Liebesleben - Roman / Zeruya Shalev

Liebesleben - Roman / Zeruya Shalev

ISBN: 9783827002778, 9783833300820 - Verlag: Berliner Taschenbuch Verlag BVT, bloomsbury taschenbuch mehr

Gesamtbewertung Liebesleben - Roman / Zeruya Shalev 13 Erfahrungsberichte lesen | Erfahrungsbericht schreiben | Frage stellen | Produkt zur Liste hinzufügen

Die Begegnung mit Arie, einem alten Freund ihres Vaters, wirft das Leben der Ich-Erzählerin Ja





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La maladie d'amour *
Erfahrungsbericht von dahmane über Liebesleben - Roman / Zeruya Shalev
20.01.2002


Produktbewertung des Autors:   

Niveau anspruchsvoll 
Unterhaltungswert sehr hoch 
Spannung ziemlich spannend 
Wie ergreifend ist die Story? sehr ergreifend 

Pro: Kraftvoll, ungeheuer vielschichtig, in einer verflixt guten Sprache erzählt
Kontra: +  +  +

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Eins

1.

Während ich dieses Buch las, hörte ich zuweilen Musik von Astor Piazzolla. Der nur scheinbar willkürliche Rhythmus des Tango spiegelt sehr gut die irritierenden Richtungsänderungen in der Geschichte wieder, die Zeruya Shalev auf nicht ganz vierhundert Seiten erzählt. Nun hat Piazzolla den urwüchsigen Tango genommen und ihn sich selbst angeeignet (er war studierter Musiker und klassisch ausgebildet) – ihn gezähmt, gewissermaßen, also sich jemand vertraut machen, mit dem Kleinen Fuchs aus „Der Kleine Prinz“ zu reden –, und dann zeigte sich, daß jemand wie er sogar eine Fuge schreiben kann, die wie ein Tango klingt, oder einen Trauermarsch, ganz so, als sei Piazzolla selbst die Urform des Tangos.
So hat auch Zeruya Shalev ihre Geschichte (oder die von Ja’ara, der Hauptperson des Romans) erzählt.

Ja’ara widerfährt es eines Tages, daß sie sich in einem alten Freund ihres Vaters verliebt. Arie heißt er, Löwe bedeutet das auf hebräisch, und wie ein alternder Löwe benimmt er sich. „Er streckte sich neben mir aus“, wird sie sehr viel später in dieser Geschichte einmal schreiben, „spannte seinen ganzen Körper, der mir nicht gehören würde, diesen glatten, dunklen Körper mit dem erregenden Reit des Alters, mit der kräftigen Essenz der Reife, die ich, so sehr ich mich auch bemühte, nie verstehen würde, in ihrer so exakten und schmerzlichen Mischung aus Zartheit und herrischem Verhalten, Verschlossenheit und Tiefe, Grobheit und Sensibilität, als habe ein großer Koch alles nach einem unwiederholbaren Rezept zusammengerührt, einzigartige Zutaten, die sich nicht rekonstruieren ließen, vor allem, weil sie längst vernichtet waren, der Koch genau wie das Rezept...“ (1)
Zu dieser Zeit ist sie schon verloren. Sie hat ihren Mann im Stich gelassen, ihre gerade erst beginnende Karriere an der Universität gefährdet, ihre Eltern verletzt, nur um –
Ja, um was?
„Ich war eigentlich gar nicht so darauf aus“, schreibt sie, zu Beginn des ersten Ausflugs mit Arie, der in einem überraschenden Desaster enden wird (2), „meinem Körper näher zu sein, sondern seinem, und nicht direkt seinem Körper, sondern etwas anderem, mehr Innerlichen, das ich, weil ich keine Wahl hatte, Körper nannte, mit Bedauern nannte ich es Körper, lange Finger und dunkle Haut und klar geschnittene Lippen und Augen, die plötzlich lebendig geworden waren und abwechselnd von der breiten Straße auf meine Beine schauten, ohne seine Erwartung zu verbergen.
Also begann ich, mich im Auto auszuziehen, erst die Schuhe, dann die Strumpfhose, wand mich, damit sie nicht zerriß, wie eine große Spinne mit vielen Beinen, von denen eines dem anderen im Weg ist, und zog das überflüssige Kleidungsstück aus, schlüpfte wieder in die Strumpfhose und wedelte mit dem Slip in seine Richtung, und er lächelte zufrieden und steckte ihn ein wie ein Taschentuch, und mein Slip guckte aus seiner Hosentasche, auch als wir das Auto verließen und zu Fuß weitergingen. Ich erkundigte mich absichtlich nicht nach unserem Ziel, wenn schon Abenteuer, dann bis zum Schluß, und ich wußte, daß er auf meine Frage sauer reagieren würde, er wollte, daß ich ihm bedingungslos vertraute, deshalb sagte ich mir, heute gewöhnst du dich also ans Vertrauen und an ein Dasein ohne Slip, als wäre das ein höheres Ziel, eine erhabenere Stufe der Weiblichkeit, oder besser, des Mätressendaseins. Ich stellte mir vor, daß Leute mich nach meinem Beruf fragten, und ich sagte Mätresse, in einem Ton, der sie zum Erstaunen brachte.“

