Medizin ohne Bitterkeit
17.01.2001 (18.04.2003)
Pro:
Auch Worte können eine durchaus wirkungsvolle Medizin sein
Kontra:
unerwünschte Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet
Empfehlenswert:
Ja
 giovanna
Über sich:
Mitglied seit:11.03.2000
Erfahrungsberichte:215
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 110 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Erich Kästner (1899 – 1974), einer der berühmtesten Kinderbuchautoren („Emil und die Detektive“, „Das Doppelte Lottchen“ „Pünktchen und Anton“) des 20. Jahrhunderts, brachte im Jahre 1936 einen Gedichtband unter dem Titel „Dr. Erich Kästner’s Lyrische Hausapotheke“ heraus, die sich bis heute allergrößter Beliebtheit bei der Leserschaft erfreut. Kästner gehörte zu den im Dritten Reich verfemten Literaten. Seine Bücher waren 1933 anläßlich der berühmt-berüchtigten Bücherverbrennung der Nazis - neben den Werken vieler der bedeutendsten deutschen Schriftsteller - ebenfalls den Flammen übereignet worden. Danach wurde er mit Publikationsverbot belegt und lebte in ständiger Angst und Unsicherheit. Aus diesem Lebensgefühl heraus sind auch die Gedichte seiner „Lyrischen Hausapotheke“ entstanden. Sie spiegeln in satirisch-ironischer, gelegentlich aber auch in sehr melancholischer, ja fast schon hoffnungsloser Ausdrucksweise den damaligen Zeitgeist nebst all seinen traurigen, wenn nicht gar düsteren Begleitumständen wider. So drücken denn manche seiner Gedichte nurnmehr schiere Hoffnungslosigkeit aus, wie etwa „Der Streichholzjunge“:Zitat: Streichhölzer! Kaufen Sie Streichhölzer! Drei Schachteln zwanzig!Mein Pappkarton wird nicht leer. Den Aufsatz muß ich noch machen. Wenn ich bloß nicht so müde wär. Kaufen Sie Streichhölzer, statt zu lachen! Mit braunen und schwarzen Schürsenkeln Verdient man natürlich mehr. Dach da brauchte ich erst mal drei Mark. Und wo nehm ich die her?+++++++ Einen ganz ähnlichen Tenor hat auch das Gedicht über den kriegsblinden Postkartenverkäufer, der einsam und allein in der Kälte steht und versucht, die Postkarten, die er selbst für 7 Pfennige erstanden hat, für 10 Pfennig zu veräußern. Allein, es findet sich kein Käufer ...Doch viele der Gedichte Kästners sind auch tröstlich, insbesondere für den „kleinen Mann“, setzen sie doch, teils lakonisch, teils besinnlich, aber immer klar und verständlich, genau dort an, wo den kleinen Mann der Schuh drückt, und gewinnen damit eine Art Zeitlosigkeit. Einige der Gedichte habe mich auch stets zum Schmunzeln gebracht, insbesondere, weil Kästner hier beweist, daß er nicht nur ein scharfer Beobachter, sondern auch ein durchaus bissiger Satiriker sein kann: so etwa die Gedichte „Ganz besonders feine Damen“, „Sogenannte Klassefrauen“, „Der synthetische Mensch“ und „Sport“, in denen er gesellschaftliche Auswüchse vortrefflich, teilweise auch mit einer gewissen Vorahnung, auf die Schippe nimmt.Teilweise sind Zitate aus der „Lyrischen Hausapotheke“ aber auch längst in unseren alltäglichen Sprachschatz übergegangen bzw. sind zu geflügelten Worten geworden, ohne daß wir uns ihrer Herkunft noch bewußt wären. So z. B. sein Kurzgedicht MORAL: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“Oder die letzte Strophe aus „Entwicklung der Menschheit“:Zitat: So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehn und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die ALTEN AFFEN. ++++++++
Eigentlich unnötig zu erwähnen, daß „Dr. Erich Kästner‘s „Lyrische Hausapotheke“ seit Jahren zum eisernen Bestandteil meiner Bibliothek und natürlich auch zu meinen Lieblingsbüchern gehört, die ich immer wieder zur Hand nehme und niemals mehr missen möchte.Seit etwa drei Jahren liegt dieser Gedichtband nun in einer sehr schönen, bibliophilen Ausgabe vor, die überdies eine ganz besonders anrührende Entstehungsgeschichte hat. Diese Ausgabe, die ich für ein exzeptionelles Kleinod in dem fast schon unüberschaubaren Büchermarkt halte, ist eine Gemeinschaftsproduktion des Autors Erich Kästner und – ohne daß er von dieser Mithilfe, die ihm zuteil wurde, etwas geahnt hätte – von Teofila Reich-Ranicki, der Frau des berühmten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki.Teofila Reich-Ranicki (geb. 1920), die damals noch ihren Mädchennamen Langnas trug, war eine polnische Jüdin aus Lodz, deren Vater sich unter dem Druck der politischen Ereignisse erhängt hatte, und um die sich ein junger Mann namens Marcel, der unbedingt Literaturkritiker werden wollte, rührend kümmerte und sich alsbald in sie verliebte. Diese Mädchen namens Teofila, auch liebevoll Tosia genannt, hat nämlich 56 der Gedichte aus der „Lyrischen Hausapotheke“ im Jahre 1941 im Warschauer Getto eigenhändig in kalligraphisch-ausdrucksvoller Schrift kopiert, mit eigenen Zeichnungen reich illustriert, sorgfältig gebunden