Erfahrungsbericht über

Leviathan oder Die beste der Welten - Vierfarb-Faksimile der Handschrift mit einer Transkription, einer Lesefassung und einem editorischen Nachwort / Arno Schmidt

Gesamtbewertung (3): Gesamtbewertung Leviathan oder Die beste der Welten - Vierfarb-Faksimile der Handschrift mit einer Transkription, einer Lesefassung und einem editorischen Nachwort / Arno Schmidt

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Optimaler Einstieg in Arno Schmidts Werk

5  21.09.2002 (12.12.2002)

Pro:
idealer Einstieg in Arno Schmidts Werk  -  fantastisch zu lesen  -  beispielhaftes Buch des besten Nachkriegautors

Kontra:
für Leute, die dem Massengeschmack folgen, ungeeignet

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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sp_66

Über sich:

Mitglied seit:16.09.2002

Erfahrungsberichte:35

Vertrauende:16

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 74 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

UPDATE: Aus aktuellem Anlass (Buch wurde zur 3cent-Kategorie ernannt!) erfolgte eine gründliche Umarbeitung meines frühen Berichts, dabei eine Erweiterung um etwa die Hälfte.

*********

Arno Schmidt wurde 1914 in Hamburg geboren und war von Beginn seiner eigentlichen schriftstellerischen Laufbahn 1946 (seine Juvenilia, entstanden vor und während des Krieges sind zu vernachlässigen) an bis zu seinem Tod 1979 einer der umstrittensten Autoren Deutschlands, der viel Widerspruch hervorrief und sogar wegen Pornographie und Gotteslästerung angeklagt wurde – bis ein Gutachten "bewies", dass seine Bücher (in diesem Fall "Seelandschaft mit Pocahaontas") als Kunst aufzufassen sein...Mehr davon jedoch in meinem Bericht über die Seelandschaft.

Schmidt hatte den Ruf eines grimmigen und menschenscheuen Einzelgängers, der sich vor der Welt versteckte (die letzten Jahrzehnte seines Lebens in Bargfeld, ein kleines Dorf in der Lüneburger Heide, 30km nordöstlich von Celle). Interviews gab er praktisch keine und in seinen Werken präsentierte er meist einzelgängerische, menschenfeindliche und schlecht gelaunte Einzelgänger, die die Welt voller Sarkasmus, Resignation und Überlegenheit betrachten.

Es sind vor allem jedoch Schmidts Werke, die polarisieren: Völlig zu recht gilt er auch als der deutsche James Joyce. (Auch wenn Schmidt persönlich erst spät Joyce gelesen hat, war er vor allem von "Finnegans Wake" fasziniert - eine vielaussagende Tatsache).
Schmidts Geschichten sind oft schwierig zu lesen, die Interpunktion ist sehr gewöhnungsbedürftig (nach der Gewöhnung jedoch: bahnbrechend) und es stellt eine Herausforderung an jeden Menschen dar, seine Gedankengänge nachzuvollziehen.

Insbesondere für Literaturwissenschaftler stellt es wohl zudem ein ganz besonderes Vergnügen dar, die zahlreichen listig versteckten Zitate und Anspielungen aufgrund mühsamer Recherchen zu extrahieren, für den Normalleser wohl eher weniger;-)

Zusammenschlüsse solcher dechiffrierfreudiger selbsternannter Experten führten dann z.B. zur Zeitschrift "Bargfelder Bote", in dem diese Ergebnisse gesammelt werden.


Leviathan:
*********


Zu dem Werk "Leviathan oder die beste der Welten", Arno Schmidts Erstlingswerk, das, soweit ich weiß, 1946 geschrieben wurde, ist folgendes zu sagen:

Schmidt beschreibt darin das Schicksal einer Gruppe deutscher Flüchtlinge, die im Winter 1945 versuchen, einen stillgelegten Zug wieder in Betrieb zu nehmen, um mit ihm in Richtung Westen zu fliehen.

