Studieren? Näää!

5  03.08.2006

Pro:
abwechslungsreich, extrem viel Spass, legerer Tagesablauf

Kontra:
ein wenig viel rumgammeln

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Einstellungschancen:

Aufstiegschancen

Verdienstmöglichkeiten:

Sozialleistungen:


mondwoelfchen

Über sich:

Mitglied seit:31.05.2005

Erfahrungsberichte:59

Vertrauende:20

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Hallo!
Ich möcht euch heute mal etwas über meinen Ausbildungsberuf erzählen, vorweg also: dies ist ein Bericht über die Ausbildung zur Lokführerin und nicht über den Beruf an sich.
Im Moment bin ich im zweiten Lehrjahr, kann also nicht so wirklich viel über den Beruf an sich sagen, werde mich aber bemühen, den Bericht ab und an mal zu aktualisieren wenn neue Themen und Aufgaben dazukommen.

Wie kam ich dazu?
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Naja, so gewöhnlich ist der Beruf ja für Frauen nicht, deswegen hier meine Gründe und der Weg wie die Jungfrau zum Kind bzw. ich zur Eisenbahn kam...
Ich hab letztes Jahr mein Abi gemacht, muss aber gestehen dass ich das einfach mal so gemacht habe ohne eine Vortsellung, was danach kommen soll... Eigentlich war ich immer total gegen eine Ausbildung, da ich auf jeden Fall studieren wollte und da dann nicht erst mit 30 fertig sein wollte, aber irgendwann in der Oberstufe habe ich dann gemerkt, dass es mir überhaupt nicht liegt, einfach nur zuzuhören. Ich bin so ein Mensch, der anfängt, Blödsinn zu machen, wenn ihm langweilig ist und dazu neigt, zu langweiligen, nicht verpflichtenden Dingen einfach mal nicht hinzugehen. Also absolut perfekte Voraussetzungen für ein Studium...naja zumindest für einen späteren Studienabbrecher...
Nun erfuhr ich von einem Freund, wieviel Spass ihm die Ausbildung in dem Unternehmen macht und las mir aus Spass mal ein paar Beschreibungen des Berufs durch...und es gefiel mir total gut! Klang wie die perfekte Mischung aus Theorie und Praxis und Eisenbahn, Loks und so sind echt spannend.
Also entschied ich mich, eine Bewerbung an das Unternehmen zu schreiben, in dem ich heute meine Ausbildung mache, eine Privatbahn im Ruhrgebiet.

Die Bewerbung
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Ihr werdets nicht glauben...aber ich habe insgesamt nur eine einzige Bewerbung geschrieben und bin direkt genommen worden...ich glaube das ist heutzutage fast wie ein Sechser im Lotto!
Aber mit der Bewerbung wars nicht getan, denn nun wurde ich zu einem Test im Betrieb eingeladen, den ich aber Bestand.
Nun folgte der test, den jeder Lokführer gemacht haben und bestanden haben muss, der Test beim TÜV. Dieser besteht aus mehreren Aufgabenteilen: bunte Knöpfe drücken, wenn sie am Bildschirm aufleuchten, dazu noch Töne. Superschwierig, denn dabei geht es um Reaktionsfähigkeit und Konzentration, man muss einen Rythmus bekommen, ich weiss bis heute nicht, wie ich den Test geschafft habe! Ein weiterer Teil besteht darin, eine halbe Stunde lang auf Dreiecke zu starren und immer einen Knopf zu drücken, wenn drei mit der Spitze nach oben zeigen...anstrengend, aber das fiel mir nicht ganz so schwer. Dann muss man noch Unmengen an Fragen beantworten zu allen möglichen Themengebieten von Mathe über Logik bis hin zu Deutsch und Merkaufgaben. Da ist eigentlich für jeden was bei, was er kann oder eben auch nicht.
Dieser Test ist Voraussetzung für die Tätigkeit als Lokführer/in , wer den also nicht besteht kann direkt nach Hause fahren.
Als nächstes folgte ein Vorstellungsgespräch, wie mans halt kennt. Als letztes folgte eine Untersuchung auf Bahntauglichkeit, auch Voraussetzung für den Beruf. Diese wird in der Ausbildung jedes Jahr wiederholt und im Beruf alle 2 Jahre. Dort werden untersucht: Augen und Gesichtsfeld, Lungenfunktion und Röntgen des Oberkörpers, Hörtest, Blutuntersuchung (mit Drogenscreening- klar, dass man, wenn man so schwere Geräte bewegt keine drogen nehmen darf!), Urinuntersuchung, EKG und Ruhepulsmessung und eine allgemeine Untersuchung. Da ich alles bestanden hatte ging es also letztes Jahr am 1. September los.

