Kronstadt

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Erfahrungsbericht über "Kronstadt"

veröffentlicht 12.01.2005 | SabineG1959
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Über sich :
Ihr Lieben, ich wünsche Euch allen eine scholne Adventszeit frohe Weihnachten und einen guten Rutsch :)
Ausgezeichnet
Pro Heimatstadt meiner Mutter
Kontra lang, lang ist's her, dass ich da war
sehr hilfreich
Preis-/Leistungsverhältnis
Anbindung
Sehenswürdigkeiten
Sicherheit
Gastfreundlichkeit

"... für meine Mutter"

meine Mutter in Tracht bei ihrer Konfirmation in Kronstadt ca.1945

meine Mutter in Tracht bei ihrer Konfirmation in Kronstadt ca.1945

Meine Mutter wurde geboren am 13. Juni 1931 in Kronstadt und starb am 2. November 1966 in Düsseldorf. Ich schreibe diesen Bericht über Kronstadt einmal, weil es ein Stück Familiengeschichte ist, andererseits aber auch ein Stück Zeitgeschichte. 1931 gehörte Kronstadt noch zum Deutschen Reich, heute heißt es Brasov und gehört zu Rumänien.

Zunächst aber zur Lage Kronstadts: Kronstadt liegt in den Karpaten, einem Gebirge in Rumänien, und gehört zu Siebenbürgen. Nicht umsonst schickt man jemanden, den man loswerden will, in die Walachei (Donaugebiet von hier aus gesehen vor den Karpaten) oder in die Karpaten. In der Geschichte Europas bildete Rumänien lange Zeit die Grenze zu den Osmanen. Die Gegend, die ursprünglich nur von den Rumänen besiedelt war, war sehr gefährdet, von den Muselmanen, die hier ein ideales Einfalltor nach Europa hatten. Da der rumänische Herrscher im 13. Jahrhundert langsam kalte Füße bekam, fragte er bei den als tüchtig und gründlich und ordentlich usw. bekannten Deutschen nach, ob diese sich dort ansiedeln und Rumänien vor den Osmanen beschützen wollten. Und so kamen die Siebenbürger Sachsen, die aber nicht alle aus Sachsen stammten, hierher ans Ende der Welt, zumindest ans Ende der christlichen Welt.

Der Name Rumänien deutet übrigens auf die Römer, die diese Gegend schon erobert hatten, und zwar durch Kaiser Trajan in den Jahren 105-106 n.Chr., damals lebten die Daker dort, also das Volk, das von Trajan besiegt wurde. Die rumänische Sprache ist ebenfalls römischen Ursprungs und zählt zu den romanischen Sprachen. Ureinwohner Rumäniens bzw. die ersten bekannten Einwohner sind im 6. Jahrhundert v.Chr. die Agathyrsen.

Unsere Siebenbürger Sachsen allerdings sprachen deutsch und behielten das Deutsche auch bis heute bei. Bis jetzt wollen sie mit den als faul verschrienen Rumänien meistens oder möglichst nichts zu tun haben und nicht mit ihnen in einen Topf geworfen werden. Nach dem Krieg haben sie inzwischen fast alle das Land verlassen, und die wenigen, die noch da sind - meist alte Leute, die ihre Heimat nicht verlassen wollen - leben in größter Armut, Carepakete werden von den jetzigen Machthabern anscheinend abgefangen, wie mir eine Frau aus Siebenbürgen erzählte, die fast vergeblich versucht, Ihre dort zurück gebliebenen Angehörigen von hier aus zu unterstützen.

Wer mehr über die Geschichte Siebenbürgens erfahren möchte, findet hier eine Zeittafel: http://www.7buergen.de/frame2.htm mit allen genauen Daten.


Meine Großeltern sind erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Siebenbürgen ausgewandert und 1949 wieder ins Bergische Land, in ihre Heimat, die aber ja nicht die Heimat meiner Mutter war, zurück gekehrt.


