Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
bewegendes, nahegehendes, gut gespieltes Psychodrama |
| Kontra: |
zu viele Mann - Frau Klischees, Auflösung zu banal |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Hoffentlich läuft der Film noch in den Kinos, denn diesmal hat mein Produktvorschlag sehr, sehr lange gedauert. Aber immerhin: es hat geklappt!!!
Ich sehe mir gerne Filme an, am liebsten im Kino und am allerliebsten habe ich es, wenn man nach den Filmen noch ein bisschen was vom Regisseur oder den Schauspielern mitbekommt. Ein Grund, warum ich die Berlinale so liebe. Diesmal kam ich in den Genuss eines vorzeitigen „Berlinale-feelings“, denn die Berliner Akademie der Künste stellte in einer Preview einen neuen dänischen Dogma film vor mit Anwesenheit des Regisseurs und anschließender Diskussion.
Klar, da musste ich hin! Wie gut, dass ich nur etwa 10 Minuten von der Akademie entfernt wohne;)
Der Film heißt eigentlich „Kira’s reason“ wird in der deutschen Übersetzung allerdings nur Kira heißen. Ich habe ihn im dänischen Original mit deutschen Untertiteln gesehen. (ich liebe es, Filme im Original anzuschauen, egal ob ich die Sprache verstehe oder nicht).
Der Regisseur heißt Ole Christian Madsen , die Namen der Schauspieler (Stine Stengade und Mads Mikkelsen) dürften eher unbekannt sein, aber da bei Dogma Filmen ja sowieso nie professionelle Schauspieler genommen werden, dürfte das auch nicht so wichtig sein. Madsen erhielt noch das Dogma – Dokument, das ihm offiziell beurkundet, den Film streng nach den Regeln von Dogma 95 erstellt zu haben. Muss ich erläutern, wie die Regeln lauten? – Nun, alle kenne ich auch nicht, aber kurz die wichtigsten möchte ich hier aufführen:
Möglichst wenig aufwendige Technik, gefilmt wird mit der Handkamera, keine Schauspielprofis, Musik hört man nur, wenn es in der Handlung auch echt Musik gibt (also keine Hintergrundmusik, sondern es muss jemand im Film gerade das Radio anschalten etc.), die gefilmten Personen sollen sich so kleiden, wie sie das auch sonst im Alltag tun etc.
Man sieht schon, worauf es ankommt: auf Authentizität! Der Film soll auf das Wesentliche gebracht werden, kein aufwendiger Technikschnickschnack soll von der „echten“ Kunst des Filmens ablenken.
Sicher könnte man hier viel mehr und genaueres erklären, aber ich lasse es mal dabei, Madsen erklärte uns sowieso, dass seit kurzem keine Dogma-Urkunden mehr ausgestellt werden. Wer ab jetzt noch einen Dogma-Film drehen möchte, ist in Zukunft nur noch sich selbst verpflichtet.
Ich habe bisher (fast) alle Dogma –filme gesehen und mir ist selbst nicht klar, ob es wirklich an den Dogmaregeln liegt, dass ich sie ausnahmslos entweder sehr gut oder doch zumindest sehr sehenswert fand, oder ob das eher Zufall ist.
Nun zum Film selbst:
Kira, eine etwa 30-jährige Frau, verheiratet mit dem beruflich sehr erfolgreichen Mads, kehrt nach einem offensichtlich längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nach Hause zurück. Nach Hause, das heißt: in ein sehr schönes, luxuriöses Haus mit großzügigem Garten und Swimmingpool – und das heißt auch zurück zu ihren beiden kleinen Kindern, zwei netten Jungs im Vorschulalter. Mads, ihr Mann hatte in der Zwischenzeit eine Affäre mit Kiras Schwester gehabt und beendet diese nun rechtzeitig, um seiner Ehe eine echte Chance zu einem Neuanfang zu geben. Er feiert ihre Heimkehr mit einem großen Fest mit Freunden der Familie, dass er Kira damit überfordert, scheint er nicht zu merken.
Sehr schnell stellt sich heraus, dass Kira nicht wirklich „geheilt“ ist. Immer wieder gerät sie in Situationen, mit denen sie absolut nicht zurechtkommt; Situationen, die nicht nur sie, sondern auch ihre Umwelt an die Grenzen der Belastbarkeit bringen. So endet beispielsweise ein harmlos beginnender Schwimmbadbesuch mit ihren Kindern damit, dass sie eine Anzeige wegen körperlicher Gewaltanwendung bekommt.
