For some men, nothing is written...
10.10.2001 (18.04.2002)
Pro:
siehe Kontra
Kontra:
siehe Pro
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor
Spannung
Action:
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 sp67
Über sich:
Mitglied seit:20.12.2000
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... unless they write it. ;-) Thomas Edward Lawrence, genannt "Lawrence von Arabien", geboren am 15.8.1888 in Tremadoc (Wales), gestorben am 19.5.1935 in Clouds Hill (Dorsetshire) bei einem Motorradunfall. Im Ersten Weltkrieg organisierte er als britischer Agent und Vertrauter von Feisal I. den Aufstand der Araber gegen die Türken.
Ein Abenteuerfilm? Ein biographischer Film? Ein historischer Film? Ein Kriegsfilm? Ein Antikriegsfilm? "Lawrence of Arabia" ist all das und nichts davon. Im Kern ist dies ein Film, der eine einfache und zugleich unlösbare Frage stellt: Was für ein Mensch mag dieser T.E. Lawrence gewesen sein, dessen Charakterbild schon zu seinen Lebzeiten "von der Parteien Gunst und Haß verwirrt" in der Geschichte schwankte? Erscheint er auf den ersten Blick als genialer und spleeniger britischer Kriegsheld, so enthüllt der Blick unter die Oberfläche einen unglaublich komplexen, vielschichtigen und widersprüchlichen Charakter, dem der Film von David Lean sich zu nähern versucht - was zur Folge hat, daß der Film ebenfalls eine Tiefe und Komplexität erreicht, die weit über den typischen Kriegsfilm hinausgeht. Wer darin nur den Abenteuerfilm sieht, wird zwar fast vier Stunden erstklassiger Unterhaltung finden, aber das Beste versäumen. Es braucht den Blick auf die Zwischentöne, auf die vielen Szenen und Dialoge, die den Abenteuerfilm nur unnötig zu verzögern scheinen, die aber all die Schlüsselhinweise enthalten, mit denen der Film die Figur des "El Aurens" zu enträtseln versucht. Verkompliziert wird dies noch dadurch, daß Themen wie Homosexualität und Sadomasochismus in einem Film, der 1962 ein Massenpublikum erreichen mußte, nur durch Anspielungen angedeutet werden konnten.
Wenn ich jetzt versuche, mich an den Schlüsselszenen dieses Riesenepos entlangzuhangeln und auf solche Anspielungen und Details hinzuweisen, dann verrate ich dabei zwangsläufig auch viel über die Filmhandlung. Wer den Film noch nicht gesehen haben sollte, sei vorweg beruhigt: Lawrence von Arabien gehört zu den Filmen, bei denen der Großteil der Spannung nicht aus der Frage "Was passiert jetzt?" stammt, sondern aus der Frage "*Wie* passiert es?" Außerdem kann man in diesem Mammutwerk durchaus die Übersicht verlieren, wenn man den Handlungsfaden nicht kennt. -------------------------------------------------- Inhalt Teil 1 --------------------------------------------------
"He was the most extraordinary man I ever knew." -- Colonel Harry Brighton Der Film beginnt 1935 mit dem für Lawrence tödlichen Motorradunfall und schwenkt dann auf die St. Paul's Cathedral, in der soeben die Trauerfeier für den Kriegshelden zuende geht. Reporter befragen die herausströmenden Zeitzeugen nach dem Verstorbenen. Der amerikanische Journalist Jackson Bentley, dessen Kriegsberichte Lawrence weltweit bekannt gemacht hatten, bezeichnet Lawrence als "a poet, a scholar and a mighty warrior". Als der Reporter zufrieden kritzelnd abzieht, fügt er leise und sarkastisch hinzu: "He was also the most shameless exhibitionist since Barnum & Bailey."
"It is recognized that you have a funny sense of fun." -- Mr. Dryden Szenen- und Zeitenwechsel: 1917, Hauptquartier der britischen Armee in Kairo. Lieutenant Lawrence (Peter O'Toole), 29 Jahre alt, langweilt sich auf einem Schreibtischposten. Für seine Kameraden ist er ein überdrehter Außenseiter mit masochistischen Neigungen - ein Klassiker ist die Szene, in der er ein Streichholz zwischen seinen Fingern abbrennen läßt: "The trick, William Potter, is not minding that it hurts." Bei Vorgesetzten gilt er als aufsässiger, "unmännlicher" Charakter: "You're the kind of creature I can't stand, Lawrence." (General Murray), und seine Akte beschreibt ihn als "undisciplined, unpunctual, untidy. Several languages. Knowledge of Music, Literature, knowledge of, knowledge of ..."
