Magniviertel, Braunschweig

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Magniviertel, Braunschweig

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Erfahrungsbericht über "Magniviertel, Braunschweig"

veröffentlicht 14.09.2002 | giovanna
Mitglied seit : 11.03.2000
Erfahrungsberichte : 215
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Über sich :
Sehr gut
Pro Das Magniviertel ist eine der Traditionsinseln der Stadt Braunschweig. Trotz mannigfaltiger Zerstörungen und städtebaulicher Sünden ist es immer noch sehr attraktiv und durchaus sehenswert: Ein Kleinod der Stadt Braunschweig.
Kontra Das Magniviertel hat nicht nur durch die Vewüstungen des Zweiten Weltkrieges stark gelitten, sondern auch durch städtebauliche Sünden, die kaum wiedergutzumachen sind.
sehr hilfreich

"Auferstanden aus Ruinen"

Wenn's ums Magniviertel geht, schlagen die Emotionen der Braunschweiger Seele hohe Wellen. Kaum ein Stadtviertel wurde so stark zerstört, geschunden, geschändet und verunstaltet wie gerade das Magniviertel, und keines liegt den Braunschweigern so sehr am Herzen wie gerade dieses.

Wie ist das zu erklären?

Woher kommt die kaum rational zu begründende Affinität von uns Braunschweigern zu gerade diesem Viertel unserer mit Sehenswürdigkeiten und Schönheiten so reich gesegneten Stadt?


___GESCHICHTLICHES_______


Vielleicht bedeutet uns das Magniviertel so viel, weil es als die KEIMZELLE der Stadt Braunschweig gilt. Geschichtsforscher und Archäologen haben herausgefunden, daß unsere Vorfahren vor mehr als tausend Jahren auf dem Gebiet des heutigen Magniviertels ein Dorf gründeten, das sie BRUNESWIEK nannten, aus welchem sich die spätere Stadt Braunschweig entwickelte.

Inmitten des Dorfes Bruneswiek errichteten die Gründerväter der Stadt auch ihr erstes bescheidenes, damals noch hölzernes Gotteshaus, das bereits 1252 durch einen Neubau ersetzt wurde, der noch heute das Wahrzeichen des Viertels bildet: die Sankt Magni-Kirche.

Vom Magniviertel ausgehend, entwickelte sich das einstige Dorf Bruneswiek – zunächst unter dem alles beherrschenden Einfluß von Heinrich dem Löwen, danach unter der Deutschen Hanse und einige Jahrhunderte später durch die Initiative tatkräftiger Industrieller zu einer der bedeutendsten Städte in deutschen Landen.


Und wenn der Zweite Weltkrieg nicht gekommen wäre, wäre wohl alles immer so weiter gegangen ...

Aber der Zweite Weltkrieg kam und hat nicht nur weite Teile der Braunschweiger Innenstadt sondern auch beinahe das gesamte Magniviertel mit all seinen wunderschönen Fachwerkbauten in Schutt und Asche gelegt.

Was nach dem Feuersturm des Krieges übrig blieb, war ein Trümmerfeld: fast alle historischen Bauten des Magniviertels waren niedergebrannt, und die erhabene Magnikirche war bis auf die Grundfesten zerstört: Das einst so malerische Viertel war nurmehr ein Ort des Grauens und der unermeßlichen Trauer.


__LAGE______


Das Magniviertel liegt im nordöstlichen Teil der Braunschweiger Innenstadt. Es erstreckt sich vom Herzog Anton Ulrich Museum (Museumsstraße) über den Magnitorwall und den Löwenwall mit den berühmten Obelisken und Reiterstandbildern bis hin zur Kurt-Schumacher-Straße, die direkt zum Hauptbahnhof führt.

Südlich des Magnitorwalls befindet sich das eigentliche Magniviertel, dessen „Hauptstraße“ noch heute ein gewundenes Sträßchen namens ÖLSCHLÄGERN ist.
Weitere historische Straßen sind unter anderem: Am Magnitore, Kuhstraße, Klint, Ackerhof und Ritterstraße (um nur einige zu nennen). Doch nur am Ölschlägern pulsiert auch heute noch das wahre Leben des Magniviertels.

Ein jähes Ende findet das Magniviertel am BOHLWEG, einer ebenso autofreundlichen wie fußgängerfeindlichen Schneise, welche die Braunschweiger Innenstadt auf unmenschliche Weise brutal zerschneidet.


