Erfahrungsbericht über

Lulú - Rowohlts Rotations Romane, Die Geschichte einer Frau / Almudena Grandes

Gesamtbewertung (11): Gesamtbewertung Lulú - Rowohlts Rotations Romane, Die Geschichte einer Frau / Almudena Grandes

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Noch mal Lulú

3  21.03.2007

Pro:
Spannend .  Erotisch .  Verstörend .

Kontra:
Gräßlich

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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Celander

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:14

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 42 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


"Lulú"… ist: die Geschichte einer Frau (Untertitel). Sie ist Anfang 30, als sie sie erzählt.

In Episoden erzählt die Autorin (mit diesem Roman über die Grenzen ihres Heimatlandes bekannt geworden und darüber hinaus hoch dekoriert) das Leben der "Lulú", beginnend bei etwa 10 Jahren, endend Anfang 30.

Lulú ist eines von vielen Geschwistern, irgendwie "dazwischen". Selbstbewußt, klug, wissensdurstig, aber irgendwie fast allein in dem familiären Chaos. Einzig ihr großer Bruder Marcelo vermag ihr die Stabilität und den Halt der Familie zu vermitteln, die Mutter ist mit den später geborenen Zwillingen beschäftigt. Auf Lulú ist innerhalb der Familie Verlaß, eben w e i l sie derart eigenständig und sich ihrer bewußt ist; sie ist sozusagen ein "Selbstläufer", um sie muß man sich kaum kümmern.


Was geschieht?

Pablo, Marcelos Freund und längst Familienmitglied, tritt schon früh ins Lulús Leben. Er und Marcelo sind Familie und Vertraute, Lulú ist die Einzige, die während eines (durch politische Motive verursachten) Gefängnisaufenthaltes der beiden stetigen Briefkontakt pflegt, ja gar ihre Geburtstagsgeschenke mittels einer (durchaus anständigen) Lüge verweigert und sich statt dessen Geld wünscht, das sie dem Bruder und seinem Freund ins Gefängnis schickt. Daß die beiden dieses Geld ausgeben für, sagen wir, Blasmanöver des favorisierten und offenbar versierten Schwulen, erfährt sie erst viel, viel später.

Beginnt die Tragödie (und nichts anderes ist dieses Buch) schon, als sie eines Abends an Marcellos Stelle Pablo begleitet, der zu einem Konzert eines jedenfalls politisch umstrittenen Sängers fährt? Lulú, bekleidet mit ihrer Schuluniform, aber im zarten Alter von 15 Jahren einigermaßen erfahren im Fummeln und weitergehenden Aktivitäten, drängt sich in der Warteschlange eindeutig an Pablo. Das war nicht klug. E r entscheidet, auf der Stelle die Schlange der Wartenden zu verlassen, und damit ändert sich der Ton der Geschichte. Und der Beziehung. Lulú - die jedenfalls bis zu diesem Augenblick einen Ekel vor oralem Verkehr empfindet - setzt zum ersten Mal ernstlich ihren Mund ein. Probiert, studiert. Bemerkt irgendwann, daß sich das Auto, in dem die Hauptdarsteller sitzen, bewegt. Erschrickt. Ist durchaus angetan von der Erregung, die von Pablo ausgeht, von ihrer Wirkung. Und macht nach dem Erschrecken weiter, mit Erfolg. Die beiden fahren zu einem Atelier seiner Familie. Lulú erlebt wohl das (wahrscheinlich) Intimste, was eine Frau erleben kann: Sie wird von Pablo im Intimbereich rasiert, wobei er den Schamhügel stehen läßt, damit den Schwestern, die mit Lulú ein Zimmer bewohnen, nicht gleich etwas auffällt. Kalkül, schon hier. Lulú ist offen, keine Frage, sie ist wißbegierig, auch und was die körperliche Seite der Liebe angeht. Und sie liebt Pablo. Denkt sie. Er liebt sie. Sagt er. Wie Männer das so machen, nach einem unglaublichen Akt, währenddessen sie alles schluckt, was er zu bieten hat obwohl es ihr zuwider ist. Und Pablo fragt, ob sie d a s auch schon mit ihrem Bruder Marcelo getan hat, was sie selbstredend und leicht erschüttert verneint. Die Empfehlung seinerseits: Irgendwann ein Dreier, mit dem Bruder…