Der Beruf an sich
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Die genaue Berufsbezeichnung für meinen Ausbildungsberuf lautet "Eisenbahnerin im Betriebsdienst Fachrichtung Lokführer und Transport".
Als Abschlusszeugnis bekommt man einen Facharbeiterbrief.
Mit der Ausbildung zur EIB wird man in unserem Unternehmen (ich weiss nicht wie das woanders ist) gleichzeitig Bremsprobeberechtigter und Lokrangierführer.
Man bekommt dann einen Führerschein für Lokomotiven und ein Beiblatt dazu, für welche Triebfahrzeuge man schon eine Abnahme hat, sprich welche man fahren darf.
In der Ausbildung lernt man, Züge fahren und Rangieren.
Dazu aber gleich mehr...

Was hab ich schon alles gemacht?
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Angefangen hat alles damit, dass wir Azubis alles über

*sicheres Verhalten im Gleisbereich*

gelernt haben, also wie man sich dort bewegt, was man zu unterlassen hat usw. Hier ging es auch, nachdem wir unsere Arbeitskleidung bekommen hatten das erste Mal ins Praxistraining. Das Zweite Lehrjahr hatte einige Finten für uns, die wir herausfinden mussten.
Zur Arbeitskleidung: unsere Arbeitskleidung besteht von unten angefangen aus: Sicherheitsschuhen mit Stahlkappen und Stahlsohle, einer orangefarbenen Hose mit Leuchtstreifen, einer ebensolchen Jacke, einem orangefarbenen Helm und Handschuhen. Nicht grade besonders schick, aber zweckmässig.
Bald ging es weiter mit dem Auswendiglernen aller

*Signale.*

Hierzu gibt es ein spezielles Signalbuch, in dem Bezeichnung, Bedeutung und Besonderheiten sowie Aussehen der einzelnen Signale geschrieben stehen. Ich kann euch sagen, das sind eine ganze, ganze Menge...bestimmt hundert! Hatte man noch nie irgendwas mit Eisenbahn zu tun, wie ich, muss man sich da ganz schön ranhalten. Strassenschilder sieht man von Kindheit an, aber wer hat sich schonmal Gedanken über die Signale bei der Eisenbahn gemacht?!
Dann ging es hinein in die

*Wagenprüfung.*

Wahnsinn, was da für eine Technik hintersteckt, eigentlich unverständlich, warum es immernoch Eisenbahnunfälle gibt! Hier muss man wissen, welche verschiedenen Wagenbauarten (in unserer Firma werden nur Güterwagen gefahren) es gibt und ihre Besonderheiten kennen. Bei der Wagenprüfung geht es darum, sicherzustellen, dass der Wagen betriebssicher ( es darf keine Gefahr bestehen) und verkehrstauglich ( sauber und ordentlich für den Kunden) ist. Hierzu inspiziert man jeden einzelnen Wagen und seine Bestandteile; weist er einen Mangel auf, der betriebsgefährdend ist, darf er nicht fahren, und das muss man als Wagenprüfer dann entscheiden. Dann gibt es noch die

*Zugprüfung*

, die eine Bremsprobe beeinhaltet. Hierbei wird besonders darauf Wert gelegt, dass der Zug in der Lage ist, vernünftig bremsen zu können, also muss man hier besonders auf die Bremsanlagen achten. Es wird probegebremst und alle Bremsklötze müssen anlegen bzw lösen, erst wenn das gewährleistet ist darf ein Zug fahren.
Neben diesen Dingen erfährt man während der Ausbildung vieles über die verschiedenen Bremsbauarten, Wagenbauarten, Bestandteile eines Wagens und und und. Das ist der Stoff, den wir bis jetzt durchgenommen haben.
Ihr fragt euch jetzt sicherlich: und,

*fährt man denn garnicht Lok?*

Doch, zweimal bin ich bis jetzt Lok gefahren, allerdings unter Aufsicht und nicht eigenverantwortlich, dazu wird man erst später ausgebildet. Aber nach zweimal kann ich schon sagen: Lokfahren ist ein absolut irres Gefühl...mit einem kleinen Hebel mehrere hundert Tonnen in Bewegung zu setzen...aber man muss sich ganz schön konzentrieren, denn man muss dabei darauf achten, nicht zu schnell zu fahren und auf alle Signale zu achten...aber da merkt man dann mal, wofür man die ganzen theoretischen Sachen denn überhaupt gelernt hat!
Wie in jeder Ausbildung müssen auch wir Ausbildungsnachweise und Fachberichte über behandelte Themen schreiben.

Die Arbeitszeiten
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Im Moment geht unsere Arbeitszeit von 6 Uhr bis 14: 30 Uhr...da muss man ganz schön früh aufstehen, aber ich finde es lohnt sich. In der Ausbildung macht man auch ab und an Mittagsschicht, die von 14 Uhr bis 22 Uhr geht, aber das kommt erst, wenn man auch im Betrieb drin ist.

