Vor ein paar Tagen erfuhr ich von meiner Schwester, dass mein alter Lateinlehrer gestorben ist. Ich mochte den Mann nie sonderlich, aber getroffen hat mich diese Nachricht doch, denn Herr Hinrichs - von allen nur Hinni genannt - war nicht nur mein Lateinlehrer, er war eine lebende Legende. ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von Tinsche78 über Latein GK 19.08.2002
Produktbewertung des Autors:
Arbeitsaufwand:
arbeitsintensiv
Schwierigkeitsgrad der Ausbildung:
schwer
Prüfungsanforderungen:
hoch
Pro:
viel gelernt, trotz allem viel Spaß gehabt
Kontra:
hoher Lernaufwand, nicht für jeden interessant
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Vor ein paar Tagen erfuhr ich von meiner Schwester, dass mein alter Lateinlehrer gestorben ist. Ich mochte den Mann nie sonderlich, aber getroffen hat mich diese Nachricht doch, denn Herr Hinrichs - von allen nur Hinni genannt - war nicht nur mein Lateinlehrer, er war eine lebende Legende. Ich weiß nicht, wie vielen Schülern im Landkreis Gotha/Thüringen er im Laufe seines Lebens das Fürchten gelehrt hat, ob in Russisch oder Latein, aber jeder, der einmal bei ihm Unterricht genossen hat, wird noch seinen Urenkeln davon erzählen, so wie ich Euch heute :-)
*** Ave, Caesar, morituri te salutant! ***
Zum ersten Mal hörte ich den Namen Hinni, als meine Schwester, die 15 Jahre älter ist als ich, von ihren Schulabenteuern am Gothaer Arnoldi-Gymnasium erzählte. Ob es Hinnis Russischunterricht war, der sie dazu brachte, selbst Russischlehrerin zu werden, weiß ich leider nicht (könnte ich sie eigentlich mal fragen ;-)), aber fest steht, sie hat eine Menge bei ihm gelernt, nicht nur das Fürchten. Letzteres allerdings ist das, was Generationen von Schülern als ewige Erinnerung bleibt - der höllische Respekt vor einem Lehrer, von dem man meint, er sei einem Paukerfilm entsprungen.
Ich fand die Erzählungen meiner Schwester immer sehr lustig, da ich mir nie hätte träumen lassen, auch einmal zu Hinnis Schülern zu zählen. Ich kam nämlich in der 8. Klasse aufs Gothaer Gustav-Freitag-Gymnasium, wie die meisten Schüler aus den umliegenden Dörfern. Deshalb wurde unsere Schule auch das "Bauerngymnasium" genannt. In der 9. Klasse hatte ich dann Russisch, Englisch und Französisch als Fremdsprachen, nun kam auch noch das Angebot hinzu, freiwillig in einem fakultativen Kurs Latein zu lernen. Sprachbegeistert wie ich nun mal war und bin, habe ich mich für den Lateinkurs angemeldet. Kurz danach fragte mich meine Schwester: "Hey, wusstest Du schon, dass Hinni an Eure Schule versetzt wurde? Der macht neben Russisch jetzt auch noch Latein!" Oh oh, mir schwante Böses. Und tatsächlich, es stellte sich heraus, dass der Lateinkurs nur angeboten wurde, weil Hinni jetzt an unserer Schule war, als erster und bis dahin einziger Lateinlehrer. Da sein Ruf ihm ja immer vorauseilte, zogen einige ihre Anmeldung zu Latein direkt wieder zurück, ich harrte dagegen lieber mal der Dinge, die da kamen.
Und wie sie kamen. Hinni kam an einem Dienstag Nachmittag, 7. Stunde, in unseren Klassenraum, ca. 25 Schüler warteten schon gespannt. Herein kam ein recht dralles Männchen um die 60, lichtes Haar, silberfarbenes Kassenbrillengestell, weißer Kittel, der am Bauch spannte, mehrere braune abgenutzte Aktentaschen und eine Tüte an den Armen. Sah ja eigentlich gar nicht so furchterregend aus, eher leicht komisch, die ersten grinsten schon, aber dann rief er uns im Militärton "Salvete discipuli discipulaeque!" entgegen. Wir zuckten erst mal zusammen, verstanden hatten wir kein Wort, aber es war schon irgendwie respekteinflößend. Sehr schnell erklärte er uns, dass er auf diesen Gruß, der soviel hieß wie "Seid gegrüßt, Schüler und Schülerinnen!" ein zackiges "Salve magister!" ("Seien Sie gegrüßt, Lehrer!") zu hören wünschte. Und Aufstehen mussten wir dazu auch noch. Dieses Ritual eröffnete von nun an 4 Jahre lang meinen Lateinunterricht, und wir standen auch mit 18 noch stramm neben unseren Stühlen, wenn Hinni den Raum betrat. Welcher Lehrer schafft das bei seinen Schülern heutzutage noch?
