Leben mit ADS/ADHS

Leben mit ADS/ADHS

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... Die Therapiezeit beträgt 2 ½ Jahre und unterstützt die Kinder bei Aufgaben in Ihrem klassischen Lebensalltag. Sie lernen sich selbst besser wahrzunehmen, Methoden und Tricks sich abzustoppen, wenn Sie einmal wieder Gefahr laufen über das Ziel hinaus zu schießen. In kleinen Gruppen lernen Sie ... Bericht lesen





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Mein besonderes Kind
Erfahrungsbericht von Texterbude über Leben mit ADS/ADHS
15.11.2009


Produktbewertung des Autors:   


Pro: besonders, liebevoll, einzigartig
Kontra: Hife muss man sich erkämpfen

Empfehlenswert? nein 

Kompletter Erfahrungsbericht

Die Besonderheit

Als mein Sohn drei Jahre alt war, waren wir zu Besuch bei meinem besten Freund und seiner Partnerin. Diese hatte einen Sohn mit in die Beziehung gebracht, der drei Jahre älter als mein Sohn ist. Beide spielten ausgelassen zusammen. Irgendwann nahm Conny mich beiseite uns sagte: „Ich glaube, dein Sohn hat ADHS. Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom, das ganze gepaart mit Hyperaktivität!“

Bei Ihrem Sohn wurde diese Besonderheit etwa ein Jahr zuvor festgestellt. Sie berichtete mir über die bisherige Kindheit Ihres Sohnes, und tatsächlich, es gab sehr viele Parallelen. Sie drückte mir zum Abschied ein Buch in die Hand: „Lies dir das mal durch, ich glaube, dann verstehst du Vieles besser.“

Ich las, alles was ich über dieses Thema in die Finger bekommen konnte und machte mir mein eigenes Bild über ADHS und seine Auswirkungen. Ich kann natürlich nur für mein Kind sprechen und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, bevor wir den langen Weg bis zur Diagnose gingen und was uns wirklich geholfen hat.

die ersten Jahre

Mein Sohn war ein liebes Baby. Er war aufgeweckt, freundlich, selten nörgelig und kein Schreikind. Nur stellten wir schon sehr früh fest, dass er nicht so viel schlief, wie es Kinder seines Alters tun sollten. Er lag lieber mit offenen Augen da und wollte am liebsten den ganzen Tag beschäftigt werden.

Er saß mit vier Monaten und lief mit zehn Monaten, als hätte er es besonders eilig seine Welt zu erkunden. Seinen Laufstall hat er gehasst. Selbst wenn ich im gleichen Raum war zog er sich nur am Gitter hoch und weinte so lang, bis ich Ihn herausholte. Anders, wenn ich mit Ihm spielte. So lang sich Irgendjemand mit Ihm befasste und spielte, war er ruhig und ein richtiger kleiner Strahlemann. Nur das Alleinsein mochte er gar nicht.

Besonders das abendliche zu Bett bringen gestaltete sich oft schwierig, er wollte einfach nicht einschlafen. Er konnte stundenlang zuhören, wenn man Ihm Geschichten vorlas, aber er wurde dabei nicht müde. So passierte es nicht selten, dass ich einschlief und mein Sohn putzmunter neben mir lag. Also lies ich irgendwann die guten Ratschläge über Schlafzeiten gute Ratschläge sein und brachte Ihn erst dann ins Bett, wenn ich sah, dass er müde wurde. So blieb er teilweise bis neun Uhr auf, dann brachte ich Ihn zu Bett und las eine kleine Geschichte vor. Halb Zehn schlief er fest und glücklich die ganze Nacht durch. Morgens war er dann putzmunter, brauchte keine Anlaufzeiten, sondern konnte sofort wieder „die Welt erobern“.

Mit einem Jahr ging er dann in die Kinderkrippe. Den ganzen Tag Kinder um sich herum war für Ihn genau das Richtige. Aber auch hier stellten die Krippenerzieherinnen schnell fest: solange er Jemanden zum spielen hatte, war Vincent das zufriedenste Kind auf der Welt, nur sich allein beschäftigen mochte er gar nicht. Mittagsschlaf war auch so ein Problem. Man hatte immer den Eindruck, er hat Angst etwas zu verpassen. Deshalb wollte er auch nicht schlafen. Nur wenn er richtig kaputt war, oder ich mit Ihm Auto fuhr, schlief er von Jetzt auf Gleich ein. In dem einen Moment plapperte er noch rum, im nächsten Moment fielen Ihm die Augen einfach zu.

