Profisauger zum Abschreckungspreis
23. Jul 2007
Pro:
hervorragende Saugleistung, robust und effektiv
Kontra:
künstlich überteuert, unhandlich, nichts für jederman
Empfehlenswert:
Ja
 Precklich
Über sich:
Mitglied seit:24.02.2004
Erfahrungsberichte:4
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 22 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ist in diesem Forum noch ein weiterer Bericht über Kirby nötig? Ja und nein. An diesem Gerät scheiden sich offensichtlich die Geister. Es hat seine Fans, die es regelmäßig einsetzen und damit beste Sauberkeitsergebnisse erzielen. Es hat seine Gegner, die es unsachlich als überteuertes lärmendes und unhandliches Monster verteufeln. Manche behaupten sogar, der Vertrieb befinde sich fest in der Hand einer amerikanischen Sekte. Und vielleicht ist von allem etwas dran. "Kirby kann man nicht beschreiben - Sie müssen ihn gesehen haben!" Stimmt. Obwohl sehen allein auch nichts nützt. Denn hätte ich so ein Gerät im Nachlass meiner Oma in der Abstellkammer entdeckt, hätte ich es wohl ohne Bedenken auf den Sperrmüll gestellt. Genau so sieht es aus: unmodern, klobig, monströs. Ein Relikt aus dem Vietnamkrieg. Und so wird es wohl wegen der Nachkaufgarantie für die Teile auch noch die nächsten zig Jahre aussehen.
Fähigkeiten Obwohl als umfassendes Heimpflegesystem angepriesen, sieht das Ding aus wie ein Staubsauger, es arbeitet wie ein Staubsauger und - mal ehrlich - es ist ein Staubsauger. Klar soll man bei entsprechendem Zubehör mit dem Teil auch noch Teppiche shampoonieren können, Holzböden pflegen, Laub wegblasen, Matratzen reinigen, Böden schrubben, Schränke abschleifen, Tapeten ablösen, die Katze verjagen, Luftmatratzen aufpumpen, Autos polieren, Pferde striegeln und zum Orgasmus kommen können. Aber wie das mit solchen Universalgeräten nun mal ist - man probiert vielleicht mal was aus und nutzt es dann doch hauptsächlich zu seinem Urzweck: dem Staubsaugen. Aber genau das kann er wirklich gut. Die gängigen Demonstrationen wurden in anderen Beiträgen schon beschrieben. Die Saugleistung ist trotz der geringen Wattzahl enorm. Die Vorführung erfolgte mit ziemlich vollem Beutel und die sichtbaren Ergebnisse am Teppich waren beeindruckend - von den Schaufiltern ganz zu schweigen.
Der Umbau für die Zusatzfunktionen ist bei entsprechender Routine sicherlich kein Problem. Alles ist durchdacht. Wer jedoch Schwierigkeiten mit dem Knien hat, wird es aber gar nicht erst versuchen, denn viele Handgriffe werden auf Bodenhöhe gemacht. Und da wir nun einmal bequem sind, wird das Heimpflegegerät immer etwas Theorie bleiben. Für ältere Menschen verbietet sich die Fummelei von selbst. Technik Der Kirby hat zwei getrennte Luftkreise. Die Motorkühlung erfolge direkt durch Schlitze im Gehäuse und ist unabhängig vom Saugstrom. Die Kühlung erfolgt also mit "normaler" Außenluft wie bei jedem Elektrowerkzeug, womit ein Stinken und Überhitzen des Motors durch angesaugten Staub vermieden werden soll. Der Saugstrom wird in einem zweiten Gang am Flügelrad des Antriebes vorbeigeleitet und der Schmutz dann von oben in den sehr großen Beutel hineingeblasen. Es entsteht somit kein Saugverlust durch Filter zwischen Düse und Fangsack. Durch dessen Gewebe braucht nur im oberen Bereich die Luft wieder zu entweichen, so dass er lange nutzbar bleibt - angeblich nach der Grundreinigung bis zu einem Jahr. Wie gut er tatsächlich Feinstaub zurückhält, werden wir nie überprüfen können. Andererseits können größere harte eingesaugte Gegenstände das Flügelrad beschädigen. Der Motor hat 635 W Leistung und liegt damit bei der Hälfte der meisten Staubsauger.
