Fahrzeugbewertung des Autors:
| Pro: |
Voll der Kult |
| Kontra: |
Nichts für Leute mit Statusproblemen |
Letzten Samstag wollte ich mir einen Rolls Royce kaufen. Leider war keiner vorrätig, drum hab ich mir, weil man das samstags eben so macht, ein anderes Auto kaufen müssen. Und zwar das nächstbeste, einen Lada. Eine 88er 1200er Limousine mit Flammenlackierung.
Die ist überaus reichhaltig ausgestattet und verfügt unter anderem über folgende Goodies:
- Platz.
Ich bin doch tatsächlich neulich 10 Minuten lang in einem 1er BMW mitgefahren. Danach mußte ich mich eine halbe Stunde lang ausstrecken und das Knie tut mir jetzt noch weh. Verglichen damit fühlt man sich im Lada wie Liebling, ich hab die Insassen geschrumpft. Der Lada hat auch eine bessere Haptik im Innenraum. Beim 1er BMW hat man nämlich das Gefühl in einem Elefantenhintern zu sitzen, während der Lada innen immerhin das Ambiente eines 2. Klasse Abteils der Österreichischen Bundesbahn versprüht.
- Entertainment System
Bestehend aus Beifahrern/innen die die sozialistische Internationale singen.
- Zentralverriegelung
Man kann alle Türknöpfe bequem vom Fahrersitz aus erreichen.
- Dach
Hält Regen ab.
- Boden
Hält Spritzwasser ab.
- Türen
Halten neugierige Blicke ab.
- Lampen
Können von innen aus ein- und ausgeschaltet werden, so daß man nicht aussteigen muß um sie anzuzünden, wenns draußen kalt und finster ist.
- Kostenloser Fitnäßzenta-Ersatz
Dank fehlender Servolenkung. Nicht nur daß es keine Servolenkung ist, es ist vielmehr nicht die beste Nichtservolenkung. Das gibt Muckis. Immerhin hat sie bei meinem Exemplar noch keinen Fahrbahnkontakt. Denn hat eine Lenkung erst mal Fahrbahnkontakt ist das so voll die schräge Show mit Funkenschweif. Komischerweise scheinen solche Katastrophen Autotestern zu gefallen, denn Lenkungen mit Fahrbahnkontakt kommen in Autotestberichten als was gutes rüber. Der reinste Irrsinn.
- Nur vier Gänge statt fünf
20% weniger schalten.
- Sonnenblenden
Sie sind vorhanden, aber ich hab noch nicht rausgefunden wozu, denn erstens lebe ich in England, zweitens braucht man sich dank der fast senkrecht stehenden Windschutzscheibe lediglich ein wenig in den weichen Sitz zu drücken und schon verschwindet selbst die niedrigst stehende Sonne überm Dachrand. Außer vielleicht man fährt früh morgens von Helmstedt aus in östlicher Richtung, aber wer will das schon?
- Liegesitze
Hey Baby, laß uns nach Leningrad düsen und oben erwähntes Gestirn putzen...
- Tank im Kofferraum
Man braucht nie mehr Geld für teures After Shave oder Parfüm zu vergeuden, denn alle mitgeführten Koffer- und Tascheninhalte duften angenehm nach Benzin.
Besagter Kofferraum bietet außerdem reichlich Platz für drei gut zusammengefaltete Leichen, aber nicht die spacke Sizilienausführung, sondern ausgewachsene von der Russenmafia. Ebenfalls bereits im Kofferaum befindlich ist eine Werkzeugtasche, die jeden Klempnermeister lila-rosagepunktet vor Neid werden läßt. Ladabesitzer können sich ohne weitere Investitionen als Handwerker selbständig machen.
- Bedienelemente
Im üppig bemessenen Fußraum vor dem Fahrersitz befinden sich drei Pedale, ähnlich wie bei einem Konzertflügel. Das rechte ist eine Art Lautstärkenregelung für den Motor, ist ansonsten aber praktisch wirkungslos. Mit dem mittleren kann man herrliche Knarzgeräusche ähnlich Sargdeckelscharnieren erzeugen, ansonsten ist es ebenfalls weitgehend wirkungslos. Das linke trägt erheblich zur Geräuschminderung beim Gangschalten bei. Nur wenn es nicht getreten wird und der Motor im Leerlauf läuft, hört man ganz leise ein Geräusch wie von einem brüllenden Tiger unter dem Auto.
