Klapperschlange, Die

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Woody Allen´s schlimmster Alptraum

4  28.08.2001

Pro:
atmosphärisch dichte Schilderung einer kaputten Welt, die intelligent eingesetzte Musik tut ihr übriges, perfekt von Carpenter inszeniert, ein Klassiker

Kontra:
die vorhersehbare Handlung und einige Drehbuchfehler

Empfehlenswert: Ja 

Transpluto

Über sich: "Jeder, den ich mit Aufmerksamkeit betrachte, drückt meiner Seele etwas von der seinigen auf.&q...

Mitglied seit:17.07.2001

Erfahrungsberichte:57

Vertrauende:17

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 38 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Sein schlimmster Alptraum ist wahr geworden.

Nein, die Nazis halten nicht im Central-Park Partei-Tage ab, auch werden nicht in der “Met” nur noch Wagner-Opern aufgeführt, nein:

Sein geliebtes Manhattan ist zu dem einzigen ausbruchssicheren Großgefängnis der USA umfunktioniert worden, kein Wunder, ist doch die Kriminalitätsrate um 400% gestiegen.

Wir schreiben das Jahr 1997:

Über 3 Millionen Kriminelle “leben” in diesem Hochsicherheits-Gefängnis. Eine Flucht ist unmöglich, jede Brücke ist vermint und führt zu unüberwindbaren, sackgassengleichen Mauern. Der Manhatten umgebende Hudson-River wird ständig von schwerbewaffneten Helikoptern patrouilliert. Die Freiheitsstatue fristet ein Dasein als Wachturm der Polizei. Einmal im Monat wird der Central Park zum Mekka für die Hungrigen, wenn dort die Nahrungsrationen abgeworfen werden.
Hier in diesem Dschungel aus Gewalt, Dreck, Haß und Unmenschlichkeit herrscht das Gesetz der Straße:

Sozial-Darwinismus pur! Nur der Stärkere überlebt.

Mit der Zeit haben sich Gruppen, Banden gebildet, die die Macht an sich gerissen haben. Straßenschlachten stehen daher auf der Tagesordnung, freiwillig würde hier keiner seinen Urlaub verbringen...

Wie es der Zufall aber so will ist der Präsident der USA - gerade auf dem Weg zu einem äußerst wichtigen Gipfeltreffen in Hartford - in seiner Air Force One-Maschine das auserkorene Opfer der terroristischen Untergrundorganisation “Die Soldaten der nationalen Befreiungsfront der vereinigten Staaten von Amerika”. Sie wollen den Präsidenten in dem von ihm geschaffenen Gefängnis “zu Grunde gehen lassen”, dies versuchen sie mit einem bewußten Kamikaze-Akt zu erreichen und steuern das Flugzeug mit direkten Crash-Kurs auf New York. Daher wird die Rettungskapsel (ein rotes Osterei!) des Präsidenten von seiner Beratercrew für den Abwurf vorbereitet, ein Koffer mit Handschellen an seinem Handgelenk befestigt und abgeworfen. Kurz darauf zerschellt das Flugzeug, alle Insassen sind Tod. Der Präsident landet irgendwo in Manhattan.

Schwer bewaffnete Einheiten werden mit Hubschraubern in das Gefahrengebiet geflogen. Am Absturzgebiet ist niemand zu finden. Der Präsident ist verschwunden. Was tun? Schließlich drängt die Zeit. Wenn nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden der Präsident seine Rede hält und eine Kassette mit wichtigen Informationen abgespielt wird, droht ein 3. Weltkrieg.

Police-Commissioner Bob Hauk sieht nur noch einen Ausweg, er will einen letzten Rettungsversuch unternehmen. Da kommt es ihm gerade recht, daß Snake Plissken gerade im New York State Prison zu seinem “lebenslänglichen Urlaub” einchecken will. Für Hauk die ideale Person. Schließlich hat er keinen Unbekannten in seinem Büro vor sich und dieser jemand wird dann auch mit der in so vielen Filmen üblichen Vita im Telegramm-Stil dem Zuschauer vorgestellt:

S.D. Plissken - Amerikaner - Lieutenant - Spezialeinheit Blacklight - Auszeichnungen 2 “Purple Hearts” - Einsatz in Leningrad und Sibirien - der jüngste Officer, der vom Präsidenten ausgezeichnet wurde - Einbruch im Nuklearwaffen-Depot - lebenslängliche Strafe im Staatsgefängnis New York.

