... Lady Chatterly kann das nicht, und so entdeckt sie das Faktotum des Anwesens, Mellors, einen eher einfachen, aber sehr geradlinigen, männlichen Haudegen, der nicht vorgibt, etwas anderes zu sein als das, was er ist, unkompliziert. Eine Fickmaschine? Weit gefehlt. Der Autor versucht ohnehin, ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von dahmane über Lady Chatterly / D.H. Lawrence 28.12.2000
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wenn ich das mal wüßte
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- - -
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Kompletter Erfahrungsbericht
Es mag Ihnen absonderlich erscheinen oder, wenn Sie es selbst erlebt haben und daher wissen, wovon ich rede, eher naheliegend: Liebe und das Bewußtsein von Einsamkeit und Angst müssen einander nicht ausschließen. Manchmal scheinen sie einander sogar zu bedingen.
Vielleicht erklärt das die abnehmende, aber anhaltende Wirkung dieses Romans. Die Handlung und ihre Konstellationen sind eigentlich nicht so sonderbar: Als der Gutsherr Clifford aus dem Großen Krieg heimkehrt, ist er schwer gezeichnet und kann sich nicht damit abfinden, daß er wohl den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen wird. Noch mehr: mit unglaublicher und zunehmender Geschwindigkeit beginnt sich die Welt, aus der er aufgebrochen war in einen guten Krieg, in einen monströsen Schlund zu verwandeln, der ebensoviele Menschen verschlingt wie die Felder von Flandern, nicht freilich, um sie umzubringen, sondern um sie in gedemütigte graue Gestalten zu verwandeln, die sich in der sinn- und namenlosen Maschinerie der modernen Industriegesellschaft zu verlieren beginnen. Das verkraftet Clifford Chatterly nicht. Er wird nervös, unduldsam, ungerecht und gleitet peu à peu ab in den Wahnsinn. Aber er hat eine Frau, die wir uns getrost als jung, etwas verwöhnt, etwas leichtsinnig und träumerisch vorstellen mögen und der plötzlich bewußt wird, daß die Geschäftsgrundlage ihrer Ehe erodiert, weil sie sich innerlich immer weiter von ihrem Mann entfernt (oder er sich von ihr, gleichviel, denn jeder sieht nur seinen Bezugspunkt, sich selbst): jedenfalls dringt sie nicht mehr zu ihm durch und verliert das Bewußtsein, ihn zu verstehen, wie er sich selbst versteht. Wer einmal erlebt hat, wie intensiv ein solches Verständnis sein kann, weiß, was das bedeutet. Clifford, in seiner Verzweiflung und Verbitterung, genügt sich selbst. Lady Chatterly kann das nicht, und so entdeckt sie das Faktotum des Anwesens, Mellors, einen eher einfachen, aber sehr geradlinigen, männlichen Haudegen, der nicht vorgibt, etwas anderes zu sein als das, was er ist, unkompliziert. Eine Fickmaschine? Weit gefehlt. Der Autor versucht ohnehin, diesen häßlichen Verdacht gar nicht erst aufkommen zu lassen, indem er an allen spannenden Stellen auf eine kaum erträgliche Weise mystisch und romantisch wird - es klingt einfach schwer und schwülstig, und der Bergson und Whitman geschuldete Naturmystizismus (*) ist einfach unvorstellbar grauenerregend. (Nicht erregend, gerade das nicht.) Es geschieht, was alle Realisten erwarten und alle Idealisten erhoffen. In der Hütte, auf dem Feld, im Wald, überall geht es heftig zur Sache, bis die Sprache den Schaum nicht mehr halten kann und die wüstesten Epiphata und Analogien verspritzt, daß wir uns erschreckt ducken. Und uns ratlos fragen: wo liegt hier der Skandal?