Als ihm Mr. Dryden, zynischer Diplomat des Arab Bureau, einen Auftrag in der arabischen Wüste offeriert, zögert Lawrence nicht: "Of course I'm the man for the job. What is the job, by the way?" Er soll als Verbindungsoffizier zwischen Briten und Arabern den Fortschritt des arabischen Aufstands gegen die Türken, die Stärke der unter Prinz Feisal kämpfenden Stämme und Feisals langfristige Pläne in Arabien beurteilen. Lawrence ist begeistert: "This is going to be fun." Der alte Dryden warnt ihn: "Lawrence. Only two kinds of creatures get fun in the desert. Bedouins and gods, and you are neither. Take it from me. For ordinary men, it's a burning, fiery furnace." Lawrence hat wieder ein Streichholz zwischen den Fingern, bläst es aber diesmal aus - die masochistischen Spielereien haben ein Ende, auf ihn wartet Größeres.
"My fear is my concern." -- T.E. Lawrence Wechsel zu dem Bild, das diesen Film definiert wie kein zweites: Lawrence reitet auf einem Kamel durch die arabische Wüste. Er beeindruckt seinen Führer Tafas durch die Genügsamkeit, mit der er seine Wasserration genauso diszipliniert einteilt wie der Beduine. Als dieser ihn fragt, ob sein England wohl ein Wüstenland sei, verneint er: "No, it's a fat country, fat people." -- "You are not fat." -- "No. I'm different."
Als die beiden Wasser aus einem Brunnen trinken, erfolgt der vermutlich längste und beste Auftritt, den je eine Filmfigur hatte: Tafas erkennt - lange vor Lawrence - einen Punkt am Horizont, umgeben von einer Staubwolke und dem flimmernden, flackernden Trugbildern der Fata Morgana. Der Punkt scheint endlos langsam näher zu kommen, wird größer, nimmt Konturen eines Reiters an. Lawrence fragt, ob es Türken sein könnten. Der Beduine rennt zu seinem Kamel, nimmt das Gewehr auf, will anlegen und fällt tot um. Augenblicke später hört man einen Schuß. Schließlich hat der Reiter den Brunnen erreicht, es ist Sherif Ali Ibn el Karif (Omar Sharif). Er hat Tafas erschossen, weil dessen Stamm nicht aus den Brunnen seines Stammes trinken darf. Lawrence ist wütend: "Sherif Ali. So long as the Arabs fight tribe against tribe, so long will they be a little people, a silly people, greedy, barbarous, and cruel, as you are." "Damn it Lawrence! Who do you take your orders from?" -- Colonel Brighton
Prinz Feisal (Alec Guinness) hat seinen ersten Auftritt, als er zu Pferd mit gezogenem Säbel gegen türkische Doppeldecker anreitet und verzweifelt versucht, seine fliehenden Truppen aufzuhalten. Colonel Harry Brighton (Anthony Quayle) drängt ihn, seine Soldaten zurückzuziehen und unter britischen Oberbefehl zu stellen, damit sie gegen die moderne, mechanisierte türkische Armee mit ihren Kanonen und Flugzeugen eine Chance bekommen. Feisal wirft ihm vor, daß die Briten sich nur für den Suezkanal interessierten und deshalb die Interessen der arabischen Verbündeten vernachlässigten, andernfalls würden sie versuchen, die türkische Festung an der Meerenge von Aqaba zu erobern und die Araber von dort aus zu versorgen. Obwohl Brighton ihm den klaren Befehl erteilt hat, in Feisals Lager nur zu beobachten und den Mund zu halten, unterstützt Lawrence offen die Ansicht Feisals, daß die Araber mit einem Rückzug ihre militärische Selbständigkeit aufgäben und damit den "nach trostlosen Orten hungernden" Engländern Raum für eine Expansion nach Arabien verschaffen, also nur den türkischen Imperialismus gegen den britischen austauschen würden. Der von früheren Jahrhunderten arabischer Machtentfaltung träumende Feisal stellt resigniert fest, daß ihn nur noch ein Wunder davor bewahren könne, sich den Engländern auszuliefern.