*** Ceterum censeo, Carthaginem esse delendam! ***
Nun also weiter mit dem Lateinunterricht. Hinni ging direkt "in medias res" (mitten in die Dinge hinein). Ich glaube, wir lernten direkt in der ersten Stunde mehr als bei anderen Lehrern in einem halben Jahr. Nach einer Stunde konnten wir den ersten Text im Lehrbuch übersetzen, Verben konjugieren, Substantive deklinieren und diverse Lateinische Sprüche auf Kommando aufsagen. In den darauffolgenden Stunden arbeiteten wir das Lehrbuch in Windeseile durch, um uns endlich mit richtiger Lektüre befassen zu können: Caesar, Cicero, Tacitus, Ovid, Vergil "... und zum Höhepunkt des Sommers lasse ich Sie Catull lesen!" Wer zum Henker ist Catull, und warum ist das der Höhepunkt? Die anspruchsvolle Originallektüre fand ich immer sehr interessant, erfuhr man doch so jede Menge über die römische Geschichte und Mythologie. Und wenn man ein Textstück geschafft hatte, war man irgendwie stolz auf sich selbst, aus diesem Wirrwarr an scheinbar planlos zusammengewürfelten Worten einen Sinn herausgefischt zu haben. Wir lasen nicht nur berühmte Reden oder Kriegsberichte, sondern auch Lyrik, z. B. die Metamorphosen des Ovid. Wir lernten Gedichte im Hexameter zu lesen und beliebige Texte im Hexameter zu betonen und ggf. zu verändern, und ganz nebenbei war die Ovid-Lektüre mit die interessanteste, lasen wir doch bekannte Geschichten wie Daedalus und Ikarus. Der Unterrichtsinhalt war also durchaus interessant und lehrreich, genauso wie die Person Hinni selbst.
*** Aequam memento rebus in arduis servare mentem! ***
Von Anfang an war seine Art des Umgangs mit uns Schülern sehr gewöhnungsbedürftig. Er siezte uns, was ja ok war, aber er sprach uns nicht mit "Sabine, können Sir mir sagen..." oder "Frau Praatz, können Sie mir sagen..." an, sondern grundsätzlich nur mit dem Nachnamen, in Militärton gebellt: "PRAATZ! Deklinieren Sie pater!" Dabei sprang er wie Rumpelstilzchen durch den Raum, und zeigte mit dem Finger auf den angesprochenen, dass dieser meinte, von diesem Finger durchbohrt zu werden. Jeder zuckte bei Nennung seines Namens in Verbindung mit dieser Sprungattacke, die bei uns jedes Mal fast eine Herzattacke auslöste. Meistens steigerte er das ganze noch, indem er erst einen Schüler anvisierte: "PETZ, konjugieren Sie amare...", der arme Petz holt schon tief Luft, um zum Konjugieren anzusetzen, da überlegte es sich Hinni anders und: "...ach nein, doch lieber Sie, PRAATZ!" und sprang dabei auf mich zu. Damit erreichte der gute Hinni jedenfalls, dass keiner mal kurzzeitig abschaltete und nicht zuhörte, weil man IMMER drankommen konnte.
*** Nomen est omen! ***
Für Heiterkeit sorgte auch die Aussprache unserer Namen, da Hinni stets bei einer Aussprache blieb, wie sie ihm passte, und Aufklärungsversuche unsererseits ignoriert wurden, wo kommen wir denn da hin, wenn der Schüler den Lehrer belehren will, darauf war er sehr allergisch. Mit meinem Namen hatte er keine Probleme, aber Petz, der sich mit langem eeee sprach, verkam bei Hinni zu Petz wie in Meister Petz mit kurzem e. Oder Roschig, aus dem Hinni Roschisch machte.
