Dieser Erfahrungsbericht wurde von 55 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Zum Inhalt viel zu schreiben, hieße Sesterzen nach Rom tragen: Brian wird um die Zeitenwende als uneheliches Kind einer jüdischen Mutter in einem Stall in Betlehem geboren, was von Anfang an zu Verwechslungen mit einem Zeitgenossen führt. Im Alter von etwa 30 Jahren erlebt er diesen Mann, der von einem Berg herab zu den Leuten predigt und wird seinen Worten ein Acker, auf dem sie Frucht tragen werden. Während seine Zeitgenossen die Botschaft dieses Mannes wahlweise als leeres Geschwätz, als intellektuelle Stimulans oder als revolutionären Aufruf mißdeuten, wird Brian nachdenklich. Unzufrieden mit der Unterdrückung seines Volkes durch die römischen Besatzer und schockiert durch die Eröffnung seiner Mutter, daß er selber der Sohn eines Römers sei, schließt sich Brian einer von vielen jüdischen Untergrundorganisationen an, um gegen die Okkupanten zu kämpfen, aber diese Organisation entpuppt sich als ohnmächtiger Debattierklub, dessen lächerliche, zwischen Geschäftsordnungsdebatten plazierte Aktionen keinerlei Wirkung zeigen als die, daß Brian schließlich von den Römern verhaftet und zum Tod an Kreuz verurteilt wird. Während er sich von seinen Freunden, seiner Geliebten und seiner Mutter mißverstanden sieht, die seinen Tod je nach Voreingenommenheit für eine politische Demonstration, für das freiwillig gewählte Martyrium des langersehnten Messias oder für den undankbaren Egoismus eines mißratenen Sohnes halten, tröstet ihn ein Leidensgenosse damit, daß man die heitere Seite von Leben und Tod im Auge behalten müsse, um nicht am "Knorpel" der letzen Endes wertlosen, nichtigen, lächerlichen menschlichen Existenz - "a piece of shit" - zu ersticken.
Zur Qualität von Regie und Darstellern möchte ich mich nicht lange auslassen, der Film ist als tempo- und einfallsreiche Komödie angelegt und inszeniert und löst auf dieser Ebene seinen Anspruch voll und ganz ein; der Humor umfaßt alle Facetten vom feinsinnigen Bonmot und boshaften Parodie historisch-religiöser Klischees bis zum derbsten Kalauer und zur gröbsten Albernheit, wobei ich die Originalfassung nicht kenne und nur aufgrund der - vermutlich wie üblich zweifelhaften - deutschen Fassung urteilen muß. Die schauspielerischen Qualitäten zu beurteilen fällt mir etwas schwerer, da die Monty Python-Truppe - wie üblich - solch ein Feuerwerk von Maskeraden und Blödeleien abschießt, daß die anspruchsvolleren Leistungen daneben - wie üblich - schwer zu bemerken sind.
Haben wir nicht alle bezeiten schon einmal "Jehova" gesagt? Haben nicht auch wir schon einmal gefordert, irgendeinen "Purschen zu Poden" zu werfen? Habe nicht auch ich dereinst die Leute bei den ASta-Wahlen mit einem "Jeder nur ein Kreuz!" in die Kabine geschickt? So werde ich von meinem Lieblingsgag - John Cleese als lateinunterrichtenden Zenturio ("Romanes eunt domus???") - schweigen, und lieber auf die beiden ernsten Rollen des Films verweisen:
Da ist Sue Jones-Davies als Judith, Brians Geliebte und "erste Jüngerin", die ihn zwar nie richtig begreift, aber doch (oder: und deshalb?) von ihm so begeistert ist, daß man sich vorstellen kann, wie sie drei Tage nach seiner Hinrichtung verkünden wird, sein leeres Grab gesehen zu haben. Die Figur, die sie inmitten dieses Klamauks und Irrsinns gibt, ist bewegend in ihrer Begeisterung, ihrem Glauben - und ihrem Irrtum. Sie sieht in Brian nicht Brian, sondern den Mann, den sie ihr ganzes Leben lang in einem Mann sehen wollte, und diese Verblendung kann alle gegenseitige Liebe der beiden nicht beseitigen.