Der zweite große Unterschied
zu herkömmlichen Saugern ist die rotierende Bürste, mit denen während des Saugens der Teppich bearbeitet und der Sand heraus geklopft wird. Es werden spürbare Vibrationen erzeugt, der ganze festsitzende Sand gelöst und der Flor wieder aufgerichtet. Dieser direkt am Gerät montierte Standardkopf nennt sich Tiefenreiniger und kann gegen einen normalen Schlauch mit Saugrohr und Bodensaugfuß ausgetauscht werden, um flexibler damit arbeiten zu können. Erstaunlich aber auch hier: Ich habe zum ersten Mal einen Saugfuß gesehen, bei dem diese Bürstenreihe da sitzt, wo sie sinnvoll ist. Für den Schlauch ist ebenfalls eine mobile Saugbürste zur Sandförderung erhältlich. Das ganze Prinzip macht auf mich einen ebenso simplen wie sinnvollen Eindruck. Manche Dinge erscheinen auf den ersten Blick wie das Ei des Kolumbus, und vielleicht sind sie es ja auch. Angeblich sollen Patente verhindern, dass auch andere Staubsauger so gebaut werden können. Vielleicht ist es auch im Interesse der Teppichindustrie. Oder der Allergologen und Pharmaindustrie? Niemand weiß es so genau.
Lautstärke Aufgrund der hier gelesenen Berichte war ich auf einen Höllenlärm vorbereitet. Um so überraschter war ich bei der Vorführung. Sicher, das Gerät ist laut. Aber der Grobsauger in meiner heimischen Werkstatt ist erheblich lauter. Und wir hatten einen Zyklonsauger, der nicht nur von der Lautstärke, sondern auch von der Frequenz mit seinem hohen Heulen wirklich unangenehm war und nach einem halben Jahr kaum noch Saugleistung hatte. Der Kirby dröhnt eher, aber er saugt wenigstens dabei. Gewicht Die Haupteinheit des Kirby besteht aus sehr massiven Alu-Druckguss und muss daher schwerer als Kunststoffgeräte sein. Allerdings habe ich keinen großen Unterschied zu unserem 15 Jahre alten Siemens-Gerät empfunden, wobei ich den Siemens mit zwei Händen (eine Hand am Gerät und die andere am Saugrohr) tragen muss und mit dem Schlauch leicht an der Treppe die Bilder runterreiße. Den Kirby mit Schubstange kann ich dagegen mit einer Hand tragen. Nun sind wir auch keine Kampfsauger, die jeden Tag zu Milbenmördern werden.
Preis Er lässt sich weder rechtfertigen noch wegdiskutieren. Das Gerät liegt allein in der Grundausstattung zum Staubsaugen bei 1.800,- €, nach oben geht es wohl bis an 3.000,- €. Dabei reden wir hier nicht über die Herstellungskosten nebst Handelsspanne. Vielmehr wird hier eine Monopolstellung ausgenutzt, um einen Strukturvertrieb fett und mächtig zu machen. Mit dem Kauf finanziert man eine riesige Verkaufshierarchie (wer auch immer dahinter steckt) und bekommt dafür gewissermaßen einen Staubsauger als Zugabe. Mit welcher Begründung muss der Shampoonieraufsatz bestehend aus Wassertank und Schaumverteiler (Plastikformteile ohne großartige Technik) 265,- € kosten? Begründet wird im Verkauf der Preis immer nur mit dem Nutzen. Bei entsprechender Konkurrenz und Verkauf über den Einzelhandel würde das Gerät ein Bruchteil kosten und wir könnten uns alle eins leisten. Vertrieb Dieser Punkt hängt eng mit den Preis zusammen und stört mich am meisten. Der Kunde wird im Unklaren gelassen und bewusst von der Vertriebsorganisation abhängig gemacht. Nur nichts Schriftliches rausgeben: keine Prospekte, keine Details oder technische Daten, keine Preise, keine Serviceadressen. Der Käufer richtet sich nach dem Verkäufer und nicht umgekehrt. Manche Details konnte ich daher nur aus dem Gedächtnis wiedergeben. Mal den Internetauftritt angesehen? Gelaber ohne Inhalt. Angeblich das tollste Produkt der Welt, aber bloß nichts darüber verraten. Wer was wissen will, darf gerne in den USA anrufen oder eine Vorführung anfordern. Geheimnisvoll bleiben. So etwas macht auf mich keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Ein gutes Gerät, was in die Hände der falschen Organisation gefallen ist.
