Alfred Kacz führt ein beschauliches Leben als psychisch labiler, etwas altmodischer Studiosus im College eines englischen Seebades. Er widmet sich, neben dem Konsum erlesener Weine, vornehmlich absonderlichen und abgründigen Forschungen. Im idyllischen Kleinstadt-Abseits sinniert er über die ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von henna19 über Kleiner Reiseführer ins Nichts / Ingomar von Kieseritzky 18.12.1999
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Alfred Kacz führt ein beschauliches Leben als psychisch labiler, etwas altmodischer Studiosus im College eines englischen Seebades. Er widmet sich, neben dem Konsum erlesener Weine, vornehmlich absonderlichen und abgründigen Forschungen. Im idyllischen Kleinstadt-Abseits sinniert er über die "Reisen Alexanders des Großen nach seinem Tod", das Verhalten von Mausfamilien und Goldfischen und herz- und zwerchfellzerreißende Libidotheorien. Dann wird der strenge Rationalist von seinem erkrankten Vater, Leiter eines Bestattungsinstituts mit der entrückten Bezeichnung ?Ambrosius?, nach Berlin gerufen. Dort soll er ein skurriles Forscherteam bei der Exegese einer Engelserscheinung des Vaters namens ?Holden? unterstützen. In dem Institut, das eher einem Sanatorium oder besser: Rotweinrefugium für gescheiterte Existenzen unter der diktatorisch-willkürlichen Leitung seines altersblöden Vaters gleicht, gerät Kacz jun. selbst in den Strudel von Rausch und Alptraum. Sein streng analytisches und rationales Wesen beginnt mehr und mehr zu wanken, und am Ende erliegt er den eigenen psychotisch-zirrhotischen Wahnbildern. Kieseritzkys anrührende Helden bewegen sich seit jeher als morbid angehauchte Hypochonder mit Libido-Komplexen durch pseudo-wissenschaftliche Lebenshypothesen, denen ein Scheitern jeweils eingeschrieben zu sein scheint. Dabei spielt der Autor mit angelesenen und erdachten Theorien und Zitaten und verführt den Leser in ein hoch gebildet-humoristisches Konglomerat an literarischen Verweisen. Und auch wenn das breitgetretene Leberproblem der Figuren dieses Romans ab und an säuerlich aufstößt und man sich als Leser teilweise über zu gebildete und konstruierte Längen hangeln muss, ist die Reise des Rationalisten Kacz in trunkene Welten, von trivial rührend bis hochprozentig berauschend, unheimlich sarkastisch und sprachgewitzt, ein jenseitig amüsantes Leseerlebnis.