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Leviathan oder Die beste der Welten - Vierfarb-Faksimile der Handschrift mit einer Transkription, einer Lesefassung und einem editorischen Nachwort / Arno Schmidt

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Atheist?? -: Allerdings!!

5  10.12.2002 (21.11.2004)

Pro:
Exzellente Erzählung, hervorragender Einstieg in Schmidts Werk (und für 3 cents/Lesung rezensierbar)

Kontra:
Erfordert Verstand, Bildung und Sprachgefühl

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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peregrinus

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Erfahrungsberichte:205

Vertrauende:99

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Und Kosmologe noch dazu.

Eine eigenartige Gesellschaft, die sich da gegen Kriegsende auf dem Zug zusammengefunden. Soldaten, einer davon verwundet, eine Hure, schlesische Bauern auf der Flucht, ein Pfarrer, zwei Hitlerjungs mit einem Stapel Panzerfäuste, ein fieberkrankes Kind, eine junge Frau, ein Postmeister, Anfang 70.

Darunter ein Unteroffizier, dem Gestellungsbefehl nach Ravensbrück folgend: Des Ich-Erzähler Arno Schmidts Alter ego.


FEBRUAR 1945, GÖRLITZ

Hier und da verteilt vorrückende russische Artillerie Granateinschläge, noch sind die Gleise heil. Schnell schafft es die gemischte Gesellschaft, eine halbwegs heile Lok mit dem an feuchten Kohlen zu beladen, was noch zu finden ist. Über weißverschneite Schienen nach Westen, am letzten Wagen rattert ein Stahlhaken durch die Schwellen: den Russen nichts brauchbares hinterlassen als verbrannte Erde und zerstörte Gleise, treulich befolgter Götterdämmerungsbefehl aus Berlin.

Draußen: Schnee, Granatfeuer, Tiefflieger, das gewohnte Kriegswinterprogramm. Drinnen: Leben und Sterben. Kein Wasser oder Futter im durchpfiffenen Güterwagen, Kälte dafür, Enge. Und Gejammere: "Der guude Boden", schleselt die Bauernfamilie. Während die Hitlerjungs noch über Führers Geheimwaffen und Geniusstrategien simpeln, ist der für die anderen schon - schon ! - "der verfluchte Lump".

Unterdessen flüchtet der Postmeister in Metaphysik - "Wie gut, daß es noch eine Unendlichkeit gibt" - und kommt damit beim Ich-Erzähler an den falschen. Oder richtigen: Zwischen Frierenden und Sterbenden - und wo auch sonst? - ein kosmologischer Kurzvortrag: vom endlichen, aber unbegrenzten Universum. Weiter, unter Gottesgelehrteneinmischung, auch um Schmidts ureigene Welterklärungsmetapher: vom Leviathan, der, sterbend, sich zum Kosmos aufbläht, zersplittert in Myriaden Einzelteile und den Befehl zum Wiederzusammenfügen schon gegeben hat - Gravitation. Unser Geist mithin Bewußtseinsplitter dieses Demiurgen; unser Handeln und Denken - der beste Beweis seiner grundlegenden Bösartigkeit.

Der Zug stottert durch die Landschaft, während Ich-Erzähler und Postmeister Eschatologie betreiben; bei einem Zwischenhalt zerreißen Granatsplitter ein Kind, "der Herr hat's genommen", so der Pfarrer, und: "der Name des Herrn sei gelobt" ("Blinder Gehorsam scheint immer schwarze Uniform zu tragen", kommentiert Schmidt); letzter Stop: auf einem Viadukt, Fliegerbomben sprengen vorne und hinten die rettenden Brückenteile weg...


"THEY ASKED FOR IT AND THEY GOT IT"

Gedrängte, expressive Sprache: ein Markenzeichen Arno Schmidts, und wer die obigen drei Absätze zu kompliziert fand, wird seiner Erzählung "Leviathan oder die Beste der Welten" wenig abgewinnen können. Auf 31 Seiten verknüpfte der Autor 1949 eigene Erlebnisse mit einer (im wesentlichen: physikalisch korrekten) Erklärung der modernen Kosmologie, fängt die Kriegsende-Atmosphäre ein, liefert Gesellschafts- und Religionskritik, findet neue Worte für erotisches Angezogensein, betreibt Theodizee, hakt nebenher ein gutes Dutzend prominenter Gelehrter und Dichter ab und liefert mit der Leviathans-Mythologie eine bildgewaltige eigene Welterklärungs-Metapher ab.

Und, wie gesagt, er braucht dazu nur 31 Seiten.


"WÄRE ICH NICHT VON GEBURT AN ATHEIST GEWESEN...

... mein Gott, Adenauer-Deutschland hätte mich dazu gemacht."