2.

Dieses Buch ist schon verfilmt worden, und der Film ist sehr berühmt.
Nein, nicht direkt. Der Film ist eine schräge Spiegelung der Konstellation, von der „Liebesleben“ berichtet, ein Echo, das mit den verrinnenden Jahren immer entfernter klingt und damit immer deutlicher. Der Film heißt, kurios genug, „Der letzte Tango in Paris“ – Sie werden verstehen, wie kurios das ist, wenn Sie das ganze Buch gelesen haben –, und Arie Even können wir uns fast so vorstellen wie den heiter verzweifelten Marlon Brando in einer toten Wohnung, die selbst die größte Leidenschaft nicht zum Leben erwecken kann. (3)

Arie ist ausgebrannt, weil seine Leidenschaften sich schon ein Leben lang verströmt haben – wir erfahren recht spät in diesem Roman, warum und wann und wie –, und doch beginnt er die junge Studentin auf seine verquere Art zu lieben. Aber er nimmt sie nicht in sein Leben hinein.
Das beginnt sie erst zu begreifen, als sie in dem Buch, das sie später zum Ausgangspunkt ihrer Dissertation machen wird, eine alte Geschichte liest (4), „die Geschichte eines Mannes, der sein Auge auf die Frau seines Herrn gerichtet hatte und welcher der Gehilfe eines Zimmermanns war.
Einmal benötigte sein Herr ein Darlehen. Der Gehilfe sagte zu ihm: Schicke Deine Frau zu mir, ich werde ihr das Geld geben. Der Zimmermann schickte seine Frau zu ihm, sie blieb drei Tage bei ihm. Dann ging er zu dem Gehilfen. Er sagte: meine Frau, die ich Dir geschickt habe, wo ist sie? Da sagte der Gehilfe: Ich habe sie sofort entlassen, aber ich habe gehört, daß die Knaben unterwegs ihren Mutwillen mit ihr getrieben haben. Und der Zimmermann sagte: Was soll ich tun? Der Gehilfe sagte: Wenn du auf meinen Rat hören willst, schicke sie weg. Der Zimmermann sagte: Der Ehevertrag verlangt viel. Der Gehilfe sagte: Ich werde dir das Geld leihen, und er gab ihm den Preis für den Ehevertrag. Der Zimmermann verstieß seine Frau auf der Stelle. Der Gehilfe ging hin und heiratete sie. Als die Zeit kam und der Zimmermann seine Schuld nicht bezahlen konnte, sagte der Gehilfe zu ihm: Komm und arbeite für deine Schuld. Und der Gehilfe und seine Frau saßen beim Mahl und aßen und tranken – und der Zimmermann stand und goß ihnen ein. Und die Tränen flossen aus seinen Augen in ihre Gläser – und in dieser Stunde wurde das Urteil unterschrieben.“
Achtung – diese alte Geschichte ist vergiftet, und sie bedeutet nicht einmal annähernd das, was sie zu bedeuten scheint. Wir werden das erst am Schluß des Romans erfahren, als sich die perfekte Kurve der Erzählung ihrem Endpunkt zuneigt, und gerade, als wir denken, jetzt trifft sie auf, fällt sie in Leere, ins Bodenlose. Es war keine Parabel, sondern eine endlose Bewegung.

3.

Eine andere Version der Geschichte (ich kenne die Wahrheit nicht) geht so.
Als er an ihren Tisch trat, sah er das Buch neben dem Teeglas liegen, den langen, langen Rücken einer wunderbaren Frau und darüber einen unendlich schönen Zopf, der mit einem weichen Schwung weiter nach unten zeigt... Das lese ich auch gerade, sagte er und zog sich einen anderen Stuhl heran. Ich habe es in erster Linie gekauft, erklärte sie, ihn heiter anschauend, während der große Schatten sich gelassen hinsetzte und der helle Fleck seines Gesichts vor ihr erschien, weil Marcel Reich–Ranicki es gut findet. Deswegen habe ich es auch gekauft, sagte er, und als sie sein Lächeln sah und die heitere Ironie in seinen Augen, die ein geheimes Einverständnis anzudeuten schien, das nur ihnen beiden gehörte, beschloß sie, es sofort zu lesen, im nächsten freien Augenblick. Dieser Roman gehört überhaupt zum Besten, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, sagte er.