Auf der Seite http://www.siebenbuerger.de/ortschaften/kronstadt/geschichtenbuch.html habe ich folgende Geschichte veröffentlicht, die schon mal einen ersten Überblick gibt über das Schicksal der Vertriebenen oder Geflohenen aus der Stadt und der Gegend:

Im Jahre 1970 machten mein Vater, meine Stiefmutter, meine Geschwister und ich Urlaub in Rumänien in Mamaia. Wir machten einen Ausflug ins Donaudelta, was ich sehr beeindruckend fand, und eine Reise durch die Karpaten. U.a. ging es darum, auch Kronstadt kennenzulernen, den Geburtsort meiner leiblichen Mutter, die leider schon 1966 an Krebs gestorben war. Ihr Mädchenname war Anneliese Stursberg, geb. 13. Juni 1931.
Die Reise durch die Karpaten hatte mir auch sehr gut gefallen. Besonders spannend war es natürlich, als wir Kronstadt besichtigten. Wir trafen die beste Freundin meiner Mutter, die ich inzwischen auch dank Hilfe einer ganz lieben Namensvetterin dieser Frau hier in der BRD gefunden habe, mich aber immer noch nicht getraut habe, sie anzurufen ...
Über diesen Weg habe ich auch eine Kopie des Eintrags meiner Mutter in ihr Poesiealbum erhalten, worüber ich mich unendlich gefreut habe.
Meine Oma, also die Mutter meiner Mutter, war wohl Ende der 20er Jahre mit meinem Opa nach Kronstadt ausgewandert, wo er in der Firma T. gearbeitet hat. Auf den uralten Kinderfotos hat meine Mutter immer gelacht. Sie muss wohl ein sehr schönes Leben dort gehabt haben, was sich nach dem Krieg schlagartig änderte.
Meine Oma erzählte, dass die rumänische Armee die gesamte Aussteuer meiner Mutter, die sie in jahrelanger Arbeit genäht und gestickt hatte, mitnahm. Meine Mutter war eine begnadete Künstlerin, was Handarbeiten betraf. Sie strickte und nähte für uns Kinder sehr viele wunderschöne Kleidungsstücke.
Meine Großeltern wollten nach dem Krieg gerne wieder in hre Heimat zurück, aber man brauchte wohl das Wissen meines Großvaters, so dass die Ausreise ein harter Kampf wurde. 1950 war es denn endlich so weit, dass sie alle zusammen in das zerstörte Deutschland zurück kamen.
Meine Oma - mein Opa starb schon 1961, als ich erst drei war, und konnte deshalb nicht mehr viel erzählen ... - erzählte noch davon, dass die Familie getrennt nach Männlein und Weiblein eine Weile in einem Lager verbracht hatte, wo es meinem Opa möglich war, schlichte Schachfiguren zu schnitzen, mit denen man dann wohl dort Schach gespielt hatte, und die auch noch jahrelang in unserem Haushalt existiert haben.
Meine Oma war ein sehr positiver, sonniger Mensch, die von allem fast immer nur das Gute behalten und erzählt hat, so eben auch einige Anekdoten aus dem bestimmt nicht so Lustigen Lagerleben, aber das gehört dann ja nicht mehr zu Kronstadt.
Auf unserer Reise haben wir die Schwarze Kirche besichtigt, natürlich das Elternhaus meiner Mutter, und ansonsten kann ich mich noch an einen Spaziergang erinnern, bei dem man einen schönen Blick auf die Stadt hatte.
Die Poiana Brasov oder Schulerau war dann wieder Bestandteil der offiziellen Rundreise. Dort ist meine Mutter immer zum Skifahren gewesen - wie meine Oma erzählte.
Viel mehr kann ich zu Kronstadt nicht erzählen, freue mich aber auf Eure Kommentare und würde gerne noch einmal in die Karpaten reisen zum Wandern und um auf jeden Fall Kronstadt noch einmal zu besuchen.
Alles Liebe von Sabine :)

~.~

Da dieser Bericht für diejenigen gedacht war, die dort gelebt und gewohnt haben, brauchte ich die angesprochenen Sehenswürdigkeiten nicht weiter zu erklären, was ich jetzt aber noch nachhole.