Das Sprechen war auch so etwas: Da er bereits mit einem Jahr sicher laufen konnte, kam er auch überall hin. So musste er niemanden rufen, er kam uns einfach nach. Wenn er etwas haben wollte, zeigte er drauf, wenn ihm etwas nicht gefiel, drehte er sich weg und suchte sich etwas Neues zum spielen. So sagte er erst im 1 ½ Jahren sein erstes Wort, aber als er die Macht der Worte plötzlich für sich entdeckte, hörte er nicht wieder auf. Bereits zwei Monate später sprach er ganze Sätze, mit zwei Jahren verblüffte er eine ganze Flugzeugcrew mit seinem Wissen über Tiere – nicht Gaggag oder Muh, sondern Ente, Gans, Bison, Fuchs und co.

Was er mit Ausdruck und Sprache beherrschte, kam bei der Motorik zu kurz. Blaue Flecken überall an den Beinen und Armen – er stolperte im wahrsten Sinne über sich selbst, weil er nicht schaute, wo er hinlief. Er kletterte überall hoch, wenn er runter fiel, kein Weinen, sondern der nächste Versuch. Er konnte und wollte nicht still sitzen, er brauchte immer irgendeine Beschäftigung, hatte einen schier unerschöpflichen Bewegungsdrang. Bei seinem Tagespensum sollte man meinen, er fiel abends todmüde ins Bett. Aber auch das war nicht der Fall.

Die Feinmotorik war noch viel schlimmer. Er hasste es zu basteln, auszuschneiden, zu malen. Ich bekam immer Gartenzaunbilder geschenkt – so hatten wir die Strichlandschaften irgendwann getauft. Mit fünf Jahren war der Entwicklungsrückstand der Motorik deutlich zu sehen, wenn man die Ergebnisse der anderen Kinder betrachtete. Aber die Kommunikation war perfekt, seine damalige Kindergärtnerin sagte einmal zu mir: „Gegen Vincent kommt man nicht an, der redet auch uns in jede Ecke.“

Das letzte Kindergartenjahr war angebrochen. Um Vincent zu mindestens motorisch weiter zu bringen, begannen wir mit einer Ergotherapie, die wir das gesamte Vorschuljahr durchzogen. Als wir kurzfristig umziehen mussten, kam Vincent in einen neuen Kindergarten. Hier wurde die Ergotherapie sogar im Haus angeboten, und die Kinder bekamen eine richtige Vorschule.

So toll der Kindergarten und die Erzieher waren, so schwer fiel es Vincent sich einzugewöhnen. Vorher war er der Anführer gewesen, zusammen mit seinem besten Kumpel. Jetzt musste er sich einordnen, was ihm nicht gefiel. Noch schlimmer: die Kinder seiner neuen Gruppe lachten Ihn aus, weil er nicht gut basteln konnte, weil er nicht still sitzen konnte und waren genervt, wenn er mal wieder nicht den Mund hielt.

Die Diagnose

Es wurde Zeit, die Diagnose stellen zu lassen. Zum Glück haben wir in unserer Stadt eine spezialisierte Kinderärztin. Dort holten wir uns einen Termin. Sie erklärte mir den Wertegang der Diagnose, denn AD(H)S ist nicht wie zum Beispiel eine Schilddrüsenerkrankung anhand von Blutwerten feststellbar, sondern kann nur durch ein Ausschlussverfahren bestätigt werden.

Wir stimmten den Tests zu und meinem Sohn wurde Blut abgenommen. Alle Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen wurden ausgeschlossen, so dass nach zwei Wochen das Ergebnis fest stand. ADHS, die Besonderheit, die wir jahrelang vermuteten.

Diese Diagnose wurde schon allein in der Familie nicht ohne Veto angenommen. Gerade der älteren Generation fiel es schwer zu akzeptieren, dass mein Sohn ADHS hat. Es hat mich viele Anstrengungen gekostet, um den „Makel“ zu erklären und aufzuklären. ADHS ist keine Krankheit, kein Makel, sondern eine Besonderheit der Neurotransmitterfunktion.