Es kommt zum nicht selten gesehenen Deal:
Snake befreit den Präsidenten und besorgt das Tonband innerhalb des Zeitlimits, dafür bekommt er im Gegenzug eine Amnestie für seine sämtlichen in den USA verübten Straftaten.

Um Snake die richtige Motivation für den Auftrag zu geben, läßt Hauk ihm Miniatur-Sprengkapseln einpflanzen, die nach Ablauf der mitlerweile nur noch 23 Stunden explodieren. Ihre Wirkung kann aber noch 15 Minuten vor Ablauf der letzten Stunde mittels Röntgenstrahlung neutralisiert werden.

In Manhattan gelandet, beginnt Snake seine Suche. Er braucht nicht lange um herauszufinden, daß die wohl mächtigste Gang der Stadt - die Gypsies - den Präsidenten gefangenhalten. Ihr Anführer nennt sich der Duke und hält sich für die Nr. 1 von New York. Er will eine Generalamnestie für alle Gefangenen erreichen.
Nach zwischenzeitlicher Gefangenschaft im Gefängnis (an sich schon ein absurder Gedanke, aber wahr) kann Snake nicht nur sich, sondern auch den Präsidenten befreien.
Auf der Flucht vor dem Duke rasen sie dann über die verminte George-Washington-Brücke, aber Snake kennt dank eines Plans die Positionen der Minen. Diverse “Auto-Leichen” sind ein zusätzliches Hindernis und so wird das Ende der Brücke im Slalomkurs erreicht. Der Präsident wird schnellstens mit einem Seil an der Mauer in die rettende Freiheit hochgezogen, um oben angekommen, sofort eine Waffe fordernd, den anstürmenden Duke genüßlich ins Jenseits zu befördern. Womit er auch den noch am Seil hängenden Snake rettet.
Snake´s Kapseln können noch rechtzeitig entschärft werden und in der letzten Szene sieht man ihn dann das Band der Originalkassette herausziehend, während sich das an Hauk ausgehändigte Tonband als eine ganz normale Musikkassette entpuppt. Sehr zum Mißfallen des Präsidenten.


Atmosphärisch dicht gelingt es John Carpenter eine düstere Zukunftsvision zu schaffen. Man droht förmlich in der Dunkelheit zu versinken, dies wird dann auch noch von dem perfekten Soundtrack gekonnt unterstützt. Mit der Musik hat John Carpenter neben “The Fog” definitiv seine beste Arbeit abgeliefert.

Bis auf wenige Ausnahmen ist der Film als ein Feind der Helligkeit anzusehen. So mancher verzweifelte bei dem Versuch mit der Fernbedienung in den Bereichen Kontrast und Helligkeit noch etwas mehr herauszukitzeln.

Für läppische 6 Mio. Dollar (dennoch zur damaligen Zeit John Carpenter ´s teuerster Film) versammelt er alte ausgediente Hollywoodgrößen wie Lee van Cleef oder Ernest Borgine und seine gewohnte “Stamm-Crew” vor der Kamera. Wieder einmal fand Carpenter in der Zusammensetzung des Darsteller-Ensembles eine gute Mischung und vor allem in der Vergabe der Hauptrolle hatte er ein glückliches Händchen. Kurt Russell wurde wohl mit diesem Film zum Star. (1 Jahr zuvor hatten sie schon in der Elvis-Biographie zusammengearbeitet).

Caprpenter präsentiert sich wiedereinmal als Meister seines Fachs und schuf mit "Die Klapperschlange" einen Klassiker.
Der handwerklich perfekt inszenierte und geschnittene Film kann aber über einige Ungereimtheiten oder logische Fehler nicht hinwegtäuschen:

Warum steht z.B. die George-Washington-Brücke überhaupt noch und macht sich noch die Arbeit sie zu verminen, anstelle sie einfach zu sprengen?

Und wieso ist sie dann so dilettantenhaft vermint?

Im Jahre 1997 werden wichtige Informationen auf Kassette aufgenommen?

Ja, damit man sie in einem Taxi der 70er Jahre abspielen und mit einer anderen kompatiblen austauschen kann.

Mir kann keiner damit kommen, daß es nur eine Kassette gibt. Wieso sollen die Behörden keinen Ersatz besorgen können?

