschmeißer arbeitet. Tarantino schraubt Action und Blutgehalt zwar deutlich zurück, doch bietet der Film eine Menge anderes: Wie immer inszeniert das Regie-Genie jede Einstellung so perfekt, dass man sie sich zu Hause am liebsten übers Bett hängen würde und gibt einen Detailreichtum preis, so dass man auch nach zigmal gucken immer wieder neues entdeckt. Die Actionsequenzen sind hervorragend inszeniert, nicht so comichaft überzogen wie bei „Vol. 1“, dafür aber brachialer und schmutziger wie in einem guten Italo-Western. Der Kampf zwischen Uma Thurman und Daryl Hannah ist absolut atemberaubend choreographiert, bietet ein wirklich fieses Ende und auch die Szenen im Sarg unter der Erde sind wirklich brillant und bieten eine unheimlich klaustrophobische Atmosphäre. Tarantinos Liebeserklärung an das Grindhouse-Kino hätte sicher kein anderer Regisseur so virtuos umsetzen können wie er, denn jede Szene strahlt einfach eine sagenhafte Begeisterung für Exploitation-Filme aus. Einfach genial wie er sämtliche Genres wie Italo-Western, Martial Arts, Yakuza- und Chambara-Filme miteinander kombiniert und auf deren wesentliches Element reduziert: Rache. Egal aus welcher Kultur die Filme stammen mögen, es geht letztendlich immer nur um Rache, was Tarantino in seinem Film getreu dem Motto „revenge is never a straight line“ wie in all seinen Film nonlinear zu erzählen weiß.
Geschickt umschifft Tarantino auch die Klippen der Klischees: Ich hatte vor dem Film ein wenig die Befürchtung, dass sich die Komponente mit Uma Thurmans Tochter nicht unbedingt positiv auf „Kill Bill“ auswirken würde, doch Tarantino gewinnt selbst diesem Aspekt einige großartige Momente ab, die von putzig bis rührend reichen und zum Schluss sehen „Die Braut“, oder nennen wir sie jetzt doch einfach beim Namen: Beatrix Kiddo und ihre Tochter gemeinsam „Shogun’s Assassin“, der ihre und Bills Situation wunderbar beschreibt. Dies ist wirklich einer der schönsten Momente des Films, der danach etwas getrübt wird, denn das Finale zwischen Beatrix und Bill dehnt sich etwas zu lange aus. Zwar gibt es auch hier wieder absolut geniale Dialoge, die endlich die gesamte Tragweite des Films offenbaren, besonders Bills Superman-These, doch einiges ist schlichtweg überflüssig und endet ein wenig unspektakulär. Dennoch ist Tarantino wieder mal der ganz große Wurf gelungen, der sich nicht im geringsten mit „Vol. 1“ vergleichen lässt, aber auf eigene Art wirklich großartig ist. Dennoch kann man Tarantinos Meisterwerk wohl erst vollkommen bewerten, wenn der angekündigte Zusammenschnitt der beiden Episoden erscheint und dann für eine ausgewogenere Balance zwischen turbulentem Wahnsinn und typisch tarantinoesken Dimensionen sorgt.
Originaltitel: Kill Bill Vol. 2 Herstellungsland und –jahr: USA 2003 Regie: Quentin Tarantino Darsteller: Uma Thurman, David Carradine, Darryl Hannah, Michael Madsen, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Gordon Liu, Samuel L. Jackson, Sid Haig, Bo Svenson
Bilder von Kill Bill - Volume 2 (2004)
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06.01.2005 16:17
Verflucht! Den Bericht wollte ich doch schreiben! Aber besser kriege ich den auch nicht hin! KOmpliment und VG von rouvinho
13.07.2004 21:27
brillanter bericht, der alle facetten des films wiederspiegelt
06.06.2004 19:42
Alles drin, was drin sein muss. Da ich den Film nicht kenne, kann ich mir jetzt ein super Bild von machen. Liebe Grüße Anja