Das pure Prinzip eines Geländefahrzeugs
28.11.2006
Pro:
günstig, kommt überal durch, kein Protzfaktor
Kontra:
dünnes Händlernetz
Empfehlenswert:
Ja
 Geissenpaul
Über sich:
Mitglied seit:28.11.2006
Erfahrungsberichte:1
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 27 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich besitze den Niva seit knapp drei Jahren (EZ Jan 2003), und habe damit inzwischen 60.000 km zurückgelegt. In dieser Zeit bin ich einmal liegengeblieben, konnte mir aber selbst helfen. Bei meinem Fahrzeug handelt es sich um einen Grauimport, es hat 8000 Euro gekostet. Warum Lada Niva? Ich gebe zu, bei mir war es anfangs eine Trotzentscheidung. Ich hatte vorher einen Renault Kangoo, ebenfalls als Neufahrzeug. Was es dort an Ausfällen der Elektronik und Unfähigkeit der lokalen Werkstatt ("Da müssen Sie leider zur Hauptwerkstatt nach N., uns fehlen die speziellen Diagnosegeräte" usw.) alles vorgefallen ist, bedarf eines extra Berichts. Irgendwann dachte ich, wenn das so ist, kannst du dir auch gleich einen Lada Niva kaufen. Schlimmer kanns nicht kommen, und wo nichts ist, kann auch nichts kaputtgehen. Ich wollte ein Fahrzeug ohne Elektronik und explizit ohne elektrische Fensterheber. Wir wohnen auf dem Land und an einem steilen Berg, der im Winter meistens viel zu selten geräumt wird - von daher die zusätzliche Verlockung eines bekanntermaßen guten 4-Rad Fahrzeugs.
Ich bin, was Autos angeht, im Gegensatz zu vielen Deutschen, ein Pragmatiker. Ich habe die für mich wichtigsten Punkte, die ich an ein Fahrzeug stelle notiert, und bin beim Niva gelandet: Das Teil muss dicht sein, beheizbar, zuverlässig und unter möglichst allen Umständen von A nach B kommen. Dazu leicht reparierbar und günstig. Da bleibt eigentlich nicht mehr viel übrig ausser dem Niva. Kauf: Grauimport oder Händler? Vorab: unbedingt bei einem Ladahändler. Ich habe mein Fahrzeug damals bei einem Grauimporteur in Regensburg erworben. Der hatte keine Ahnung von nichts (die haben es sogar geschaft, die Nummernschilder falsch zu montieren) und als großzügigen Bonus gab es 2,5 l Benzin zur nächsten Tankstelle. Den Entschluss damals traf ich, weil es schlicht der nächste Verkäufer war und das Angebot vordergründig günstig. Der Preis ist aber nicht wirklich günstig - die "offiziellen" Nivas bekommen für Deutschland noch eine Spezialbehandlung u.A. durch Hohlraumversiegelung, Unterbodenschutz, bessere Schmiermittel usw. Zudem wissen die Händler um den Ruf von Lada und sind entsprechend kulant - kein Vergleich zu manch hochnäsigen Werkstätten etablierter Hersteller. Das Händlernetz war anfangs mein größtes Sorgenkind, aber ich hatte Glück: Inzwischen hat ein offizieller Lada-Händler in meiner unmittelbaren Nähe eröffnet, mit dem ich hoch zufrieden bin.
Der erste Eindruck Man fühlt sich 30 Jahre zurückversetzt, wenn man in dieses Auto steigt, als wäre es ein Oldtimer. Was ja auch stimmt, großartige Änderungen gab es seither nicht. Man wird von dem typischen Plastikduft umhüllt, der aber bald verfliegt. Porsche und Niva haben übrigens eines gemeinsam: Das Zündschloss sitzt auf der linken Seite. Der erste Fahreindruck erinnert an Traktor und LKW. Erstaunlich bei so einem kleinen Auto. Aber ich meinte zu wissen, worauf ich mich eingelassen hatte, und habe keinen Luxus erwartet. Den ersten Defekt vermutete ich, als ich zum ersten Mal zuhause ankam und das Innenlicht nicht ausging. Aber siehe da: Kein Fehler, sondern zeitverzögertes Ausschalten! Technik permanenter Vierradantrieb, Spiralfederung, Hinterachse mit Panhardstab. Benzinmotor mit Bosch-Einspritzanlage, 1,7l Hubraum, 85 PS. Wer sich dafür näher interessiert, suche die entsprechenden NIVA-Seiten im Netz.