Was ist ADHS

Das menschliche Gehirn funktioniert auf eine wunderbare Weise und ist mittlerweile weitestgehend erforscht. Zum Beispiel wissen wir heute welcher Teil des Gehirns mit welchen Funktionen betraut ist, wo unser Sprachzentrum sitzt, wo die vielfältigen Informationen tagtäglich verarbeitet werden, welcher Teil unsere Bewegung steuert.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Besonderheit ADHS entdeckt. Warum keine Erkrankung, nun bei ADS’ lern funktioniert der Transport der Informationen anders, als bei uns. Ganz speziell ist die Arbeitsweise der Neurotransmitter betroffen, so dass der Informationsfluss beeinträchtigt ist. Früher ist man davon ausgegangen, dass eine falsche Erziehung für die Dysregulierung im Gehirn verantwortlich wäre, was auf Grund heutiger Ergebnisse widerlegt werden kann.

Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Eltern vor Lehrer oder Erzieher zitiert wurden, weil Ihre Kinder den Unterricht gestört hatten, einfach aufstanden, sich nicht konzentrieren konnten und dadurch störten, wird mir die Auswirkung der Forschungsergebnisse so richtig bewusst. Wurde damals den Eltern falsche Erziehung vorgeworfen, so sind heute zumindest die aufgeklärten Lehrer und Erzieher in der Lage, die Unterschiede zu bemerken, und die Eltern und Kinder zu unterstützen.

Ein besonderes Buch hat mir und meinem Sohn geholfen einfach und verständlich diese Funktionsstörung zu beschreiben, es ist „Wenn ich doch nur aufmerksam sein könnte!“ von Felix Dietz. Felix ist 14 Jahre alt, als er das Buch schreibt. Felix ist ADHS’ler.

Der Informationstransport erfolgt über Nervenbahnen, Felix beschreibt sie als Straßen und diese Straßen haben auch Kreuzungen, dass sind die Synapsen. Allerdings stehen die Kreuzungen unter „Wasser“, so dass die Informationen nicht einfach so über die Kreuzung kommen, sondern ein Boot brauchen. Diese Boote bezeichnet man als Neurotransmitter, im speziellen sorgt Dopamin für den reibungslosen Transport der Informationen über den Synapsenspalt zur nächsten Nervenbahn.

ADS’ler haben zu wenig Dopamin. So gelangen zu wenige Informationen im vollen Umfang an die Stelle des Gehirns, wo sie benötigt werden. Zudem baut sich das Dopamin schneller ab. Also „sinken“ Boote im Synapsensee und ein Teil der Informationen geht verloren. Wenn ich also mit Vincent spreche, und sage: Papa möchte morgen Abend gern Pizza essen, kann es durchaus sein, bei Ihm kommt nur Abend und Pizza an. Jetzt ist unser Gehirn in der Lage Lücken mit Erfahrungen zu füllen, dass müssen aber nicht immer die Richtigen sein. So füllt Vincent den Satz wie folgt auf: Heute Abend gibt es Pizza!

die Medikation

Jede Familie, die die Diagnose erhält überlegt den nächsten Schritt – die Medikation. Leider gibt es keine Möglichkeit das Dopamin künstlich nachzubauen und medikamentös zu verabreichen. Es gibt nur eine Wirkstoffkombination, die für einen schnelleren Transport der Informationen sorgen kann, und damit weniger Ausfälle geschehen. Der bekannteste Wirkstoff ist Ritalin. Er wird in verschiedenen Formen verabreicht. Es gibt aber auch weniger bekannte Wirkstoffe, die die gleiche Wirkung erzielen.
Wir haben uns sehr lang mit unserer Kinderärztin unterhalten und die Für und Wieder der Medikation besprochen. Nach dem Gespräch stand für uns fest. Vincent beginnt kurz vor Beginn der Schule mit der Medikation. Wir haben uns dafür entschieden aus zwei Gründen: zum einen kann Vincent dem Unterricht besser folgen, mehr für Ihn wichtige Informationen aufnehmen und damit gute Lernleistungen erzielen, zum anderen wird er nicht als Klassenclown oder Zappelphillip gebrandmarkt.

Wir haben uns für eine Form entschieden, deren Wirkung nach der Schule nachlässt. Wir geben also nur über einen begrenzten Tageszeitraum den Wirkstoff. Am Anfang musste Vincent in der Schule um eine bestimmte Zeit eine halbe Tablette nehmen und im Hort vor den Hausaufgaben, die Wirkungszeit betrug immer etwa 1 ½ Stunden. Heute gibt es eine Form, die die Dosierung selbst steuert, und zeitversetzt den Wirkstoff in den Kreislauf abgibt. So nimmt Vincent eine Kapsel Medikenet retard morgens und die Wirkung hält etwa sechs Stunden, perfekt für die Schulzeit.

