Krieg gegen den Irak?

Erfahrungsbericht über

Krieg gegen den Irak?

Gesamtbewertung (145): Gesamtbewertung Krieg gegen den Irak?

 


wem nützt ein Krieg?

1  13.02.2003

Pro:
s . u .

Kontra:
s . u .

Empfehlenswert: Nein 

Die_Buchhaendlerin

Über sich: "Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn" Zitat von Erasmus von Rotterdam...

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Seit vielen Monaten erleben wir nun eine Art geistige Aufrüstung, eine innere Vorbereitung auf den nächsten Krieg.
Beginnend mit dem entsetzlichen (und nie zu vergessenden) Terroranschlag auf das WTC im September 2001 wurde die ganze Welt mit dem Gedanken daran, dass nur ein Krieg bzw. mehrere Kriege dieser neuen Bedrohung Abhilfe schaffen kann, eingestimmt auf neue Kriege.
Nun: es gab seitdem schon einen Krieg: Afghanistan wurde bombadiert, viele Zivilisten wurden getötet, es gab natürlich Kollateralschäden und es floss viel Blut. Bin Laden und die Al Quaida wurden zwar nicht getroffen, aber was soll’s. Immerhin regieren in Afghanistan nicht mehr die Taliban, was ja nun mal ein positiver Nebeneffekt des meiner Meinung nach falschen und unsinnigen Krieges war. Auch wenn ich schon damals absolut gegen den Angriff auf Afghanistan war, gab es immerhin noch die vage Begründung, der Drahtzieher des Anschlags säße dort und würde durch das dortige Regime unterstützt. Warum jetzt aber Saddam Hussein plötzlich schuld an den Anschlägen aufs WTC (darum ging und geht es doch angeblich, oder nicht?) sein soll, konnte bisher niemand schlüssig erklären.

Selbstverständlich ist es klar, dass Hussein ein übler Bursche ist – nein: er ist ein schlimmer Verbrecher, ein brutaler Diktator, jemand der schon lange bewiesen hat, dass ihm alles zuzutrauen ist. Nicht vergessen sind seine Giftgasanschläge auf die eigene – kurdische – Bevölkerung, nicht vergessen sind seine Raketen auf Israel im letzten Golfkrieg. Nicht vergessen sind die unzähligen Morde an Regimekritikern und unliebsamen Personen.
Nein, es geht mir ganz bestimmt nicht um ein Reinwaschen dieses Menschen!
Auch dass das irakische Regime nicht nur für die Irakis selber von Nachteil und gefährlich ist, sondern auch für die ganze Region, scheint mir evident zu sein.
Ja, ich traue Saddam ohne weiteres zu, dass es geheime Fabriken gibt, in denen verbotene Waffen hergestellt werden, ich traue ihm zu, dass er an der Atombombe bastelt.

Nur:
• Er ist beileibe nicht der einzige gemeingefährlich Politiker auf der Welt! Er befindet sich in großer – wenn auch in schlechter – Gesellschaft. Ich mag gar nicht alle diktatorischen, rüstungsbesessenen Länder der Welt aufzählen, Länder, die mindestens genau so bedrohlich sind wie der Irak: Nordkorea, Pakistan, Lybien… Und was ist eigentlich los an der Elfenbeinküste, wie steht es mit den permanent an der Schwelle zum Ausbruch eines neuen Völkermords stehenden Ländern in Afrika? Was treibt eigentlich Kuba? Und der Nahost-Konflikt? Indien – Pakistan??? Wie lange bleibt es auf dem Balkan noch „friedlich“. Wie lange dauert die Ruhepause im Krieg um Kurdistan? Russland und die Tschetschenen?
• Vergesst bitte auch nicht, dass die USA immer – und zwar ohne Rücksicht auf irgendeine Moral – immer auch die übelsten Diktatoren (nicht nur Saddam und Bin Laden – aber die auch) gerne unterstützt haben, wenn es einen finanziellen oder machtpolitischen Vorteil hatte.

Ich habe aber gar keine Lust jetzt böse auf den USA rumzuhacken. Sie machen ihre Politik wie sie sie schon immer gemacht haben, mal plump und primitiv so wie derzeit Bush und Rumsfeld, mal intelligenter wie Kennedy oder Clinton. Friedliebend waren sie noch nie, vielleicht mal abgesehen von Jimmy Carter.
Viel wichtiger ist mir, wie wir als Europäer und als Deutsche dazu stehen.
Wichtig ist mir die deutsch – amerikanische Freundschaft, sie war es mir schon immer, nicht nur, aber natürlich besonders aus Dankbarkeit wegen der Befreiung von den Nazis und wegen der großzügigen Hilfe in der Nachkriegszeit. Auch bin ich jemand, der es langsam nicht mehr hören kann, wie zur Zeit alles Amerikanische heruntergezogen wird: ich mag amerikanische Filme (nicht alle natürlich), ich liebe die moderne amerikanische Literatur (Roth, Franzen, DeLillo), ich bin groß geworden mit amerikanischer Rockmusik, ich persönlich war lange (glückliche) Jahre lang in einer Beziehung zu einem Amerikaner, habe sehr viele sehr liebe warmherzige und freundliche Amerikaner kennen gelernt. Mein Sohn durfte ein wunderbares Highschooljahr bei einer überaus sympathischen jüdisch – katholischen Familie in den Staaten verbringen, ich liebe die englische Sprache etc. etc.
Nein, was auch immer ich sein mag, Anti – Amerikanerin bin ich gewiss nicht.