Der Zopf erscheint erst sehr spät im Roman (auf Seite 290), aber von diesem Augenblick an, beginnen sich die Dinge zu ordnen, obwohl wir noch nicht begreifen, wie. Das, was an der Oberfläche geschieht, ist nur das, was wir sehen sollen. Die Wirklichkeit findet woanders statt.
„Sie sagte, du siehst deiner Mutter sehr ähnlich, wirklich erstaunlich, ich weiß noch, wie sie ausgesehen hat, als sie ungefähr so alt war wie du, unglaublich wie sehr ihr euch gleicht, nur der Zopf fehlt dir noch, und ich lächelte schief und sagte, ja, die Frage ist nur, ob das so empfehlenswert wäre, von allen Menschen ausgerechnet meiner Mutter so ähnlich zu sehen, und ich konnte mich nicht beherrschen und fügte hinzu, ich würde lieber dir ähnlich sehen.
Sie blickte mich mitleidig an und sagte, das hängt nur von dir ab, ich bin mir auch erst nach vielen Wandlungen ähnlich geworden.“ (Seite 310)
Eigentlich erzählt dieses rätselhafte und bezaubernde Buch gerade davon, wie es ist, sich selbst ähnlicher zu werden. Eben darum werden Sie es mehr als einmal lesen, und wieder und wieder. Und wieder.
„Aber ich weiß gar nicht, wie ich bin, sage ich“, erklärt Ja’ara Arie einmal (5), „morgens bin ich mutig und abends ein Angsthase, morgens will ich die Welt auf den Kopf stellen und abends möchte ich einen Mann, der auf mich aufpaßt, und er sagte, dann such dir einen Mann, der bereit ist, abends auf dich aufzupassen und der dich morgens freiläßt, vergiß nicht, daß alles möglich ist, die Welt ist offener, als du es dir vorstellst, sie ist ein einziges offenes Tor, glaub mir, und ich reagierte gereizt, er sprach wie ein Renovierungsfachmann, so nachdrücklich und selbstsicher, reißen Sie die Wand hier ein, verlegen Sie das Badezimmer dorthin, als ob es um Steine ging und nicht um ein dermaßen kompliziertes, schwieriges und schwebendes Material wie die Seele. Wie konnte er so sprechen, oder war ich wirklich diejenige, die sich irrte, und man mußte wirklich leben, als sei man aus Stein, das Leben nach den wechselnden Bedürfnissen einrichten und nicht zulassen, daß uns irgendjemand dabei stört, und mir fiel ein, wie sie über mich gelacht hatten, als ich in der dritten oder vierten Klasse war und die Lehrerin fragte, welche inneren Organe ein Mensch habe, und ich sagte, die Seele.“ (6)

4.

„Früher hat man immer gesagt, Liebe bekommt man umsonst, das ist der größte Blödsinn, den ich je gehört habe. Liebe umsonst? Für Liebe bezahlt man den höchsten Preis.“ (206)
„Er zog sich langsam aus und ging ins Badezimmer, und ich hörte die Dusche und dachte an den Schneemann aus der Geschichte, die mir meine Mutter oft vorgelesen hatte, ein geliebter Schneemann, der sich mit Schlamm beschmutzte, und als sie versuchten, ihn von dem Schmutz zu reinigen, taute ihn das Wasser auf, und es blieb nichts von ihm zurück. Immer hatte ich gegen die eherne Logik der Geschichte protestiert, ich hatte gesagt, warum waschen sie ihn denn, und meine Mutter antwortete, weil er sich mit Schlamm beschmutzt hatte, und ich fing an zu schreien, versuchte, das verhängnisvolle Urteil abzuwenden. ich zog es vor, daß er schmutzig war, statt überhaupt nicht mehr zu existieren, und sie sagte, sie wollten ihn sauber haben. Aber das ist unmöglich, hatte ich böse gesagt, sie wollten etwas Unmögliches, wer etwas Unmögliches will, verliert alles.“ (298)