Der Verkäufer ist natürlich selbständig und erstklassig geschult. Er weiß auf alles Antworten, nur der Preis scheint ihm trotz Nachfragen erst nach 2 Stunden einzufallen. Und da werden die Argumente dann auch schwach und durchsichtig. "Wollen Sie ihn haben, dann entscheiden Sie jetzt." Es geht nicht nur um den Verkauf, sondern auch um die Ausweitung des Strukturvertriebes. "Wir suchen auch noch Mensch mit Führerschein." An jedem Untervertreter wird wieder kräftig mitverdient. So ist dann auch der Preis erklärlich. Service Kirby bietet dem Erstkäufer (!) 3 Jahre Garantie auf das Gerät und garantiert (jedenfalls mündlich) 35 Jahre die Verfügbarkeit von Ersatzteilen. Zubehör zur Erweiterung kann man ebenfalls nachkaufen. Die Schmutzbeutel werden telefonisch bestellt und zugeschickt, offenbar per Nachnahme. Und nur wo Kirby draufsteht, ist auch Kirby drin. Ein weiteres gängiges Verschleißteil ist der Antriebsriemen für die Bürste.
Reparaturen nach Ablauf der 3 Jahre kosten bei Kirby offenbar pauschal 240,- US-$ plus aktuellem Preissteigerungsindex. Wer dafür den Antriebsriemen auswechseln lässt, hat es dann auch nicht anders verdient. Natürlich vergaß der Verkäufer beim Anpreisen der Garantie diesen Pauschalpreis zu erwähnen. Das ganze System ist darauf aufgebaut, den Käufer zu binden und ihm immer wieder Geld aus der Tasche zu ziehen. Mich erinnert das alles etwas an Grishams Roman "Die Firma". Die Company macht alles für dich. Aber versuche nicht, auszuscheren. Gebrauchtkauf Der Internetgebrauchthandel ist natürlich Gift für eine derartige Organisation. So ist nach gescheiterter Verkaufsverhandlung die Warnung, ihn z.B. bei Ebay zu kaufen, verständlich. Kein Neugerät, keine Garantie und kein Service. Vermutlich braucht man da in der Tat nicht wegen einer Reparatur vorstellig zu werden, ohne die Strafe für das Umgehen der Vakuummafia zu zahlen. Zubehörteile und Reparatur sind schon für den identifizierten Kunden teuer, für den Schwarzsauger wird es harmlos "Wertausgleich" genannt. Die Warnung jedenfalls war deutlich.
Zu diesem Punkt möchte ich ein paar ganz wichtige Dinge hervorheben. Das Angebot von gebrauchten Kirbys (z.B. bei eBay) sowie Zubehör und Ersatzteilen ist heute groß. Zum einen muss man sich die Frage stellen, warum ein Gerät, was als so toll und lebenslänglich nutzbar angepriesen wird, zu Hauf als zum Teil "kaum benutzt" auf dem Second-Hand-Markt landet. Die Antwort dürfte lauten, dass wohl überwiegend ältere Damen den bestechenden Verkaufsmethoden unterliegen und tatsächlich spontan diese Unsummen auf den Tisch legen. Unser Gerät wurde z.B. einer 76-jährigen Dame untergejubelt. Die Finger- und Redefertigkeit des Verkäufers täuscht: Was der in Sekundenbruchteilen ausgewechselt hat, wird Oma nie wieder zusammengesetzt bekommen. Auch wird der Kirby-Vertreter kaum ein Mütterchen das Gerät in die Ecken dirigieren lassen. Denn statt des eleganten Schwungs bei der Vorführung würde das Gerät mit Oma brutal gegen den Schrank knallen. Die Folge: Das Gerät wird von einer wesentlichen Käufergruppe im Alltag als unhandlich kaum benutzt und Oma kauft sich lieber wieder einen kleinen Staubsauger. Oder sie stirbt, ohne das Ding je benutzt zu haben.