Aqaba. Aqaba from the land. -- T.E. Lawrence Als dem nachts am Fuße einer Sanddüne vor sich hinsinnierenden Lawrence ein Stein von hinten in den Rücken rutscht, faßt er den tollkühnen Plan, die von der Seeseite aus uneinnehmbare türkische Festung Aqaba mit den Arabern von der Landseite her zu überfallen und damit das von Feisal erwünschte Wunder zu bewirken. Trotz der Proteste Brightons und Sherif Alis, die das für den Einfall eines Verrückten halten, gibt Feisal seine Zustimmung. Lawrence und Ali wagen mit 50 Beduinen die von allen für unmöglich gehaltene Durchquerung der Wüste Nefud, bei der Lawrence die Araber durch Dickköpfigkeit und Heldenmut beeindruckt, als er unter Einsatz seines eignene Lebens einen Beduinen vor der Mittagssonne rettet.
Sie können die vor Aqaba lagernden Howeitat unter Auda abu Tayi (Anthony Quinn) überreden, sich ihnen anzuschließen. Um eine Blutrache zwischen den beiden Stämmen zu verhindern, muß Lawrence eigenhändig den von ihm geretteten Beduinen als Mörder exekutieren. Der Überfall auf Aqaba gelingt, die überrumpelten Türken müssen schnell kapitulieren. Die Araber ziehen plündernd durch die Stadt und feiern Lawrence, der inzwischen arabische Gewänder und den Ehrennamen "El Aurens" trägt, als siegreichen Eroberer. Als er mit seinen jugendlichen Dienern den Sinai durchquert, um den Generälen in Kairo vom Fall Aqabas zu berichten, versinkt einer der Diener in Treibsand, aus dem ihn Lawrence nicht mehr retten kann. Sein Erfolg wird vorübergehend durch den Tod des Jungen getrübt, und erschüttert gesteht er General Allenby in Kairo, daß ihm die Exekution des Beduinen vor Aqaba Vergnügen bereitet habe.
Allenby will von solchem Blödsinn nichts hören und befördert ihn zum Major: "I know a good thing when I see one." Lawrence schlägt vor, "seine" Araber in einem Partisanenkrieg gegen die Türken anzuführen: "A thousand Arabs means a thousand knives, delivered anywhere day or night. It means a thousand camels. That means a thousand packs of high explosives and a thousand crack rifles. We can cross Arabia while jolly Turkey is still turning round, and smash his railways. ... In thirteen weeks, I can have Arabia in chaos." Allenby sieht kein Problem darin, den Arabern zu versichern, daß England in Arabien keine eigenen territorialen Interessen verfolge und sagt Lawrence Waffen, Ausbilder, Gold, Panzerwagen und Artillerie zu. Als Lawrence außer Hörweite ist, stellen Allenby und Dryden fest, daß Artillerie nicht in Frage komme, weil man die Araber damit zu unabhängig machen würde.
-------------------------------------------------- Inhalt Teil 2 -------------------------------------------------- "Do you think I'm just anyone? Do you?" -- T.E. Lawrence
Damit ist der erste Teil des Films beendet, und wenn ich mich für den zweiten Teil nicht kürzer fasse, wird das hier die Mutter aller Meinungen. :-) Allerdings muß ich auch bemerken, daß der zweite Teil bei mir immer etwas weniger Begeisterung hervorgerufen hat. Das mag daran liegen, daß die Geschichte jetzt nicht mehr so geradlinig und zielgerichtet zu wie ihm ersten Teil verlaufen scheint - in Wirklichkeit tut sie das schon, aber sie zerfällt dabei in Episoden, die wenig zusammenhängend wirken. Der (in einem auf den US-Markt zielenden Film) unvermeidliche Amerikaner wird eingeführt in Gestalt von Jackson Bentley (Arthur Kennedy I), Reporter des Chicago Courier. Er sucht in Lawrence nicht nur eine gute Story, sondern auch den romantischen, abenteuerlichen Kriegshelden, der die öffentliche Meinung in Amerika ein Stück weit in Richtung Kriegsbegeisterung verrücken kann.