Denn dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen einen anhaltenden Skandal (es wurde 1928 zuerst nur als Privatdruck veröffentlicht und in London und New York erst 1959 bzw. 1960 zum öffentlichen Druck freigegeben), der sich vordergründig an den außerordentlich freizügig geschilderten und reichlich vom Sprachsperma bedeckten Sexszenen entzündete (deshalb steht der Roman auch in dieser Kategorie), aber dabei auch die verdeckt subversiven Tendenzen im Auge hatte, von denen die Rechtfertigung für den Ehebruch eine der auffälligeren, aber eher harmloseren war. Das müssen wir heute auch nicht weiter untersuchen. Die Schilderungen sexueller Aktivitäten (die freilich nicht isoliert zu sehen sind, sondern sich immer aus den Konstellationen und der Handlung heraus schlüssig entwickeln) sind entweder peinvoll oder werden heute in allgemein zugänglichen Publikationen an Obszönität leicht übertroffen. Für den "Erregungsfaktor" ist etwas ganz anderes verantwortlich: die Motivation der Sexualität, und das können wir so gut nachvollziehen, daß selbst dieses Buch bei uns noch wirkt. Die Motivation ist das Bewußtsein von Angst und Einsamkeit, die sich beide untrennbar ineinander vermischen.
D.H.Lawrence, der selbst unter Angst und Einsamkeit litt, obwohl er glücklich mit einer Deutschen verheiratet war, beschreibt, daß gegen dieses Bewußtsein nichts hilft: weder der Starrsinn Cliffords, noch die Hingabe und Sehnsucht seiner Frau und leider auch nicht der stoische Stolz des Arbeiters Mellors, weil, fürchte ich, keiner von den dreien sich traut, wirklich zu lieben. Von Clifford haben wir nichts anderes erwartet (er ist auf seine Weise glücklich, offen wir, wie der Sysiphos von Albert Camus), aber von den beiden Liebenden (Das Buch heißt schließlich im Original: "Lady Chatterly's Lover") haben wir uns eigentlich eine Antwort auf die Frage nach der Antwort erhofft - wozu der Schmerz, die Sehnsucht, die wilden (manchmal auch zärtlichen und sogar heiter romantischen) Kopulationen, wenn am Ende doch nur Einsamkeit bleibt? Je, doch nicht dazu! Hier begeht D.H.Lawrence den Fehler, daß er Mystik und Philosophie einfach nachreicht, nachdem wir längst alles falsch verstanden haben. Si tacuisses... Einsam fühlen wir uns sowieso. (Darüber liefere ich Ihnen an anderer Stelle einen Exkurs.) Aber wir wissen nicht oder vergessen wieder, daß, wenn wir uns trauen, durch dieses Tor zu gehen, dahinter eine ganze Welt wartet, die a u c h dazugehört. Wir bekommen die Einsamkeit umsonst. Für die Liebe müssen wir hart arbeiten, und je mehr wir lieben, desto schärfer und eindringlicher wird uns bewußt, wie einsam wir bleiben, bis geschieht, was Dr. Jekyll als "Riß in uns selbst" beschreibt, bis die Sehnsucht uns schier zerreißt - bis wir uns entscheiden müssen, ob wir wissen wollen, w a r u m Salomon im "Lied der Lieder" schreibt, daß die Liebe gewaltsam wie der Tod ist und hart wie die Hölle.
Lady Chatterly und Mellors d a c h t e n nur, sie hätten verstanden. Das ist kein Spaß. Diese Wunde kann nicht mit wohlfeilen Ratschlägen und Bergson'schen Mystizismen zugekleistert werden. Es gibt in diesem Buch einige wenige Stellen, in denen wir zu verstehen beginnen, so als würde eine Türe ein wenig geöffnet und die Sonne begänne hineinzustrahlen, daß jede Form der Liebe ihre eigenen schroffen Regeln hat, denen wir nur auf eine Weise begegnen können angesichts unserer Fehlbarkeit und Hinfälligkeit: wir müssen uns vorstellen, wie jemand handeln würde, der wirklich weiß, was Liebe bedeutet. Und dann müssen wir es tun.
