Wie ich das „MAD“ kennen lernte, das ich kenne
07.07.2004
Pro:
Der König ist tot . . .
Kontra:
. . . es lebe der König .
Empfehlenswert:
Ja
 Gemeinwesen
Über sich:
"Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück" (Gottfried Benn) ciao-Merksatz 2006: "...
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Ursprünglich bezeichnet das Wort „Satire“ eine bunte Schüssel. Und eine bunte Schüssel war „das vernünftigste Magazin der Welt“ (Eigenwerbung) mit seinen zusammengewürfelten Bildergeschichten, gezeichneten Witzen und Filmparodien ganz fraglos – bunt, aber dabei bis auf die vier Seiten des Umschlags übrigens ganz unfarbig, denn der Innenteil des „MAD“, das ich kenne, ist durchweg schwarz-weiß. Vor nicht allzu langer Zeit durfte „MAD“ zwar Wiedergeburt feiern, aber ich bin mir nicht sicher, inwieweit das derzeit erhältliche „MAD“ mit dem „MAD“, das ich aus den 70er und 80er Jahren kenne, mehr gemeinsam hat als nur den Namen. Ich kann mich also in meinen Ausführungen nur auf das gute, alte „MAD“ von anno dunnemals beziehen. Das kostete, als es mir zum ersten Mal ins Auge fiel und sogleich Begehrlichkeiten weckte, übrigens DM 2,50 – was damals ein stolzer Preis war, zumal für eine Zeitschrift mit einem Umfang von nur 36 Seiten. Hätte ich ein Plädoyer für „MAD“ halten müssen, ich hätte darauf hinweisen können, dass es sich immerhin um 36 gänzlich werbefreie Seiten handelte. Genützt hätte das aber wohl eh nichts, denn das Urteil einer unbarmherzigen, zweiköpfigen Jury stand fest, ein für alle Mal und unerschütterlich. Da half kein Bitten und kein Betteln, und es war ganz unerheblich, ob das Taschengeld nun reichte oder nicht: „MAD“ war in den Augen meiner Eltern schlicht Schund. Da gab’s kein Wiegen und kein Wägen – „MAD“ war für zu leicht befunden worden und zählte schlicht zu den Dingen, deren Kauf mir strikt untersagt war. Bevor jetzt professionell im Erziehungssektor tätige Leserinnen und Leser gequält aufschreien und den autoritären Führungsstil meiner Eltern monieren: Ich glaube, es hat mir nicht sonderlich geschadet, dass ich nicht einmal über mein Gespartes die gänzliche freie Verfügungsgewalt hatte. Das habe ich damals natürlich nicht so gesehen – und freute mich diebisch, wenn ich, was selten genug vorkam, eines Exemplars habhaft werden konnte. Das war meist ohnehin nur im Rahmen eines privaten, kleinen Lesezirkels der Fall, der mir stets neue Lektüre bescherte, wann immer Dr. W. und seine Gattin bei meinen Eltern zu Gast waren – und den die Familienoberhäupter sogar selbst angeregt hatten: Mit Blick auf das Taschengeldbudget sei es doch sicherlich nur von Vorteil, wenn die Kinder der Familien untereinander erst einmal die Comics austauschten, anstatt ihr Geld für immer neuen Nachschub an Bildergeschichten zum nächsten Kiosk zu tragen. Ich verlieh meine „Asterixe“ – und durfte im Gegenzug Bekanntschaft mit Rennfahrer „Michel Vaillant“ schließen. Ich gab meinen „Lucky Luke“ her – und durfte dafür „Popeye“ lesen. Und dann, irgendwann, fiel mir im Rahmen dieses Handels dann eben auch das erste „MAD“-Heft in die Finger. Man muss sich das in etwa so vorstellen wie im Spionagefilm, in dem, unter den Augen wachsamer Agenten einer feindlichen Macht, brisante Unterlagen in unauffälligen Koffern den Besitzer wechseln: Hatte ich richtig gesehen? Lugte da zwischen „Tim und der Haifischsee“ und „Umpah-Pah, die tapfere Rothaut“ etwa die blöde Visage von „MAD“-Maskottchen Alfred E. Neumann hervor!? Jetzt nur nichts anmerken lassen. Ganz locker bleiben. Die Contrabande schnell den Blicken der Altvorderen entziehen und ins sichere Kinderzimmer bugsieren. Irgendwann in der Folge hat sich das strikte „MAD“-Verbot dann wohl von selbst erledigt: Der „Mist“ war zwar nicht gern gesehen,aber doch wohl immerhin geduldet. Zum Teil war das wohl auch Dr. W. und seinen Söhnen zu danken: Wenn die noch nicht vollkommen verblödet waren, müssen sich meine Eltern gedacht haben, war die Lektüre von „MAD“ meiner Entwicklung vielleicht doch nicht gar so abträglich, wie sie immer gemutmaßt hatten. Irgendwann wurde dann auch großzügig darüber hinweggesehen, dass ich mein Taschengeld auch in „MAD“ investierte, das allerdings bald schon nicht mehr DM 2,50 kostete, sondern glatte drei Mark (was, angesichts unveränderter Seitenzahl, natürlich ein noch stolzerer Preis war). Die Qualität von „MAD“ stand und fiel für mich mit der Qualität der Zeichnungen. Das galt für das Magazin wie auch für jede einzelne Ausgabe: je größer der Anteil von Beiträgen aus der Feder von Mort Drucker war, desto besser. Seine Karikaturen, insbesondere die für Filmparodien, waren für mich einfach das Nonplusultra: Kein Wunder, dass der Titan unter denen, die für „MAD“ zeichneten, zwischendurch auch immer mal wieder Filmplakate gestaltete (ein ganz typisches ist das für George Lucas' „American