Für alle Nicht ADS’ler: Finger weg von den Medikamenten. Was bei Vincent zur Konzentrationssteigerung auf ein normales Level führt, führt bei uns zur Hyperaktivität, Konzentrationssteigerung und letztendlich Abhängigkeit/ Sucht. Die Medikamente fallen nicht umsonst unter das Betäubungsmittelgesetz.

Mein Sohn kann seine Kapsel vergessen und merkt es nicht einmal, ich dann meist schon – und die Lehrer auch, anhand seines Verhaltens. Er zeigt keinerlei Abhängigkeitsmerkmale und es ist nachgewiesen, dass die Medikamente bei ADS’lern/ ADHS’lern nicht zu einem Suchtverhalten führen.

Hilfe

Auswahl der Hobbys:
Bereits im Vorschulalter begannen wir mit Reitunterricht. Dieses Hobby sollte vor allem die Ergotherapiearbeit unterstützen. Die Schulung der Motorik, der Balance und des Gleichgewichts stehen hierbei im Vordergrund. Zudem hatte Vincent schon immer eine Vorliebe für Tiere und das Reiten hat ihm viel Spaß gemacht.

Seit Anfang der zweiten Klasse geht Vincent in einen Karateverein und betreibt diesen Sport noch heute. Zweimal die Woche hat er so die Gelegenheit Gleichgewicht, Konzentration und Feinmotorik auf sportliche Weise zu trainieren. Er wird ob seiner Leistungen anerkannt, was ihm in der Schule selten glückt, und kann sein Können beweisen. Das stärkt sein Selbstbewusstsein, denn er leidet oft an Ausgrenzung, weil er anders ist.

Zu Hause:
Ein fest geregelter Tagesablauf gibt Ihm Sicherheit. So gehören feste Rituale bei uns ganz selbstverständlich dazu. Aufstehen und zu Bett gehen zu vordefinierten Zeiten, feste Essenszeiten und einen definierten Tagesablauf während der Schule und am Wochenende. Feste Termine, die immer wiederkehren, prägen sich sehr gut ein. Feste Aufgaben zu bestimmten Zeitpunkten ebenso. Natürlich auch Spielzeiten, Kuschelzeiten und Zeit zum Reden. Er hat klar definierte Aufgaben, die kontrolliert werden. Versäumen wir die Kontrolle, schläft das to do ganz schnell ein.

Lektüre:
Das ADS Buch von E, Aust- Claus und P.- M. Hammer – Neue Konzentrations- Hilfen für Zappelphilippe und Träumer
Oberstebrink Verlag GmbH
ISBN: 3-9804493-6-X

Wenn ich doch nur aufmerksam sein könnte! Felix Dietz
Bundesverband Aufmerksamkeitsstörung/ Hyperaktivität e.V.
Bezugsadresse: Postfach 60, 91291 Forchheim, www.bv-ah.de

Therapieform:
Wir haben nach langem Kampf einen Platz für Vincent im IZH Chemnitz errungen. Wir haben uns für diese Einrichtung entschieden, um eine komplexe Forderung und Förderung bei Ihm zu erreichen. In dieser Form ist es sonst nur mit Ergotherapeuten, Psychotherapeuten und Schultherapeuten erreichbar. Dort haben wir die Hilfe gebündelt vor Ort. Die Therapiezeit beträgt 2 ½ Jahre und unterstützt die Kinder bei Aufgaben in Ihrem klassischen Lebensalltag. Sie lernen sich selbst besser wahrzunehmen, Methoden und Tricks sich abzustoppen, wenn Sie einmal wieder Gefahr laufen über das Ziel hinaus zu schießen. In kleinen Gruppen lernen Sie gemeinsames Arbeiten und Teamfähigkeit, genauso wie strukturiertes Arbeiten und Aufgabenteilung.

IZH- Vorstellung der website http://www.izh-chemnitz.de/

„Im Juni 1997 wurde das Integrative Zentrum zur Förderung hyperkinetischer Kinder als privater Träger der Jugendhilfe mit einer Spezialisierung für ADHS gegründet. Das Team des IZH kann auf 10 erfolgreiche Jahre bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien zurückblicken. Mittlerweile besteht mit 23 Jugendämtern der Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Kureinrichtungen, Schulen, Beratungsstellen, Pädiatern und Psychotherapeuten eine enge Zusammenarbeit.