Aber: gemeinsam mit Patti Smith, Madonna, Dustin Hoffman, Susan Sontag, Michael Moore und vielen vielen anderen Amerikanern lehne ich die Politik der Aufrüstung, der Kriegshetze absolut und entschieden ab.

Hier auf diesem Forum wurde schon sehr viel zu diesem Thema geschrieben, die meisten sind gegen einen Krieg bzw. gegen eine Beteiligung Deutschlands an diesem Krieg. Ich auch. Einige – nicht die dümmsten hier – sehen die Sache jedoch differenzierter. Sie argumentieren, dass die Friedensbewegung sowohl Saddam als auch die länderübergreifenden Terroristen unterschätzen. Sie haben Angst um das Selbstbestimmungsrecht Israels, sie haben lieber die „Amis als islamische Mullahs“ an der Macht, einige denken sogar, man könne durch einen – kurzen und schnell erfolgreichen – Krieg etwas gegen Terrorangriffe in der Zukunft tun.

Ich versuche, diese Argumente zu verstehen, einiges (so z.B. die Angst Israels vor einem atomar hochgerüsteten Irak) verstehe ich auch, die meisten Pro – Argumente erscheinen mir jedoch weit hergeholt und immer fällt mir sofort ein Erwiderung ein, die die Pros entkräftet.
Was mir aber am Allerwichtigsten ist: es geht hier um eine Richtungsentscheidung in der Politik – es geht darum, ob wir (Deutschland) wirklich wieder ein Land werden wollen, das ohne Skrupel und ohne Zögern mitmischt bei kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt. Ob wir wieder ein Land werden wollen, das Krieg als ein normales Mittel der Politik begreift. Dass die Hemmschwelle schon lange immer weiter heruntergesetzt wurde, habe ich schon anfangs (als es noch nur um Blauhelmeinsätze ging) kritisiert. Es war mir klar, dass es zu einer allmählichen Gewöhnung an Militär, an Einmischung, an Kriege kommen würde.

Was ich aber bislang nicht geglaubt habe – nein wirklich nicht, ich hielt es für ausgeschlossen in einem demokratischen Land wie unserem – das ist die Möglichkeit, dass wir uns an einem Angriffskrieg beteiligen sollen.

Unglaublich, dass wir jetzt, hätte Rot –Grün nicht gewonnen, uns schon Seite an Seite mit Bush, Berlusconi, Blair und den anderen eingeschossen hätten auf eine deutsche Beteiligung am Waffengang.

Bitte vergesst nicht: Der Irak hat niemanden angegriffen, er hat das weder angekündigt noch getan, alles was die Blix und seine Leute bisher gefunden haben, rechtfertigt in keiner Weise einen Angriff. Diese Art des Präventivschlags ist nicht vorgesehen- weder in der deutschen Verfassung ( sie verbietet Kriege, die nicht explizit Verteidigungskriege sind) noch in der UNO.
Mit dieser Logik: „wenn wir nicht angreifen, dann werden die das bald tun“ kann man wirklich so ziemlich jedes zweite Land der Welt überfallen und wird mehr oder wenige gute Gründe dafür finden. Nein, nein, es ist schon gut, dass die Messlatte so hoch gehängt wird. Ich bin dankbar für jede Stimme, die sich kritisch gegen Bush, Rumsfeld, Cheney, Rice und Blair erhebt. So geht es einfach nicht! So soll und darf Politik in Zukunft nicht mehr gemacht werden!
Wir müssen den harten mühsamen aber einzig lohnenden Weg der Diplomatie gehen: Waffeninspektionen, UN-Einsätze, meinetwegen auch Blauhelmeinsätze (obwohl ich das nicht zu Ende gedacht habe), Reden, Einbinden in internationale Verträge und Verpflichtungen. Immer bewusst, dass man Saddam nicht trauen kann, immer bewusst, dass eine andere irakische Regierung wünschenswert wäre, aber ebenso immer der Tatsache bewusst, dass man nicht einfach überall da, wo es einem nicht gefällt bzw. wo man gerne selber mehr Einfluss hätte, einmarschieren kann.

Selten war ich unserer Regierung, von der man ja sonst einiges Negative sagen kann, so dankbar für ihre Außenpolitik. Sicher gibt es da manchmal Fettnäpfchen und dummes Taktieren, aber eigentlich ist eines klar: die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist derzeit nicht bereit, sich an der Vorbereitung zu einem Angriffskrieg zu beteiligen. Sie erhebt ihre Stimme gegen eine Politik, die einen Krieg unausweichlich macht und sie bemüht sich, andere Wege zu finden.
Darüber freue ich mich!

