Erfahrungsbericht über "Krankheit als Weg / Dethlefsen, Dahlke"

veröffentlicht 03.10.2007 | nadine1978
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Kontra gefährlich, weil vielleicht Krankheiten unbehandelt bleiben
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"Gefährliche Vulgärpsychologie"

Bei vielen Krankheiten ist die Ursache klar - z. B. bei Lungenkrebs, über den sich ein Kettenraucher nicht wundern darf.

Aber was ist mit Krankheiten, deren Ursachen (noch) nicht bekannt ist? Oder Krankheiten, die sich simplen Erklärungen entziehen?

Hier treten Leute wie Dahlke und Co. auf den Plan und finden bzw. ERFINDEN psychische Ursachen. Die beiden lassen keine Krankheit aus, von Schnupfen bis Aids ist alles vertreten.

Ein Beispiel: Warum werden Leute kurzsichtig? Antwort: Weil sie etwas in ihrem Leben nicht sehen wollen. Und was wollen sie nicht sehen? Sich selbst!

Sie lachen? Die Autoren meinen es aber ganz ernst.

Was für Ursachen hat Akne? Laut Dahlke liegt es an einem verkrampften Verhältnis zur Sexualität - und deshalb hätten Jugendliche so oft unreine Haut. Klar, alle Teenager haben Premierenängste, und viele von ihnen leiden unter Akne - aber der Zusammenhang ist dennoch reine Spekulation. Zwei Dinge, in diesem Fall Akne und Angst vor Sex, treten gleichzeitig auf, und prompt wird das eine zur Ursache des anderen erklärt.

Manches ist einfach nur unfreiwillig komisch, z. B. die tiefenpsychologische Erklärung für Übelkeit in der Schwangerschaft. Die Mutter will das Baby loswerden, weil sie es (oder ihren Mann) ablehnt (unbewußt natürlich). Aha, jetzt wissen wir's - alle Frauen mutieren also zu Beginn einer Schwangerschaft urplötzlich zu Männer- und Kinderhasserinnen, gewöhnen sich das aber glücklicherweise schnell wieder ab, denn die Übelkeit verschwindet ja meistens bald. Was für ein Unsinn! Daß sich schwangere Frauen oft übergeben müssen, liegt wahrscheinlich daran, daß der Embryo in den ersten Monaten gegen bestimmte Stoffe empfindlich ist und diese daher so schnell wie möglich ausgeschieden werden müssen - eine sehr einfache Erklärung und auch für naturwissenschaftliche Nieten wie mich leicht begreiflich!

Zum Lachen ist auch der angebliche Zusammenhang zwischen der Nase eines Mannes und dem, na, Sie wissen schon. Ein gewisser Unterhaltungswert ist daher nicht abzustreiten.

Leider ist nicht alles so lustig, vieles ist pure Infamie.

Müttern kleiner Kinder und Frauen, die eine Fehlgeburt hatten, sollte dieses Buch nicht in die Hände fallen!

Mütter sind NATÜRLICH an sämtlichen Krankheiten ihrer Kinder schuld, z. B. an Milchschorf - laut Dahlke reagiert das Kind damit auf Kälte und Lieblosigkeit der Mutter! Eine Gemeinheit ist das - auch liebevoll behandelte Kinder können Milchschorf bekommen, ich habe es selbst erlebt beim Kind einer guten Freundin. Hier wird Schuld eingeredet, wo keine Schuld ist!

Noch schlimmer ist die Erklärung für Fehlgeburten - die betroffenen Frauen hatten nämlich angeblich auch den unbewußten Wunsch, das Baby loszuwerden - und der Körper ist dem Wunsch folgsam nachgekommen und hat das Baby hinausgeworfen!

Asthma ist laut Dahlke ein Zeichen für Besitzgier - die Kranken können nicht richtig ausatmen, und das bedeutet angeblich, daß sie nichts hergeben wollen - sie sind gewissermaßen zu geizig, um eingeatmete Luft wieder rauszulassen. Das ist doch absoluter Blödsinn!

Ja, und Blindheit und Taubheit haben natürlich auch seelische Ursachen!

Ein gutes Beispiel dafür, wie belastend diese fehlgeleitete Ursachenforschung ist, bietet das Buch "Der Klang von fallendem Schnee" von Bonnie Poitras Tucker - die Autobiographie einer Gehörlosen.