Er bestellte sich auch Tee, und dann zog der die kalte Pfeife aus der Manteltasche.
– Ich habe einmal gedacht, sagte er, etwas undeutlich, weil der Pfeifenstiel schon zwischen den Zähnen steckte und er zugleich nach dem Buch griff, ich habe einmal gedacht, daß wir ohnehin dort immer nur unsere eigene Geschichte wiederfinden, aber nur soweit, wie wir selbst gegangen sind. Deshalb müssen wir sie immer und immer wieder lesen. Jedesmal sind wir selbst ein bißchen weiter.
– Aber das ist ja nicht schlimm, sagte sie schnell. Ich finde diese Art zu schreiben einfach wunderbar, und könnte ich so schreiben wie sie, dann tät ich nichts anderes mehr.
Er lachte leise. Ich höre dir auch so ganz gerne zu. Und jetzt trinke ich meinen Tee. Erzähl mir was, ja?

Das alles ist nicht geschehen. Aber dieses Buch gibt es wirklich.

Zeruya Shalev: „Liebesleben“
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler (7)
Taschenbuch - 367 Seiten - Berliner Taschenbuchverlag
Erscheinungsdatum: 2001
ISBN: 3442760003


Fußnoten, diesmal ein paar mehr:

** Der Titel ist zugleich der Titel eines wunderbaren chansons von Sardou. Er heißt, übersetzt, so etwas wie: "Das Elend mit der Liebe", aber das gibt es nicht wieder - nicht wirklich...

(1) Seite 238 der deutschen Taschenbuch–Ausgabe. princesse hat die gesamte Passage in ihrem Bericht zitiert, als Beispiel für die außergewöhnliche Sprache des Romans, und Sie können sie, wenn Sie mögen, dort noch einmal nachlesen.
(2) Seiten 69/70. Die Vorgeschichte werden Sie aus dem Geschehen erraten, das Sie gleich lesen.
(3) Selbst die Szene ohne Slip kommt vor in diesem Film, wenn Sie sich erinnern. – Aber da scheint es sich ohnehin um eine elementare Phantasie der Männer zu handeln, die von ihren Frauen besessen sind. Vielleicht dazu ein andermal mehr...
(4) Seiten 228/229.
(5) Seiten 269/270. Lesen Sie es ruhig, entgegen der Chronologie, als Fortsetzung der davor zitierten Stelle.
(6) Ich entschuldige mich nicht für die vielen Zitate, auch wenn Jodie mir deswegen eine schlechtere Bewertung geben sollte: das ist für yorg, als Aperitif..., und für alle anderen, die ungeduldig sind.
(7) Die Übersetzung scheint mir durchgängig recht gut zu sein. Ich habe in den hier gegebenen Zitaten nur eine Stelle verändert, und das auch nur nach Rücksprache mit meiner Schwägerin, einer christlichen Palästinenserin aus dem Norden von Israel.


Zwei

Wenn wir solche Bücher lesen und sie ausgelesen haben und darüber nachdenken, dann haben wir das Bedürfnis, es einander nicht leicht zu machen, weil unser Handeln und Unterlassen so sehr beladen ist von den unzähligen Verästelungen, die uns die alte lateinische Forderung auferlegt: "...und bedenke das Ende": Quidquid agis, prudenter agas et respice finem! Aber wenn Ja'ara das getan hätte, dann wäre dieses Buch nicht geschrieben worden, und das wäre schade.
Aber das ist natürlich kein zureichendes Argument, das weiß ich. Statt dessen bleibt es bei der Weisheit von Kierkegaard, daß wir unser Leben nur rückwärts verstehen können, aber leben müssen wir es vorwärts.
Das ist vielleicht eine der sonderbarsten Lehren aus diesem sonderbaren Buch mit seiner gebrochenen Sexualität und der Liebe, die aus Neubegier entspringt, denn manchmal fängt es an wie ein Spiel, und plötzlich stehen wir mit roten Wangen da und erhitzten Köpfen, weil es auf eine Weise ernst geworden ist, unvermutet, die wir nicht eingeplant hatten.
Ein Spiel ist es immer noch, heißt das, und wir sind immer noch neugierig, aber jetzt wollen wir den anderen nicht mehr verlieren, um keinen Preis mehr; aber wie sollen wir das anfangen?
Andererseits, wenn wir uns dessen sicher sind, dann lösen sich so viele Schwierigkeiten von selbst.

   
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Mann und Frau / Zeruya Shalev

Haupteigenschaften

Produktform: Einband - flexibel (Paperback)

Nummer der Ausgabe: 5

Ausgabe: 5., Aufl.

Erscheinungsdatum: 2003

Seitenzahl / arabisch: 368

Seitenzahl: 368

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