und den so entstandenen Band ihrem zukünftigen Ehemann zu seinem 21. Geburtstag am 2. Juni 1941 geschenkt. Diese ungeheure Fleißarbeit hatte sie natürlich aus Liebe auf sich genommen; es war aber auch eine Idee, die aus der Not geboren war: Tosia wußte, wie sehr ihr geliebter Marcel diesen Gedichtband schätzte. Da es aber damals im Warschauer Getto nicht möglich war, ein Exemplar käuflich zu erwerben, hat Tosia schlicht und einfach ein zeitweilig ihr leihweise überlassenes Exemplar abgeschrieben.Der von der Deutschen Verlagsanstalt und jüngst auch von der Büchergilde Gutenberg herausgegebene Band der Kästnerschen Hausapotheke ist eine Faksimile-Druck der Originalabschrift der Teofila Reich-Ranicki. Dieser Band ist tatsächlich eine kleine Kostbarkei, wie ich finde. Die Buchdrucker von Jütte Druck, Leipzig, sowie die Buchbinder der Kunst- und Verlagsbuchbinderei, Leipzig, und die Lithographen von Repro Ludwig, Zell am See, die an der Herstellung dieses bibliophilen Kleinods beteiligt waren, haben sich alle nur erdenkliche Mühe gegeben mit ihrer handwerklichen Kunst, um die einstige Handschrift der Tosia Reich-Ranicki genauso wiederzugeben, wie sie im Original ausgesehen hat. Sie haben nicht nur leicht vergilbtes Papier für den Druck verwendet, nein, sie haben es auch dank des Faksimile-Offset-Verfahrens nicht versäumt, etwaige nachträglichen Textkorrekturen und mit Bleistift vorgenommenen Textmarkierungen naturgetreu wiederzugeben. Ja, sogar Fingerabdrücke oder auch gelegentliche Fettflecke sind noch immer als solche zu erkennen. Ich möchte diesen fleißigen Meistern ihres Fachs an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank für die gelungene Umsetzung der Originalabschrift der Tosia Reich-Ranicki aussprechen.Der vorliegende Band unterscheidet sich wirklich fast gar nicht von der Originalabschrift der Tosia Reich-Ranicki. Mehr noch: wenn ich diesen Band in meinen Händen halte, überkommt mich das untrügliche Gefühl, das Original selbst vor mir zu haben: eine sehr intime und seltsam anrührende Empfindung. +++++++++Dieser wunderschöne Gedichtband enthält natürlich auch ein Nachwort unseres allerseits geschätzten Literaturpapstes – immerhin ist es ihm ja auf Umwegen gelungen, sein selbst gestecktes Berufsziel am Ende doch noch erfolgreich (mehr als nur erfolgreich!) in die Tat umzusetzen - dessen Quintessenz ich den Lesern dieses meines Beitrags natürlich nicht vorenthalten möchte. In seiner Autobiographie „Mein Leben“ beschreibt Marcel Reich-Ranicki die Abschrift der Kästnerschen Hausapotheke wie folgt:Zitat: Ein Mädchen, das Teofila hieß, aber Tosia genannte wurde – Tosia also hat Kästners „Lyrische Hausapotheke“ für mich von Hand kopiert. Sie hat die Gedichte auch illustriert und schließlich die Blätter sorgfältig geheftet. Das so entstandene Buch erhielt ich zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag, am 2. Juni 1941, im Warschauer Getto. War mir je ein schöneres Geschenk zugedacht worden? Ich bin nicht sicher. Doch nie habe ich eins bekommen, auf das mehr Mühe verwendet wurde --– und mehr Liebe.+++++++++ Erich Kästner, den Reich-Ranicki einmal in den fünfziger Jahren in München traf und ihm von dieser Geschichte erzählte (diese Schilderung soll den recht hartgesottenen Kästner zu Tränen gerührt haben), starb im Jahre 1974. Marcel Reich-Ranicki lebt mit seiner Tosia sind in Frankfurt am Main. Ich hoffe, daß ihnen noch viele glückliche Jahre in guter Gesundheit beschieden sein mögen. Ich wünsche gute Genesung bei der Lektüre dieses wunderbaren Buches!
Update am 18. April 2003 zugunsten des "Bücherfrühlings" bei ciao. Copyright giovanna 2001/2003
Preisvergleich
sortiert nach Preis
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Verwandte Tags für Lyrische Hausapotheke / Erich Kästner
|
|
24.04.2003 17:58
Für dieses Aufmerksammachen möchte ich Dich drücken. Ich liebe doch den Kästner auch so sehr! Und irgendwie passt das alles auch zu dem eben von mir wiedergelesenen "Der kleine Grenzverkehr" (weil ich am 1.Mai nach Salzburg fahre). Du nennst Deinen Bericht zwar "Medizin ohne Bitterkeit", aber meinst Du nicht auch, dass ab und zu schon ein wenig Bitteres in der Hausapotheke ist? Dass Tosia R.-R. daraus dann ein - aus heutiger Sicht - anderes Kunstwerk machte, war mir neu. Danke. LG Wilma
19.04.2003 14:18
Wie gut, daß es den Bücherfrühling gibt. Ich liebe Erich Kästner und von dem Buch habe ich glaube ich schon mal was gehört, es allerdings vergessen. Nun kommt es auf die Liste, für mich oder als Geschenkidee.
18.04.2003 20:13
Liebe giovanna, schön, dass Du ab und zu alte Berichte hervorholst und abstaubst. Den hier kannte ich noch gar nicht. Dafür ist mir Kästner selbstverständlich ein Begriff und auch von seiner Hausapotheke habe ich schon gehört. Liebe Grüße, Gabi