Am bekanntesten für Kronstadt ist die Schwarze Kirche, die der Jungfrau Maria geweiht ist. 1383 wurde mit dem Bau begonnen, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts fertig gestellt wurde. Von den ursprünglich zwei geplanten Türmen wurde nur einer letztendlich gebaut.

1689 wurde sie das Opfer eines großen Brandes und wurde aufgrund der starken Russspuren von da an Schwarze Kirche genannt. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde sie noch mehrfach umgebaut.

Zu bestaunen gibt es viele antike Kostbarkeiten, u.a. türkische wertvolle Teppiche und eine Buchholzorgel mit fast 4.000 Pfeifen, eine der bedeutendsten in Europa und die größte in Süd-Ost-Europa.

Bei dem Erdbeben 1977 wurde sie wiederum stark beschädigt. Diese Restaurierungsarbeiten dauerten bis 1999, und am 14.10.2001 wurde die neu renovierte Orgel eingeweiht, auf der nun wöchentliche Orgelkonzerte stattfinden.

Diese Informationen entnahm ich einem Bericht über die Orgeln der Schwarzen Kirche von folgender HP: http://www.hog-kronstadt.de/

HOG ist die Abkürzung für HeimatOragnisationsGemeinschaft, die es für verschiedene Gemeinden Siebenbürgens gibt und die folgende Aufgaben hat:

1. Förderung des deutschsprachigen Schulwesens
2. Unterstützung der Kirchengemeinden in Kronstadt
3. Förderung des deutschsprachigen Schrifttums
4. Förderung von Einrichtungen sozialer Hilfe
5. Förderung der Jugendarbeit
6. Unterstützung bedürftiger Einzelpersonen
7. Pflege der Beziehungen der in Deutschland und im Ausland lebenden Kronstädter zu ihrer Heimatstadt
(Zitat/kopiert von der obigen HP)

Außer der Schwarzen Kirche gibt es noch weitere Sehenswürdigkeiten, die man unter www.brasov.ro im Internet findet.

• Bartholomäuskirche, die älteste Kirche in Kronstadt, eine romanische Kirche, die 1223 erbaut wurde

• Die St. Nicolai Kirche wurde 1495 aus Stein erbaut auf Resten von einem Bau von 1292. Die Herrscher von ganz Rumänien halfen damals bei der Finanzierung.

• Die erste rumänische Schule wurde hier ein paar Meter von der Nicolai Kirche entfernt gebaut. Man kann sie besichtigen und in den alten Schulpulten aus dem 19. Jahrhundert sitzen. Hier in der Schule wurden auch die meisten der ersten in Rumänien erschienenen Bücher gedruckt.

• Im alten Rathaus, da auf einen Wachturm zurück geht und ab 1420 nach einer Renovierung als Rathaus und Gerichtssaal genutzt wurde, befindet sich heute das Historische Museum von Kronstadt.

• Außerdem gibt es noch ein altes Stadttor, das im Original erhalten ist: Ecaterina's Gate wurde es auf obiger englischsprachiger Homepage genannt., also wohl Katharinentor.

• Auf den Hügeln von Kronstadt gibt es noch eine Zitadelle oder Burg von 1395. Sie war eine der stärksten Befestigungsanlagen in ganz Transsylvanien, also den Karpaten. Man erinnere sich: zur Befestigung von Transsylvanien bzw. den Karpaten vor den Einfällen der Musulmanen also Osmanen waren die Deutschen ja ursprünglich nach Ruänien geholt worden.
Mit Graf Dracula hat diese Burg allerdings nichts zu tun, dieser wurde in einem der Nachbarorte geboren, in Schäßburg, und sein Vater war einer der Grafen Dracul aus der Walachei, also der Donauebene.