Wir erleben Lawrence, Ali, Auda und Bentley bei einem Überfall auf einen türkischen Zug, Lawrence wird leicht verwundet und kokettiert mit seinem Mythos: "I'm not hurt at all. Didn't you know? They can only kill me with a golden bullet." Während Allenby auf Jerusalem vormarschiert, hat sich Lawrence mit der Einnahme der türkischen Garnisonsstadt Deraa ein neues überehrgeiziges Ziel gesetzt. Ein weiterer Bahnangriff mißlingt, bei dem der zweite seiner jungen Diener schwer verletzt wird. Weil die Türken die Araber als Rebellen betrachten und die Gefangenen grausam foltern, muß Lawrence den Jungen eigenhändig erschießen. "Trust your own people, and let me go back to mine." -- T.E. Lawrence
Während des Winters 1917/18 ist Lawrence' Partisanentruppe ausgedünnt bis auf den engsten Kreis um Sherif Ali, der ihn warnt, noch ein Fehlschlag werde ihn auch den Rest seiner Anhänger kosten. Weil ihm außer Ali niemand folgen will, betritt Lawrence, der inzwischen deutliche Anzeichen von Größenwahn zeigt, als Araber verkleidet die Stadt Deraa, wo er prompt verhaftet wird und dem Garnisonskommandanten (José Ferrer) wegen seiner hellen Haut und seiner blauen Augen auffällt. Als Lawrence die sexuellen Avancen des Kommandanten mit einem Faustschlag beantwortet, läßt dieser ihn brutal auspeitschen; die Szene deutet außerdem eine Vergewaltigung durch die türkischen Soldaten an. Ali holt Lawrence aus der Stadt, der durch die Folter gebrochen scheint und den arabischen Aufstand verlassen will. In Kairo verlangt er von Allenby einen "normalen" Posten für einen "normalen" Mann, zumal ihm nun die Absichten der Briten klar geworden sind, die sich Arabien nach dem Krieg mit den Franzosen teilen wollen. Allenby gelingt es zum zweiten Mal, Lawrence umzudrehen, indem er ihm verspricht, Damaskus nach der Eroberung den Arabern zu überlassen.
"No prisoners!" -- T.E. Lawrence Von bezahlten Mördern als Leibwächtern beschützt, führt Lawrence eine neue Truppe Araber auf Damaskus, als eine Kolonne türkischer Soldaten ihren Weg kreuzt, die zuvor ein arabisches Dorf überfallen und die Einwohner massakriert haben. Statt den Trupp zu umgehen, wie Ali ihm rät, läßt Lawrence die Türken in einem Anfall wahnsinnigen Rachedursts von seinen wütenden Arabern abschlachten. Als der geschockte Reporter Bentley eintrifft und den Anblick kaum begreifen kann, empfängt ihn ein völlig desillusionierter, weinender Ali mit den anklagenden Worten: "Does it surprise you, Mr. Bentley? Surely, you know the Arabs are a barbarous people. Barbarous and cruel. Who but they? Who but they?"
Die arabischen Partisanen erobern Damaskus und verlieren es auch gleich wieder, weil im Augenblick des Sieges die alten Zwistigkeiten zwischen den Stämmen wieder aufbrechen und die Beduinen sich als unfähig erweisen, eine moderne Großstadt wie Damaskus zu leiten. Auda will in die Wüste zurückkehren, während Ali sich entschließt, "Politik zu lernen". Lawrence begreift das Scheitern der arabischen Verwaltung, als er im völlig überfüllten, aber vom Pflegepersonal verlassenen Militärlazarett von Damaskus das Elend der krepierenden Kriegsgefangenen sieht, und bricht in hysterisches Gelächter aus. Allenby, Dryden und Feisal haben in aller Ruhe das Auseinanderfallen des "Arabische Rates" abgewartet und teilen sich nun in einem faulen Kompromiß die Beute. Lawrence erkennt, daß er sich überflüssig gemacht hat und läßt sich widerspruchslos, fast apathisch nach England zurückschicken.
-------------------------------------------------- Lawrence -------------------------------------------------- Weiß man am Ende, wer dieser Lawrence war? Nicht wirklich. Die Antwort auf diese Frage ist wohl eher, daß Lawrence es am Ende selbst nicht mehr weiß.