Fußnote:
(*) Henri(-Loius) Bergson (1859 - 1941), ein in seiner Zeit sehr einflußreicher Philosoph, "Erfinder" des "élan vital", in seinem vielleicht einflußreichsten Werk, "L'Évolution créatice" (1907): hier postuliert er eine zielgerichtete Evolution, die aber kreativ und nicht mechanistisch wirkt (das ist der angedeutete Naturmystizismus); diesen Gedanken hat dann Teilhard de Chardin auch noch christianisiert und damit endgültig ins Absurde gewendet. (Aber ich will das hier nicht kommentieren). Walt Whitman (1819 - 1892), bedeutender und in Künstlerkreisen sehr einflußreicher (demzufolge auch vielvertonter) Dichter (die wunderbare "Sea-Symphony" von Vaughan Williams ist auf seine Texte komponiert, dito die Kantate "Sea Drift" von F. Delius), bekannt vor allem durch seine Gedichtsammlung "Leaves of Grass", schrieb von sich selbst: "Walt Ehitman, an American, one of the roughs, a kosmos, / Disorderly fleshly and sensual... eating drinking and breeding, / ...Divine am I inside and out, an I make / holy wahtever I touch or am touched from..." Sein bedeutendstes Thema ist die symbolische Identifikation, schreibt die E.B., der sich erneuernden Kraft der Natur ("Sie merken schon: élan vital) mit der unsterblichen und göttlichen Seele des Menschen. So ist es.
Lady Chatterly, Roman DM 12,90 (EUR 6,59) Taschenbuch - 279 Seiten Rowohlt TB-V., Reinbeck bei Hamburg.; ISBN: 3499116383
Leider ist die schöne Werkausgabe bei diogenes nicht vollständig erhältlich.
Wer bei "Lady Chatterly" nur an Erotik denkt, hat entweder das Buch nicht gelesen oder nur die Passagen, in denen sie beschrieben wird. D.H. Lawrence beschreibt in seinem Roman, dessen gleichnamige Hauptperson übertriebenermaßen zum Synonym für sexuelle ...
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Pro: hinreißend, mitreißend, ansprechend, verständlich Kontra: vielleicht antiquiert, das ist dann aber dem Erscheinungsdatum geschuldet..
...der direkten Art. Er ist pur, er ist Mann. Und geht nach den erlebten Enttäuschungen in dieser neuen, wenn auch seltsamen Beziehung, auf. Natürlichkeit, absolut.
Sprache, die ausdrückt, was man mag, Offenheit, die zu dieser wunderbaren Beziehung führte. Wunderbar poetische - wenn auch gelegentlich heftig beschriebene - Anekdötchen und dazu gesellschaftlich kritische Anmerkungen: Ich habe es nicht bereut, D.H. Lawrence zu lesen, im Gegenteil. Ein durchaus gelungener, ein bereichernder Lesegenuss.
PS: Ich habe versucht, die "falsch geschriebene Kategorie" http://www.ciao.de/LadyChatterlyLawrenceDH467672 zu ändern. Man versagte mir diesen Wunsch. Empfehlen möchte ich dennoch die schon geschriebenen Rezensionen?...
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Pro: Beeindruckendes literarisches Werk, wunderschöne Zeichnungen Kontra: nichts für Kinder aufgrund der expliziten sexuellen Darstellungen, problematische Abschnitte
...mehr Respekt entgegengebracht werden würde.
Am Anfang hatte ich Bedenken, dass Berichte dieser Art gegen irgendwelche Ciao-AGBs verstoßen. Allerdings habe ich nach kurzer Suche Kritiken zu Werken von Marquis de Sade, D.H. Lawrence (Lady Chatterly) und diverse Ciao Café-Fragebögen gefunden, weshalb ich mir dahingehend keine Sorgen mehr mache....
Der Autor & das Buch
Alan Moore ist ein englischer Autor und hauptsächlich für seine Comicveröffentlichungen bekannt. Da der Begriff Comics die meisten Menschen in Deutschland immer noch an Kinderkram erinnert, passt die Bezeichnung Graphic Novel wohl besser. Literarisch sehr hochwertige Arbeiten, die sich oft im Superheldengenre bewegen und in ihrer Qualität die meisten traditionellen Romane in den Schatten stellen. Zu seinen bekanntesten Werken zählen...
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