Apropos Heiterkeit, die duldete Hinni auch nur, wenn der Witz von ihm ausging, was erstens sehr selten war und wir zweitens den Witz meistens nicht erkannten, da er sehr gut getarnt war (natürlich war nur unser Intellekt nicht fähig, die Pointe zu begreifen, wie Hinni sich wohl dachte). So mussten wir uns das Lachen immer verkneifen oder verstohlen hinter seinem Rücken grinsen. Es war wirklich wie in den Paukerfilmen.
*** Repetitio est mater studiorum!***
Mit Hausaufgaben wurden wir zugeschüttet, als sollten wir Lateinprofessoren werden, seitenweise Vokabeln und Sprüche, und die Texte aus der vorangegangenen Stunde mussten wir bis zur nächsten Stunde ohne Wörterbuch übersetzen können, inklusive Erläuterung der grammatikalischen und stilistischen Besonderheiten. Wir hielten uns natürlich für clever und schrieben die Übersetzung zwischen die Zeilen, aber Hinni war noch cleverer und gab uns zur Nachübersetzung einen jungfräulichen Text bzw. sein Buch. Wir waren also wirklich gezwungen, die Hausaufgaben gewissenhaft zu machen, sonst drohte nämlich die größte Peinlichkeit, die man sich denken konnte. Wenn man z. B. pater nicht deklinieren konnte, wurde man nicht einfach nur ermahnt. Nein, wenn man dann nichtsahnend am nächsten Tag in der Pause durchs Gebäude lief, lauerte Hinni einem auf, sprang in gewohnter Weise auf sein Opfer zu und bellte: "Deklinieren sie pater!" Hochnotpeinlich, wenn einem die ganze Schule dabei zusieht, Schüler, Lehrer, manchmal zufällig sogar der Direktor, die das alle ganz komisch fanden, nur man selbst wollte am liebsten im Boden versinken. Und wer bei der Nachübersetzung scheiterte, wurde direkt für die Frühstückspause am nächsten Tag zu Hinni bestellt, um ihm in Privataudienz den Text zu erläutern. Das war zwar nicht ganz so peinlich, aber meistens kriegten es doch alle mit und die Pause war auch im Eimer. Ihr könnt mir glauben, das waren äußerst effektive Methoden, uns den Schlendrian auszutreiben.
Wer jetzt noch nicht begriffen hatte, dass bei Hinni nur Leistung zählte, lebte hinterm Mond. Vielen war das einfach zu stressig, wir hatten uns ja auch wirklich auf eine laue Arbeitsgruppe eingestellt, aber Latein war schlimmer als jeder Leistungskurs. Daher sank die Teilnehmerzahl des Kurses rapide, was zur Folge hatte, dass wir mit der nächsthöheren Klasse zusammengelegt wurden, die auch sehr geschrumpft war.
*** Sic transit gloria mundi! ***
Hatte ich schon erwähnt, dass Hinni einen Tick für Grammatik und Stilistik hatte? Er schrieb eigenhändig, also von Hand, ohne Schreibmaschine oder PC, 100seitige Abhandlungen über grammatikalische und stilistische Besonderheiten der lateinischen Sprache und bezahlte aus eigener Tasche für jeden von uns eine Kopie. Damit wir die guten Werke nicht zu Hause vergessen konnten, schloss er die namentlich gekennzeichneten Kopien nach jeder Stunde ein. Eines Tages schrieb ich "Latein ist die späte Rache der Römer an den Germanen" auf meine Grammatikabhandlung, eigentlich nur, um zu testen, wie Hinni wohl reagiert. Leider lies sein Humor zu wünschen übrig, und er war seeeeeeeeehhhhrrr enttäuscht, dass ich, die er bis dahin zu seinen Musterschülern zählte, seine geheiligte lateinische Sprache so respektlos behandelte. Ok, einmal bei ihm unten durch, schrieb ich ein anderes mal auf meine Stillehre "Cave linguae magistrum latinae" was den schönen Spruch "Cave canem" (Hüte Dich vor dem Hund) in "Hüte Dich vor dem Lateinlehrer" umwandelte. In der nächsten Stunde stand mein Spruch in dicken Lettern an der Tafel, Hinni sagte zunächst nichts, und ich sah das Schwert des Unheils schon auf mein Haupt krachen. Dann fragte Hinni die Klasse, ob denn jemand den Spruch an der Tafel übersetzen und grammatikalisch und stilistisch erläutern könnte. Ich wartete immer noch auf das Donnerwetter, aber Hinni war bestens gelaunt. Als dann die anderen den Spruch übersetzt und erklärt hatten und sich fragten, was das ganze sollte, fing er an, mich über den grünen Klee zu loben: "PRAATZ hat uns diesen Spruch beschert, welch intelligente Leistung, grammatikalisch perfekt und sogar ein Hyperbaton (spannungsteigerndes Stilmittel) eingesetzt, ganz toll." Ich kam mir ein bisschen veräppelt vor, aber er meinte es wirklich so, und von diesem Tag an war ich wieder in den Kreis seiner Lieblinge aufgenommen. Die Logik habe ich nie verstanden, aber ich habe auch nie wieder versucht, schlaue lateinische Sprüche zu erfinden.