Zum anderen muss man sich beim Gebrauchtkauf die Frage der Garantie stellen. Überall bei Ebay wird völlig irreführend mit der Nachkaufgarantie geworben und zum Teil werden sogar relativ neue Maschinen mit "noch zwei Jahren Restgarantie" angeboten. DAS IST FALSCH. Kirby gewährt sämtliche außergesetzlichen Garantieleistungen NUR dem bei Kirby registrierten Erstkäufer. Da nützt kein Erbe und kein Anschaffungsbeleg. Entweder sind deine Daten bei der Company gespeichert und du stehst unter ihrem Schutz, oder du bist vogelfrei, sobald der erste Filterbeutel voll ist. (Keine Sorge, auch die Dinger gibt´s nebst Flachriemen deutlich günstiger bei Ebay, wenn auch kaum original). Wer das Ding - wo auch immer - gebraucht kauft, kann es nutzen, so lange es funktioniert (und das sind ja hoffentlich bei einem so teuren Gerät ein paar Jahre). Im Reparaturfall scheint es mir aber nicht sinnvoll, Kirby zu kontaktieren. Praxis Uns hat die Vorführung so überzeugt, dass wir uns so ein Gerät angeschafft haben. Gebraucht zu unter einem Drittel des Neupreises. Damit kommt man sich zwar fast ein wenig illegal vor, aber die Wohnung wird trotzdem sauber. Mit dem Kirby habe ich Staub aus Ritzen und Gittern bekommen, wo es sonst aussichtslos war. Sogar Jalousien oder Pflanzen lassen sich passabel absaugen. Aus dem Teppichen haben wir richtig Sand rausgeholt. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Beuteln, die hauptsächlich Flusen und Wollmäuse enthalten, fühlt man sofort an der kompakten Masse, dass der Kirby den schweren Sand aus dem Teppich holt. Einmal alle Teppichböden durchgesaugt, und im Beutel war richtig was drinnen. Wir haben dann tatsächlich nach und nach einmal die ganze Bude durchgesaugt (mit Decken, Wänden, Gardinen und Inventar) und der Beutel war voll. Auch der Flachriemen hat die Aktion nicht überlebt, war aber ja schon gebraucht. Der zweite Filter hat dann für ein dreiviertel Jahr gereicht, denn die Alltagsbedienung beschränkt sich dann auch hauptsächlich auf die Teppichböden.
Das 9 m lange Kabel hat nicht nur Vorteile, liegt es doch ständig in Schlingen im Weg. Über die Schulter gelegt, hat man aber den nötigen Spielraum für Bewegungen. Der Fahrantrieb ist unbedingt nötig, da sich das Gerät doch ziemlich am Boden festsaugt. Den bei einigen Saugern extremen Gestank von erhitztem Dreck und verstopften Filtern hat der Kirby auch nicht so stark. Nach dem Start mit vollem Beutel mieft es schon zuerst, wird aber dann eher weniger. Aber was erwartet man von zehn Jahre altem Dreck aus den Teppichen? Lavendelduft? Lange Saugzeiten sind für den Motor kein Problem, die Kühlung funktioniert bestens. kein Problem. Etwas schwierig ist die Treppenstufenreinigung, da das Gerät zum Abstellen für viele Treppenstufen zu breit ist. Und um es die ganze Zeit in der Hand zu halten, ist es zu schwer. An Zubehör hat sich die runde Staubbürste sowie die rotierende Turbobürste (letztere leider nicht im Basispaket enthalten) hervorragend bewährt. Der Umbau auf die verschiedenen Verwendungszwecke wird, wenn man es öfter macht, Routine. Die Steckverbindungen muss man ziemlich fest ineinander drehen, damit sie sich nicht lösen.
Fazit Das Gerät selbst ist relativ laut und etwas unhandlich. Für ältere Menschen, kleine oder sehr vollgestellt Wohnungen nicht geeignet. Der praktische Einsatz von einigem Zubehör ist sehr fraglich. Die Reinigungsleistung ist hervorragend, ebenso macht der Kirby einen qualitativ hochwertigen Eindruck. Wer in der Reinigung, Hygiene und Staubfreiheit (Allergien) persönliche Schwerpunkte setzt, sollte sich Kirby mal anschauen. Der Preis jedoch ist völlig überzogen und die Vertriebsorganisation Geschmackssache. Trotz des Preises bekommt das Gerät selbst daher 4 Sterne. Persönliche Anmerkung Der Leser mag vielleicht an einigen Passagen bemerken, dass ich stilistisch zur Satire neige. Daher sei trotz Werbeverbotes der Hinweis gestattet, dass nach der Vorführung eine herrliche Glosse entstanden ist, komplett nachzulesen in meinem Buch "Mückenjagd im Schutzgebiet". Eine stark gekürzte und daher etwas verhunzte Fassung des Urtextes befindet sich evtl. noch im Internet, mal unter "Milbenschiet" googeln ...
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23.07.2007 12:41
Der Bericht ist wirklich sehr ausführlich und interessant, aber der Preis schreckt ab, da gibt es deutlich günstigere mit einer ebenfalls überzeugenden leistung. LG Dirk