Mads und Kira versuchen beide ernsthaft, ihre Ehe, ihre Familie und auch ihre Stellung in der Gesellschaft zu halten (o.k. letzteres scheint Mads wichtiger zu sein als ihr), man spürt auch ganz genau, dass es noch echte Liebe gibt zwischen den beiden, dennoch wird das Zusammenleben immer schwieriger. Kira rastet immer wieder aus, bricht zusammen und fühlt sich anschließend –besonders wegen der Kinder – schlecht danach. Mads hält zwar zu ihr, hilft ihr aus Situationen heraus, aber er wird auch immer unwilliger. In einer beeindruckenden Szene flieht Kira zu ihrem Vater, der sie und ihre Mutter vor langer Zeit verlassen hat und nun mit einer jüngeren, schwarzen Frau zusammenlebt. Sie fragt ihn zum ersten Mal direkt, warum er das getan hat – und tatsächlich antwortet er ihr auch: „In der Ehe mit deiner Mutter waren sogar die Wände mit Gefühlen tapeziert, immer und überall nur Gefühle, Gefühle, Gefühle…“ Kira weint, die neue Freundin des Vaters singt für sie überraschenderweise ein wunderschönes und tröstliches Lied. Diese Szene war schon fast surrealistisch – toll, dass in so wenigen Sätzen und in kurzer Zeit plötzlich ganz viel klar wurde über Kiras Vorgeschichte.
Als Kira dann aber eines Morgens nach einer Nacht mit einem jungen Schweden, den sie in einer Bar sehr direkt angesprochen hatte, völlig bestürzt in dessen Bett aufwacht und telefonisch ihren Mann zu Hilfe ruft, um sie abzuholen, da wird es diesem zu viel.
Nun kommt es zu einer Szene, die für mich den Film, den ich bis dahin sehr gut fand, zum Kippen brachte. Ich habe zwar überlegt, ob ich sie überhaupt „verraten“ soll, aber ich muss es tun, um zu erklären, warum ich den Film dann im Endeffekt sehr widersprüchlich fand.
Mads ist wütend, er ist verletzt und er ist mit seiner Geduld am Ende. Alles voll verständlich. Was dann folgt, ist meiner Meinung nach aber nicht mehr verständlich. Kira bittet ihn, in ein Hotel zu gehen, um miteinander zu reden, was er aber tut, ist etwas anderes als reden. Er vergewaltigt sie- währende der Vergewaltigung schleudert er ihr auch noch die verletzende Geschichte mit ihrer Schwester ins Gesicht. Nachdem er dann von ihr runterrollt, weint er zwar, das war’s dann aber auch schon. Beide, Mads und Kira und vor allen Dingen der Regisseur machen dann einfach weiter. Diese entsetzliche Vergewaltigung, die mir als Zuschauerin sehr nahe ging, hat einfach den Stellenwert eines heftigen Gefühlsausbruchs. So als ob Mads sie nur mal kräftig angebrüllt oder geschüttelt hätte.
Nun mag man darüber denken, wie man will, aber ich finde, dass man heutzutage, gerade wenn man den Anspruch hat, sensibel die psychischen Nöte einer Frau darzustellen, so nicht mehr mit dem Thema Vergewaltigung umgehen darf.
Ich wartete immer noch auf eine Erklärung, Entschuldigung oder was auch immer von Mads oder zumindest auf einen Vorwurf von Kira, aber nein, es wirkte so, als ob dieser gewaltsame Akt zur Klärung beigetragen habe.
Ich möchte nun nicht alle Szenen, die noch folgen, einzeln auflisten, nur so viel: Kira schafft es nicht, so zu funktionieren, wie von ihr erwartet wird. Bei einer großen Feier, die sie für die Geschäftspartner ihres Mannes ausrichtet, wird wieder ganz klar deutlich, wie überfordert sie ist. Hier folgt noch eine der schönsten Stellen des ganzen Films: ein Geschäftspartner schaut sie lange und intensiv an und fragt sie dann ganz direkt: „Sind sie verrückt?“ Sie lässt sich Zeit mit der Antwort „Nur ein bisschen, glaube ich“ Wieder eine Szene, die ans Surreale grenzt.
Dieser Abend endet damit, dass Kira einen langen, ehrlichen und überraschend klarsichtigen Abschiedsbrief schreibt. Auch ein mögliches Motiv ihrer Erkrankung wird aufgedeckt.