Das sind die Sicherheitseinrichtungen:
- Perfekte Rundumsicht
Dank je nach Grad der Verschmutzung und Klebtomanie des Besitzers mehr oder weniger vollkommen durchsichtiger Fensterscheiben. (Klebtomanie = das zwanghafte Beklebenmüssen von Autofenstern mit Aufklebern)
- Zwei Spiegel
Einer innen, einer außen - man läuft nicht mehr Gefahr irgendwo ungekämmt oder sonstwie derangiert zu erscheinen. Also ein ideales Gefährt um zu Vorstellungsgesprächen oder noch schlimmer, seinen Schwiegereltern zu fahren.
- Bedienungshebel und Schalter sehen aus als brechen sie bereits vom Hinsehen ab, man muß nicht erst im Falle eines Falles unsanft mit ihnen in Berührung kommen. Da sie jedoch nach 19 Jahren immer noch vorhanden sind und funktionieren läßt den Schluß zu, daß sie solider sind, als sie aussehen.
- Dank phlegmatischem 1200er Asthma-Motor erreicht man Tempolimits allenfalls im freien Fall.
- Das Scheinwerferlicht ist um Längen besser als beim Granada (ok, das heißt nicht viel).
- Vor dem Fahrersitz befindet sich ein Fieberthermometer mit Anzeigenadel im Sputnik-Design, so daß man immer weiß, wie schnell man fällt. Außerdem kann man dort auch die Gesamtfallstrecke ablesen. Eine Extra Anzeige für einen Einzelklippenfall oder Tagesfallstricke - äh - strecke gibt es nicht, das würde auch nur Unruhe stiften. Desweiteren gibt es Anzeigen für den Duftflüssigkeitsstand im Kofferraum, ob das Wasser schon heiß genug für den Samowar ist und wie tief die Batteriespannung fliegt. Außerdem sind da noch diverse Kontrolleuchten zur Verwirrung des Bedieners, von denen vor allem die des Chokes besonderer Erwähnung bedarf. Diese geht nämlich nur dann wieder aus, wenn man den Chokeknebelgriff beim alten Rein-Raus-Spielchen nicht versehentlich ein wenig verdreht.
- Ebenfalls befindet sich dort ein Drehrad, mittels dem man die Fahrtrichtung des Wagens sowohl straßenbautechnisch als auch fahrtzielwahlabhängig bedingten Kursänderungen mehr oder weniger kongruent anpassen kann. Dieses Drehrad ist so positioniert, daß man es entweder nicht erreichen kann, wenn der Fahrersitz sich im richtigen Abstand zu den Geräuschkulisseregelungspedalen befindet, oder man stellt ihn so ein, daß man zwar das Drehrad erreichen kann, dann aber die Beine in einer Art Froschschenkelhaltung anwinkeln muß, um mit den Pedalen für eine abwechslungsreiche Sounduntermalung sorgen zu können. Das hat den Vorteil, daß man unmöglich wie in anderen Fahrzeugen eine bequeme Haltung einnehmen kann. Dadurch wird jegliche Ermüdung und eventuell resultierendes Einschlafen wärend der Fahrt im Keim erstickt.
- In der Mitte o.g. Drehrades befindet sich eine Zierplatte aus Schkopauplaste mit einem verchromten Segelschiff drauf, das auf Blut zu schwimmen scheint. Wenn man da drauf drückt, kann man ein Geräusch ähnlich denen, die ein Dackel emittiert, dem man auf die Pfoten tritt, erzeugen, so daß Passanten auf dem Gehsteig schon von weitem über eine rapide Näherung informiert werden können. Auch zum Verabschieden vom gerade besuchten Seitensprungpartner um drei Uhr morgens ist diese Vorrichtung geeignet und empfehlenswert.