Die individuelle Betreuung im IZH fokussiert die Bewältigung der AD(H)S im Alltag. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung und Stärkung der individuellen Fähigkeiten und sozialen Ressourcen Betroffener und ihrer Bezugspersonen.
Vor dem Hintergrund individueller Problemlagen werden speziell auf das Kind/den Jugendlichen zugeschnittene Schwerpunkte entwickelt, die den Rahmen der anschließenden Förderung bilden. Diese zielen u. a. auf die Regulation der Verhaltensauffälligkeiten und eine Verbesserung der Interaktionsbedingungen in den sozialen Systemen (z. B. Elternhaus, Schule) ab. Sie werden in einem multimodalen Förderkonzept umgesetzt.“

IZH Chemnitz
Ebertstraße 10
09126 Chemnitz

IZH Merseburg
Weiße Mauer 28
0621 Merseburg

IZH Meißen
Zaschendorfer Straße 70
01662 Meißen

Vincent hat vor drei Wochen seine Therapie beendet und ist sehr traurig, denn er ist immer mit Begeisterung dorthin gegangen. Auch den Eltern wird geholfen, gemeinsame Gespräche mit anderen Eltern, fachliche Hintergründe, Gespräche mit der Therapeutin – das alles hat uns sehr geholfen Vincents Besonderheit besser zu verstehen.

ein starker kleiner Kerl

Mein Sohn hat keine einfache Kindheit. Sein Wissen und Können kann er nicht immer so umsetzen, wie er es gern möchte. Seine Klassenkameraden mögen Ihn nicht besonders. Er steht oft allein da, und will doch eigentlich nur Beachtung. Er hat sich versucht Freundschaften zu erkaufen, dass dies schief geht, brauche ich nicht erst zu sagen. Aber all diese Erfahrungen haben Ihn stärker gemacht. Er hat einen besten Freund. Er vertraut uns und bespricht mit uns seine Probleme. Er ist sportlich richtig gut und findet in seinem Verein Anerkennung. Er beklagt sich selten, nimmt viele unschöne Erfahrungen hin und lernt daraus. Mein Sohn ist körperlich klein – aber für mich ein emotionaler Riese, mein besonderes Kind!

Vincents Danke an Euch

An unserer Schule fand ein Mittelaltertag statt. An dem Tag wurde im Unterricht nur das alte Rom behandelt. Als ich kurz meine Augen schloss und wieder auf machte, stand ich plötzlich auf einem großen Platz mitten in Rom.

Neugierig lief ich den ganzen Tag durch die Stadt. Dabei sah ich viele große Gebäude, eine riesige Therme, Sportplätze und Büchereien. Plötzlich stand ich vor dem Kolosseum, das ist eine Arena, in der viele Tausend Menschen Platz finden. Dort traf ich einen Jungen in meinem Alter, dessen Sprache ich zum Glück verstand.

Wir redeten eine Weile, bis es langsam dunkel wurde. Ich suchte einen Schlafplatz für die Nacht und hatte Hunger. Da nahm mich Julius mit nach Hause. Er wohnt in einer riesigen Villa am Stadtrand. Dort stellte er mich dem „pater familias“, seinem Großvater vor. Ich schien einen guten Eindruck auf ihn zu machen, und er beschloss, dass ich eine Woche bleiben durfte. Ich erfuhr, dass ich in einer reichen Adelsfamilie gelandet war. Da ich mit meiner Kleidung so auffiel, sagte der „pater familias“, dass er am nächsten Tag mit mir einkaufen geht.

Am zweiten Tag ging es los. Gleich nach dem Frühstück wurde ich in eine Sänfte gesetzt, zusammen mit dem „pater familas“. Wir wurden zum Forum Romanum getragen. Das ist der größte Markt im antiken Rom. Dort kann man alles kaufen. Die Leute schauten mich ziemlich komisch an, weil ich so anders aussah. Wir gingen als erstes zu einem Schneider. Julius Großvater suchte mir einen Stoff aus und dann nahm der Schneider Maß. Es gab keine fertigen Kleidungsstücke, wie bei uns. Es wird alles neu angefertigt – schon komisch.

