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Kaum zu glauben, dass bisher niemand diesen Film hier besprochen hat! Zunächst ein Geständnis: ich bin absoluter Fan des Mannes und insofern vielleicht nicht gerade der objektivste Bewerter. Es gibt keinen Woody Allen Film, der mir jetzt überhaupt nicht gefällt. "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko" (Originaltitel: "Love and Death", was ziemlich viel über die Seppel aussagt, die sich die deutschen Filmtitel ausdenken) jedoch gehört mit Abstand zu meinen Lieblingsfilmen und zumindest auf der Lustigkeitsskala rankt er sogar auf dem allerersten Platz. Der Film bildet ein wenig das Bindeglied zwischen Allens frühen Filmen ("Woody, der Unglücksrabe", "Bananas"), die im wesentlich darauf angelegt waren soviele (oft absurde) Gags wie möglich unterzubringen und seinen folgenden Hauptwerken, die von dem anschliessendem Oskar-gekröntem Film "Der Stadtneurotiker" angeführt werden. 1974 war Woody schon lange nicht mehr nur der Komiker, der auch mal einen Film machen wollte, sondern er hatte bereits einige Erfahrung als Regisseur und auch Drehbuchautor gesammelt, was dem Film zu Gute kommt. Wie man es dem englischen Originaltitel schon anmerkt ist der Film so etwas wie Woody Allens Version von Tolstois und "Krieg und Frieden". Dementsprechend spielt das ganze zu Zeiten der Napoleonschen Belagerung Russlands. Woody spielt Boris Gruschenko, Sohn russischer Grossgrundbesitzer, der im Gegensatz zu seinen vor Männlichkeit strotzenden Brüdern, eher feige ist, den Krieg scheut und statt dessen das Philosophieren und Frauen (vor allem seine Cousine Sonja, gespielt von der wunderbaren Diane Keaton) bevorzugt. Die Handlung jetzt hier im einzelnen nachzuerzählen macht wenig Sinn. Es sei nur gesagt, dass Boris auf absurdeste Art wieder Willen zum Kriegshelden wird (er versteckt sich ein einer Kanone und zerstört als menschliche Kanonenkugel das französische Hauptkommando), sich selbst im Duell verletzt, doch irgendwann die so sehr begehrte Sonja abbekommt, und letztendlich wegen eines Attentatsversuchs an Napoleons hingerichtet wird. Auf dem Wege dahin passieren dermassen viele aberwitzige und zwerchfellerschütternde Dinge, dass man kaum die Möglichkeit hat sich vom Lachen wieder zu erholen. Das schöne ist, dass Allens Humor auf so vielen Ebenen funktioniert. Während schon eine gewisse Literaturkenntnis nötig ist, um zu bemerken, dass ein Dialog zwischen Sonja und Boris im wesentlichen eine Aneinanderreihung von Dostojewski-Titeln ist, kann sich jedes Kind im Vorschulalter über die Slapstickszene totlachen, in der Boris und Sonja versuchen den spanischen Botschafter mit einer Flasche niederzuschlagen.
Während der Film also humoristisch als modernes Pendant zum Marx Brothers Meisterwerk "Duck Soup" (Die Marx Brothers im Krieg) gesehen werden darf (gibt es eine höhere Messlatte?), so bleibt er durchaus kein rein oberflächliches Vergnügen. Allens Spässe mit dem Werk Tolstois und Dostojewskis sind nicht nur Parodie sondern auch Hommage an die grossen russischen Autoren. Nur weil Woody diese Autoren gelesen und verstanden hat kann er so virtuos komisch mit ihrem Werk umgehen. Fast lenkt der übersprühende Witz davon ab, dass "Love and Death" auch wunderbar gefilmt ist und Woody bereits hier seinem grossen Idol Ingmar Bergman in vielen Szenen die Ehre erweist.
All das macht den Film zum einer der rundesten Vergnügen, dass man mit einem Film in knapp 90 Minuten haben kann und wenn Woody Allen im Abspann mit dem Sensenmann zu den Klängen Prokofieffs tanzt, möchte man den Film am liebsten gleich nochmal von vorne sehen.
Da ich selber die DVD-Version des Films noch nicht besitze kann ich keine Aussagen über die Extras etc. machen, denke aber dass der Film allein wegen seiner Klasse auf jeden Fall kaufenswert ist.
01.05.2011 14:16
Mensch, solche kenntnisreichen Würdigungen würde ich hier gern öfter lesen. Es grüßt: der Spassprediger.
27.10.2003 23:41
schöner Beitrag habe dazugelernt!
30.09.2003 19:39
Wobei Woody, der Unglücksrabe noch mehr über die Seppel aussagt. Warum kann man Filmtitel nicht einfach so lassen wie sie sind :-(