Dieser Brief ist aber nicht das Ende, sondern ….
Nein, jetzt verrate ich aber nicht noch mehr, denn das Ende des Films ist ziemlich überraschend, ja fast schon märchenhaft… Das sollt Ihr selbst ansehen.
Meine Meinung:
Unbedingt ansehen sollte man den Film auf alle Fälle. Er ist unheimlich eindringlich und bewegend, manchmal kommen einem die Personen schon fast schmerzhaft nahe. Die Schauspieler sind hervorragend (da könnten sich manche professionelle Schauspieler mal ein bisschen was davon abgucken!), das Thema ist sehr interessant und dem Regisseur sind einige hervorragende Einfälle und Szenen gelungen.
Dennoch: der Umgang mit der Vergewaltigungsszene hat mich so sehr gestört, dass dadurch der Film für mich „zerbrochen“ ist. Ich wurde danach auch sonst etwas kritischer, so fand ich auch die Auflösung (Kira’s reason) nicht sehr überzeugend, bzw. fast schon banal einfach.
Unverständlich auch, warum Kira nicht in einer Therapie war, ihr Zustand war derart beängstigend, dass sie im wahren Leben sicher eine therapeutische Nachbehandlung bekommen hätte und auch Mads, der nicht wusste, wie er ihr wirklich helfen sollte, hätte professionelle Unterstützung benötigt.
Aber im anschließenden Gespräch mit dem Regisseur antwortete er auf solche Einwände (es saß auch ein Psychotherapeut auf dem Podium) nur, dass es ihm vorrangig gar nicht um die Krankheitsgeschichte gegangen sei, sondern um die Liebesgeschichte. Er wollte eigentlich nur einen Film über die Schwierigkeit der Kommunikation in der Liebe zeigen.( Nun, das hätte er auch einfacher haben können).
Meine Kritik bezüglich der besagten Szene verstand er nicht so recht, denn Kira hätte Mads ja bis zu Weißglut gereizt und ob ich denn bezweifle, dass solche Dinge eben vorkommen. Nein, das bezweifle ich natürlich nicht, aber dass eine Frau darüber einfach so hinweggeht, das bezweifle ich stark. Ich versuchte dann noch etwas, mit ihm zu diskutieren darüber, aber einige seiner Äußerungen gingen wirklich erstaunlich nahe in die banale Richtung: Männer sind halt so und Frauen sind halt anders (oh Gott, Bücher dieses Inhalts muss ich schon täglich verkaufen, das muss ich mir nicht abends in einer anspruchsvollen Diskussion noch anhören!)
Ich geriet bei dieser Diskussion in den Ruf einer moralisierenden Feministin, aber lieber bin ich das als jemand, der über solche Dinge einfach schweigt.
Andere Diskussionsteilnehmerinnen warfen dem Film noch vor, er behandle 7oerJahre Themen, er sei auf dem Stand der Diskussion der frühen Frauenbewegung stehen geblieben und er sei voller Klischees: Frau hysterisch, Mann erfolgreich, Frau funktioniert nicht mehr, was kann man da wohl tun…
Die Diskutantinnen wurden mit einem kleinen feinen Seitenhieb, dass sie wohl selbst ja nicht so große Probleme mit Männern hätten (es waren wahrscheinlich Lesben, aber das wurde ja gar nicht thematisiert) abgespeist. Nun, das steigerte meine Sympathie für den Regisseur nicht gerade wirklich ;)
Fazit:
Dennoch: ein beeindruckender Film, sehr sehenswert – trotz der von mir benannten Mängel!
Und, wenn ihr die Möglichkeit habt, bei solchen Diskussionen dabei zu sein, nehmt sie war!
| weitere Erfahrungsberichte |
„Ein bisschen verrückt ...“
Bewertung für Kira von
Posdole
Pro: Gelungener Dogma-Film über komplizierte Liebesgeschichte
Kontra: Stine Stengade in wenigen Szenen etwas zu "überkandidelt"
Ein Zertifikat strahlt einem entgegen. Der offiziell 31. Dogma-Film mit der zertifizierten Nummer 21 erzählt eine Geschichte über Liebe und (Selbst-)Zerstörung – was auch sonst? Mit einer im Vergleich zu anderen Dogmas nur gering „geschüttelten“ Handkamer ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich |
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sehr hilfreich
14.11.2002
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