Graffitti“, das übrigens auch das Cover der DVD schmückt). Mort Druckers Parodien von Filmen und TV-Serien aus den 70er Jahren zählen für mich von jeher zu den unterhaltsamsten „MAD“-Beiträgen. Nicht aus „MAD“ wegzudenken waren natürlich die knollennasigen Figuren aus der Feder des Don Martin. Die hießen meist Fröhn, Frobisch und Feinbein (und im amerikanischen Original übrigens auch schon mal, man höre und staune, „Fonebone“) und erlebten ihre Missgeschicke und Abenteuer meist unter Titeln wie „Neulich, bei den Räubern in den wilden Abruzzen“. Und gerade so als ob die Namen der Figuren nicht schon lautmalerisch genug gewesen wären, bescherten die Beiträge von Don Martin einem in schöner Regelmäßigkeit onomatopoetische Glanzlichter wie „Ga-Spritzka!“ (das Geräusch, das eine Spritzblume macht) oder „Fra-Grollera“ (so klingt das bei Don Martin, wenn Stahlrollen auf Stahlschienen laufen. Im Leichenschauhaus.) Fester Bestandteil waren außerdem die Schlachten, die sich die Protagonisten der Serie „Spion vs. Spion“ lieferten, und die einander mit jeder neuen Folge an Absurdität zu übertreffen schienen. Der eigenwillige Zeichenstil machte es einem dabei manchmal nicht leicht, auf den ersten Blick zu erkennen, ob nun der Spion in schwarzer Montur die Oberhand behalten hatte – oder ob sein Gegenspieler in Weiß die Partie gewonnen hatte. Erwähnung verdienen meines Erachtens auch die Geschichten von Dave Berg (dessen Kolumne im Deutschen „Berg-Predigt“ hieß), die, im Gegensatz zu den Eskapaden der Spione, meist ganz alltägliche Situationen zeigten. Wenn da Konflikte entstanden, dann waren es oft solche zwischen halbwüchsigen Kindern und ihren Eltern. Dave Berg verstand sich auf das Spiel mit Klischees, Typen und Standard-Konstellationen und hatte dabei, scheint mir, ein besonderes Faible für Gesichter, in denen sich blankes Erstaunen widerspiegelt. Wo immer es irgend ging, kokettierte „MAD“ dabei mit der vermeintlichen eigenen Blödheit, und die deutsche Redaktion ließ, unter der Ägide von Chefredakteur Herbert Feuerstein (ja, genau DER Herbert Feuerstein), keine Gelegenheit aus, die Leser von „MAD“ daran zu erinnern, dass es von Schwachsinn zeuge, für 36 mit angeblichem Schwachsinn bedruckte Seiten den stolzen Preis von DM 2,50 (oder auch den noch stolzeren Preis von DM 3,00) zu zahlen. Die Leser wussten aber natürlich, dass das reine Imagepflege war: Narrenmund tut bekanntlich Wahrheit kund. Man täte „MAD“ sicher zuviel der Ehre an, wollte man behaupten, „MAD“ sei politisch gewesen. Das war es sicher nicht – oder doch nicht in höherem Maße als so ziemlich jedes andere Blatt, das sich mit politischen Themen auseinandersetzt. Trotzdem standen die Cartoons und Karikaturen in „MAD“ den Underground-Comics von Robert Crumb sicherlich näher als dem Disney-Establishment – wäre „MAD“ ein ursprünglich deutsches Magazin gewesen und nicht die deutsche Lizenzausgabe des „MAD Magazine“, dann hätten bestimmt auch die Figuren eines Seyfried („Freakadellen und Buletten“) einen Stammplatz unter den „Verrückten“ bekommen können. So aber ist das „MAD“, das ich zunächst heimlich kennen und in der Folge unheimlich schätzen gelernt habe, eines, das für mich in erster Linie durch seine Bildergeschichten aus der Feder amerikanischer Zeichner bestach. Hie und da gab es wohl auch speziell für die deutsche Ausgabe konzipierte Beiträge – aber deren Zeichenqualität konnte es, wenngleich auch die Einfälle wie die Texte streckenweise sehr witzig waren, nur selten mit der von „meinen“Helden Mort Drucker, Dave Berg und Don Martin aufnehmen. Und Alfred E. Neumann? Sah zwar immer so aus, als könne er auch der Trottel aus der Nebenklasse sein und hörte zwar auch auf einen deutsch klingenden Namen, hatte dabei aber schließlich sein „middle initial“, das ihn ziemlich eindeutig als Ami auswies: Ihn zumindest dürfte es wohl noch immer geben – und solange es Figuren gibt, in deren Rolle Alfred E. Neumann schlüpfen kann, wird sich daran wohl auch nichts ändern. Schließlich gehört der ewigjunge Mann mit der Zahnlücke, der schon bald nach Erscheinen der ersten „MAD magazine“ Ausgabe im Jahre 1952 sein Debüt hatte, zu „MAD“ einfach dazu: Ich finde, dafür, dass er schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, hat er sich gut gehalten.
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24.07.2009 19:46
Ich liebe die alten MAD-Hefte. Leider sind die heutigen Ausgaben nicht annähernd so lustig!
14.07.2004 12:22
MAD war Kult damals, obwohl ich Alfred E. Neumann nicht besonders mochte, aber die vielen anderen kleinen Storys waren oft herrlich.
12.07.2004 23:36
Ich konnte damals zum Glück meine Eltern überzeugen, indem ich ihnen die besten Parodien zeigte, und sie fast gegen ihren Willen darüber lachen mussten. Und so durften meine Brüder und ich Alfred E. Neumann ins Haus holen.