___SEHENSWÜRDIGKEITEN_________


Die wohl größte Sehenswürdigkeit des Magniviertels ist die MAGNIKIRCHE: eine wuchtige, spätromanische Hallenkirche, die – wie bereits erwähnt – im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde. Aber in eben dieser Kirche fanden unter freiem Himmel (denn es gab ja kein Dach mehr) schon kurz nach dem Krieg wieder die ersten Gottesdienste der Stadt Braunschweig statt. --- In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Magnikirche dann als ein modernes Gotteshaus wieder errichtet. Ihrem äußeren Erscheinungsbild nach weist sie immer noch auf die Ursprünge romanischer Baukunst hin; ihr Intérieur hat jedoch einen sehr avangardistischen Charakter und ist für uninformierte Besucher ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Auf dem FRIEDHOF der Magnikirche fand einer der großen deutschen Dichterfürsten seine letzte Ruhestätte: Kein Geringerer als Gotthold Ephraim LESSING („Nathan der Weise“) ist hier begraben.


In der heimlichen Hauptstraße des Magniviertels, ÖLSCHLÄGERN, wurden mittlerweile zahlreiche Fachwerkhäuser liebevoll restauriert und erfreuen den Betrachter durch ihre Farbenpracht und ihr kunstvolles Giebelwerk.

Auch das älteste Eisenwarengeschäft der Stadt, die Firma OHLENDORF, hat nach wie vor ihren Sitz unmittelbar am Ölschlägern. - Ohlendorf, 1892 gegründet und durch den Krieg schwer gebeutelt, ist durchaus keines der üblichen Einzelhandelsgeschäfte, sondern vielmehr eine Braunschweiger Institution! -- Ohlendorf bot schon zu Vorkriegszeiten alles an, was in Haus, Hof, Garten und Werkstatt an metallenen Erzeugnissen vonnöten ist, und so ist auch noch heute. Trotz einiger Modernisierungen wirkt das traditionsreiche Geschäft immer noch auf eine sehr sympathische Weise altmodisch, obwohl es längst ein sehr zeitgemäßes Warensortiment führt, das keine Hausfrauen- oder Bastlerwünsche offen läßt.


Wer bei einem Bummel durch das Magniviertel von Durst oder Hunger übermächtigt wird, braucht sich um sein leibliches Wohl keine Sorgen zu machen, denn Gastronomiebetriebe gibt es hier in großer Zahl, angefangen von der einfachen gemütlichen Kneipe, über die Teestube bis hin zum Gourmetrestaurant. Eine gastronomische Besonderheit dieses Viertels ist wohl das „Pfannkuchenhaus“, das sehr empfehlenswert ist, weil es nicht nur gute Pfannkuchen aller Art anzubieten versteht, sondern auf seine Art in der Stadt einmalig ist.


Durchaus sehens- und erlebenswert ist ferner der LÖWENWALL mit dem Obelisken in seiner Mitte und den beiden kolossalen Reiterstandbildern am Rande der Kurt-Schumacher-Straße. Aufgrund des alten, hohen Baumbestandes ist diese kleine Parkanlage im Herbst ganz besonders attraktiv, wenn das Laub sich verfärbt.


____VIELFÄLTIGE ZERSTÖRUNGEN des VIERTELS______


Das Magniviertel wurde vielfach zerstört, geschunden und geschändet. Und wohl nicht zuletzt deswegen sind wir Braunschweiger – mich nicht ausgenommen – so stark emotional beteiligt an allen Fragen und politischen Entscheidungen, die dieses Viertel betreffen.


- Zuerst kam der Krieg.

- Dann kam Horten.

- Dann kamen die Stadtplaner.

- Und zuletzt kam Rizzi.


Dies sind, auf einen kurzen Nenner gebracht, die wesentlichen Stationen der Zerstörung und Ruinierung des Magniviertels. Und das Anliegen meines Berichtes ist es, auf diese Stationen mit Nachdruck hinzuweisen und vor weiteren Ein- und Übergriffen zu warnen.

Die Zerstörungen des Krieges habe ich bereits erwähnt.

Im Jahre 1972 erfolgte, kaum, daß sich das Magniviertel von den Kriegsfolgen einigermaßen wieder erholt und sein ursprüngliches Gesicht wieder angenommen hatte, ein weiterer Angriff auf den geschundenen Stadtteil: Die Kaufhauskette HORTEN plante die Errichtung eines Riesenkaufhauses, für das zahlreiche historische Bauten geopfert werden sollten!

Ich bin damals zusammen mit zahlreichen anderen Gegnern des geplanten Horten-Baus gegen diesen städtebaulichen Schandfleck Sturm gelaufen und habe fast täglich an Demonstrationen und Kundgebungen teilgenommen und Flugblätter verteilt, um auf diese architektonische und städtebauliche Sünde hinwiesen.

Trotz einer breiten Unterstützung durch die Braunschweiger Bevölkerung blieben alle Proteste erfolglos. Der kapitalkräftige Horten-Konzern setzte schließlich den Bau seines Kaufhausklotzes, der einer städtebaulichen „Ohrfeige“ gleichkommt, mitten im altehrwürdigen Magniviertel durch.