Graham Chapman spielt Brian, den von allen mißverstandenen Juden, der an der Sinnlosigkeit einer irren Welt voller Dummheit, Haß, Gewalt, Lüge und Egoismus verzweifelt und lediglich ein Stückchen Wahrheit sucht, was ihm letztlich zum Verhängnis wird - das ist eine klassische Trägödienrolle, vielleicht inspiriert von Woody Allens Boris Grushenko, der leise weinende Clown inmitten einer Kakophonie von brüllenden Verrückten und kreischenden Narren, den niemand versteht - außer vielleicht dem Zuschauer.
Das Spiegelbild - nicht Zerrbild! - des Jesus von Nazareth scheint in Chapmans Brian nicht nur durch, wenn er vor den unterhaltungsgeilen Gaffern landet und hilflos versucht, ein paar sinnvolle Gedanken zusammenzustammeln - "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!" ist dem verrückten Volk nicht sensationell genug, aber das Verlieren einer Sandale ist es -, sondern auch, wenn er seiner Mutter auf die Entdeckung seiner väterlichen Abstammung (Zugehörigkeit zum Judentum wird über die Mutter definiert, nicht über den Vater!) entgegenschreit: "Ich bin ein Jude, Mama, eine Hakennase, ein Rotes-Meer-Jogger!" - Was wie ein alberner, sogar antisemitisch angehauchter Joke erscheint, ist bei genauem Hinhören der Protest des Juden Jesus, in dessen Namen seine Glaubensgenossen jahrhundertelang von "Christen" verfolgt und ermordet wurden.
Die Verzweiflung des gekreuzigten Brian stellt, wenn man darüber nachdenken *will*, auch die Frage, ob es dem Nazarener wohl recht ist, daß er seit fast zwei Jahrtausenden zur Ikone verklärt immer noch da hängen muß, wo römische Folterjustiz ihn einstens hingenagelt hat. (Auf diesen Aspekt wies uns seinerzeit unser Religionslehrer hin, von dem ich heute noch nicht weiß, ob er zugestimmt hätte, den Film zu sehen, wenn er ihn vorher gekannt hätte. :-)) Brian ist eine komisch verpackte, aber radikal weitergedachte - nein: zurückgedachte Variante des Ecce Homo: Das ist kein kitschig verklärter Halbgott, der hier leidet, sondern ein Mensch.
Und zu der Beliebigkeit, mit der Brian von allen seinen Mitmenschen und "Anhängern" für jeden nur denkbaren Zweck instrumentalisiert wird, ohne irgendeinen sinnvollen Bezug auf seine eigenen Gedanken, Gefühle, Ideen und Absichten, erübrigt sich wohl jeder Kommentar.
Auf seine ganz bescheidene Weise vollzieht Brian, ganz für sich und ohne erkennbare Wirkung auf die Umwelt, eine enorme geistige Entwicklung und erklärt damit vieles am Phänomen des Christentums: Eine Suche nach Wahrheit ist innerhalb eines geschlossenen kulturellen Bezugssystems (dessen Gedankengebäude eben wegen ihrer Abgeschlossenheit immer auf der Lüge des "Es ist so" ruhen) unmöglich und kann immer nur als Provokation dieses System erfolgen. Die Überlieferungen von Sokrates, Jesus, Marx, Freud, Gandhi etc. faszinierten und faszinieren nicht wegen ihres "Wahrheitgehaltes" (viele ihrer überlieferten Aussagen sind schlichtweg falsch), sondern wegen des daraussprechenden Mutes zur Provokation, zur Suche nicht nach "dem", sondern nach "einem" neuen Weg, nicht wegen ihrer Schlußfolgerungen, sondern wegen ihrer Fähigkeit, zu sehen und Zusammenhänge zu erkennen, die ihren Zeitgenossen verdeckt waren und blieben. Das ist die Größe dieser Figuren, und das ist auch die Größe des armen Brian.