Ich sollte eine Tunica, einen Mantel und eine Toga bekommen. Die Toga dürfen eigentlich nur römische Bürger tragen, aber der „pater familias“ sagte einfach: du gehörst jetzt zur Familie! Basta! Die Kindertoga ist mit purpurroten Streifen eingefasst, die Erwachsenen haben nur weiße Togas an. Am Nachmittag sollten wir die Sachen abholen.

Dann brauchte ich noch Schuhe, die Römer trugen alle so komische Sandalen. Die bestehen aus einer Sohle und Lederriemen, die man sich dann um sein Bein wickeln muss und verknotet. Der Schumacher war ganz schnell und hat mir die Sandalen gleich mitgegeben. Bezahlt wird nur mit Münzen, auf denen das Bild des Kaisers ist. Die Sandalen haben eine dünne Sohle und man merkt die Steine durch. Zu Hause durften wir nur in der Tunica herumlaufen, aber draußen war die Toga Pflicht. Bis zum Abend spielte ich mit Julius, der den ganzen Tag in der Schule war. Darf ich morgen mit? Fragte ich. Na klar! Sagte Julius, dass gibt bestimmt Spaß.

Nachtrag 20.11.2009

Zuerst möchte ich mich bei allen Lesern bedanken, und ganz besonders bei allen Kommentatoren dieses Berichtes. Ich habe noch sinnvolle Lektüre ergänzt, und das IZH Chemnitz und seine Arbeit kurz vorgestellt. Zweigstellen gibt es auch in Meißen und in Merseburg. Wer in dieser Region Hilfe braucht, findet auch auf der Hompage die kompletten Kontaktdaten.

Ich weiß nicht so genau, wie ich es am besten schreibe, da ich sonst selten um Worte verlegen bin. Ich habe Vincent heute den Beitrag über Ihn und seine Besonderheit vorgelesen. Er hat bis auf wenige Unterbrechungen ganz still zugehört. Dann habe ich Ihm Eure Kommentare vorgelesen und Vincent hat bitterlich geweint. Ich soll mich bei Euch allen in seinem Namen bedanken. Er hat seit langem nicht so viele aufmunternde, Mut machende, schöne und herzliche Worte von scheinbar fremden Menschen gehört. Er hat mich ganz fest umarmt und gebeten weiter zu schreiben, Euch zu erklären, dass es auch schöne Seiten dieser Besonderheit gibt, dass es viele berühmte Menschen gibt, die diese Besonderheit haben. Und er möchte Euch eine Geschichte widmen, die er im Rahmen eines Schulprojektes schreiben muss – es ist ein Tagebuch aus dem „Antiken Rom“. Ich habe die ersten zwei Tage abgetippt und stelle sie hiermit unter +++ein starker kleiner Kerl+++ mit ein.

Danke!

Nachtrag 10.08.2010

Vincent ist seit gestern auf einer neuen Schule! Es war einfach nicht mehr auszuhalten, dass tägliche Mobbing, eine in sich selbst verliebte Klassenlehrerin, die sicher fachlich guten Unterricht gibt, aber von Pädagogik weit entfernt war. Zwei Jahre lang haben wir uns nach unserer Grundschullehrerin zurück gesehnt, im Februar 2010 begann ich den steinigen Weg zu beschreiten, für Vincent eine andere Schule zu finden.

Jetzt fährt Vincent jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Bus. Sein neuer Lehrer macht einen super guten Eindruck. Vincents Stammgruppe besteht aus Schülern der 7. – 9. Klasse und in seiner Klassenstufe gibt es gerade einmal sieben Kinder. Also beste Vorraussetzungen, um individueller auf die Kinder einzugehen. Vincent geht wieder gern zur Schule. Wenn wir noch ein wenig mehr Erfahrung gesammelt haben, werde ich über die neue Schule, die Lernprinzipien, die kinderfreundliche Ausrichtung und die wirklich andere Einstellung der Lehrer berichten.

PS: Vincent hat sich die neuen und alten Kommentare zu dem Bericht durchgelesen und bedankt sich herzlich nochmals für Eure Anteilnahme an seinem Leben, seiner Besonderheit. Wir hoffen beide, dass wir mit diesem Bericht vielen Betroffenen helfen können, die richtigen Schritte zu gehen. Nicht immer sind hyperaktive Auffälligkeiten gleich eine Diagnose für ADHS, nicht immer sind Träumer gleich ADSler – wichtig ist, sich nicht zu scheuen, den Weg zum Arzt zu gehen und sich Hilfe zu suchen.
   
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