Ist er am Anfang noch ein gelangweilter, exzentrischer Leutnant, der sich zu Höherem berufen fühlt, und die Einsamkeit der Wüste als Bühne für seinen großen Auftritt vor der Weltgeschichte begrüßt, so wird er im Laufe seines Feldzugs zu einem begeisterten und begeisternden Anführer, wie kein Führungsseminar ihn schöner präsentieren könnte - aber dabei ist von Anfang an auch die Schattenseite dieses begnadeten, charismatischen Feldherrn unübersehbar: Vor Aqaba genießt er die gottgleiche Rolle, Leben zu geben und wieder zu nehmen. Er spielt den neuen Mohammed, der die Araber vereint und zum Sieg führt. In der Sinai spielt er Moses, in Deraa Jesus, kokettiert mit den mythischen Bildern dieser großen Propheten, spielt mit den Bildern von sich, die er in den Köpfen "seiner" Araber vermutet - aber übersieht dabei immer wieder, daß er auch nur ein Mensch ist.
Auf der taktischen Ebene kann Lawrence die anderen beeindrucken und durch seine Erfolge an sich binden: Brighton folgt ihm aus Pflichtgefühl und aus Respekt vor Lawrence' taktischem Genie. Auda folgt ihm aus Berechnung, weil Lawrence' Operationen ehrenvolle Beute versprechen. Ali folgt ihm zunächst widerstrebend, aus Loyalität gegenüber Feisal, dann aus Begeisterung, weil dieser Mann, "für den nichts geschrieben steht, was er nicht selber schreibt", vielleicht wirklich die Araber vereinen und zu neuer Größe führen könnte. Seine beiden Diener Ferraj and Daud hingegen folgen ihm aus kindlicher, völlig unkritischer Bewunderung heraus ("These are not servants. These are worshippers."), die sie mit dem Leben bezahlen. Auf der strategischen Ebene hingegen fehlt ihm schlichtweg der Durchblick; seine Träume, der auserwählte Befreier Arabiens zu werden, gehen an der realpolitischen Lage völlig vorbei und lassen ihn zur Marionette für Allenby, Mr. Dryden und Prinz Feisal werden, die seinen jugendlichen Idealismus durchschauen und ausnutzen.
Seine anfänglichen Erfolge und die Einflüsterungen dieser seiner drei Versucher bestärken ihn in dem Glauben, durch schieres Wollen über alles menschliches Maß hinauswachsen zu können. Er übersieht die Warnung, die ihm der von ihm verschuldete Tod seiner beiden Diener sein könnte, und beginnt selber, an das mythische Bild zu glauben, das die Beduinen sich von ihm machen. So liefert er sich in völliger Überschätzung seiner Möglichkeiten der Mißhandlung durch die türkischen Soldaten aus und wird, verzerrt von Haß, Wut und Rachsucht schließlich zum teuflischen Zerrbild des siegbringenden Anführers, von dem sein treuer Freund und Anhänger Ali nur noch sagen kann: "If I fear him and love him, how must he fear himself who hates himself?" Erst im Staub des überfüllten, gespenstischen Damaszener Lazaretts, inmitten der lebenden Toten, erkennt er das völlige Scheitern seiner utopischen Träume von einem freien Arabien und nimmt die Entscheidung über seine Heimkehr nach England völlig teilnahmslos zur Kenntnis.
Im Gegensatz zu Allenby, der immer vorgibt, nur Befehle zu befolgen und keine eigenen Ziele zu haben ("I've got orders to obey, thank god. Not like that poor devil. He's riding the whirlwind."), macht Fürst Feisal keinen Hehl daraus, daß die Operationen der von Lawrence geführten arabischen Guerilla für ihn nur den Zweck hatten, seine Position gegenüber den Engländern aufzuwerten, und daß die Leidenschaftlichkeit dieses Idealisten ihn für alle gefährlich unberechenbar macht ("Ah yes. But then Aurens is a sword with two edges. We are equally glad to be rid of him, are we not?"). Den Dreien ist im Unterschied zum Träumer Lawrence klar, daß die zerstrittenen Araberstämme nie zu einem gemeinsamen Konsens finden werden und daher England Arabien zu einer de facto Kolonie machen und einen Prinzen Feisal zum Regenten einsetzen wird: "Well, it seems we're to have a British Water Works with an Arab flag on it. Do you think it was worth it?" (Dryden)
Vor diesem Zynismus flieht sogar der trockene, pflichtbesessene Brighton, dem der überdrehte Lawrence zwar auch nie ganz geheuer war, aber der jetzt zum ersten Mal realisiert, wie auch sein Kodex von soldatischem Ehrgefühl von "höherer" Ebene aus mißbraucht worden ist. Von Lawrence bleibt uns das schwankende Bild eines zerrissenen, mit sich selbst unglücklichen Charakters, der seine Einsamkeit und Ausgestoßenheit (in stiller Stunde gesteht er Ali, daß er als unehelicher Sohn eines Lords in England keine große Zukunft zu erwarten habe) mit masochistischen Spielchen, größenwahnsinnigen Träumen und arroganter Mißachtung seiner Grenzen zu ersticken sucht, und im Grunde doch nur eines sein will: "gewöhnlich".