Ihrer aller Tragik und Scheitern beruhen darauf, daß die von ihnen "Überzeugten", "Erleuchteten" und "Bekehrten" selber nicht über die Größe und den Mut ihrer Vorbilder verfügen, mit der Wahrheit des Nichtseins von Wahrheit nicht leben können/wollen und sich deshalb darauf beschränken, die von diesen gestellten Fragen auf die penibel dazusortierten Antworten zu reduzieren und somit den Suchenden zum Dogmatiker pervertieren. ("Er hat uns ein Zeichen gegeben, folgt der Sandale!") Und da der Drang zum Einreihen in die Herde übermächtig ist, führt selbst die Herausbildung andere Sichtweisen nicht zur individuellen Entwicklung der Betroffenen, sondern höchstens zum Schisma ("Nein, folgt der Flasche!") und zur Brandmarkung von Ketzertum ("Er leugnet die Göttlichkeit des Messias! Steinigt ihn!"). Gab es je in einem Kino eine genialere Szene, einen treffenderen Kommentar zur conditio humana zu sehen als den verzweifelten Versuch Brians, sich vor der blökenden Herde verständlich zu machen: "Ihr seid doch alle Individuen!" - "Jaaa, wir sind alle Individuen!!!" - Four legs gooood, two legs baaaad.
Ob der Film solche Gedanken einem nennenswerten Prozentsatz des Publikums vermitteln kann, diese Frage verfolgen wir lieber nicht weiter. Tatsache ist, daß er sie meisterhaft in das Mimikry der albernen Slapstick-Komödie verpackt hat und daß eine erschöpfende Analyse seiner Themen und Aussagen vermutlich unmöglich ist. "Life of Brian" ist bei allem, was an der Oberfläche nach Blasphemie und Lästerung ausschauen mag, einer der christlichsten Filme, die ich kenne und schlägt darin jede Evangelienverfilmung um Längen.
Außerdem hat er den Schlußsong "Always look on the bright side of life" zu einem Hit befördert, den vermutlich Tausende mitpfeifen, ohne auch nur einmal auf den Inhalt geachtet zu haben, und allein das ist bereits ein welthistorisches Verdienst um den Existentialismus. :-)
Life Of Brian, GB 1979, R: Terry Jones; Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin, Sue Jones-Davies.
Der Film läd nch dem unvermeidlichen zweiten Sehen - damit man wirklich einmal alle Witze mitbekommt - dazu ein, ihn wie ein ernstes Stück Lioetratur zu interpretieren. Das ist Dir hervorragend gelungen. Insofern blieb nur eine Bewertung. Herzlichen Glückwunsch zu diesem überaus gelungenem Stück Text.
Lieber Steffen, ich frage mich gerade, wie mir dieses Meisterwerk von Beitrag bis dato verborgen bleiben konnte! Und das, obwohl ich auch noch Monty-Python-Fan bin! :-))) Das ist die beste Rezension zu diesem Film, die ich hier gelesen habe. Ich habe schon einige hier gelesen, aber keine war so "messerscharf" wie Deine - einige Rezensenten hatten den Film gar nicht einmal verstanden. Viele Leute schwafeln ohnehin oft von "Blasphemie", wenn sie "Life of Brian ansprechen. Vielleicht stecken sie in einer Art Korsett (ein aus kirchlichen "Lehren" geprägtes), was dazu führt, dass sie nicht sehen (können oder wollen), worum es in dem Film wirklich geht. Die sollten alle mal diesen Beitrag hier lesen! ;-) Der kommt auf alle Fälle in meine Favoriten. Liebe Grüße, Almut
22.05.2011 11:08
Sehr, sehr gut.
02.07.2005 16:04
Der Film läd nch dem unvermeidlichen zweiten Sehen - damit man wirklich einmal alle Witze mitbekommt - dazu ein, ihn wie ein ernstes Stück Lioetratur zu interpretieren. Das ist Dir hervorragend gelungen. Insofern blieb nur eine Bewertung. Herzlichen Glückwunsch zu diesem überaus gelungenem Stück Text.
20.06.2005 10:35
Lieber Steffen, ich frage mich gerade, wie mir dieses Meisterwerk von Beitrag bis dato verborgen bleiben konnte! Und das, obwohl ich auch noch Monty-Python-Fan bin! :-))) Das ist die beste Rezension zu diesem Film, die ich hier gelesen habe. Ich habe schon einige hier gelesen, aber keine war so "messerscharf" wie Deine - einige Rezensenten hatten den Film gar nicht einmal verstanden. Viele Leute schwafeln ohnehin oft von "Blasphemie", wenn sie "Life of Brian ansprechen. Vielleicht stecken sie in einer Art Korsett (ein aus kirchlichen "Lehren" geprägtes), was dazu führt, dass sie nicht sehen (können oder wollen), worum es in dem Film wirklich geht. Die sollten alle mal diesen Beitrag hier lesen! ;-) Der kommt auf alle Fälle in meine Favoriten. Liebe Grüße, Almut