*** Ora et labora! ***
Der Kreis seiner Lieblinge, auch eine Geschichte für sich. Hinni hatte den Begriff "Gleichbehandlung" offensichtlich noch nie gehört, er machte aus unserer Klasse in kürzester Zeit eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die "Einsergruppe", zu der auch ich mich zählen durfte, war in Hinnis Augen die Elite der Klasse. Das waren die Leute, die überwiegend Einsen bei ihm hatten (wie ja der Name schon sagt). Nun hört sich das sehr nach Strebertum an, aber wenn man der Schmach des "Öffentlich-in-der-Pause-nach-Vokabeln-Fragens" entgehen wollte, wurde man zwangsläufig Mitglied der Einsergruppe. Danach gab es auch nur noch die "Zweiergruppe", in der dann alle waren, die schlechter als eins waren. Witzigerweise auch die Dreier- und Viererkandidaten (schlechter war keiner), aber da für Hinni alles andere als zwei inakzeptabel war und er jeden Schüler mindestens auf jene zwei bringen wollte, ersparte er sich weitere Gruppen. In der Einsergruppe zu sein, bedeutete aber auf keinen Fall Vorteile. Wir mussten z. B., während die Zweiergruppe einen Text übersetzte, denselben Text und noch ein Schnipselchen mit einem lateinischen Absatz extra in der gleichen Zeit übersetzen. Es bekam auch jeder ein individuelles Textschnipselchen, je nach dem, zu welchen Gesicht der ausgewählte, zu übersetzende Satz nach Hinnis Geschmack halt gerade passte. Höchste Auszeichnung war es natürlich auch, wenn wir uns einen freien Nachmittag in der Gothaer Forschungs- und Landesbibliothek mit von Hinni ausgewählten lateinischen Schinken vertreiben durften, während die Zweiergruppe sich ins Fäustchen lachte. Die Krönung war dann eine Stunde, in der Hinni einen kopierten Zeitungsartikel über Martin Luther dabei hatte, allerdings nicht für jeden. "Diesen Artikel erhalten diejenigen, von denen ich glaube, dass sie es einmal im Leben zu etwas bringen, so wie Martin Luther." Offensichtlich glaubte Hinni das auch von mir, denn ich bekam eine Kopie. So ein bisschen Lob hin und wieder ist ja ganz nett, aber Hinni übertrieb es maßlos. Ich schämte mich jedes Mal schon, wenn er seine Lobeshymnen anstimmte, denn beliebter wurden wir dadurch bei der "Zweiergruppe" bestimmt nicht. Irgendwann im Laufe der Jahre regelte sich das Problem allerdings von selbst, da aus der Zweiergruppe am Ende keiner mehr übrig war.