Was Besonderes...
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..........haben wir auch schon gemacht! Da zu unserem Betrieb eine eigene Werkstatt gehört, verbrachten wir auch dort zwei Wochen und konnten uns die Bauteile von Wagen im Detail anschauen, sehen wie sie funktionieren und selber kleine Reperaturtätigkeiten übernehmen...wir Mädels hatten besonderes Glück, wir durften auch schweissen und brennen, also einen Wagen auseinandernehmen und Katze (kleiner Deckenkran) fahren. Das hat extrem viel Spass gemacht, auch mal solche Sachen kennenzulernen.
Ausserdem haben wir an einem Sicherheitswettbewerb mit dem Thema Sicherheit teilgenommen...wir mussten durch Bahnhöfe laufen und sagen, was dort unsicher ist, Brennstoffklassen kennen, wissen, was bei einem unfall zu tun ist und Bescheid wissen, welche Auflagen bei der Benutzung von technischen geräten zu beachten sind usw. Das war auch eine tolle Erfahrung, wir haben dabei sogar ein wenig Geld gewonnen!

Die Atmosphäre
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Das ist natürlich grad als Mädel in einem Männerberuf sehr interessant, anber auch als Azubi in einem Grossbetrieb.
Ich muss aber sagen, sowohl im einen als auch im anderen Punkt hatte ich bis jetzt noch keine Probleme. Als Azubi fühlt man sich bei uns wirklich erwünscht und wird total nett und freundlich behandelt, genauso respektvoll wie jeder andere.
Auch als Mädchen. Man bekommt ab und an den einen oder anderen Spruch zu hören, aber Frau weiss sich ja auch zu wehren. Der Umgangston ist allerdings ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber vielleicht empfinde ich das auch nur so weil ich direkt vom Gymnasium komme... der Ton ist um einiges härter und versauter als anderswo, aber wenn man sich einmal dran gewöhnt hat, macht es einfach nur Spass, einfach mal zu sagen was man denkt, auch wenn es "du dreckiges Arschloch" ist, denn es nimmt einem keiner übel.
Der Umgang mit den Kollegen und den Ausbildern ist superlocker, aber das auch nur, solange die Leistung stimmt. Wir haben viele Freiheiten und es gibt selten mal Leistungsdruck... Mit dem Ausbildungsvertrag haben wir übrigens unterschrieben, dass Mädchen 15 Kilo und Männer 25 Kilo zunehmen werden bis zum Ende der Lehrzeit :o)
Wir dürfen uns immer unser Frühstück holen gehen oder fahren, was darin ausartet, dass auch schonmal um sieben Uhr morgends Pommes Currywurst gegessen wird oder Mäcces. Ich hab glücklicherweise noch nichts zugenommen, aber ich wohne auch alleine und spare mir dann das Mittagessen!
Insgesamt bekommt man selten zu spüren, dass man ein Mädchen ist, da wird eigentlich selten ein Unterschied gemacht; wir müssen ja auch die gleichen Arbeiten machen wie die Kerle!

Die Berufsschule
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Wie in allen Berufen die dual ausbilden, müssen wir auch zur Berufsschule. Hier haben wir zwei eisenbahnspezifische Fächer und ansonsten deutsch, Englisch, Wirtschaft und Sport .
Vom Gymnasium kommend ist das Niveau nicht sonderlich hoch, aber angemessen. Auch unsere Hauptschüler kommen zum grössten Teil gut mit und ich habe auch nicht nur Einsen!
Zweimal die Woche geht es zur Berufschule.

Mein Fazit
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Die Ausbildung ist bis jetzt die genialste Zeit meines Lebens. Es macht einen irren Spass und ist unglaublich interessant, denn es ist etwas, was man sonst nicht so mitbekommt und solche grossen Maschinen sind einfach auch total faszinierend!
Ich bin total froh, dass ich diese Ausbildung angefangen habe, auch wenn viele im Vorfeld gelästert haben, das sind genau diejenigen, die nun mit ihrem Studium nicht klarkommen!
Ich fühl mich absolut wohl in unserem Betrieb und glaube, dass ich mich in vielerlei Hinsicht auch schon positiv verändert habe.
Ich stehe jeden (naja fast jeden...gibt ja so Bah! Tage...) Tag gern auf und gehe gern zur Ausbildung! Auch die Arbeitszeit ist toll, denn so hat man den ganzen Nachmittag frei für seine Hobbys oder Freunde.
Wer ein wenig technikinteressiert ist, aber auch kein problem damit hat, dass die Ausbildung vor allem am Anfang fast nur aus Theorie besteht, dem macht die Ausbildung sicherlich Spass
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
reggie1

reggie1

30.07.2009 23:49

interessante Berufswahl - sehr aussergewöhnlich - Hut ab auch von mir und ich bin gespannt auf weitere Berichte darüber! LG Regina

t.schlumpf

t.schlumpf

27.07.2009 07:27

Hut ab!

schlagergalaxie

schlagergalaxie

06.07.2009 01:19

25 bzw. 15 kilo zunehmen? warum denn das? ;-)

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