Arno Schmidt, "die bessere Hälfte der deutschen Nachkriegsliteratur" (Hermann L. Gremliza), wurde 1914 in Hamburg-Hamm geboren. 1928 nach Schlesien umgezogen, machte er ein paar Kilometer weiter in Görlitz 1933 Abitur. Zunächst arbeitete er als kaufmännischer Angestellter, 1940 wurde er Soldat - Unteroffizier bei der Artillerie. Nach britischer Kriegsgefangenschaft begann er 1947 ein Leben als freier Schriftsteller in Cordingen. 1958 zog er nach Bargfeld bei Celle, wo er ein produktives Eigenbrödler-Dasein führte. 1979 starb er im Celler Allgemeinen Krankenhaus.

Der allgemeine Literatur-Betrieb hat Schmidt weitgehend ignoriert, und damit auch vor einem Schicksal als Schullesebuch-Füllmassenlieferant bewahrt. Die Gründe sind vielfältig: Zum einen schreibt Schmidt naturalistisch und genau, auch wenn's um Liebe und Sex geht. Heute ist das ausgesprochen harmlos, aber in den 1950ern - einem "Jahrzehnt wie ein Heinz-Erhardt-Film, nur ohne Heinz Erhardt" - reichte eine andere Erzählung Schmidts ("Seelandschaft mit Pocahontas") für eine Anzeige wg. Pornografie.

Dazu kommt Schmidts fehlender Respekt vor Dummheit, gelehrter wie ungelehrter, vor Dünkel, Untertanengeist und, ergo, vor Religion. Anpöbeleien und Anzeigen wegen Gotteslästerung (§166 StGB, bis heute) bekam Schmidt des öfteren. Daß er den Untertanengeist, die naturwissenschaftlich-mathematische wie historische Ignoranz und die klerikalhörige Frömmelei seiner Landsleute regelmäßig in seinen Büchern und Artikeln entsprechend kommentierte, machte ihn außerhalb freigeistiger Kreise wenig beliebt.

Unter Schmidts Werken ist der "Leviathan" eines der zugänglichsten. Interpunktion und Satzbau sind zwar etwas eigenwillig, die Zahl der Anspielungen, Wortakrobatereien und gelehrten Querverweise ist groß, und komplexe Probleme wie Raumkrümmung und die Expansion des Universums werden reichlich knapp abgehandelt. Doch auch wer nicht jede Doppelbödigkeit versteht und nicht mit jedem angerissenen Thema und Autoren vertraut ist, kann der Geschichte folgen und die Erzählung mit Gewinn lesen.

Arno Schmidt behandelt in seinen frühen Werken, zu denen neben dem "Leviathan" auch "Brand's Haide" und "Die Umsiedler" zählen, öfters das Thema Kriegsende und Nachkriegszeit. Nicht ohne Ironie nimmt er dabei immer wieder jene Jammerhaltung der Vertriebenen und ihrer In-Empfang-Nehmer aufs Korn, die vollauf mit dem Beklagen des letztlich selbstverschuldeten Elends beschäftigt sind. Daß ein Werk wie Grass' "Krebsgang" heute als "Wiederentdeckung" des Schicksals der Kriegs- und Nachkriegsgeneration gefeiert werden kann, weist nicht nur darauf, daß Schmidts Werk bis heute eher wenigen bekannt ist: Es zeigt auch, daß viele dieser Generation und ihrer nur chronologisch jüngeren Nachplapperer sich immer noch als die wahren Opfer gewürdigt wissen wollen.

Auch dagegen, wie gegen vielerlei andere Art Klitterung, wirken Schmidts realistische Schilderungen aufklarend.


FÜR EILIGE...

... ist Schmidts Erzählung trotz ihrer Kürze kaum geeignet. Wem die "fehlenden" ä-Pünktchen am Ende des letzten Absatzes nicht auffielen, wird vermutlich auch Schmidts Wortspielereien und Andeutungen öfters überlesen. Und wer das Fehlen mokiert, wird auch bei Schmidts Wortwahlen manchmal ins Stutzen kommen.

Trotzdem: Als Einstieg in ein Gesamtwerk, das versammelte Nachkriegs-Hochliteratur-Bestsellerschaft und deutsche Schulzwangslektüren ziemlich blaß aussehen läßt, ist Schmidts "Leviathan" genauso hervorragend wie als in jeder Hinsicht eigenständige Erzählung.


WEITERLESEN?

Meine Ausgabe ist von 1990, heißt "Leviathan und Schwarze Spiegel", umfaßt noch eine zweite Erzählung (mal raten...) und entstammt der 6. Auflage. Fischer-Verlag, ISBN 3-596-29110-0, damals DM 10.90.

Die aktuelle Ausgabe hat ein anderes Cover und kostet € 7.90, scheint aber ansonsten (samt ISBN-Nummer) identisch mit meiner zu sein.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
straus07

straus07

27.02.2005 19:52

Interessant , muß ich einmal lesen- der Mann ist mir als Ossi völlig unbekannt, Gruß

lemming_de_de

lemming_de_de

24.11.2004 00:01

hört sich nach schwerer kost an, aber es ist wenig. unter 100 seiten? dafür ist es dann doch zu teuer.

lemming_de_de

lemming_de_de

24.11.2004 00:01

hört sich nach schwerer kost an, aber es ist wenig. unter 100 seiten? dafür ist es dann doch zu teuer.

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