*** Quod licet Iovi, non licet bovi! ***
Aber nicht nur wir Schüler hatten unseren "Spaß" mit Hinni, auch die anderen Lehrer hatten unter ihm zu leiden. Hinni war ein Freund platzsparender Vokabelzettel und Tafelbilder. Jede Lücke wurde bis zum letzten ausgefüllt, was auf einer Kopie schon anstrengend zu lesen ist, an der Tafel aber noch viel interessanter wird. Und dann besaß Hinni auch noch die Frechheit, in die letzte Lücke an der Tafel zu schreiben "Bitte stehen lassen!". Sollten die anderen Lehrer doch sehen, wo sie was anschreiben, und da auch alle Lehrer sehr großen Respekt vor Hinni hatten, kam er damit sogar durch. Allerdings waren die anderen Lehrer sehr genervt, wenn man in ihrem Unterricht die Lateinvokabelzettel nebenbei durchpaukte, um für den Nachmittagsunterricht fit zu sein und den o.g. Peinlichkeiten bei Nichtwissen zu entgehen. Manchmal standen auch Namen von Schülern an der Tafel, als wir in unseren Lateinraum kamen. Das waren dann diejenigen, die es in den Russischstunden am Vormittag gewagt hatten zu schwatzen. Ein moderner öffentlicher Pranger.
*** Omnia vincit amor! ***
Durch diese Anprangermethode verschuldete Hinni allerdings auch zwei Jahre Anhimmelei meinerseits eines Jungen in der Stufe über mir. Eines Tages kam nämlich Hinni in unseren Unterricht und ermahnte den armen Petz: "PETZ! Sie haben heute im Russischunterricht wieder mit Stahli geschwatzt!" Irgendwie fand ich den Namen lustig, schaute im Jahrbuch nach, wie denn wohl ein Junge mit so einem Namen aussieht und fand ihn schon auf dem Foto recht ansehnlich. In natura gefiel er mir dann noch viel besser (irgendwie war er mir vorher nie aufgefallen), und schon war ich hoffnungslos verknallt. Das ging sogar soweit, dass ich wegen diesem Jungen riesigen Zoff mit einer Freundin hatte (Eifersuchtsdrama um nichts) und ihm zum Valentinstag eine anonyme Karte schrieb. Diese Karte war mit schwarzer Schrift auf dunkelblauem Papier geschrieben, die man ins Licht halten musste, um sie überhaupt lesen zu können, und zur Krönung hatte ich das Gedicht auch noch in Englisch verfasst. Später erfuhr ich, dass er mit Englisch auf Kriegsfuß stand. Noch heute stelle ich mir vor, wie er versucht, die Karte mit Taschenlampe und Wörterbuch zu entziffern und sich dabei den Kopf zerbricht, von wem sie überhaupt ist. Er hat es nie erfahren. Und wer war die ganze Geschichte schuld? Hinni! Aber ich schweife vom Thema ab...
*** Fröhlich sein und singen ***
Hinnis Lieblingslied war das schöne "Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus...". Viele werden zumindest die Melodie kennen, sie wurde mal in der Werbung missbraucht, ich glaube für Berentzen Apfelkorn oder so. Unser Schulchor hatte das Liedchen auch im Repertoire, bekam aber direkt nach der ersten Aufführung desselben Ärger mit Hinni: "Die betonen das ja ganz falsch, es heißt iuveneeeeeees mit langem e und nicht iuvenesss mit kurzem e, was für eine Blamage für unsere Schule..." Dem Chor war's egal, aber unsere Lateinklasse musste das Lied im Unterricht so lange üben, bis wir es 100% richtig betonten. Und Hinni zufrieden zu stellen, war nicht einfach.
*** Sexualkunde a la Hinni ***
Irgendwann in der elften Klasse hielt Hinni uns für alt genug, "sexuelle Inhalte" zu verkraften. Wir dachten an wüste Römerorgien und der gleichen in ausführlichen Beschreibungen, was kam waren die Liebesgedichte des Catull, frei nach dem Motto "Lass uns lieben, lass uns küssen..." Schade, keine Orgien, alles völlig harmlos, und den Höhepunkt hat mit Catull von uns leider auch niemand erreicht (zumindest hat es keiner öffentlich erzählt *g*). Auch das "ius primae noctis" (Recht der ersten Nacht) erklärte er uns so verklemmt, damit konnte er uns nicht hinterm Ofen vorlocken.