Der Motor ist für heutige Verhältnisse das, was man als unelastisch bezeichnet. So richtig Kraft gibt es nur im oberen Drehzahlbereich, dann wird es auch laut. So richtig Kraft braucht man aber meist nur im Gelände, durch die zuschaltbare Getriebeuntersetzung hat man dann aber trotzdem einen Bereich von ganz langsam bis ca. 50 km/h, der lückenlos abgedeckt ist, ohne dass man immer am Anschlag fahren müsste. Die Achsdifferentialsperre ist bekanntermaßen schwergängig. Man braucht sie aber so selten, dass mir das egal ist. Fahreigenschaften im Gelände Unübertroffen. Ich habe es bisher nicht geschafft, mit diesem Fahrzeug so stecken zu bleiben, dass ich fremde Hilfe benötigt hätte, und ich habe viel probiert. Üblicherweise hört man immer vorher auf, weil man einfach nicht glaubt, dass der NIVA da durchkommt. Ein Beispiel: Ich bin mal in einer tieferen Schneeverwehung auf einem Feldweg stecken geblieben. Nach einer Stunde hatte ich das Fahrzeug zwei Meter zurückgezogen, da es aber abschüssig war, war es hoffnungslos, die restlichen 20 m auch noch ohne Fremdhilfe zu schaffen, bis wieder die "normalen" Verhältnisse anfingen. Schlussendlich bin ich einfach mit diesen 2 m Anlauf mit Schmackes und Vollgas reingefahren. Und siehe da: Der hat sich durchgewühlt. Ich war einfach zu zögerlich.
Seine Überlegenheit gegenüber anderen Geländefahrzeugen spielt der NIVA in hubbeligem, schmierigen Gelände aus. Er hat eine m.W. in dieser Klasse unerreicht hohe Achsverschränkung und ist zusammen mit dem kurzen Radstand immer noch mit allen vieren auf dem Boden, wenn bei anderen schon ein Rad hochsteht. Diese Eigenschaft wird von Unerfahrenen manchmal als "kippelig" bezeichnet. Ich garantiere: Keiner von denen traut sich, eine Querböschung so zu fahren, dass er wirklich kippt. Eine Eigenschaft gilt es, nicht zu vergessen: Durch die zuschaltbare Getriebereduktion und den permanenten 4-Radantrieb hat der NIVA auch bergab seine hervorragenden Fähigkeiten. Man kann z.B. auf steilen, vereisten Straßen im kleinsten Gang alleine mit der Motorbremswirkung herunterschleichen, was man mit der Fußbremse niemals schafft, da man nicht so gleichmäßig dosieren kann.
In dem Bereich schlägt übrigens dieses "veraltete" mechanische Antriebssystem auch die 10-fach teureren SUVs, oder wie man die so nennt. Bei diesen wird, um das Durchrutschen einzelner Räder zu verhindern, per Elektronik über die Bremse gesteuert. Was bei längeren Strecken unweigerlich in einem Heißlaufen der Bremsen endet. Fahreigenschaften auf der Straße Nicht besonders. Der kurze Radstand macht sich bemerkbar. Man kann aber durchaus flott fahren, sollte aber dann ein geübter Autofahrer sein.
Komfort und Innenraum Der Federungskomfort ist mäßig. Er ist nun mal in erster Linie aufs Gelände abgestimmt. Die Vordersitze wiederum empfinde ich nach wie vor als sehr angenehm. Die Hinterbank ist aufgrund der hohen Radkästen eng und niedrig. Für zwei Kinder Ideal, für Erwachsene nur kurzfristig zu empfehlen. Man kann sie mit 4 Schrauben aber einfach ausbauen. Der Innenraum selbst ist für die Fahrzeuggröße erstaunlich groß. Das liegt an dem veralteten Design: die Seitenwände gehen senkrecht nach oben und schaffen dadurch Platz. Die Heizung ist - typisch russisch - natürlich sehr gut. Allerdings schlecht dosierbar, man muss - gerade in Übergangszeiten - mit der Seitenscheibe nachhelfen. Die Scheiben beschlagen leicht, wenn in die Luftansaugung Schnee oder Regen gekommen ist. Platzangebot Der Kofferraum ist klein. Zum Verreisen in den Urlaub ist ein Anhänger ideal. Ideal auch deswegen, weil man mit dem NIVA auch ohne nicht wirklich viel schneller fährt als mit. Von daher empfindet man das nicht als Beeinträchtigung. Zwei Erwachsene und zwei Kinder können damit locker Campingurlaub machen.
Zur Geäuschentwicklung Die neueren Modelle sind zusätzlich gedämmt. Trotzdem kann man den NIVA sicher nicht als leises Auto bezeichnen. So richtig laut wird er ab 4000 Umdrehungen. Die braucht man aber nicht zur Reisefahrt. Autobahn Der NIVA ist sicher alles, nur kein Fahrzeug für die Autobahn. Trotzdem fahre ich zweimal die Woche je 140 km auf dieser. Es ist eine Einstellungssache. Ich bleibe meist auf der rechten Spur und lasse die Welt links an mir vorüberziehen und höre Radio. Wer schon mal Busfahrer war, weiss, was ich meine. Das Auto kann natürlich trotzdem mithalten, auf 140/150 kann man ihn schon hochtreiben, aber das macht keinen Spaß, verschleisst den Antrieb und kostet Sprit. Wer das braucht, für den ist der NIVA definitiv das falsche Auto.