-------------------------------------------------- Filmisches -------------------------------------------------- Der Film ist anstrengend lang, fast vier Stunden, und fordert gehöriges Sitzfleisch. Im Kino wird er üblicherweise von einer Pause zwischen dem ersten und zweiten Teil unterbrochen.
Es ist eine ewige Streitfrage, ob man Kinofilme auch im Fernsehen richtig erleben kann. Im Falle "Lawrence von Arabien" stellt sich diese Frage nicht. Wer den Film nicht in 70 mm Super Panavision gesehen hat, der hat ihn gar nicht gesehen. 1989 wurde der Film komplett restauriert und in Kinos wiederaufgeführt, die bereit waren, extra dafür einen 70-mm-Projektor aufzubauen. Eine solche Erfahrung von Kino, von Brillanz, von Farbkraft habe ich weder vorher noch nachher jemals machen können. Der Oskar für die Kamera ist mehr als verdient; diese Wüste lebt in der Tat auf der Leinwand. Der Film bietet unvergeßliche, geschliffene Dialoge zwischen Pathos und Zynismus und unterstreicht damit die Gratwanderung der Hauptfigur auf der Grenze von Normalität und Mythischem. Wer vielleicht meint, ich hätte zuviele Zitate gebracht, der sei versichert: es ist mir schwer gefallen, mich so einzuschränken. Erst in der Übersicht fällt auf, welche Rolle manche Dialogzeilen spielen, so die dreimal erwähnte Charakterisierung der Araber als "barbarous and cruel", die Lawrence am Anfang gegenüber Ali aus europäischem Hochmut benutzt, die dann Feisal ihm ironisch gebrochen zurückwirft, und die schließlich Ali nach dem Massaker in bitterer Enttäuschung an Lawrence zurückgibt.
Da der Film die Erforschung eines mysteriösen Charakters zum Thema hat, war es absolut folgerichtig, die Titelrolle mit dem auf der Leinwand damals noch unbekannten Peter O'Toole zu besetzen, der beim Publikum keine Erwartungen an einen bestimmten Rollentyp wecken konnte. O'Toole brilliert in seiner Rolle und beherrscht souverän die ganze Palette der Emotionen, die sein "El Aurens" zu durchlaufen hat. Das ihm an die Seite gestellte Ensemble von Weltstars (Guinnes, Quinn, Sharif) und anerkannten Schauspielern (Jack Hawkins, José Ferrer, Anthony Quayle, Claude Rains, Arthur Kennedy I) rundet den Film zum Meisterwerk ab, da die Darsteller auf höchst unterschiedliche Weise in ihren Rollen aufgehe: Während beispielsweise Anthony Quinn und Claude Rains klassisches Typecasting sind und man den Eindruck hat, daß sie ihre Rollen kaum spielen müssen, sondern einfach nur "sind", liefert Alec Guinness in seiner Maske als arabischer Fürst eine Glanzleistung - es ist tatsächlich möglich, ihn nicht zu erkennen.
Nicht in der Besetzungsliste aufgeführt ist der geheime Hauptdarsteller des Films: die Wüste, die der seltsame Lawrence so liebt. -------------------------------------------------- Der Stoff --------------------------------------------------
Bei aller Begeisterung über den Film als darf nicht unerwähnt bleiben, daß dieser mit viel dichterischer Freiheit nur ein weiteres Bild einer fast mythisch gewordenen Figur zeichnet, dem historischen T.E. Lawrence jedoch kaum gerecht werden kann. Lawrence hatte vor dem ersten Weltkrieg Archäologie studiert, in monatelangen Fußmärschen das Heilige Land durchwandert, um die Architektur von Kreuzritterburgen zu erforschen und später an Grabungen am Euphrat mitgearbeitet, wobei er die Arabischkenntnisse erwarb, die ihm im Krieg so von Nutzen sein sollten - und eine kritische Einstellung zu der Einmischung der Europäer in innerarabische Angelegenheiten gewann.