*** Veni,vidi,vici! ***
So gingen die Jahre dahin, und unsere Klasse schrumpfte und schrumpfte. Aus der Stufe über uns hielten ganze zwei Leute bis zum Ende durch und machten die Abiturprüfung zum großen Latinum, in meiner Stufe war es genauso, ich war eine der letzten beiden mutigen (oder verrückten), die sich FREIWILLIG einer 5. Abiturprüfung stellten, und das schriftlich UND mündlich. Schriftlich bestand ich mit 15 Punkten (trotz Zentralabi in Thüringen), und auch mündlich bekam ich 15 Punkte, was Latein zu meinem besten Abiturfach machte. Die Lehrer, die in der mündlichen Prüfung beiwohnten (viele davon einfach nur aus Neugier, wie Hinni uns durch die Mangel nimmt), waren hinterher sprachlos über unser Wissen. Wir mussten zunächst einen kurzen Text vorbereiten, die Übersetzung dann vortragen und natürlich grammatikalisch und stilistisch erläutern. Danach kamen Fragen zur römischen Geschichte, zu den großen philosophischen Lehren Stoa und Epikureismus und zu lateinischen Redewendungen. Hört sich schlimm an, war aber nach 4 Jahren Unterricht bei Hinni ein Kinderspiel. Wir hätten locker in ein höheres Semester eines Lateinstudiums einsteigen können, so gut waren wir vorbereitet.
*** Hinnis erster und letzter Südseeurlaub ***
Vorbereitet hätte Hinni auch auf unseren Abigag sein müssen, denn der war jedes Jahr am letzten Schultag. Wir hatten in der Nacht zuvor das Lehrerzimmer bis auf die Schränke ausgeräumt und in eine Oase verwandelt. Überall war aufgeschütteter Sand aus der Sprunggrube, Plastikpalmen, Liegematten, Schirme und sogar ein Swimmingpool. Ab 6 Uhr morgens saß dann einer von uns mit der Videokamera in der Oase, um die Reaktionen der Lehrer zu testen. Wie erwartet, betrat Hinni als erster die Schule, bekam beim Anblick des Lehrerzimmers einen riesen Schreck, machte empört auf dem Absatz kehrt und knallte die massive Tür dermaßen zu, dass ein Stück absplitterte. Kurz danach kam unser zweiter Direktor, der sich dann die Klagen von Hinni anhören musste: "Wo ist mein Schreibtisch? So kann ich nicht arbeiten. Das kann ja wohl nicht wahr sein, diese Schüler..." Wir hatten in 4 Jahren viel bei ihm gelernt, er aber nicht mal ein bisschen Humor von uns, was wir sehr schade fanden.
*** Verbum domini manet in eternum! ***
Nun ist er tot, doch hatte er ein erfülltes Leben? Er war alleinstehend, keine Frau, keine Kinder, er spendete horrende Summen für Trinkbrunnen etc. an der Arnoldi-Schule (die er unserem Gymnasium immer vorzog), gab wohl auch ein Vermögen für Kopien für die Schüler aus, spendete unserem Lehrerzimmer ein paar Bücher, damit da endlich mal was vernünftiges stand, schrieb ein Buch über die Geschichte der Arnoldi-Schule und veröffentlichte zahlreiche Zeitungsartikel. Er kam morgens als erster in die Schule und verließ sie abends als letzter, und es ist nicht bekannt, ob er Freunde hatte. Man kann sagen, er lebte und er starb für die Schule. Er war mit ganzer Seele Lehrer und ich habe nie einen engagierteren Lehrer als ihn getroffen, dafür bewundere ich ihn, aber gleichzeitig war er eigentlich ein ziemlich armes Würstchen. Wer weiß, wenn er sich selbst gegenüber nicht immer so streng gewesen wäre wie mit uns Schülern, vielleicht wäre er dann noch am Leben, und könnte seinen Ruhestand mit lateinischer Lektüre genießen. Ich hätte es ihm gegönnt.
*** Was ich eigentlich sagen wollte... ***
Puh, lange Rede, kurzer Sinn, ich hoffe, ich habe Euch nicht allzu sehr gelangweilt, aber Hinni hat diesen Nachruf echt verdient, auch wenn ihn nicht viele lesen werden. Diese 4 Jahre bei ihm haben mich nachhaltig geprägt, ich kann noch heute den Anfang von Caesars "De bello gallico" im Schlaf zitieren, kenne jede Menge lateinische Sprüche auswendig, und wenn mich jemand mit "Salvete discipuli discipulaque" grüßen würde, würde ich immer noch reflexartig stramm stehen und "Salve magister" zurückrufen, auch nachts um drei oder im Tiefrausch.