• Dann gibt es noch den Weberturm, der ebenfalls zur Befestigungsanlage gehört und in dem sich ein Museum befindet.


Ich füge noch ein paar Fotos der diversen o.a. Homepages hinzu und kann diese nur wärmsten empfehlen für weitere Informationen. Dort finden sich auch ausführliche Reise- und andere Veranstaltungsinformationen. Zu Hotels etc. kann ich aus persönlicher Erfahrung ja nicht allzu viel sagen, da ich in 1970 dort war, als Rumänien noch kommunistisch war, da hat sich ja jetzt alles geändert. Empfehlenswert soll es sein, in den rumänischen Klöstern zu übernachten, die sind gut und preiswert, aber dazu ist ja hier bei ciao ein eigenens Kapitel vorgesehen.

Ich hoffe, Ihr habt nun einen kleinen Überblick über die Stadt bekommen, und ich habe Euch mit meinen Exkursionen in meine Familiengeschichte nicht gelangweilt.

Alles Liebe von Sabine :)

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

zu den komplizierten politischen Verhältnissen im Rumänien der Vorkriegszeit erhielt ich von Travelwriter folgende Berichtigung in mein GB:

Die Geschichte Rumäniens ist ziemlich komplex. Die 'deutschen' Gebiete gehörten während der österreichischen-ungarischen Monarchie zum ungarischen Teil. Zur Zeit des dritten Reiche gab es in Rumänien starke faschistische Kräfte (Eiserne Garde), die es aber auch nicht verhindern konnten, das der Staat Gebietsverluste ausgerechnet an das auch nicht weniger autoritäre Ungarn erlitt (Nordsiebenbürgen). Die deutschen Truppen hielten Rumänien ab 1940 'freundschaftlich' besetzt, weil sie sich das Erdöl sichern mußten. Trotzdem kämpften die Rumänen mit den Deutschen gegen die Russen. Man könnte sagen, Rumänien war mit seinen Besetzern verbündet. Das änderte sich auch 1944 nicht, als die Rumänien gemeinsam mit den Russen gegen das Deutsche Reich kämpfte, diesmal war es von Russen besetzt. Zum Deutschen Reich gehörte es aber zu keinem Zeitpunkt. lg Andreas

Wie gesagt, es war etwas kompliziert, und ich bin da nicht mehr ganz durchgestiegen ... ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen. aAlles Liebe von Sabine :)

Kommentar von ciaojin79: "1931 gehörte Kronstadt noch zum Deutschen Reich" - Dies ist mit Sicherheit ein Fehler. Kronstadt - oder rumänisch Brasov -gehörte bis 1918 zum ungarischen Teil der habsburger Monarchie und war niemals Teil des Deutschen Reiches. Die wäre in Deinem ansonsten sehr ausfürlichen und interessanten Bericht unbedingt zu berichtigen.

Ich denke, sie hat recht, habe erst letztens über die Zusammenhänge zumindest nachgedcht, nachdem ich mit der Geschichte Tschechiens im Zusammenhang mit der Grenzenlosen Gattenschau (s. meine Berichte darüber) konfrontiert wurde, und wollte noch nachsehen, was ab 1918 aus Rumänien geworden ist.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • ytraveller veröffentlicht 19.11.2008
    Sehr interessant, auch die Familiengeschichte, die mit Brasov verbunden ist. Ich finde gut, dass nicht so viele Infos von Wikipedia hast. Schließlich geht es ja um deine Erfahrungen und nicht um einen Lexikoneintrag. LG, Stephan
  • Seelenklemptner1989 veröffentlicht 14.06.2006
    Netter Ort und wirklich sehr gelungener Bericht. LG
  • HEIDIZ veröffentlicht 13.06.2006
    auch hier unbedingt ein BH, das ist ein klasse Bericht, super geschrieben, alles drin, was man wissen möchte, äußerst interessant LG HEIDI
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