Tucker schreibt, "(...) dass (...) mein Onkel Maurice der Meinung war, meine Taubheit habe rein psychische Ursachen. Als angehender Kinderarzt hatte er die Theorie, dass ich unter irgendeinem emotionalen Trauma litte und es nur verarbeiten müsse, um wieder hören zu können. (...) Ich weiß noch, wie meiner Mutter die ständigen versteckten Anspielungen zu schaffen machten, dass mein noch nicht behobenes psychisches Problem eine fürchterliche Schande sei. Und ich erinnere mich an die Schuldgefühle, die mich beschlichen, dass ich etwas getan hatte (...), das mich daran hinderte zu hören."

Auch Krebs hat laut Dahlke und Dethlefsen psychische Ursachen. Das glauben wirklich viele Leute, aber diese Annahme beruht m. E. auf einem Denkfehler.

Beispiel: Ein Psychologe spricht mit Krebskranken und stellt fest, sie sind traurig und verängstigt. Daraus zieht er den voreiligen Schluß, Traurigkeit und Ängste hätten den Krebs verursacht - und kommt nicht auf die Idee, daß die Kranken vielleicht erst seit der schockierenden Diagnose traurig und ängstlich sind!

Vielleicht ist es ja genau umgekehrt - vielleicht macht nicht Traurigkeit krank, sondern Krankheit macht traurig! Vielleicht verhilft ein positives Körpergefühl eher zu guter Stimmung als ewiges Kranksein.

Ich empfehle einen Internet-Artikel, mit Google leicht zu finden: "Die Krebspersönlichkeit - Eine Mär hat ausgedient."

Nun bleibt noch eine Frage: Warum gehen so viele Leute Dahlke und ähnlichen Spinnern auf den Leim?

Zum einen ist es sicher der verständliche Wunsch nach Erklärungen, zum anderen wohl die vielgescholtene "Apparate-Medizin", die Kranke nur medizinisch versorgt, sie aber mit ihren seelischen Nöten im Stich läßt.

Natürlich sollten sich Ärzte auch um die Psyche ihrer Patienten kümmern! Man kann nicht zu jemandem sagen: "Übrigens, Sie haben Krebs, kommen Sie morgen zur Chemotherapie und tschüs" - klar, das geht nicht. Schwerkranke brauchen nicht nur Medikamente, sondern auch menschliche Anteilnahme.

Aber die zwanghafte Suche nach seelischen Ursachen für körperliche Gebrechen ist meistens nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich - sie macht Schuldgefühle, nach dem Motto: "Du hast falsch gelebt und falsch gedacht, deshalb wirst du krank - selber schuld!"

Liegt hier vielleicht der Hund begraben? Glauben die Leute: Wer eine gräßliche Krankheit bekommt, muß auch etwas Gräßliches getan haben?

Die vermeintliche Kenntnis der Ursachen gibt auch ein Gefühl der Sicherheit: Wenn ich immer richtig denke, werde ich nicht krank!
Auf diese Art glaubt man, alles im Griff zu haben.

Aber so einfach ist es eben nicht - man hat NICHT alles selbst in der Hand, und gegen gewisse Dinge ist man machtlos - manche schrecklichen Krankheiten können jeden aus heiterem Himmel treffen. Das zu akzeptieren, ist schwer, ich gebe es zu.

Nun ja, wir sind ja ein freies Land, jeder darf spinnen, wie er will! Und Erwachsene müssen selber wissen, was sie sich antun.

Zu bedauern sind aber Kinder, deren Eltern solchen Unsinn glauben. Vielleicht bekommt manches Kind keine Brille, weil seine Eltern meinen, sein Sehfehler sei irgendwie auf psychologische Weise zu korrigieren, und vielleicht verweigern manche ihrem Kind Medikamente, die es dringend bräuchte? Das kommt leider vor - Fälle von krebskranken Kindern, deren Eltern eine medizinische Behandlung ablehnten, haben ja schon deutsche Gerichte beschäftigt.

Fazit: Ein schlimmes Buch, das - wenn man es ernstnimmt - viel Schaden anrichten kann.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • AndreaMimi veröffentlicht 14.09.2014
    Das wh ist nicht fair. Herzlichst Andrea
  • tester4all veröffentlicht 05.09.2010
    Zum Teil hast du Recht. Aber genau wie bei allen Menschen, die sich nicht für solche Theorien öffnen können, kannst auch du NICHTS erkennen. Nicht einmal, dass dieser Autor (im Buch) mehrmals gewarnt hat mit den Medikamenten usw. aufzuhören ! Sorry, aber ich hab in meinem Leben so einiges erlebt und kann deine Meinung überhaupt nicht teilen. LG
  • Fliegmaus32 veröffentlicht 11.07.2010
    Oje, oje. *Kopf schüttel* Leider fallen viele Leute auf solche Bücher rein.
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