Kleine russische Bücherwoche Teil II
04.06.2004
Pro:
Gelungene Erzählungen mit schöner, dichter Sprache und Atmosphäre, die das Teen Spirit - Gefühl noch unterstreichen
Kontra:
Höchstens ein dezenter Stilbruch bei "Wasja"
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 mary-p
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:501
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 37 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Als Freunde der Literatur sehen wir es nicht nur als unsere Aufgabe, den geneigten Lesern immer wieder kleine, literarische Leckerbissen in die Pfötchen zu schummeln, sondern auch ganz gewaltig in anderen Kulturen herumzukratzen. Dies tat ich – aber gewaltig. Und nachdem Rußland letztes Jahr schon Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse war (ich war im übrigen auch ein Ehrengast – heimlich), so wird das Land nun auch in meiner kleinen, beschaulichen Messehalle von Profil Gast sein und drei russischen Autoren mit vier Büchern Gastauftritte gewähren. Nachdem ich vor längerer Zeit schon über „Die leichten Schritte des Wahnsinns“ von Polina Daschkowa berichtete, sie also damit der Wegbereiter der Kleinen Russischen Bücherwoche war (und zur Feier des Tages im Profil ge-uppt wird), widmen wir uns heute einer jungen Autorin, die uns mit ihren Erzählungen beglückt.Es handelt sich hierbei um Irina Denezkina (die über dem z im übrigen ein komisches Zeichen, nennen wir es doch umgedrehtes, offenes Dreieck, hat, das mein Computer leider nicht herstellen kann), die 1981 geboren wurde und Journalismus studiert. Sie schreibt außerdem noch für die Studentenzeitung „Studio“, ihr Buch war für den russischen Nationalen Bestseller-Preis notiert und wurde in 11 Sprachen übersetzt. Die zehn Erzählungen, die sich in „Komm“ finden, verbindet eines. Sie handeln alle entweder von Jugendlichen oder Kindern, die später noch Jugendliche werden werden. Sie wachsen in einem Rußland auf, das nicht gerade der fröhlichste Ort zu sein scheint. Im Gegenteil: Eine zarte, melancholische Trostlosigkeit und stellenweise auch nackte Brutalität liegt über dem gesamten, atmosphärisch sehr dichten Buch. Ein steinernes Hellgrau scheint als Fundament zu dienen und wenn man sich so das Cover der gebundenen Ausgabe anschaut, bemerkt man, wie stimmig es mit den Geschichten einhergeht. Grau, kalt, leer, aber doch irgendwie durch die Personen mit einer gewissen, leuchtenden Triebkraft verziert.Das wäre zum Beispiel die Geschichte „Komm“, die davon berichtet wie die Ich-Erzählerin von der Liebe berührt wird, gleichzeitig aber doch immer noch trostlos und irgendwie wie Nullbockgeneration wirkt. Und die Autorin schafft es sogar, verschiedene Jugendkulturen zusammenzuweben. Während Ljapa, den die Ich-Erzählerin in einem Chat „geheiratet“ hat, Mitglied einer Punkband ist und sich eher nicht für sie zu interessieren scheint, ist Niger, in den sie sich verknallt hat, ein Hiphopper (durch dessen Mund aber auch noch die Mainstreamwerdung dieser Musikrichtung angenehm dezent kritisiert wird). Denja dagegen ist gar nichts. Ein Junge, der aus dem Krieg zurückgekehrt ist, der gesehen hat, wie seine Freunde erschossen wurden. Und mitten drin dann die Ich-Erzählerin, die sich nicht wirklich sicher ist, was sie eigentlich will, obwohl sie zielstrebig ihren Gefühlen folgt – und trotzdem verloren auf den Leser wirkt. Wo wir gerade bei verloren sind. Da müssen wir natürlich an „Song for Lovers“ denken, einer in mehrere Abschnitte gegliederte, knapp 90 Seiten lange Erzählung, die von einem Haufen Jugendlicher handelt, die alle irgendwie irgendwo irgendwann ein Problem mit der Liebe haben. Sei es, weil sie sie gerade gefunden, verloren oder gespürt haben. Zentraler Punkt ist dabei, dass man immer wieder auf den Song von Richard Ashcroft zurückkommt. Jeder Abschnitt der Erzählung erzählt von einem anderen Jugendlichen oder auch jungen Erwachsenen und wirkt sehr dicht, grau, trostlos und irgendwie wie Teen Spirit, was wirklich herrlich ist.Eine Inhaltsangabe zu jeder der 10 Geschichten zu geben, würde zu weit führen, besonders, weil