Eindringlich wird die Orientierungslosigkeit der durch den Krieg Entwurzelten geschildert, die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz im Angesicht des verheerenden Krieges. Stets - nicht erst in der Katastrophe am Ende - schwingt die Hoffnungslosigkeit der Menschen angesichts einer zerstörten Welt mit. In Arno Schmidts frühen Werken ein häufiges Thema.

Einige der Flüchtlinge suchen ihren Trost im Glauben (Schmidt selbst ist überzeugter Atheist, was ihm gesellschaftlich während der konservativen Adenauer-Zeit viel Misskredit einbringt), während der Ich-Erzähler sich fatalistisch dem von ihm als "Weltmonster" (Leviathan) wahrgenommenen Universum ergibt.

Schilderungen der äußeren Umstände (Kälte, Elend und Tod) wechseln ab mit existenzphilosophischen Betrachtungen (über das Prinzip des gekrümmten Raums, das Wesen der Welt, die Existenz Gottes).

"...Aber z.B. die Anwendung des Dopplerschen Prinzips (der Messung von Radialgeschwindigkeiten durch Linienverschiebung im Spektrum) ergab, dass die Geschwindigkeiten himmlischer Gebilde mit der Entfernung von uns wachsen, bis an die Grenze der Lichtgeschwindigkeit; eine zunächst völlig grundlos erscheinende Abhängigkeit. Denken Sie sich aber – wieder im 2-Dimensionalen – an eine Kugel eine Tangentialebene gelegt, un die sich auf der Kugeloberfläche annähernd gleichmäßig bewegenden Lichtpunkte auf diese Ebene projiziert, so haben Sie Ähnliches..."

In diesen Exkursen, deren mathematisch-physikalische Genauigkeit zu beurteilen ich nicht in der Lage bin (es erscheint das meiste aber logisch) merkt man Schmidts Faible für das Mathematische. So hat er ja auch lange einen gefälschten Lebenslauf mit sich herum getragen, laut dem er bis 1933 mehrere Semester Mathematik und Astronomie studiert hätte - was aber nachgewiesenerweise nicht den Tatsachen entsprach.
Es ist nur möglich, aber nicht nachgewiesen, dass
Schmidt spasseshalber ein paar Vorlesungen besucht haben könnte.
Ebenso beschäftigte er sich nach dem Krieg eine Zeit lang mit dem Erstellen von Logarithmustafeln, die er eigentlich auch vermarkten wollte.

Die Fahrt des Zuges findet auf einem Viadukt ein Ende, das unvermittelt beschossen wird und jeweils vor und hinter dem Zug einstürzt. Hoch oben, isoliert und ohne Weiterkommen liegt das Eisenbahnwarck mit unseren Hauptpersonen:

"...ich sagte zu Anne : >>Auch hinten eingestürzt. Wir sind allein; mitten und hoch über'm Fluß.<< ..."

Endgültig und trostlos in Ihrer Einsamkeit, mitten in einer schwindenden und der Zerstörung anheim getragenen Welt erscheint nur ein Ausweg möglich: Der gemeinsame Sprung des Ich-Erzählers und seiner Gefährtin.

"Ende
Wir werden in die grobrot bereifte Tür treten. Goldig geschleiert wird die Teufels-WInter-Sonne lauern, weißrosa und ballkalt. Sie wird das Kinn vorschieben und bengelhaft den Mund spitzen, die Hüften zum Schwung heben. Starr werde ich den Arm um sie legen.
Da schlenkere ich das Heft voran: flieg. Fetzen."

Ein bedrückender Schluss, der in dieser sprachlichen Faszination nur von einem Genie wie Arno Schmidt so beschrieben werden konnte.


Stil:
*****


Das beeindruckendste an Arno Schmidt ist ohne Zweifel sein individueller Schreibstil.
Schmidts eigenartige Rechtschreibung und Zeichensetzung, seine unglaublichen Wortschöpfungen und schließlich sein an tatsächlichen oder vermeintlichen psychologischen Erkenntnissen orientierter Stil (Gedankenfetzen und Fragmente der Wirklichkeit) schrecken leider viele Leser ab.