Wenige Tage später und ohne daß sie noch einmal Kontakt mit ihm gehabt hätte, erreicht Lulú die Nachricht, daß Pablo Europa verlassen wird. Gleich für mehrere Jahre. Lulú, gezeichnet durch diese einzige und vollkommene Nacht, verliert und tröstet sich in Phantasien, die durchaus masochistischen Charakter aufweisen. Verschiedene Männer, Beobachtung durch "Gäste des Hauses", das sie mit ihrem imaginären Vater (also Pablo) bewohnt. Internatsgeschichten, Direktorin, Lehrerin - solche Sachen..

Bis sie die Ankündigung eines Vortrags entdeckt, den Pablo halten wird. Sie zieht sich ihre Schuluniform an. Leiert die neu gekauften Strümpfe aus, damit sie ebenso rutschen wie die damals. Und setzt sich in die vorderste Reihe im Hörsaal, vermutlich ohne Unterwäsche.

Fünf Jahre sind vergangen. Was dennoch wirkt, Lulú oder ihre Uniform, erfahren wir nicht. Wieder landen sie in Pablos Wohnung; er zwingt ihr analen Sex auf. Spätestens hier wird seine Methode klar: Erst nehmen. Dann geben. Er beleidigt sie und ihren Körper. Nimmt ihn gegen ihren Willen, fügt ihr Schmerzen zu. Der Trost danach, eine Streichel- und Lecksession ohne Vergleich, die der Hauptdarstellerin durchaus höchste Befriedigung verschafft, hinterläßt einen bitteren Nachgeschmack. Nicht bei Lulú. Bei mir. Denn hier ist der "Spaß" vorbei.

Was folgt, scheinen nur noch Intermezzi eines zerrissenen Lebens zu sein, Spielarten der Lust, die Lulú sich selbst entfremden.

Bis Lulú von dem über alles geliebten Pablo mißbraucht wird. Er ist Leiter eines Spiels, das sie mit verbundenen Augen zu spielen hat, buchstäblich. Ihr bleibt keine Wahl. Angebunden, an Händen und Füßen, wird sie zunächst "betatscht", immer begleitet von Pablos Stimme, schließlich sowohl anal als auch vaginal penetriert, nachdem sie einen ihr fremden Schwanz oral verwöhnt hat. Sie empfindet unglaubliche Lust dabei, auch wenn sie sich vielleicht dagegen wehrt. Zunächst. Reibt sich die Vagina vor Verlangen am Bett, wird frivol geneckt, schließlich genommen, und ist höchst zufrieden. Nachdem sie die Augenbinde abgenommen hat, erblickt sie freilich ihren Bruder.

Das ist der Anfang vom Ende. Diesen Vertrauensbruch kann Lulú nicht verkraften, andererseits klammert sie sich an ihre Liebe zu Pablo. Dennoch trennt sie sich (scheint mir) von ihm, weil sie die lustvoll schrecklichen Augenblicke mit ihrem Bruder nicht vergessen, geschweige denn verkraften kann. Was bleibt, ist Lust. Lulú kauft sie sich; ich erspare es mir, den fortwährenden Abstieg und die fortschreitende Selbstentfremdung zu schildern. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Im Gegenteil. Der Inzest hat zugleich alle Schranken eingerissen. Sie genießt es, daß andere ihr Leben dominieren. Körperliche Reize müssen ersetzen, was die Seele nichts mehr hergibt. Sie verfällt auch körperlich zusehends, kann sich selber nicht mehr sehen, als sie sich "herrichten" will. Versucht, zu Pablo, den sie verlassen hat, zurück zu kehren. Streift sich demütig eines von Pablos Hemden über den Körper. Und legt sich ihm im wahrsten Sinne zu Füßen. Wird verstoßen, sucht ein Etablissement auf, in dem sie sich mittlerweile prostituiert, denn das Geld wird knapp. Wird dort übel hergerichtet. Und es stellt sich heraus, daß Pablo dafür verantwortlich sein muß.