Die Rettungskapsel muß aus einem bislang unbekannten Material hergestellt worden sein, über hunderte von Metern konnte sie problemlos und vor allem unbeschädigt abstürzen. Angebrachte Fallschirme zur Minderung des Sturzes waren nicht zu sehen. Der Präsident blieb unverletzt.

Zum Zeitpunkt der Kapselneutralisierung stehen noch 2 klägliche Sekunden auf der Uhr, obwohl anfangs gesagt würde, man könne sie nur noch 15 Minuten vor Ablauf der letzten Stunde mittels Röntgenstrahlung neutralisieren.

Es gibt bestimmt noch unzählige Ungereimtheiten, aber entscheidend bei einem Film ist, ob er funktioniert und unterhält und das tut er. Trotz der offenkundigen Drehbuchschwächen und der vorhersehbaren Handlung definitiv kein Durchschnittsfilm! Ein Klassiker mit kleinen Drehbuchschwächen!

Abschließend kleine Randnotizen:

Eigentlich sollte der Film mit dem Einbruch von Snake in die US-Notenbank anfangen. Diese Szenen wurde aber vor der Uraufführung rausgeschnitten. Mitte der 90er Jahre kam aber in den USA eine 10 Minuten längere Fassung auf Video heraus.

“Flucht aus LA” sollte man nicht als Sequel von “Die Klapperschlange”, sondern eher als Update bzw. Remake sehen. Der oft gefallene Spruch “Ich dachte du wärst tot!” wird dort einfallsreich abgeändert in “Ich dachte du wärst größer!” und ist eigentlich nur für hartgesottene Fans zu empfehlen, bekommt er doch eigentlich ein nur ganz unwesentlich umgeschriebenes Drehbuch zu sehen.
Gelohnt hat sich die Fortsetzung vor allem für Kurt Russell, bekam er doch eine Traumgage von 7 Mio. Dollar.

Augenscheinlich hat “Die Klapperschlange” die Rambo-II-Macher bei ihrem Drehbuch mehr als inspiriert. Haben beide Filme doch einige Berührungspunkte und einen ähnlichen Handlungsablauf und- Rahmen.

Die Filmfiguren Snake Plissken, Rambo, James Bond und Indiana Jones haben eines gemeinsam, sie haben das Potenzial zu einer Film-Serie, die meisten nutzen es schon. Und wenn die damit assoziierte Person ins Alter kommt, sucht man eben einen neue...
Ich könnte mir viele Filme mit dem Titel “Snake Plissken und...” vorstellen.

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Die Klapperschlange (OT: Escape from New York); USA (1980); 95 Min.; FSK 16; Dark-SF / Action

Cast:

Kurt Russell (Snake Plissken), Lee Van Cleef (Bob Hauk), Ernest Borgnine (Cabby), Donald Pleasence (Präsident), Isaac Hayes (Duke), Harry Dean Stanton (Harold Hellman), Adrienne Barbeau (Maggie), Tom Atins (Rehme), Charles Cyphers (Staatssekretär)

Credits:

Produktion: Debra Hill + Larry Franco
Regie: John Carpenter
Buch: John Carpenter + Nick Castle
Kamera: Dean Cundey
Musik: John Carpenter + Alan Howarth
Schnitt: Todd Ramsay
Special Effects: Gary Zink + Roy Arbogast
Produktionsfirma: Avco-Embassy

Transpluto-Wertung: 7,5

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
MOFFt

MOFFt

25.11.2007 17:45

hab ich mir grad bestellt ... grüsse MOFFt

Hitman48

Hitman48

21.08.2002 17:47

Ich mag vorallem die duestere Atmospaehre des Films. Kurt Russell passt hier genau ins Konzept. Ein unfreiwilliger Antiheld wie er im Buche steht. Ich habe den Film das erste Mal 1996 gesehen und musste schon irgendwie lachen, dass das ganze nur ein Jahr spaeter passieren sollte. Wie nicht anders zu erwarten ein 1A+ Bericht.

lost_angel

lost_angel

07.08.2002 18:36

Oh, da hab ich wohl einen älteren Bericht von dir entdeckt. Hab den Film gerade erst gesehen und fand ihn genial, dass die Story ziemlich vorhersehbar ist letzt sich bei so einem Film leider nicht vermeiden. Überings echt starker Titel, hätte doch glatt von mir stammen können *g* Liebe Grüße lost_angel

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