Wem kann ich nun Latein allgemein empfehlen? Ich würde Latein nicht als erste oder zweite Fremdsprache wählen, da Englisch und Französisch, Spanisch oder Italienisch auf jeden Fall sinnvoller sind. Es reicht völlig aus, Latein als dritte Fremdsprache zu nehmen, und dann auch nur, wenn man weiß, dass man es später fürs Studium braucht oder sich sehr für Sprache allgemein, Geschichte und Literatur interessiert. Anderen könnte es sonst schnell langweilig werden. Man sollte auch ein wenig analytische Fähigkeiten mitbringen, da lateinische Texte doch um einiges anspruchsvoller als andere fremdsprachliche Texte sind, da sie vor allem in der Satzkonstruktion einzigartig sind. Ich persönlich würde mich jederzeit wieder für Latein entscheiden, und hoffe, das ich bei einigen Neugier für diese keineswegs tote Sprache geweckt habe, auch wenn der Lehrer nicht Hinni heißen wird.
Valete discipuli discipulaeque!
Tinsche
*** Anhang: Latein für Angeber ***
Hier noch ein paar Sprüche und Catulls berühmtes Kusslied, damit Ihr demnächst Lehrer, Mitschüler oder vielleicht auch Euer Herzblatt beeindrucken könnt *g*
Aequam memento rebus in arduis servare mentem! - Denke daran, in schwierigen Situationen Gelassenheit zu bewahren! Ave, Caesar, morituri te salutant! - Ave, Caesar, die Todgeweihten grüßen Dich! Carpe diem! - Nutze den Tag! (wörtlich: Pflücke den Tag!) Cogito, ergo sum. - Ich denke, also bin ich. De gustibus non est disputandum. - Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Dum spiro, spero. - Solange ich lebe, hoffe ich. Errare humanum est. - Irren ist menschlich. Festina lente ! - Eile mit Weile! In dubio pro reo. - Im Zweifel für den Angeklagten. Adiutur et altera pars. - Auch die andere Seite möge gehört werden. Manus manum lavat. - Eine Hand wäscht die andere. Nomen est omen. - Name ist Vorbestimmung. Omnia vincit amor. - Liebe besiegt alles. Ora et labora. - Bete und arbeite. Qualis rex, talis grex. - Wie der Herr, so's Gescherr. Quod erat demonstrandum - Was zu beweisen war Quod licet Iovi, non licet bovi. - Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh noch lange nicht erlaubt. Repetitio est mater studiorum. - Wiederholung ist die Mutter der Studien. Sic transit gloria mundi. - So vergeht der Ruhm der Welt. Summa summarum - alles in allem Urbi et orbi - der Stadt und dem Erdkreis (Segen des Papstes) Veni, vidi, vici. - Ich kam, sah und siegte. Verbum domini manet in eternum. - Das Wort des Herrn bleibet in Ewigkeit.
Carmen 5 (Kusslied) von Catull
Vivamus, mea Lesbia, atque amemus rumoresque senum severiorum omnes unius aestimemus assis! Soles occidere et redire possunt: Nobis cum semel occidit brevis lux, nox est perpetua una dormienda. Da mi basia mille, deinde centum, dein mille altera, dein secunda centum, deinde usque altera mille, deinde centum. Dein, cum milia multa fecerimus, conturbabimus illa, ne sciamus aut ne quis malus invidere possit, cum tantum sciat esse basiorum.
Lass uns, Lesbia, leben, lass uns lieben und für alles Gezeter strenger Greise lass uns nicht einen einz´gen Heller geben! Sonnen sinken und können wiederkehren: doch wenn unseres Lebens kurzes Licht losch, deckt die ewige, eine Nacht uns Schläfer Gib mir tausend und aber hundert Küsse, dann noch tausend und nochmals hundert Küsse, noch ein Tausend und wieder hundert Küsse! Wenn vieltausend von Küssen dann beisammen, flugs vergessen, getilgt die Summe, dass ja keiner scheel sie besähe und uns schade, wenn er sämtlicher Küsse Zahl gefunden!
Pro: Grundlage für andere romanische Sprachen, Latinum, Latein KANN auch Spaß machen ... Kontra: am Anfang dröge
Übersetzung? Na klar: Triebwagen nach Kaltenkirchen!
Diese Anekdote gehört sicherlich zu den unwichtigeren Dingen, die klein siveritas aus dem Lateinunterricht mitgenommen hat.