Noch heute überkommt mich ein unbändiger Zorn, wenn ich ins Magniviertel komme und mit diesem architektonischen Monstrum konfrontiert werde.

~~~~~~~

Kaum, daß sich die Braunschweiger von diesem Schock erholt hatten, warteten die Städteplaner mit einer neuerlichen Maßnahme auf, die dem Magniviertel eine weitere Wunde zufügen sollte: Das Magniviertel, das bis dato nahtlos in den angrenzenden, weitläufigen und sehr heiteren Schloßpark überging, wurde durch eine vierspurige Schneise, die unter dem Namen „Georg-Eckert-Straße“ firmiert, in brutalster Weise vom Schloßpark abgeschnitten. Das Überqueren dieser „Stadtautobahn“ ist nur an Ampeln oder über Fußgängertunnel gestattet; der direkte Zugang zum erholsamen Schloßpark wurde unmöglich gemacht.

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Doch damit noch immer nicht genug! Seit wenigen Monaten ver(un)ziert ein weiterer Bau das altehrwürdige Magniviertel: Das RIZZI-Haus.

Die Braunschweiger Stadtväter, Neuerungen stets aufgeschlossen, hatten vor einigen Jahren beschlossen, das Viertel durch einen Neubau „aufzubrezeln“, der dem berühmten Hundertwasser-Hauses in Wien nachempfunden war und
engagierten zu diesem Zweck den amerikanischen Popart-Künstler James Rizzi (Jahrgang 1950).

Der Spaßvogel Rizzi konzipierte ein Bauwerk, das sich in seine Umgebung nur sehr schwer einfügt: Weder besitzt es die geringste Ähnlichkeit mit dem Hundertwasser-Haus in Wien, mit dem ja vor allem ein menschlicheres Wohnen angestrebt wurde, noch fügt es sich harmonisch in die Stadtarchtiketur des Magniviertels ein.

Das vor kurzem fertiggestellte Rizzi-Haus ist schön bunt. Viel zu bunt. Dieser Paradiesvogel von einem Bauwerk wirkt ebenso farbenprächtig wie die Skulpturen der begnadeten französischen Künstlerin Nicki Saint-Phalle, mit der Einschränkung jedoch, daß es längst nicht so hübsch ist wie Saint-Phalles Skulpturen und daß es wie ein Fremdkörper im Stadtteil wirkt. Noch dazu steht das Rizzi-Haus unmittelbar neben der traditionsbewußten Ohlendorf’schen Eisenwarenhandlung.

Die Debatte über das Rizzi-Haus wird zwischen Befürwortern und Ablehnern sehr kontrovers geführt. Ich meinerseits mache keinen Hehl daraus, daß ich dieses Haus, so lustig und farbenprächtig es sein mag, auf dem Gelände des altehrwürdigen Magniviertels für völlig deplaziert halte.


_____SCHLUSSBEMERKUNG_______


Das Magniviertel der Stadt Braunschweig, obgleich im Kriege zerstört und durch zahlreiche Bausünden vielfach verunstaltet, ist trotz dieser Rückschläge „auferstanden aus Ruinen“. In diesem Viertel pulsiert nach wie vor das ursprüngliche, urbane Leben der Stadt, und hier findet jeder Besucher ein Stück Stadtgeschichte und nach wie vor ein Ambiente vor, das zum Verweilen einlädt: sei es in einem der zahlreichen gemütlichen Restaurants, sei es in der Magnikirche oder als Besucher des angrenzenden Friedhofs, oder sei es in stilvollen Boutiquen oder traditionsbewußten Einzelhandelsgeschäften.


Ein Besuch Braunschweigs ohne einen Spaziergang durch das Magniviertel käme einer Unterlassungssünde gleich ...


Für alle, die es noch genauer wissen möchten, hier der Link:


www.magniviertel.de

Fürs Lesen und Kommentieren bedankt sich


Copyright giovanna, 14. September 2002


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Letstwist veröffentlicht 13.02.2003
    wirklich ein toller Bericht. Ich habe jetzt erst "gemerkt", das es eine Rubrik zu meiner Heimatstadt gibt.
  • Travelwriter veröffentlicht 05.02.2003
    Hi, das war ein sehr interessanter Bericht. Mir fiel dabei ein, das BRUNSWICK in Kanada vielleicht was mit Braunschweig zu tun hätte? Was denkst du? lg Andreas
  • Larth-Vader veröffentlicht 01.01.2003
    Ich fand deinen Bericht sehr interessant. Ich war vor ein paar Jahren in BS. Die Stadt hat einige schöne Ecken. Lieben Gruss Lars
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