Die Frage, wem dieser Krieg nutzt, ist auch nicht uninteressant: die gesamte Bevölkerung Europas (unterschiedlich in den einzelnen Ländern ist in ihrer absoluten Mehrheit gegen den Krieg, die Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei ist dagegen, in den USA sind es etwa 50%, im Irak haben natürlich alle Angst davor, im Nahen Osten ist es jedem klar, dass sie als erste auf dem Pulverfass sitzen). Ich weiß, dass viele glauben, es geht in erster Linie ums Öl, sicher spielt das eine (nicht unwesentliche) Rolle, aber meiner Meinung nach geht es eher um Macht, um die alleinvorherrschende Stellung in der Welt. Wem der Krieg nicht nützt, sondern schadet, zumindest das ist sicher: den einfachen Menschen im Irak, den amerikanischen (und englischen etc.)Soldaten,die ihr Leben lassen werden, den vielen Menschen, denen das Geld bitter fehlt, das für Waffen anstatt für Soziales ausgegeben wird und den Menschen, die immer noch hoffen, dass die Menschheit irgendwann mal lernt, Konflikte ohne Waffen auszutragen...

Ich weiß auch nicht, wie man die Probleme der Welt: Armut, Hunger, Terrorismus und Diktaturen lösen kann, wer es weiß, soll bitte vortreten. Aber eines weiß ich:


Krieg ist keine Lösung! Kriege schaffen nur immer neue Probleme!

Deshalb werde ich gemeinsam mit meiner Familie und meinen Freunden am 15. Februar selbstverständlich demonstrieren gegen den nächsten Krieg (von dem ich immer noch hoffe, dass er nicht unausweichlich ist)!


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
silbertanne3

silbertanne3

27.08.2007 00:35

und wenn Wolf Biermann z.B. da anders denkt, wäre mir das ehrlich gesagt ...

silbertanne3

silbertanne3

27.08.2007 00:34

Doch: Verteidigungs-Krieg und Befreiungs-Krieg war in der Geschichte meist das einzige Mittel, um wieder zu einem normalen Alltag in Frieden zu kommen: angefangen mit dem Nationalsozialismus (ich hätte keine Lust, heute in einem Land mit Rassismus und KZs zu wohnen und jeden Tag Gehirnwäsche zu bekommen, da gebe ich Russland und Amerika lieber das Erfolgserlebnis, das hinbekommen zu haben 1945, wozu die Deutschen selbst unfähig waren. Oder Napoleon, Dschinghis Khan ... alle wurden mit Gewalt gestürzt. Wenn man sie gefragt hätte "bitte, bitte gebt Eure böse Diktatur auf, dann hätten sie das wahrscheinlich nicht freiwillig gemacht und die Fragenden ob ihrer Naivität ausgelacht und verachtet. Ich meine auch, daß man die Generalität nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland hätte exekutieren sollen, dann wäre eine vernünftige Weimarer Regierung möglich gewesen. Mit den rechtgerichteten Kräften war das nicht möglich gewesen. Und die Folgen (für ganz Europa, auch unschuldige Länder) sind bekannt. Terror kann nur durch Gewalt beendet werden !!!

silbertanne3

silbertanne3

27.08.2007 00:25

Über Angriffs-Kriege gegen harmlose Staaten bin ich auf jeden Fall (wäre auch schlimm wenn nicht ...). Die Regierung Bush ist mir ebenfalls nicht sympathisch, keine Frage ... Aber in einem habe ich eine andere Meinung: Diktaturen werden sich niemals selbst freigeben für die Freiheit oder auflösen. Sie werden stets bis zur letzten Stunde sich mit den Zähnen verteidigen. Die gleiche Diskussion war noch 1938- in England und Amerika: Die Zeitungen schrieben in Leserbriefen: "Nein, was geht uns das innenpolitische Problem von Deutschland an, ist doch deren Sache ... Aber als man selbst angegriffen wurde, da drehte sich die Meinung um 180 Grad. Ich meine, ein Diktator gehört ohne Rücksicht wie ein räudiger Hund erschossen, mit ihm seine Regierungs-Vertreter, freiwillig wird er nie seine Macht aufgeben, und jede Verhandlung mit ihm wäre, sich an den Tisch mit einem Falsch-Spieler zu setzen. Heiße er Hitler, Hussein, Idi Amin, Mussolini, Khomeini ... Ich hatte Hussein keine Träne nachgeweint, als ich von seiner Exekution (durch das eigene Volk hörte). Und ob Amerika das nun zuwege gebracht hat, was Irak selbst 3 Jahrzehnte lang selbst nicht in der Lage war, ist mir ehrlich gesagt egal ... Ein guter Diktator ist ein toter Diktator ... Guter Bericht

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