wenige auch nur sehr kurz sind. Trotzdem gibt es mehrere Berührpunkte, die fast allen Geschichten zu eigen ist. Oft ist es die Liebe, oft ist sie trostlos, oft ist es der Alkohol, das gemeinsame Besäufnis am Abend, die Drogen, die Jugendlichen, die nur dank des Alkohols irgendwie verbunden sind. Musik spielt auch eine große Rolle in dem Buch. Mehr als einmal treffen wir in den Geschichten auf abgewrackte Typen, die in irgendwelchen Bands spielen, auf eigentlich orientierungslose Studenten, auf junge, naive Mädchen... Wirklich aus der Rolle fällt eigentlich nur die Geschichte „Wasja“, die von einem gemobbten Jungen handelt, der die sog. Grünen Würger besiegt. Diese Wesen sind so etwas wie Menschenfresser, die Penner verspeisen und Pennerinnen und alte Frauen vergewaltigen. Wasja schafft es nun, diese Monster auszurotten, indem er ihnen den vergifteten Leichnahm seines Opas zum Fressen gibt. Klingt eklig, nicht wahr? Und wahrhaft: Diese Geschichte ist sehr brutal. Der kleine Wasja wird eigentlich regelmäßig verprügelt (und erträgt es mit dümmlichen Gleichmut), die grünen Würger sind so ziemlich das ekeligste, was es gibt und trotzdem strahlt die Geschichte einen eigenen, wunderbaren Charme aus. Und das meine ich ernst. Gebunden wird sie nämlich durch den schönen Erzählstil, der sehr authentisch den kleinen Wasja beschreibt und stellenweise sogar ein bisschen humorvoll ist, was sehr gefällt. Direkt aus dem Leben scheint die Geschichte gegriffen zu sein, trotz der grünen Würger, die anfangs, nach zwei sehr authentischen Geschichten, als Fantasyelemente etwas komisch wirken.Auch sonst ist es besonders der Schreibstil, der neben dem sicheren Händchen für authentische und interessante Charaktere gefällt. Sehr direkt und auf sehr selbstverständliche Art und Weise ab und an ordinäre Sprache einbauend, breitet er schnörkellos die Gefühls- und Gedankenwelt der jeweiligen Perspektive, die mal Ich-Perspektive, aber auch dritte Person oder wechselnd sein kann, aus. Denzekinas Schreibe fließt flüßig ohne zu kleckern und wabbert dabei grau wie dichter Morgennebel durch den Kopf des Lesers, der sich trotzdem nicht beschwert fühlt. Viele Bilder und Vergleiche sowie die bereits erwähnte atmosphärische Dichte tun das ihrige, um das hoffnungslose, orientierungslose Grau der Geschichten zu tragen. Dabei wirken diese niemals anklagend oder beschwerend, sondern sehr selbstverständlich. Und wer denkt, er könnte mit dem Buch sicherlich nichts anfangen, da es schließlich um russische und nicht um deutsche Jugendliche/ junge Erwachsene geht, dem sei gesagt: So sehr anders sind die auch nicht. In gewisser Weise schwebt ein ähnlicher Teenspirit über ihnen. Und das ist schön. Und gut. Und ein Fall für ein Lieblingsbuch.Oh ja, das ist es. Also verteilen wir galant fünf Sterne für „Komm“. Ich habe vorher noch nie sehr viel mit Erzählbänden zu tun gehabt, aber dieser hat mich überzeugt. Jede Geschichte gefällt genau wie der Schreibstil und eine gewisse Grundstimmung, die sich durch das ganze Buch zieht. Wer gerne authentisch erzählte Geschichten über Jugendliche und junge Erwachsene liest, der ist hier richtig. Labt euch dran! Irina, ich will einen Roman von dir! Der Erzählband „Komm“ mit 10 Erzählungen erschien 2002 zum ersten Mal bei Limbus Press unter dem Titel „Daj Mne!“. Ein Jahr später erschien das Buch mit 290 Seiten und einem kurzen Glossar beim S.Fischer-Verlag, wo es 17 Moneten 90 kostete und von Olga Radetzkaja und Franziska Seppeler übersetzt wurde.
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Komm - Denezkina, Irina
Taschenbuch, 282 S., Erschienen: 2005
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09.06.2004 12:54
yeah: vorstellend, beschreibend, stimmungsübertragend, analysierend, nicht-zu-viel-verratend, rund und auf den punkt - so wünsche ich mir buchrezensionen! desweiteren schließe ich mich dem guten w.gruentjens an...
05.06.2004 15:08
hm...irgendwie trotzdem nichts für mich, trotz deines sehr überezeugenden Berichtes *g*
05.06.2004 01:09
... und dein sehr persönlicher Schreibstil hat mich überzeugt für ein bh.