Dieses Buch ist alarmierend und erschreckend.

Sex ist nur schmutzig, habe ich dieser Tage gelesen, wenn er gut gemacht ist. Ich selbst kann mir sehr wohl alle möglichen Spielarten des Sex in einer Beziehung vorstellen. Nein, ich kann sie mir nicht nur vorstellen. Ich lebe sie auch.

Wenn allerdings das Recht auf (nicht zuletzt auch) sexuelle Selbstbestimmung der Frau unterlaufen wird, kaltblütig (nicht nur spielerisch und für einen Augenblick) negiert wird, werde ich wild. (Nicht, nicht so. Ernsthaft wild.) Wenn Dominanz zum Verrat an der Frau wird (dieses elende "Ich liebe Dich" zieht sich durch diverse ungewöhnliche Situationen quasi als Beschwichtigung), wenn genommen wird (im wahrsten Sinne!), bevor (wenn überhaupt!) gegeben wird, und sich dieses Verhaltensmuster über eine gesamte Beziehung erstreckt, kann ich nur sagen:

Spannend inszeniert, allemal. Eine sprachlich und erzählerisch herausragende Geschichte. Ein Leben, das abschreckt, ein Leben, das ich nicht führen möchte. Nie. Schrecklich arm und reduziert. Natürlich sind gewisse Passagen anregend, auch für eine Frau. Der Grundtenor allerdings - der Ruin einer Frau aufgrund der sexuellen und auch sonst besitzergreifenden Art des Mannes - ist mir zuwider.


Ich vergebe drei Sterne. Einen für die durchaus spannende Erzählung. Einen für die erotisch ansprechenden Passagen. Und einen für Lulú. Auch wenn es hoffnungslos scheint.


Das Buch, nebenbei bemerkt, verfilmt worden. Den Film besitze ich natürlich. Er ist aber ziemlich entschärft.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Fantomiss

Fantomiss

03.09.2007 14:11

Ich glaube, ich fürchte, mir würde es sehr ähnlich gehen. Ich frage mich auch gerade, wie ich den Kommentar zwei unter mir zu verstehen hab. Feministische Hetzpropaganda? Dein Beitrag oder das Buch selbst (das ich nciht kenne) oder was? Tatsache ist doch, dass in unseren ach so gleichberechtigten Zeiten die Frauen nach wie vor unterdrückt werden, wos nur geht. Nur das wie wann und wo hat sich verlagert. Aber das fällt meist nichtmal den Frauen selbst auf. Und das Genre ist eben NICHT genug behandelt. Nicht, solange es alltäglich ist.

TomGard

TomGard

23.08.2007 08:43

Kenne das Buch nicht, aber mir will scheinen, der Konzeption nach ist es ein prosaisches Lehrgedicht (auch hochpolitisch gemeint) über den Schaden, den gerade ansonsten kluge Menschen sich selbst und einander zufügen können, wenn es ihnen nicht gelingt, die Idealismen der Liebe, die sie erst angenommen, dann aber auch offensiv gegen eine beschissene Welt mobilisiert haben, zu überwinden. Denn dann wird Rebellion nahezu notwendig zu in Innerlichkeit be- und gefangenen Entgrenzungskämpfen, denen nurmehr die Optionen der Selbst- oder Fremdverletzung offen bleiben. Klingt hoch theoretisch, was ich hier schreibe - das scheint nur so.

Pik7

Pik7

05.06.2007 23:25

Feministische Hetzpropaganda.

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