Ausfälle Kleinigkeiten: Plastiksitzverkleidung abgebrochen, Knopf für Sitzverriegelung abgebrochen. Aussenspiegel verrosten, verstellen sich zu leicht. Mittleres: Frontscheibe rechts undicht, Ausfall eines Rücklichts, Scheinwerfer waren nach 2 Jahren blind (würde bei einem "offiziellen" Fahrzeug auf Kulanz getauscht)
Größeres: Drehzahlgebersonde defekt. Gaszug gerissen. Hierzu eine ganz typische NIVA-Geschichte: Als der Gaszug riss, war ich 70 km weg von der Werkstatt. Üblicherweise heisst das abschleppen. Beim NIVA kann man aber den Gaszug auch improvisieren, durchs Seitenfenster leiten und mit Handgas fahren. Am nächsten Tag habe ich in einem Fahradladen einen Bremszug für ein Mountainbike gekauft, zwei Schrauben zurechtgebohrt als Klemmen und die Sache war für 3,50 Euro gegessen. Alles in Allem Dinge, die einem bei einem europäischen Fahrzeug gehobener Klasse auch nicht fremd - nur dass sie zu vergleichsweise lächerlichen Kosten behebbar sind.
Verbrauch zwischen 8 und 10l Normalbenzin, üblicherweise 8,5 l, über 10 l habe ich es noch nicht geschafft. Versicherung sehr günstige Klasse
Sonstiger Unterhalt Da ich relativ viel Autobahnkilometer habe, gehe ich nur selten zum Service. Es sind übrigens, nach 60.000 km immer noch die ersten Reifen drauf. Die ersten Bremsbeläge waren bei 50.000 fällig. Wer selber gerne bastelt: Ersatzteile sind problemlos über das Internet zu bekommen und vergleichsweise günstig. Sicherheit Keine. Zumindest nicht nach den üblichen Standards. Das muss man mit sich ausmachen. Allerdings gibt meiner Sichtweise ein kürzlich beim Spiegel erschienener Bericht recht, der sagt, dass am objektiv Sichersten die Autofahrer sind, die unsichere Fahrzeuge fahren. Das klingt paradox, ist wohl aber so: Wer mit einem "unsicheren" Fahrzeug unterwegs ist, verhält sich entsprechend. Ich selbst tue das jedenfalls, alleine, wenn ich an mein Verhalten auf der Autobahn denke.
Resümee: Man muss den NIVA mögen. Wer seine Fähigkeiten braucht, wird das sehr schnell tun. Andererseits muss man der richtige Typ dazu sein und sich z.B nicht daran stören, wenn die Kofferraumverkleidung mit 5 verschiedenen Schrauben - offenbar denen, die der Monteur gerade in der Tasche hatte - befestigt sind. Man muss mit einer teilweise chaotischen Verkabelung klarkommen, wenn mit der Elektrik mal was nicht stimmt. Aber immerhin: Man hat eine Chance auch ohne Diagnosegerät für 20000 Euro! Man sollte auch nicht zu der Gattung Mensch gehören, die eigentlich gerne einen Posche Cayenne fahren möchten, aber sich nur einen NIVA leisten könnten. Das geht schief. Die NIVA-"Philosophie" ist eher von der Sorte: Was brauche ich eine Zentralverriegelung? Dieses Auto klaut doch eh keiner! Dafür fahre ich dort lassig pfeiffend, wo andere bereits schmerzhaft um den Lack ihres geliebten teuren SUV fürchten. Und nebenbei gesagt, eh nicht mit kommen:-) Es ist eine entspannte Haltung. Mit einem minimalistischen Fahrzeugkonzept mit gleichzeitig höchster Effektivität. Der Protzfaktor geht natürlich gegen unter Null. Man muss auch charakterlich dafür bereit sein.
Ansonsten ist der NIVA nach 20jähriger "Autokariere" das erste Fahrzeug, dass mir auch nach drei Jahren noch so richtig Spass macht. Seltsam. Das nächste wird wieder einer. Allerdings nur, wenn es ihn dann noch ohne dümmliche Seitenschweller, el. Fensterheber usw, noch gibt. Das wäre das Schlimmste, wenn Lada versuchen würde, diesen Klassiker mit der üblichen Konkurenz ins Rennen zu schicken. Dann können sie nur verlieren. Es gibt nur einen NIVA :-)
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11.09.2009 12:58
Ich bin diese Woche einen Probegefahren und kann die Meinung teilen. ich werde ihn kaufen, weil nicht viel dran ist, was kaputt gehen kann. Eigentlich als Winterauto gedacht, werde ich ihn wahrscheinlich ganzjährig zulassen, als spritsparende Alternative zum Jaguar.
20.01.2008 12:41
ich würde mir den nie kaufen, aber klasse geschrieben. lg mm
20.07.2007 00:04
Äußerst interessant! Sehr ausführlich! BH von mir & viele Grüße! Ben