Nach dem im Film erzählten arabischen Abenteuer (die seelischen Folgen der Folterung und Vergewaltigung durch türkische Soldaten in Deraa hat er nie völlig überwunden) hatte er eine wichtige Rolle in Churchill's Mesopotamien-Politik inne, und trat, obwohl er es in der Army bis zum Oberst gebracht hatte, als einfacher Fliegersoldat der Royal Air Force bei. Der humanistisch hochgebildete Lawrence schrieb seine Erinnerungen an den arabischen Feldzug, die unter dem Titel "Die sieben Säulen der Weisheit" ein Welterfolg wurden, sowie ein weniger bekanntes Buch über seine Ausbildung in der Royal Air Force, "The Mint", und führte Briefwechsel u.a. mit Joseph Conrad und George Bernard Shaw.
Durch seine Rolle in Arabien und Mesopotamien hatte Lawrence sich nicht wenige Feinde im britischen Establishment gemacht, die eine Menge Gerüchte über ihn kolportierten, sodaß sein Bild in der Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts immer wieder neu übermalt und verzerrt erschien. Jeremy Wilsons sehr empfehlenswerte Biographie von 1989 versucht, aus einem Berg von Dokumenten, Briefen und Berichten ein Mosaikbild zu gewinnen, das diesem faszinierenden Charakter vielleicht endlich wieder gerecht wird. Wer diese Lebensbeschreibung liest, stellt erstaunt fest, daß es gar keiner filmischen und mythischen Übertreibung bedarf, um Thomas Edward Lawrence zu einer überaus interessanten Persönlichkeit mit fesselnder Lebensgeschichte zu machen.
-------------------------------------------------- Lawrence of Arabia, GB 1962, ca. 220 min. R: David Lean. K (Super Panavision 70 mm): Freddie Young. D. laut www.imbd.de: Peter O'Toole (T.E. Lawrence), Alec Guinness (Prince Feisal), Anthony Quinn (Auda abu Tayi), Jack Hawkins (General Allenby), Omar Sharif (Sherif Ali Ibn El Kharish), José Ferrer (Turkish Bey), Anthony Quayle (Colonel Harry Brighton), Claude Rains (Mr. Dryden), Arthur Kennedy I (Jackson Bentley)
Academy Awards: Best Director, Best Picture, Best Color Cinematography, Best Color Art Direction/Set Decoration, Best Sound, Best Music Score (Maurice Jarre), Best Film Editing. Nominations for Best Actor (Peter O'Toole), Best Supporting Actor (Omar Sharif), Best Screenplay (Robert Bolt) Quellen:
Eintrag in der IMDB: http://german.imdb.com/Title?0056172 Inhaltsangabe des Films: http://www.filmsite.org/lawr.html (noch ausführlicher als meine, noch mehr Zitate :-))
"Lawrence After Arabia" (mit Ralph Fiennes): http://members.tripod.com/~BASKERTON/ADangerousman.html Jeremy Wilson: Lawrence von Arabia (1989; dt. Taschenbuch-Ausgabe erschienen 2001 bei Ullstein, DM 22.-)
Hiermit distanziere ich mich ausdrücklich und in aller Form von allen Inhalten aller Webseiten, auf die durch Links in meinem Text verwiesen wird. Erstveröffentlichung 10.10.2001 auf ciao; Korrekturen 18.4.2002
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09.04.2009 22:39
Meine Mutter liebt den Film.
23.07.2002 00:09
Noch so ein genialer Bericht von Dir, und noch dazu zu einem meiner absoluten Lieblingsfilme seit frühster Jugend :-) Ich weiß nicht, wie oft ich den Film gesehen habe, er hat mich bereits als Kind schwer beeindruckt und vor einigen Jahren habe ich ihn mir im Kino in der neuen, ungeschnittenen und überarbeiteten Version gesehen, was in der Tat aufs Sitzfleisch ging, aber die fehlenden Szenen haben sich gelohnt. Mir hat Dein Bericht sehr gut gefallen! Gruß, Hiimori
28.05.2002 18:36
Grübeln ist beendet - klar, ich hatte bloß übersehen, dass der Lawrence ein Update ist. Gruß Klaus