Ich habe dieses Fach immerhin 7 Jahre genossen (7.-13. Klasse) und im St ...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
Pro: interessant, für manche Studien wichtig Kontra: trocken, hartes Lernfach, tot
Prolog
0-0-0-0
Liebe Community. Selten hat mich ein Thema so in Entsetzen gestürzt wie dieses. Weswegen habe ich wohl Stunden gelernt...naja...mindestens 3 oder 4? Für Englisch? – Niemals. Sondern für eine Sprache, die eigentlich gemeinhin als tote Sp ...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
Ich bin in der glücklichen Lage, den Latein-Grundkurs sowohl aus der Schüler- als auch aus der Lehrerperspektive beurteilen zu können. Denn anders als meine Fachkollegen hatte ich zu meiner Schulzeit keinen Latein-Leistungskurs, und anders, als die vielen ...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
Liebe Leute, dieser Bericht ist etwas älter und wurde von mir überarbeitet, um die Namen durch Kürzel zu ersetzen, da mir eingefallen ist, daß es meinen damaligen Mitschülern, so sie hiervon wissen, sicher nicht recht wäre, ihre vollständigen Namen hier z ...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
...Geschichte GK geht mit Latein Hand in Hand
Auch der Geschichte GK geht, Sie werden es gar nicht glauben, verhältnismäßig fließend mit dem historischen Teil des Latein Kurses Hand in Hand.
Es spielt dabei keine Rolle, in was für einer Kombination von LK zu GK oder umgedreht.
Da Geschi ja sowieso ein Pflichtfach an den meisten Schulen ist, möchte ich nicht näher auf das Abwählen eingehen, sondern vielmehr auf die Vielseitigkeit eines Grundkurses in der 12. Klasse eingehen.
Denn erstmals bewegt sich ein Gechichtskurs auch auf anderem Gebiet als Europa, und das auch gleich mit der Amerikanischen Revolution.
Aber das ist nur einer der Punkte der Vielfälltigkeit, die Sie in einem Geschichte Gk erwarten werden. Viel Spaß (ist garantiert)!...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als weniger hilfreich
Pro: nützlich für zukunft Kontra: hohe anforderungen, evtl. gleich LK?
...nach der abiprüfung 1999 wars mir eigentlich endgültig klar, warum hab ich nicht gleich LK genommen, von der schwierigkeit und von den anforderungen her, gabs bei uns an der schule zumindest fast keine unterschiede, im gegenteil manche LK leute behaupteten sogar, das GK abi wär leichter gewesen. wer seine LK´s schon sicher kennt und weiss der ist aber auch mit dem GK gut beraten, ich würde ihn auf jedenfall gk latein vorziehen. später beim studium (fast egal in welche richtung) ist es von imensen vorteil englisch sprechen zu können. einen weiteren vorteil hats zudem auch noch, vor einem monat war ich mit einem freund unterwegs in europa (er hatte 2 jahre gk latein) und er war, ich will nicht sagen komplett unfähig, sich zu artikulieren, aber man erkannte, dass er 2 jahre absolut 0 englisch gesprochen oder gelesen hatte. es dauerte...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als hilfreich
Pro: viel Arbeit ist es nicht Kontra: Stoff etwas schwer
...Zumindest hier bei uns in NRW ist Englisch Pflichtfach in der Oberstufe (und ich denke, dass das für die anderen Bundesländer auch gilt), es sei denn, mann hat noch Französisch bzw. Latein. Zumindest mein Englisch Gk ist sehr schwer, was sicher mit der momentanen Thema "englische Lyrik" zu tun hat. Es fällt mir schwer aus diesen Gedichten oder Sonetten irgendeinen Sinn rauszuholen, zumal dabei ein anderes Englisch benutz wird als heute üblich. Andere Unterrichtsthemen waren zwar leichter, wie zum Beispiel der über englische Schulen. Auch ist Englisch wie fast alle anderen Fächer auch ein Fach, was vom Lehrer abhängt. Es ist durchaus möglich, bei einem Lehrer 5 zu stehen, und bei einem anderen Lehrer mit der selben Leistung 3 zu stehen. Natürlich ist für das Berufsleben Englisch dringend erforderlich, und deshalb sollte man so einen Kurs...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als hilfreich