Jedoch sind die Werke Schmidts für alle lesbar, die gewillt sind, sich auf ungewohnte Erzählstrukturen einzulassen. Für das Textverständnis ist es auch keineswegs zwingend, die zahlreichen ungekennzeichneten Zitate zu erkennen und die eingestreuten kryptischen Bemerkungen zu enträtseln. Mir selbst sind etliche Passagen in seinen Werken auch nach mehrmaligem Lesen noch rätselhaft – umso magnetisierender wirken jedoch die restlichen Passagen;-)

Wer sich auf das Ungewohnte einläßt wird umso reicher belohnt, denn Schmidts Beobachtungsgabe und sein scharfer Verstand sind bewundernswert, seine Sprache ist reizvoll und sein Humor bizarr.

Hier noch ein kleiner Leckerbissen aus Leviathan zum Verdeutlichen der "Schmidtschen Sprache:

"...Dämmerung, Dämmerung
Der Schnee stürzt lautlos vorbei; am Türspalt; Milliarden kristallener Wesen, luftgeboren, wassergestorben. (Was für Flocken mag Eisen bilden, wenn es aus der Sonnenatmosphäre auf den rasenden Glutleib niederklatscht : drachig, stachelstarr. - Oder Gold -). - Vorn von der Lok kam rauh (aber klein) der Heizerruf: "Aufpassen! Geht los!" Dampf schoß stoßweise auf; es ruckerte und klapperte..."


Fazit:
*****


Die im "Leviathan" eingeführte Gliederung der Handlung in unverbundene, bruchstückhafte Einzelszenen bewirkt zusammen mit Schmidts unverwechselbarer Sprache eine enorme erzählerische Dichte, die den Leser unweigerlich in Bann zieht.

Arno Schmidt stellt weit entfernt vom konventionellen Einheitsbrei ein Abenteuer für jeden aufgeschlossenen Leser darstellt, auf dass man sich zumindest einmal im Leben einlassen sollte. Einen guten, lesbaren Einstieg bietet hierfür Leviathan.

Im Anschluss daran empfiehlt sich das thematische verwandte Werk "Schwarze Spiegel", das in einer menschenlosen Welt nach dem 3. Weltkrieg spielt (– vielleicht schreib ich dazu auch mal was...).
Im Fischer Verlag sind diese beiden Werke in einem Buch erschienen (ISBN 3596291100); Preis 7,90€


Ebenso empfehlenswert for beginners sind die Werke "Seelandschaft mit Pocahontas" und "Aus dem Leben eines Fauns". Für Einsteiger ungeeignet sind hingegen das Spätwerk Schmidts sowie die "Stürenburg-Kurzgeschichten", da diese zwar aufgrund ihrer erzählerischen Leichtigkeit und vergleichsweisen Harmlosigkeit angenehm zu lesen sind, jedoch keinen adäquaten Einstieg in das eigentliche Schaffen Schmidts bieten.


P.S.Die vielen Lesungen dieses Berichtes von Nichtmitgliedern sind übrigens auf Mitglieder der ASML [Arno-Schmidt-Mailingliste] zurückzuführen, herzlichen Gruß an dieser Stelle;-)

Zu finden unter:
http://www.damaschke.de/as/ASml.ArnoSchmidt.shtml

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Thisbe

Thisbe

25.04.2003 07:55

Guter Bericht

nocturnecf

nocturnecf

10.02.2003 14:30

Hm, der Bericht ist natürlich klasse... aber ich glaube, inhaltlich ist das Buch nicht so mein Ding (zumal ich bei Leviathan eher an die ursprüngliche Bedeutung gedacht habe ^_^°)

altesaege

altesaege

19.12.2002 15:20

hmm...du schreibst nur über Bücher, aber nicht schlecht :-) Mit Leviathan verbinde ich nur eine sehr gute Magic-Spielkarte ;-)

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