- Vor der Windschutzscheibe sind elektrisch bewegliche Gummilineale und Miniaturwasserwerfer angebracht, um die Sichtbehinderung durch zersprotzelte Radfahrergehirne zu beseitigen. Radfahrergehirne sind zwar nicht besonders groß, aber sie kleben hartnäckig. Diese Vorrichtungen werden durch einen der anorektisch wirkenden Hebel an der Lenksäule aktiviert und es gibt insgesamt vier Stellungen. Drei für die Gummilineale, eine für die Wasserwerfer. Die Stellungen für die Gummilineale sind 'Leichenstarre', 'stottern' und 'äußerst langsam'. Gäbe es noch eine für 'sehr langsam' oder gar nur 'langsam', könnte man bei Regen sehen, wie schlecht das Wetter draußen ist. Alleine der Gedanke ist schon deprimierend. Die für die Wasserwerfer sind Dürre und Wasser, marsch! Das sind zwar insgesamt fünf Funktionen, aber Dürre und Leichenstarre sind kombiniert.
- Vorne (komischerweise auch hinten, wozu nur?) sind eisenbahnschienenartige Stangen montiert, um eventuellen Beschädigungen vorzubeugen, die durch was sich unterhalb besagter Radfahrergehirnen befindet hervorgerufen werden könnten.
Was mir an meinem Lada nicht so gefällt:
- Die Lenkung.
Ich bin bekennender Warmduscher und aktiver Bierbauchbuilder, dadurch wirkt sich die durch die Ladalenkung verursachte Vergrößerung meines Bizepsumfangs geradezu imageschädigend aus. Leider muß diese Lenkung häufig bedient werden, denn wo ein Stadtbus bequem wenden kann, muß man mit dem Lada dank großzügig bemessenem Wendekreisdurchmessers drei mal Rangieren.
- Bei meinem Modell hat der Hersteller leider bereits die schönen, schönen Ausstellfenster weggelassen. Man kann daher nicht mehr so elegant der Geruchsbelästigung durch von Passagieren steigen gelassenen Tsatzikidrosseln Herr werden wie bei den Vorgängermodellen.
- Die Motorleistung. Obwohl mir auch wenn ich mit dem Lada unterwegs bin noch immer jede/r im Weg rumtrödelt, dürfte es schon ein wenig mehr sein. Der Lada ist nämlich nicht gerade ein Leichtgewicht, sondern mit über 900 Kilogramm eher schwer wie die russische Seele. Nein, die Ivans sind wahrlich keine Dünnblechbohrer.
Was mir besonders gefällt:
- Das Wagengröße/Innenraumplatzangebot Verhältnis.
- Die Technik is total veraltet, dadurch stabil wie ein Amboß und funktionstüchtig. Falls doch mal was kaputt geht, kanns selbst ein Dorfschmied in Essex reparieren.
- Die vorbildliche Ersatzteilversorgung. Man kann alles für eine Handvoll Rubel per Internet direkt vom Werk bestellen. Alles ist lieferbar, denn die Autos werden immer noch gebaut. Einzige Ausnahme: Lenkgetriebe für rechtsgesteuerte Modelle werden langsam knapp.
- Clubs für Ladabesitzer kümmern sich mit geradezu missionarischer Begeisterung um die Instandhaltung der Autos.
- Die gutmütigen Fahreigenschaften. Um den Lada aus der Ruhe zu bringen muß man entweder so vernünftig sinnlos rumrasen wie ich, oder ihn per Schwedenschlenkerer vor der Kurve anstellen.
- Die bei der Limousine überraschend gute Federung. Wer auf sowas Wert legt, sollte die Finger tunlichst von den Kombis lassen, denn die sind diesbezüglich miserabel.
- Dieses totale Antisnobimage, das den Lada auch zum totalen Sympathieträger macht. Selbst in Deutschland ist ein Lada unter der allgemeinen Neidgrenze (von den Klempnern die die Werkzeugtasche im Kofferraum sehen einmal abgesehen), das will was heißen. Und wenn die Deutschen ausnahmsweise gerade mal nicht damit beschäftigt sind einem was zu neiden, sind sie überraschend nett.
- Die anderen Verkehrsteilnehmer. Tränen rum wie immer, die alten Gichtlappen, aber wenn ein Lada im Tiefflug vorbeirauscht, dann wird aufgewacht, daß es eine Pracht ist. Das bringt Schwung in den Verkehr. Und kein Porschefahrer, der angesichts eines Lada nicht gasgeben muß, daß sich sein Heckspoiler abspreizt wie mein Mittelfinger.